LGoony – „Österreich ist seit einer Weile Deutschland komplett voraus.“

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Dass man auch im jungen Jahr 2016 im Bezug auf LGoony vom „nächsten großen Ding“ sprechen kann, weiß man spätestens seit seinem gestrigen Traumstart: „Aurora“, das anlässlich der gemeinsamen Tour mit Crack Ignaz in Rekordzeit aufgenommene Kollaboalbum, ist ein weiterer Beweis dafür, wie perfekt sich Talent, Swag und Gefühl für den Zeitgeist in dem jungen Kölner kombinieren. Dass er damit seinen Marktwert weiter steigert, dürfte ihm aber weiterhin reichlich latte sein: LGoony macht Musik wegen der Musik. Punkt.

Foto: Roberto Brundo

Foto: Roberto Brundo

Du willst dass dich Leute über deine Musik kennen lernen, anstatt über Interviews. Warum ist das so?

Ich stelle insgesamt die Musik sehr in den Fokus. Ich finde, im Deutschrap finden die Leute zu sehr über die Persönlichkeiten statt. Bei irgendwelchen Kollegahs und so geht’s fast mehr um die Persönlichkeit, also um alles was drum herum ist, als wirklich um die Musik. Das fehlt mir ein bisschen in Deutschland, dass man einfach gute Musik macht und darüber funktioniert. Es muss immer Promo drumrum geben, damit es überhaupt wahrgenommen wird. Ohne würde das alles nicht funktionieren.

Das sagst du ja auch, dass du mit den HipHop-Medien bis auf zwei Ausnahmen nichts so anfangen kannst. Konsumierst du so was überhaupt, oder wie ist dein Zugang zu dem restlichen Game um dich herum?

Für Deutschrap interessiere ich mich schon sehr. 2008 bin ich da reingeraten, und seitdem kriege ich auch ziemlich viel mit. Ich hab aber gemerkt, dass alles total an Fahrt verloren hat und insgesamt langweilig geworden ist, weil sich alles wiederholt. Und diese Deutschrap-Medien können sich da zwar aus der Affäre ziehen, aber im Endeffekt sind sie mit schuld an dem, was hier passiert. Weil sie einfach in der Position sind, Sachen zu selektieren und stattfinden zu lassen, aber sich auf die Sachen beschränken, die sicher funktionieren.

Wie bist du selber dazu gekommen, Rap zu machen?

Zu Deutschrap bin ich über viele Umwege gekommen, eigentlich durch Zufälle. Das stimmt tatsächlich, dass ich durch SchülerVZ in so einer Gruppe, wo es Gratis-Codes für iTunes gab, dazu kam. Da war einer von Prinz Pis „Neopunk“-Album dabei. Und dann hat man sich über YouTube weitergearbeitet, Prinz Pi featuring irgendwas, dann hat man sich weiter umgeguckt. Ich habe versucht, möglichst offen zu sein für alles, hab alles angehört und dann meinen eigenen Musikgeschmack gefunden. Am Anfang hab ich mir sehr für Battle-Rap interessiert und auch viel Battle-Rap gemacht. Dadurch dass ich mich mehr damit beschäftigt habe, auch mit aktuellen Sachen und auch mit Ami-Rap, hat sich mein aktueller Sound gefunden. Ich mach halt immer die Musik, die ich selber gern hören würde. Ich war immer jemand, der am liebsten atmosphärische Sachen gehört hat. Auf vielen Alben, vor allem amerikanischen, haben mir die ruhigen, athmosphärischen Songs eigentlich am besten gefallen. Deswegen mach ich auch selber so was.

Was sind für dich die stilistischen Eckpunkte dieses Movements, in dem du gerade verhandelt wirst? Spielt für dich so was wie Yung Lean überhaupt eine Rolle oder sind die amerikanischen Einflüssen wichtiger?

Yung Lean hab ich auch viel gehört, aber das war eher so 2013, wo es wirklich interessant war. Sonst hör ich halt aktuelle Ami-Sachen, Young Thug find ich richtig cool. Solche Sachen inspirieren mich viel mehr als Yung Lean. Natürlich finde ich das Soundbild von Yung Lean interessant und das spielt da auch mit rein, aber es gibt darüberhinaus sehr viele Einflüsse – und dieser Mix aus allem ergibt halt meinen Sound. Viele reduzieren mich auf Yung Lean. Aber ich denke, das liegt daran, dass Yung Lean so ein Internet-Thema ist, genau wie ich. Deswegen zieht man schnell den Vergleich, auch weil viele nur Yung Lean kennen und gar nicht wissen, was dieses Soundbild alles beinhaltet.

Von dir kennt man ja vor allem deine beiden Tapes. Aber du warst davor schon sehr aktiv, richtig?

Das waren tatsächlich die ersten zusammenhängenden Releases. Davor hab ich auch schon Musik gemacht und die ins Internet gestellt, aber das waren dann Beiträge für Battleturniere oder einzelne Tracks. Das sehe ich aber nicht als Teil dieser LGoony-Sache. Seit 2011 mach ich durchgängig Musik unter ganz verschiedenen AKAs in ganz verschiedenen Richtungen, irgendwelche Spaß- oder Battlerap-Sachen – und eben die LGoony-Sache. Ich werde mich in Zukunft wohl auch nicht auf LGoony beschränken, sondern auch andere Sachen machen – die man dann vielleicht nicht unbedingt mitbekommt. Musik ist für mich hauptsächlich ein Hobby. Dass LGoony jetzt so an Fahrt gewinnt, ändert daran nichts: Ich werde immer das machen, worauf ich Lust hab. Und ob die Leute das mitbekommen oder nicht, ist mir eigentlich auch egal.

„Viele reduzieren mich ja auf Yung Lean. Aber ich denke, das liegt daran, dass Yung Lean ein Internet-Thema ist, genau wie ich.“


Das klingt jetzt so, als wäre Lgoony nur ein Projekt.

Nee, nicht unbedingt. Meine Musik ist immer die Reflexion meines Musikgeschmacks. Wenn ich irgendwas anderes cool finde, mach ich halt solche Musik. Eine Zeit lang fand ich diese ganzen 90er/Anfang 2000er-Battlerap-Sachen cool und hab ich halt so was gemacht. Und wenn ich mich jetzt mehr mit dem aktuellen Kram beschäftige, dann mach ich halt solche Musik. Ich denke, das wird auch weiterhin so sein, ich werd da nicht müde.

Was dich von vielen anderen aus diesem „Cloud Rap“/Trap-Umfeld unterscheidet, ist, dass du deine Battlerap-Sozialisation mit neuem Sound verbindest. Findest du die Herangehensweise bei anderen zu eingeschränkt, was Stotter-Flow und Trap-Beats?

Nee, gar nicht. Ich finde, man muss alles zulassen, alle Einflüsse in einem Song oder Sound zusammenfügen. Dadurch funktioniert Musik für mich: durch Weiterentwicklung, durch Inspiration von anderen Künstlern. Dass man verschiedene Facetten zusammenfügt und etwas neues draus macht. Wenn man etwas einfach eins zu eins in einer anderen Sprache umsetzt, ist das natürlich ein bisschen langweilig. Deswegen finde ich es cooler, wenn man Einflüsse aus den verschiedensten Richtungen hat, ob es Deutschrap-Untergrund von Anfang der 2000er ist oder das amerikanische Soundbild der Jetztzeit.

Was ist dir wichtiger: der Sound und die Ästhetik selbst, oder das, was du damit erzählst?

Das geht eigentlich Hand in Hand und ist von Song zu Song unterschiedlich. Ich denke immer von Song zu Song: Mal geht’s mehr um das, was ich sage, mal mehr um die Musik an sich. Das kann man eigentlich nicht so runterbrechen.

Jetzt mal aus einer „älteren“ Perspektive gesprochen: Was sagst du denn dazu, dass viele das Ganze eher für eine trashige Musikrichtung halten, die nur kurzfristig von Interesse ist? Money Boy macht ja nichts, was man in 20 Jahren als Klassiker-Album ansehen könnte.

Ich hab schonmal gesagt: Money Boy sehe ich einfach als positives Statement in der Hinsicht, dass man einfach das macht, worauf man Bock hat. Und wenn man Bock hat, so zu rappen wie irgendwelche Amis, dann kann man das ruhig machen. Das ist legitim. Ich find das sehr inspirierend, was Money Boy gemacht hat, weil das eine ganz unverkrampfte Herangehensweise an Musik insgesamt ist. Dass man sich nicht zu ernst nimmt und einfach macht, worauf man Bock hat. Davon hab ich bestimmt auch was mitgenommen. Viele Leute brechen den Inhalt auf die ganze Musik runter und sagen: Der Inhalt ist nicht ernst gemeint, also ist die Musik auch nicht ernst gemeint. Ich finde aber, es ist ein Unterschied, ob man Musik oder Inhalt ernst meint. Ich glaube, Money Boy meint die Musik vollkommen ernst, aber der Inhalt ist einfach ein Lückenfüller. Das muss man erst mal verstehen. Wenn man selbst nur 90er-Rap hört, wo alle Texte ernst gemeint sind, ist es natürlich schwierig, Money Boy zu verstehen. Dabei ist ja das Geile daran, Künstler zu sein, dass man sagen kann, was man will. Solche Forderungen à la „Du darfst nur das und das rappen“ sind komplett behindert und eine Einschränkung der künstlerischen Persönlichkeit.

Wieviel Humor braucht man denn, um das dann auch so zu rezipieren? Wenn man bedenkt, dass Rap die Musik mit dem höchsten Wortanteil überhaupt ist und dann sagt jemand, der Text sei nur ein Lückenfüller, dann beißt sich das ja ein bisschen.

Man braucht nicht mal Humor. Wenn man nach gewissen Schemata versucht, an die Musik heranzugehen, und unbedingt will, dass es so klingt, wie man es erwartet, dann ist man natürlich von diesem Sound abgefuckt und denkt: Yo, das passt nicht in mein Weltbild. Man muss einfach offen an die Sachen rangehen und merken, dass es einfach um die Delivery geht, wie man etwas rüberbringt und nicht unbedingt darum, was gesagt wird. Es ist egal, wie Money Boy lebt. Er könnte auch in einem Einfamilienhaus leben, ohne Drogen zu nehmen – die Musik wäre trotzdem die gleiche. Ich finde, das ist nicht so wichtig.

Ist es für dich also überhaupt nicht wichtig, dass Rapper das, was sie rappen, auch darstellen können?

Überhaupt nicht. Es geht nur darum, wie es in der Musik rübergebracht wird. Man kann das ja auch gar nicht überprüfen. Vielleicht sind Leute, die am realsten wirken, in Wirklichkeit ganz anders. Nur weil die eine gewisse Facette von ihrem persönlichen Leben preisgeben und das mit ihrer Musik übereinstimmt, kann es ja trotzdem sein, dass die privat ganz anders sind. Ich denke nicht, dass das die Musik wirklich schlechter macht. Das liegt komplett im Ermessen des Künstlers. Wenn er denkt: „Ich muss da noch Persönlichkeit mit einfließen lassen, damit die Leute denken, ich bin real“, dann ist das eigentlich auch nur Schauspielerei. Weil man das bedient, was die Leute hören wollen.

„Wenn ich genug Tracks für ein Release habe, bringe ich ein Mixtape oder eine EP raus. Wenn nicht, dann bringe ich einfach nichts.“


Du sagst ja auch ganz viele Sachen, die ganz offensichtlich nicht real sind, aber dann im nächsten Satz wieder Dinge, die sehr real sind: Wenn du etwa einerseits behauptest, dass du so viel Geld hättest, dass du eigene Zimmer dafür brauchst, aber andererseits auch direkte Medienkritik loslässt. Glaubst du, die Leute verstehen, wann du was wie ernst meinst?

Eigentlich mach ich mir keine Gedanken über ein bestimmtes Image. Ich rappe einfach das, was ich selber fühle, was ich selber hören will. Das ist einfach Ami-Rap-Rumgepose, was ja im Endeffekt Punchlines sind. Einerseits geht Musik für mich natürlich an die persönlichen Gefühle, andererseits ist es aber auch einfach Entertainment. Wenn ich das mische, kommt bei mir einfach diese Art von Musik raus. Das ist natürlich nicht alles eins zu eins so zu nehmen, wie es gerappt wird. Aber wer geht denn auch mit diesem Anspruch an Musik ran?

Wie ensteht so ein Lgoony-Track?

Als erstes ist fast immer der Beat da. Ich guck entweder auf Soundcloud oder so …

Du machst selber keine Beats?

Im Moment nicht. Ich hab früher mal Beats gemacht, aber das ist einfach am Equipment gescheitert, weil mein PC das nicht mitgemacht hat. Beim Songschreiben skippe ich erst mal durch, bis ich einen Beat finde, der mein momentanes Feeling catcht, und dann fang ich direkt an, eine Hook zu summen. Meistens ist bei mir erst die Hook da, und danach schreibe ich die Parts.

Du gehst also eher über die Melodie an deine Tracks ran?

Ja, das muss einfach passen. Es kommt halt auch drauf an, was für ein Song das ist. Wenn ich eher auf Inhalt setze, schreibe ich manchmal auch auf andere Beats und wechsle die dann, aber meistens wächst das so von sich aus. Ich hör den Beat, schreib eine Hook, schreib einen Part, und so entsteht der Song. So kommt eigentlich immer was Gutes dabei raus.

Was sagst du dazu, dass du gerade als „das nächste große Ding“ gehandhabt wirst?

Mich beeinflusst das Ganze wirklich null. Ich denke von Song zu Song und mache immer weiter, einfach weil es mein Hobby ist. Ich habe keinen Masterplan und will bei irgendwelchen Labels unter Vertrag kommen. Ich will einfach Musik machen, und zwar welche, die ich selber cool finde, für die ich mich nicht schämen muss. Wenn ich genug Tracks für ein Release habe, bringe ich ein Mixtape oder eine EP raus. Wenn nicht, dann bringe ich einfach nichts.

Auch wenn du das „nur“ aus Hobbygründen machst, wird irgendwann ja die Entscheidung kommen: Wird das mein Beruf oder bleibt das ein Hobby?

Ich sehe das so: Ich bin noch jung, ich kann alles machen, was ich will. Ich habe auch von meiner Familie her die Unterstützung. Ich lass mir da auch nicht reinreden. Klar, Musik ist meine Passion, aber wenn es nicht klappen sollte, ist es mir auch egal. Ich mach einfach weiter das, was mir Spaß macht, und im Moment ist es halt Musik. Für mich persönlich ist da kein Druck. Ich will auf jeden Fall niemals in die Lage kommen, dass ich mich von irgendwelchen Strukturen dazu zwingen lasse, meine Kunst in eine bestimmte Richtung zu führen.

Diese klassischen Rapper-Ambitionen, möglichst viel Geld zu verdienen, liegen dir eher fern – also auch keine Anfälligkeit für Größenwahn?

Bisher noch nicht. Aber jetzt kann ich noch selber kontrollieren, was ich mache. Ich finde es einfach cool, dass mein Hobby so aufgenommen wird und positive Resonanz bekommt.

„Ich bin nicht auf Inspiration durch Drogen angewiesen, ich mache einfach, was ich selber fühle.“


Deine Musik arbeitet mit sehr vielen kulturellen Codes aus den Staaten, etwa diese „Purple“-Sache rund um Codein-Hustensaft. Nimmst du das nur als ästhetische Anleihe, oder bedeutet dir das darüber hinaus irgendwas?


Ich nehme gar keine Drogen, außer Alkohol. Ich bin nicht auf Inspiration durch Drogen angewiesen, ich mache einfach, was ich selber fühle. Ich hab selber weder Hustensaft konsumiert, noch gekifft oder so. Ich bin in der Lage, diese Produktivität und Kreativität aus meinem normalen Dasein zu speisen. Ich muss mich selber durch nichts pushen oder Pillen schmeißen, um abzugehen. Wenn ich das Gefühl habe, abzugehen, gehe ich ab und kann den Schalter selber umlegen. Solche Substanzen fördern ja nur gewisse Eigenschaften von Menschen, aber die kann man auch selber hervorrufen. Wenn man über die Effekte von Drogen nachdenkt, merkt man, dass man das auch selber beeinflussen kann.

Zum Abschluss noch die Frage: Kannst du dir erklären, was mit Österreich auf einmal abgeht? Rapmäßig war das bis auf einzelne Ausnahmen lange Zeit ein weißer Fleck auf der Karte und jetzt kommen von dort sehr viele Impulse. Wie ist das passiert?

Ich finde, Österreich ist schon seit einer gewissen Weile Deutschland komplett voraus – in jeglichem Genre. Ob das jetzt Bilderbuch ist oder Wanda oder eben Rap, das ist eben ein ganz anderes Level als in Deutschland. Die machen sich komplett frei von irgendwelchen Schemata, sondern machen einfach das, was sie fühlen. Ich finde, Deutschland könnte sich da viel von abgucken. Einfach weniger schematisch denken und mehr machen, was man will. Deshalb hat Österreich auch so einen eigenen Swagger und ist Deutschland einen Schritt voraus. Das ist peinlich für Deutschland, aber ist halt so.