Kojey Radical – „Ich dachte von Anfang an, dass viele mich nicht verstehen werden.“

von am

Poet, Rapper, Tänzer, Visual Artist, Fashion-Victim – Kojey Radical lässt sich nicht so einfach in eine (Kunst-)Schublade stecken. Ganz eindeutig kann man nur sagen: Sein Künstlerherz bringt Innovation, Emotion und massig Ästhetik in seine Musik und Videos. Straight outta London liefert der 24-jährige Vollblut-Artist Rap mit niederschmetternden Bässen und fesselnden Texten, die schöner kaum sein könnten. Mit einer fast unangenehmen Ehrlichkeit widmet er sich gesellschaftskritischen Themen, Revolution und Provokation und vereint Poesie, Rap und visuelle Kunst in einer perfekten Symbiose. Nina Nagele hat Kojey Radical zum Gespräch in Berlin getroffen.

Foto: Nina Francesca Nagele

Foto: Nina Francesca Nagele

Was kann Poesie, was andere Kunstformen nicht können? Also, was ist das spezielle daran, das es zum Beispiel von Malerei unterscheidet.

Für mich war es das erste Mal, dass ich meine Worte als eine Kunstform nutzen konnte. Vorher habe ich nur gemalt und ausschließlich visuelle Kunst kreiert. Meine Wahrnehmung von Kunst war bis dahin immer zweidimensional – da war das Bild und ein Blatt Papier, das war’s. Die Tatsache, dass die Leute meine Kunstwerke auf ihre individuelle Art interpretieren konnten, also ihr eigenes Stück finden konnten, eröffnete mir eine neue Ausdrucksform. Ich konnte endlich alles, was ich in meinen Bildern auszudrücken versuchte, all diese Nachrichten und Gedankenprozesse, einfach sagen. Und die Leute hören mir zu und verstehen sie. Für mich war es einfach ein komplett neuer Weg der Entdeckung und des Ausdrucks.

Wie bist du denn zur Poesie gekommen?

Es war irgendwie so: „OK, ich bin jetzt ein Poet.“ (lacht). Als ich im College war, meinte ein Freund zu mir, dass ich niemals ein Gedicht schreiben könne. Ich dachte aber, Poesie wäre sinnlos und ich könnte es im Schlaf. Also schrieb ich ein wirklich lustiges Gedicht und trug es in der Kantine vor. Ich mochte das Gefühl, dass ich während des Vortrags hatte und dachte mir: „Ich werde ab jetzt ein paar Gedichte schreiben.“ Je mehr ich schrieb, desto mehr verstand ich, wie gut ich damit meine Gefühle ausdrücken kann. Es war unglaublich aufregend. Alles, was ich bis jetzt in meinem Leben gemacht habe, passierte, weil ich es mir vorgenommen habe. Ich habe mir gesagt, dass ich Gedichte schreibe, also schrieb ich welche.

Was ist der Unterschied beim Schreiben von Gedichten und Songtexten?

Bei einem Track hat man Beats, Bars, Rhythmus und Reimschemen. Das Schreiben basiert also auf einem Muster, das man in der Musik entdeckt. Wenn ein Song anfängt und du deinen Flow findest, schreibst du auf den Flow. Als ich anfing zu schreiben, machte ich alles komplett Acapella. Also ohne Musik, ohne Klick, ohne Tempo, ohne Beat – ich schrieb einfach und konnte damit viel mehr Information unterbringen. Der Beat komplimentiert das Ganze aber. Als ich meine Stücke performte, wurde es Acapella manchmal etwas langweilig. Die Zuhörer können mir nicht so lange folgen. Die Musik hilft, die Konzentrationsspanne der Leute hinauszuziehen. Wenn ich Songs wie „Bambu“ Acapella performe, würden mich die Leute einfach nur anstarren und verwirrt sein. Aber mit der Musik bewegt sich das Ganze in einem komplett anderem Universum.

In vielen Interviews liest man, dass du mehr Poet als Rapper bist. Ist es nicht eher so, dass Rap wie Poesie ist, nur mit mehr Rhythmus? Wie denkst du über die Verbindung von Rap und Poesie?

Mein Weg in die Musik war irgendwie sehr merkwürdig. Ich startete als Poet, aber ich habe mich nie wie ein wirklich guter Dichter gefühlt. Ich war einfach nur irgendjemand, der Gedichte schreibt. Bei Poetry Slams saß ich immer irgendwo ganz weit hinten und wollte nicht performen. Aber ich habe es geliebt, wie meine Gedichte in Verbindung mit Musik klingen. Also entschied ich mich, diesen Weg einzuschlagen. Ich war meistens der einzige Poet in einem Musik-Line-Up. Leute hörten mich und dachten sich, es erinnert sie an Rap, aber nein, es ist Peosie. Aber eigentlich interessiert mich das nicht wirklich. Seit Jahren geht es immer darum, ob ich ein Poet oder ein Rapper bin. Irgendwann habe ich angefangen damit zu spielen. An einem Tag bin ich Poet und am nächsten Tag kaufe ich mir Grillz und Goldketten und bin ein Rapper. Es richtet sich danach, wie ich mich fühle. Aber generell denke ich, dass es keine Rolle spielt, was ich bin. Leute hören, was sie hören. Vielleicht hörst du ein Gedicht von mir, und ich werde zu deinem Lieblingsdichter. Vielleicht hörst du einen Song von mir und ich werde zu deinem Lieblingsrapper. Vielleicht hörst du beides, und du findest es grauenhaft. (lacht) Es spielt keine Rolle.

Wie entsteht die Musik für deine Raps?

Ich habe ein großartiges Team von Produzenten. Bevor wir beginnen an der Musik zu arbeiten, führen wir oft stundenlange Gespräche – einfach nur, um eine gewisse Energie und Atmosphäre aufzubauen und schlussendlich etwas zu erschaffen. Ich habe ein paar Menschen um mich, mit denen ich immer wieder arbeite. Ich habe jetzt aber auch in Berlin einige Connections geknüpft. Ich habe mit dem Produzenten SugaBoy und mit Elijah Hook gearbeitet. Der Song wird total anders als ich es irgendwo anders hätte machen können. Es war sehr interessant mit einem anderen Einfluss zu arbeiten.

Es geht nur um den Inhalt – darum, die bereits bestehende Wahrnehmung der Menschen herauszufordern.

Kojey Radical

Dein Sound unterscheidet sich sehr vom aktuellen Mainstream. Er ist viel abstrakter. Befürchtest du, dass zu viele Menschen deine Musik nicht verstehen können?

Ich dachte von Anfang an, dass viele mich nicht verstehen werden. (lacht) Mein erstes Projekt, das ich veröffentlicht habe, war „Dear Daisy“. Bei „The Garden Party“ hatte ich all diese merkwürdigen Klamotten an, ganz in weiß mit einem riesigen Hut und streifte durch Felder, redetet über Mädchen als wären sie Blumen. Ich habe befürchtet, dass es viele nicht verstehen werden, aber es ist wahrscheinlich einer der meist gehörten Songs von mir. Ich versuche mich dauernd daran zu erinnern, dass für alle Gedanken, die ich habe, irgendjemand da draußen ist, der genau den selben Gedankengang hat. Hoffentlich wird meine Musik genau diese Menschen erreichen und auch ihnen zeigen, dass sie mit ihren Gedanken nicht alleine sind.

Bevor du Musik gemacht hast, hast du hauptsächlich visuelle Kunst gemacht. Das erkennt man auch in deinen Videos. Wie arbeitest du an deinen Videos?

Ich habe ein geniales Team an meiner Seite. Louis und Alex als meine Haupt-Regisseure und Craig als mein Creative Director. Von klein auf, hatte ich immer diese verrückten Ideen, also war es für mich das wichtigste ein Team um mich zu haben, das meine Visionen versteht. Viele Musikvideos basieren immer wieder auf den selben oder ähnlichen Konzepten. Man hat also fast alles schon mal gesehen. Noch dazu kommt, dass das Budget meist sehr gering ist. Dann hast du plötzlich diese drei bis vier Minuten, in denen du all deine Ideen unterbringen musst. Bei uns läuft das dann so: Wir haben eine eigentlich simple Idee für ein Video. Dann suchen wir nach dem kleinsten Detail, das wir verändern können. Und zwar so verändern, dass sich der Zuschauer so unwohl fühlt, dass er seine Augen nicht mehr abwenden kann. Wenn er dann am Ende des Videos angelangt ist, wird er es lieben. Die ersten zehn Sekunden, müssen aber die volle Aufmerksamkeit an sich reißen. Das ist der Plan. Das Video zu „Bambu“ ist total simpel und die grundsätzliche Idee hat man schon Millionen mal gesehen. Ich laufe durch irgendwelche Straßen, hänge mit meinen Freunden rum – man sieht das in fast jedem anderen Musikvideo. Aber meine Haut ist schwarz angemalt. Durch dieses abstrakte Detail, sieht man das Video mit einer fast kindlichen Neugier – man will wissen, was als nächstes passiert und wieso das alles passiert. Und weil diese Fragen nicht unbedingt beantwortet werden, bildet man sich seinen eigene Meinung dazu. Vielleicht spricht man auch darüber und so macht das Video selbst Werbung für sich.

Du hast auch ein Kreativ-Kollektiv namens Pushcrayons.

Pushcrayons ist eigentlich ein Media-Kollektiv und eine Agentur. Aber noch vielmehr sind es Menschen, mit denen ich gerne zusammenarbeite. Es geht nicht so sehr um die individuellen Künstler, sondern um die Idee hinter dem Produkt. Viele Leute sind sehr einfühlsam, wenn es um Marken-Namen geht. Also, egal wer in diesem Kollektiv ist und egal, was man macht, solange man Pushcrayons damit in Verbindung setzt, ist es wie eine stille Zustimmung. Es geht nur um den Inhalt, darum, was man kreiert und wie viel man bereit ist zu geben, um die bereits bestehende Wahrnehmung der Menschen herauszufordern.

Foto: Nina Francesca Nagele

Foto: Nina Francesca Nagele

Dadurch, dass wir niemals still stehen und uns immer nach vorne bewegen, kommt diese Inspiration ganz natürlich.

Kojey Radical

Musik und Mode teilen oft eine ähnliche Ästhetik. Du bist auf der London Fashion Week gelaufen und im Video zu „Footsteps“ bist du komplett in A Cold Wall gekleidet. Wie wichtig ist Fashion für dich?

Ich habe eigentlich Mode studiert und einen Abschluss in Illustration of Culture Historical Studies, weshalb Musik eigentlich ein eher außergewöhnlicher Weg für mich ist. Oder auch nicht. (lacht) Mode war immer ein sehr wichtiges Kommunikations-Tool für mich. Das schöne daran ist, dass man sich jeden Morgen entscheiden kann, wer man sein will. Man kann die flashigste Person auf den Straßen sein oder sich simpel und gemütlich kleiden. Es ist inspirierend, dass es Menschen gibt, die Kleidung nicht nur als Nutzen sehen und sie stattdessen zu einem wahren Spektakel transformieren und damit Aufmerksamkeit erregen. Also Andere dazu bringen, darauf achten zu wollen wie zum Beispiel die Naht verarbeitet ist, oder aus welcher Zeitepoche die Inspiration für einen speziellen Schnitt kommt. Aufgrund der kreativen Freiheit, die Mode bietet, ist es wohl einer der wichtigsten Aspekte in meinem Leben.

Wenn man an die großen Fashion-Revolutionen denkt, stehen diese meistens in Verbindung mit Musik-Revolutionen, wie zum Beispiel Punk oder Rock.

So ähnlich hat auch mein Dad darüber gedacht. Der ist auch der Meinung, dass sich Mode sehr oft nach Musikern richtet, die nach Ausdrucksformen ihrer Charaktereigenschaften suchen. Das heißt dann aber auch, dass viele Trends vielleicht oft eine Art von Fehlern sind, oder irgendwelche Jugendrebellionen. (lacht) Aber auf diese Art habe ich noch nie wirklich darüber nachgedacht.

Du bist Tänzer, Maler, Musiker, Dichter – also Künstler auf allen Ebenen. Macht diese Tatsache es einfacher oder schwieriger, sich auf eine spezielle Kunstform zu konzentrieren?

Ich versuche, die einzelnen Formen als etwas Ganzes zu betrachten. Auch wenn es dadurch theoretisch etwas schwieriger wird, bringt es nur noch mehr Spaß. Wenn ich versuche über ein spezielles Thema zu sprechen, kann es sein, dass ich die benötigte Inspiration nicht in der Poesie finde. Dann habe ich aber die Möglichkeit zu malen und das Bild in Bezug auf das Gedicht zu sehen. Also verwende ich eigentlich alle Kunstformen als ein Ganzes, um mich für die jeweiligen Werke inspirieren zu lassen. Es hält mich frisch, aktiv und kreativ. Vor allem, weil es manchmal sehr schwierig sein kann, Inspiration zu finden.

Was sind denn deine Inspirationsquellen?

Das klingt vielleicht klischeehaft, aber meine Hauptinspirationsquelle ist das Leben selbst. Dadurch, dass wir niemals still stehen und uns immer nach vorne bewegen, kommt diese Inspiration ganz natürlich. Zum Beispiel die Tatsache wie sich Wege unterschiedlicher Menschen kreuzen ist in sich selbst so abstrakt, dass es meist nicht viel mehr braucht um sich inspirieren zu lassen. Sowas ist mir gerade passiert: Ich bin aus Hackney, East London – ein eher ruhiges Plätzchen. Und dann stehe ich hier in Berlin an einer Haltestelle und in der Ecke steht dieser Mann. Riesig, breit mit einer schwarzen Kapuze auf und mit riesigen Stretch-Piercings an jeder möglichen Stelle im Gesicht. An wirklich jeder Stelle – Ohren, Nase, Lippen. Jeder ist einfach an ihm vorbei gelaufen, als wär das nichts besonderes. Für mich war es das aber. Das sind diese Momente, die man nur bewusst wahrnimmt, wenn man nicht daran gewöhnt ist – wenn es keine Routine ist. Sobald man sich aber aus seinem gewohnten Umfeld hinaus bewegt und sich selbst an anderen Orte und in anderen Situationen wiederfindet, gibt es umso mehr Dinge, aus denen man Inspiration ziehen kann. Es kann sein, dass ich einen ganzen Song über den unheimlichen Typen schreiben werde. (lacht) Aber man sieht, es sind die kleinen Dinge, die mich inspirieren.