Kuchenmann – „Jede Generation hat ihren wacken und ihren dopen Shit.“

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Kuchenmann „pumpt Aaliyah, wenn er Jeep fährt“ und ist Teil der funky Franken rund um Untergrund-Rapper, wie Laca, Robanzee und Luca Brasi. Es mag überraschen, aber in der Einöde des Knoblauchlands, dem „Dirty South“, den Kuchenmann sein Zuhause nennt, gedeiht feinste, eigenständige Untergrund-Musik ganz vorzüglich. Unsere Autorin Naima Limdighri, selbst in genau diesem Franken großgeworden, hat sich mit Kuchenmann getroffen, um UGK zu hören, über Musik zu schnacken und in Erlangen auf ein fränkisches Bier aka Seidla einzukehren. Außerdem steht Kuchenmanns Debütalbum „1000 Stunden Phunk: Aus dem Süden mit Liebe“ in den Startlöchern und erscheint am 30.06.17 via Heart Working Class.

Wie bist du zu Rap gekommen?

Ich wurde in Nürnberg geboren und bin ganz normal in Erlangen bei meiner Mutter aufgewachsen. HipHop mache ich seit ich zehn, elf Jahre alt bin. Über Graffiti und Beats machen bin ich dann irgendwann beim Rappen gelandet. Ich habe aber das Gefühl, diesen Teil meiner Entwicklung jetzt durch mein erstes Album abgeschlossen zu haben.

Wie würdest du deine Jugend in Erlangen beschreiben?

Erlangen war für mich immer eine sehr interessante Stadt, obwohl es mich meistens eher nach Nürnberg gezogen hat. Meine ganze Familie wohnt in Nürnberg und ich bin jetzt auch wieder dorthin hingezogen. Erlangen fand ich irgendwann cool, weil man in einer kleinen Großstadt eben irgendwann 1000 Leute kennt und ich dort viele meiner ersten Erfahrungen gemacht habe. Mein erstes HipHop Konzert im E-Werk mit 15 war gleichzeitig mein heftigstes. Jeru the Damaja, Lil Dap von Group Home und Afu Ra am 29. Dezember 2009. Meine Freunde Alex und Luca waren damals 13, ich 15 und wir haben auch ein bisschen mit Jeru gechillt. Damals war ich auf dem East-Coast-/Boom-Bap-Film, hing auf der Straße rum und habe getaggt. Erlangen ist für mich meine Coming-of-Age-Story.

Auf „Jeder Tag“ rappst du „Southside-Style macht mich müde“. Was ist so ermüdend?

Wenn man in einer Stadt wie Erlangen aufwächst, wird man bald mit gewissen Begrenzungen konfrontiert und viel wiederholt sich – auch Dinge, auf die man vielleicht gar kein‘ Bock hat. Im Prinzip geht es aber um Leute. Wer immer mit denselben Leuten aufeinander hockt, wird komisch. Viele hindern sich gegenseitig daran, über sich selbst hinauszuwachsen, drehen sich im Kreis und kommen immer wieder mit der gleichen negativen Scheiße. Dann kiffen Leute noch und schmeißen komisches Gschmarri (Fränkisch für dummes Zeug, Anm. d. Verf.) ein, und genau dieser Blues macht einen müde. Der Satz kommt gar nicht unbedingt aus meiner eigenen Perspektive, weil ich es immer gut verstanden habe, mich zwischen vielen verschiedenen Freundeskreisen zu bewegen, ohne dabei meinen engen Kreis zu verlieren – aber selbst wenn man das alles gar nicht aktiv betreibt, färben die Vibes auf dich ab. Das mag in Brandenburg nur in Details anders sein, aber ich kenne das eben nur von hier. Diese Kleinstadt-Provinz-Thematik wurde schon oft sehr plakativ angesprochen und deswegen nehme ich mir das auch nicht raus, für ganz Deutschland zu sprechen. Wir haben halt auch regionale Besonderheiten. Ich kritisiere auch mit Nachdruck Sachen, wie Staatsgewalt, wo von der Polizei bewusst Rechte verletzt werden, weil sie dei Gsicht ned mögen. Aber ich hasse es hier nicht. Ich will ja, dass es besser wird.

„Mir fehln‘ paar Synpasen/Ich kann dicht nicht hassen/Wie kannst du mich hassen?“, rappst du. Positivität durch die Abwesenheit von Negativität?

Ich versuche es weitestgehend zu vermeiden, Dinge wirklich zu hassen. Ich rege mich aber auch gerne auf, das ist was sehr fränkisches. Die meisten Leute wollen einem aber nicht schaden und tun vermutlich auch immer ihr Bestes. Wenn man das so betrachtet, kann man persönlichen Groll vermeiden. Allerdings ist dieses etwas abgeschmackte Wort der „Ellbogengesellschaft“ durchaus Realität. Empathie, Respekt und Liebe für deinen Nächsten werden von Leuten, die ihren Scarface-Film durchziehen wollen, als hängengeblieben ausgelegt. (lacht) Da bin ich definitiv dagegen, darum schreibe ich solche Lines.

Empathie, Respekt und Liebe für deinen Nächsten werden von Leuten, die ihren Scarface-Film durchziehen wollen, als hängengeblieben ausgelegt. Da bin ich dagegen.

Kuchenmann

Dein Sound ist durchaus samplelastig, aber auch experimentell, wie ich finde.

Wenn man seit Jahren einen Soundcloud-Channel hat, kriegt man Beats zugeschickt und hat damit automatisch einen größeren Pool. Drei, vier Beats kommen von einem Typen aus Miami namens KFelk, oft die etwas musikalischeren Nummern. „Gierig“ habe ich selbst produziert, auf dem sich auch ein Saxofon-Sample von Herbie Hancock finden lässt. Auf dem Album haben viele Leute, mit denen ich letztes Jahr Musik gemacht habe, produziert. Robanzee aus Bamberg, Vertiqua und einen Teil habe ich zusammen mit meinem kleinen Bruder Lobo Funk produziert. Ich hatte also ein sehr breites Spektrum, was den Sound angeht und meine Vision war es, durch das richtige Arrangement alles zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Das ist das Album, was ich machen wollte seit ich angefangen habe zu rappen. Die Vision ist „Vom Dunkel ins Licht“. Ich habe während der Produktion viel „ATLiens“ und „Aquemini“ gehört – das hat die Instrumentalisierung definitiv beeinflusst.

War mit deinem Sound schwer, ein Label zu finden, und wie kam der Kontakt zu Heart Working Class zustande?

Das war ein Unfall. Mein Handy hatte einen Touchscreen-Fehler und hat Sherin (Label-Managerin von Heart Working Class, Anm. d. Verf.) versehentlich ganz viele Sticker geschickt. Ich habe mich dann dafür entschuldigt und sie meinte: „Kein Stress, aber deine Musik ist cool.“ Nach ein paar Tagen habe ich sie dann angeschrieben und ihr erzählt, dass ich gerade mein Debütalbum mache. Sie meinte, ich solle das mal vorbeibringen, was ich dann auch gemacht habe – der Rest ist Geschichte. Ich habe ja schon einige EPs gemacht, aber ich wollte schon immer ein richtiges Album machen. Ich bin damit aufgewachsen, Alben komplett durchzuhören. Ich kaufe immer noch CDs und gerade das Debütalbum eines Künstlers ist für mich nach wie vor ein Manifest. Ich habe mir immer gewünscht, dass meins auch korrekt präsentiert wird, und Heart Working Class hat mir das sichere Gefühl gegeben, dass das passieren wird.

Hast du viel Arbeit in das Album gesteckt?

Klar, Musik ist ja auch Selbststudium und hört auch nicht bei Studioaufnahmen, Texte schreiben, Beats machen und zu Auftritten fahren auf – das ist auch viel Kopffick. Ich war irgendwann besessen von meinem Album und konnte nachts nicht mehr schlafen. Gedanken à la „Warum ist das Outkast Album jetzt so geil und meins noch so komisch?“ – das macht dich wahnsinnig. Diese Zweifel und Ansprüche an sich selbst sind aus Selbstschutz mit Vorsicht zu genießen.

Ich hatte zunächst eine grobe Album-Skizze, die ich ausgearbeitet habe. Ich habe mir die Zeit genommen, noch mehr an Interludes, Arrangements und Spoken-Word-Parts zu arbeiten. Diese Art an Musik zu arbeiten habe ich in New Jersey kennengelernt. Ich war zwar noch nie der 16 Bars/Hook/16 Bars/Hook-Rapper, aber die Leute da drüben haben erst mir gezeigt, dass man auf Sachen wie Arrangements mehr Wert legen kann. Ich finde es unfair, der jüngeren Generation immer mangelnde Arbeitsmoral vorzuwerfen. Jede Generation hat ihren wacken und ihren dopen Shit. Mich macht es eher wütend, wenn Leute denken, ich komm‘ irgendwohin und spiel‘ umsonst ’ne Show. Das kann man machen, wenn es um Charity geht oder man sich kennt, aber ich fahre nicht nach Rostock um für zwei Getränkemarken zu performen. Ich investiere in diese Musik und will als Zeichen der Wertschätzung auch bezahlt werden. Und dann kommen mir Leute mit „Do it for the love“. Ja, aber irgendwann möchte man dafür auch entlohnt werden – insbesondere, wenn andere Leute mit dir Geld machen. Generell gibt es seitens Veranstaltern oft diese „Sei froh, dass du überhaupt hier spielen darfst“-Haltung – und das lehne ich mittlerweile kategorisch ab. Da wird dann in meinen Augen die Kunst nicht respektiert. Das ist ein Gschmarri.

Gedankenexperiment: eine einsame Insel und du, ein Jahr Zeit – und nur drei Alben sind erlaubt.

Ahhh, Alter – drei ist hart. Marvin Gaye, „What’s Going On“ – sehr spirituell für mich. Mos Def, „The Ecstatic“, und Curren$ys „Pilot Talk II“.

Meine Musik lädt ein, um…

…inspiriert zu sein.