Loyle Carner – „Es sind gute Zeiten für UK-Rap.“

von am

Er war Support-Act für die UK-Touren von Joey Bada$$ und Kate Tempest und Anfang 2016 kürte ihn die BBC zu einem der vielversprechensten Künstlern des „Sound Of Tomorrow“. Im April spielte Loyle Carner seine ersten Solo-Gigs in Europa, begleitet von Produzent und Freund Rebel Kleff und dem Camdener Trio OthaSoul. Dora Cohnen traf den Briten in Köln und hatte kurz vor seinem Soundcheck noch ein wenig Zeit, im sonnigen Vorhof des Yuca mit ihm plaudern.

Der South-Londoner Rapper ist in Deutschland noch vage bekannt, doch live schafft er es auch hier, die Crowds zu bewegen. Die Leute spüren, dass die Musik ehrlich und echt ist. Mit seiner smoothen Vortragsweise liebt es Loyle Carner, der im echten Leben Benjamin Coyle-Larner heißt, Geschichten zu erzählen. Er erzählt von seinem Vater, der ihn verlassen hat als er zwei Jahre alt war und zu dem er keinen Kontakt mehr hat – und von seinem Stiefvater, der für ihn das wichtigere Idol war, doch vor kurzem verstorben ist. Sein Stiefvater spielte Gitarre und und träumte mit dem Ziehsohn davon, einmal die Welt zu bereisen, um an den Orten, die sie besuchen würden, Musik zu spielen. Für ihn trägt Loyle nun das Trikots dessen Lieblingsspielers, der Manchester-United-Ikone Eric Cantona.

Thank you for last night Berlin

Ein von @loylecarner gepostetes Foto am

Der Sound des 21-jährigen ist entspannt, beeinflusst von der Golden Era der East Coast und durchzogen von jazzigen Einflüssen. Dafür, dass viele seiner Texte von seiner Familie handeln, wurde er bereits kritisiert. Er reagierte darauf mit seinem Song „Ain’t Nothing Changed“. Er steht zu seiner Musik, die persönlich ist, dadurch aber auch verbindet. Vor allem mit Zeilen wie „Everybody says I’m fucking sad/Of course I’m fucking sad, I miss my fucking dad“ (aus „BFG“) und Zugeständnisse wie „I fall in love way too easily“ auf dem Track „1992“ mit Rejjie Snow catcht er seine Fans und wirkt so sympathisch.

Zum Schreiben fand Loyle Carner über die Poesie. Der Dichter Benjamin Zephania war der „main man“ seiner Jugend. Hin zum Rap war es eine natürliche, leichte Evolution, wie Carner es ausdrückt. „Meine Texte waren damals schon reimorientiert und einfach strukturiert – eigentlich schon basic Raps.“ Auch heute trägt er noch Gedichte auf der Bühne vor, die fließend in die folgenden Songs übergehen. Er beeindruckt mit der Stärke und Klarheit seiner Worte, die unendlich und leicht aus ihm hervorzugehen scheinen.

Loyle Carner ist ein zugänglicher Typ, der nicht nur rappen, sondern auch schauspielern kann und Regie für seine Musikvideos führt. Dinge, die er auch in Zukunft in seine Arbeit einfließen lassen möchte. Im Moment arbeitet er an seinem neuen Album, dass so „langsam Sinn ergibt“ und wohl Anfang nächsten Jahres veröffentlicht wird. Vergangene Woche erschien seine neue Single „Stars & Shards“.

Während sein Heimatbezirk South London aktuell vor allem dank Crews wie der Section Boyz im Fokus steht, verzichtet Carner auf Trap-Einflüsse. „In letzter Zeit bekommt South London immer mehr Aufmerksamkeit wegen Trap, doch die Themen, von denen die Songs handeln, wie Drogen verkaufen, reflektieren mich einfach nicht. South London ist nicht nur Trap-Musik. Ich komme mit etwas Neuem, Freshen.“

Seine Musik unterscheidet sich wirklich vom aktuellen Zeitgeist und findet auch abseits des Grime-Hypes statt. „Ich glaube, dass sich die Musikindustrie zum Positiven wandelt und sich eine größere Akzeptanz für ehrliche Gedanken und Rap, der auch wirklich etwas ausdrücken will, entwickelt. Aber ich kann verstehen, wenn Leute gerne Rap hören, in dem sich jemand als Gangster beschreibt. Manche Leute brauchen das, um mal von sich selbst wegzukommen.“ Dabei gibt er zu, auch selbst gerne mal roughere Songs hört – oder dass Anderson .Paaks schlüpfriges „Link Up“ der wohl meistgespielte Song im Tourbus ist. Aber auch, dass alle seine Lieblingskünstler etwas zu sagen haben – wie Mos Def, Jhest, Skinnyman oder The Roots.

Nichtsdestotrotz sieht er sich als Botschafter der UK-Rap-Szene. „Ich mache die Musik für mich“, doch trotzdem supportet er Künstler wie Benny Mails und freut sich über die transatlantischen Erfolge von Little Simz und Stormzy. „Ich glaube, dass die britische Rap-Szene lange wegen der Dominanz der amerikanischen übersehen wurde. Viele großartige Rapper hatten nicht den Erfolg, den sie verdient hätten – Blak Twang, Skinnyman, Jhest oder Roots Manuva. Doch jetzt sind gute Zeiten für UK-Rap.“

Seine eigenen Shows in Europa sind wohl der beste Beweis dafür: „Die Auftritte sind die besten, die ich je hatte. Die Crowd ist wirklich offen für meine Musik. Niemand hat Angst, nicht cool zu wirken. In London wollen alle cool sein. Wenn ich hier sage ‚People, put your hands in the air‘, dann machen die Leute das auch.“

Es scheint auch eine gute Zeit für Loyle Carner zu sein.