Lord Pusswhip – Auf der neuen Welle isländischen HipHops

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Der Rapper und Produzent Thordur Ingi Jónsson aka Lord Pusswhip ist in erster Linie ein Soundcloud-Phänomen – wie so viele, die zurzeit den aktuellen Rap-Stil prägen. Der gebürtige Isländer produzierte für Leute wie Bones, Antwon und Wiki und wird er seit kurzem auch mit Live From Earth assoziiert – mit Yung Hurn alias K.Ronaldo wird er auch beim kommenden Temp Affairs Festival auftreten. Der 22-jährige beschreibt seinen Rap als hypnagogisch – einem Bewusstseinszustand zwischen Schlaf und Wachsein, in dem man auditive, taktile und visuelle Pseudohalluzinationen erfahren kann. Verzerrt, düster, psychedelisch, eklektisch – seine Klangwelt spiegelt sich auch in seinen Videos wieder, die ihn auch mal tanzend mit einer Warnweste und einer Kopfleuchte auf dem Bucket-Hat zeigen. Ein in-depth Chat über die neue Welle des Raps, Europa und unsere verhängnisvolle Zukunft mit dem Skandinavier, dessen Namen man in Zukunft noch öfters in den Titeln progressiver Musikproduktionen sehen wird.

Wie bist du in Berlin gelandet?

Ich bin im September nach Berlin gezogen, um meinen Horizont zu erweitern und neue Leute zu treffen. Es gibt einfach viel mehr Möglichkeiten in Berlin als zu Hause in Reyjavik – der Rahmen ist hier viel größer.

Wie wurdest du in Berlin aufgenommen?

Ziemlich gut, würde ich sagen. Ich habe das Gefühl, dass es jetzt noch besser wird, weil mehr Leute meine Musik kennen. Als ich kam, dachte ich, dass es echt schwer werden würde, sich einen Namen zu machen, weil hier einfach so viel los ist. Aber ich bin wirklich glücklich. Und ich bekomme eine besondere Aufmerksamkeit, weil Leute noch nie einen Produzenten aus Island getroffen haben.

Was für Rap hören Kids aus Island?

HipHop ist definitiv die beliebteste Musikrichtung in Island. Die Leute reden sogar von einer „Neuen Welle“ der isländischen HipHop-Szene. Es gibt viele junge Leute, wie ich, die jetzt wahrgenommen werden. Mein Freund GKR und Geimfarar sind zum Beispiel richtig gut.

Gísli Pálmi wird dafür angepriesen, dass er diese neue Welle als erster in den Vordergrund gerückt hat. Zu einer Zeit, in der man erkannt hat, dass endlich neues Zeug am Start ist, war er eine riesige Inspiration für andere Künstler. So wie auch Aron Can, der jetzt richtig erfolgreich ist. Ein 16-jähriger, der wohl als Allererster isländischen R&B macht, der funktioniert. i-D hat gerade eine Dokumentation über die Szene gemacht, in der ich aber nicht aufgetaucht bin, weil ich in Berlin war. Ich wollte denen ein Hologramm senden, aber das hat nicht funktioniert. (lacht)

Aber es ist ironisch, die isländischen Medien waren überhaupt nicht an unserer Musik interessiert, bis ausländische Medien wie i-D anfingen über die Szene zu berichten und zu zeigen, „Wow, da ist was!“. Erst daraufhin haben uns nationale Medien uns wahrgenommen. Das ist echt lame, aber so ist das einfach bei uns. Wir haben ein verletzliches nationales Selbstbewusstsein und wir sehen uns gerne aus dem Blickwinkel von Ausländern. Bis zu einem gewissen Grad wurde unsere nationale Identität aus dem Feedback von Ausländern geschaffen. Wenn Ausländer sagen, dass wir gute Musik machen, muss das richtig sein. Wir bleiben irgendwie in diesem komischen Feedback-Loop stecken.

Geht’s dir genauso?

Ich habe mich immer darauf vorbereitet, keinen Erfolg zu haben, weil ich wusste, dass das, was ich mache, ziemlich underground ist und dass es nicht jeder mögen würde. Ich habe deswegen eine ziemlich dicke Haut aufgebaut. Aber im Moment bekomme ich ziemlich viel Bestätigung, also mal schauen… (lacht)

Bis zu einem gewissen Grad wurde unsere nationale Identität aus dem Feedback von Ausländern geschaffen. Wenn Ausländer sagen, dass wir gute Musik machen, muss das richtig sein.

Lord Pusswhip

Wie hast du mit dem Produzieren und Rappen angefangen?

Ich habe mit ungefähr 15 angefangen zu rappen, zusammen mit Freunden. Wir hörten nicht nur Rap, aber wenn, dann hauptsächlich alternativer, experimenteller Rap oder Horrorcore. Ich habe also ein, zwei Jahre gerappt und ein paar meiner Freunde machten Beats für mich. Es hat noch einige Zeit gedauert, aber ich glaube 2010 oder 2011 habe ich begonnen, meine eigenen Beats und damit alles alleine zu machen. Davor gab es ein paar rudimentäre Experimente mit elektronischer Musik und mit zwölf war ich in einer großen Punkband.

Es fühlt sich so an, als ob die europäische HipHop-Szene immer stärker wird – auch in Deutschland. Warum ist das so?

Gute Frage, lass mich nachdenken. Die offensichtliche Antwort ist, dass Rap momentan einfach in und cool ist. Aber heute ist 2016. 2011 hatte ich noch nicht kapiert, dass es eine neue Welle gibt. Zukunftsorientierter Rap basierte ausschließlich Soundcloud. Zu der Zeit habe ich angefangen, für all diese Rapper aus den USA zu produzieren. Ich habe einfach Künstler, die ich mochte, angeschrieben und dann für sie produziert – es war echt verrückt. Ich habe damals nicht realisiert, dass es das goldene Zeitalter der Ahnungslosigkeit war, weil alles so schnell passierte. Jetzt ist immer noch alles auf das Internet gestützt, aber gleichzeitig auch übersättigt. Ich meine, es gibt echt gute Dinge, aber auch viel Müll.

Aber es macht mich glücklich, wenn ich andere Kids zu Hause dazu inspiriere, neue Sachen zu produzieren und nicht irgendeinen Hipster-Scheiß oder anderes Gewöhnliches, nur um ein bisschen Street Credibility zu bekommen. Als ich mein Album rausgebracht habe, meinte ich, dass ich nur darauf warte, dass die Kids in Island darauf reagieren und sich inspiriert fühlen. Genau das passiert jetzt. Leute starten etwas und es verbreitet sich. Wenn wir in den 80ern wären, wäre es Punk, heute ist es HipHop.

Glaubst du, dass es so was wie eine Underground-Szene gibt, obwohl wir in den Zeiten des Internets leben und alles für jeden frei verfügbar ist?

Wenn du nicht an der Musik interessiert bist und die Underground Rapszene, wie es sie in den USA gibt, nicht verfolgst, würdest du all die Leute nicht kennen, die in Wirklichkeit echt einflussreich sind. Wir wissen, dass etablierte Rapper diese Leute beobachten und die Ideen von ihnen nehmen. Heute Nacht spiele ich zum Beispiel einen Gig mit meinem Freund Onoe Caponoe und Goth Money Records. Ich habe deren Arbeit schon seit Jahren verfolgt und Crews wie der A$AP Mob haben einfach ihre Ideen übernommen. Aber im Gegensatz zum A$AP Mob sind die immer noch underground, deren Namen kennt nicht jeder.

Leute sagen aber immer noch, dass TeamSesh underground ist, obwohl ich nicht weiß, ob man mit fast zwei Millionen Aufrufen auf YouTube, die Bones auf seinem Song „RestInPeace“ hat, noch underground ist.

Ja, ich würde das aber immer noch underground nennen, weil sie bei keinem Plattenlabel unterschrieben haben.

Ich habe dich in meiner Anfrage eine Hauptfigur des „neuen europäischen Rap“ genannt, weil du aus Island stammst, in Berlin lebst und viel mit englischen Rappern wie Onoe Caponoe zusammengearbeitet hast oder zum Beispiel mit Lauren Auder, einem Engländer, der momentan in Frankreich lebt. Mir ist dann aufgefallen, dass dieser Begriff eigentlich noch überhaupt nicht verwendet wird. Es gibt französischen Rap, deutschen Rap, englischen Rap – aber irgendwie scheint es so, als ob sich alles mittlerweile mehr verbindet. Meinst du, dass europäischer Rap irgendwann genauso groß werden könnte wie amerikanischer?

Da bin ich mir nicht sicher. Ich habe das Gefühl, dass die USA immer Rap fest in der Hand halten werden, egal was passiert. Die meisten Leute, die meine Musik hören, sind Amerikaner, sogar viel mehr als Leute aus Island. Dann kommt Großbritannien auf dem dritten Platz, dann Deutschland. Ich hoffe aber, dass die Szene größer wird und mehr Leute international anerkannt werden, so wie ich.

Während die europäische Rap-Szene wächst, zerspaltet sich Europa aber politisch immer mehr.

Ja, das ist echt abgefuckt. Ich versuche immer der Politik zu folgen und wir sind echt in einer seltsamen Zeit. Es fühlt sich an, als wären wir an einem Umkehrpunkt. Wir haben all die Technologien, die wir in Science-Fiction-Filmen gesehen haben und während das Wissen der Menschheit wächst, wächst auch die Kapazität für ein totales Desaster. Ich habe keine Ahnung, was passieren wird, aber ich bin nicht allzu optimistisch. Geld verdirbt einfach zu viel. Und wenn du auf das 20. Jahrhundert zurückblickst – die schlimmsten Dinge wurden durch die neuen Technologien möglich gemacht.

Ja, es fühlt sich echt so an, dass wir einen Zenit erreicht haben und nun alles auseinander bricht. Wie in diesem Film, in dem alle Menschen dumm sind…

„Idiocracy“?

Ja, mir beweist der Brexit, dass einfach 51,9% der Menschen dumm sind.

Du hast letztens einen Mix für Live from Earth gemacht. Planst du, noch mehr mit deutschen Rappern zu machen?

Ja, they fuck with me seit ich nach Berlin gekommen bin. Ich habe schon mehrere Shows mit ihnen gespielt und ich mag die Typen. Ich weiß zwar nicht, worüber Yung Hurn rappt, aber man kann echt zu seinem Sound viben.

Das weiß echt keiner so genau.

Wir haben einen Song zusammen gemacht, aber ich habe keine Ahnung, wann der erscheint. Deutsch klingt auch echt cool, wenn man es rappt, weil es so harsch klingt.

Es fühlt sich so an, als ob Rap immer dunkler wird, obwohl es immer mehr Rapper gibt, die eher den Eindruck machen, aus privilegierteren Situationen zu kommen. Warum ist das so?

Ich habe in meinem Leben nie Elend ertragen müssen, deswegen kann ich nicht sagen, dass ich mich in einer Wolke aus Dunkelheit befinde. Ich glaube, dass sich Kultur immer in Zyklen bewegt und wenn das gerade der Vibe ist, dann ist das halt so. Danach gibt’s wieder positiveres Zeug. Aber ich weiß es nicht genau, das ist ziemlich komplex. Es gibt so viel dunkle Energie im Rap, aber die selben Leute reden darüber, positiv zu sein. So wie Lil B, der auch ziemlich nihilistische Songs hat.

Ja, der hat Songs wie „I Hate Myself“ und „I am God“. Alles geht von einem Extrem ins andere, auch mit so Themen wie Reichtum, Fame und Traurigkeit.

Diese Rapper, die inzwischen mehr im Mainstream angekommen sind, nerven mich auch mittlerweile ein bisschen, weil sie das die ganze Zeit machen. Wie Travi$ Scott, der immer darüber redet, wie er das ganze Geld und das ganze Dope hat und wie hart es sei und wie unglücklich er mit all seinem Erfolg sei.

Mit jeder Welle, mit jedem Trend kommt irgendwann der Punkt, an dem es einfach zu viel wird. Mittlerweile gibt es super viele Leute auf YouTube, die einfach alle gleich über das gleiche rappen.

Es ist definitiv ziemlich übersättigt, aber ich sehe es als einen Zyklus. Ich glaube nicht, dass es jemals anders war. Ich glaube auch nicht all diesen Leuten, die immer über Old School reden und sagen, dass jeder in den 90s seinen eigenen Stil hatte… Es gibt immer dieses Verlangen nach einem goldenen Zeitalter.

Welche Rolle spielen Religion und Spiritualität heutzutage?

Wir befinden uns in einem Vakuum, das auf irgendeine Weise befüllt werden muss – mit einem Glaube an den Humanismus oder die Wissenschaft, oder einfach nur mit Glückseligkeit. Exzess, Drogen.. Mann, das ist deep.

Könnte man deine Musik auch nihilistisch nennen oder als eine Reaktion auf den Zustand der Welt?

Ja, ein oder zwei der Rap-Songs, die ich letztens gemacht habe, habe ich gemacht als ich extrem desillusioniert von der Welt war, entweder von der Politik oder von der Musikindustrie. Ein paar meiner Sachen entstehen in diesem Zustand, aber ich habe mich auch davon wegentwickelt. Vor ein, zwei Jahren war ich mehr mit realer Konfrontation beschäftigt. Ich habe damals einen Artikel darüber geschrieben. Ich war echt desillusioniert vom Zustand der Musikindustrie, aber jetzt ist mir das eigentlich egal. Ich fühle mich nicht mehr so. Ich finde es immer noch relevant, aber ich bin nicht mehr so besorgt.

Meine Generation ist ziemlich auf Nostalgie fokussiert. Ich erinnere mich noch an VHS und Walkman-Kassetten, davon bin ich sehr beeinflusst.

Lord Pusswhip

Was inspiriert dich zu deiner Musik?

Andere Musik. Wenn ich etwas Gutes höre, sage ich mir: „Fuck, ich muss wieder arbeiten!“ Aber normalerweise ist das Rappen oder Produzieren bei mir ziemlich organisch, es passiert einfach. Ich setze mich nie hin und schreibe was. Es fällt mir immer nur eine Zeile ein, die ich aufschreiben muss – der Rest kommt einfach so.

Ich habe in letzter Zeit viel Filmmusik gehört, von italienischen Filmen, zum Beispiel. In Deutschland habe ich viele Krautrock-Bands, die ich noch nicht kannte, gefunden. Zum Beispiel Amon Düül II, die ich echt gerne mag. Seit ich nach Berlin gezogen bin, bin ich auch viel offener für House und Techno geworden. Wenn in Reykjavik House gespielt wird, kann es echt langweilig werden. Deswegen hatte ich immer Vorurteile gegenüber House. Jetzt habe ich einige echt gute Sachen gehört.

Man könnte dich als Soundcloud-Künstler beschreiben, weil du mit dem Medium arbeitest und groß geworden bist. Welche anderen Musiker aus deiner Soundcloud-Sphäre müssen unbedingt noch ausgegraben werden?

Meine Lieblings-Rap-Crew ist im Moment Dark World. Ich glaube, die kommen aus Massachusetts. DJ Lucas ist ein Genie. Die verdienen mehr Aufmerksamkeit.

Wie ist Visuelles mit deiner Musik verbunden?

Ich bin sehr von Filmen beeinflusst, vor allem von Horrorfilmen. Ich war schon immer ein großer Horrorfilm-Nerd. Meine Generation ist ziemlich auf Nostalgie fokussiert. Wir haben auf den Social-Media-Plattformen Instant-Filter mit der wir Instant-Nostalgie erzeugen können. Meine Generation hat noch das Ende der analogen Ära erlebt. Ich erinnere mich noch an VHS und Walkman-Kassetten, davon bin ich sehr beeinflusst.

Du möchtest also Zukunft und Vergangenheit, Analoges und Digitales visuell und auditiv verbinden?

Ja, ich mag die Idee von Retro-Futurismus sehr. Ich versuche immer zukunftsorientiert zu denken und Neues machen, aber mit einem Fuß in der sterbenden Ära.

Warum nennst du dich Lord Pusswhip?

Ich habe mich eigentlich gar nicht Lord Pusswhip genannt, das war ein Freund von mir. Erst war ich DJ Pusswhip, dann Lord Pusswhip. Dahinter gibt es überhaupt keine Geschichte oder Anekdote, es blieb einfach. Ich mag auch wie drei oder vier Silben in einer Reihe wirken.

Was möchtest du mit deiner Musik ausdrücken?

Ich möchte einfach zeitlose Musik schaffen. Ich habe so einen eklektischen Musikgeschmack; ich habe das Gefühl, dass HipHop ein gutes Medium für mich ist, weil man alles um sich herum remixen kann. Ich remixe deswegen einfach alles um mich herum, wenn das Sinn ergibt und versuche alle Einflüsse um mich herum in meine Musik zu stecken. Ich möchte die Idee, die Leute von HipHop haben, erweitern. Es ist fast nervig, meine Musik HipHop zu nennen. Ich rappe auch, deswegen ist es Rap, aber auf dem Album, das ich gemacht habe, war ein bisschen HipHop vertreten, aber komplett durcheinander. Es HipHop zu nennen wäre fast so, wie es in eine Schublade zu stecken. Darum sage ich experimenteller HipHop, aber naja…

Wenn deine Klänge physisch wären, wie würden die dann aussehen?

Es wären fucking Blitze, die auf den Köpfe der Leuten einschlagen würden – Scheiße, die auf die Leute tropft und ihre Köpfe aufplatzen lässt.