Post-Frank-Ocean – warum Kevin Abstract Liebe verdient

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Auch 2016 ist HipHop noch nicht für alles bereit. Zum Beispiel für Kevin Abstract. In einer fairen, aufgeschlossenen Welt wäre der Texaner, Jahrgang 1996, längst die Speerspitze eine Bewegung zur sexuellen Befreiung. In der Realität ist sein zweites Album leider immer noch ein Geheimtipp.

Als findiger HipHop-Journalist maßt man sich manchmal an, von einem Geheimtipp zu sprechen, obwohl der Hype schon längst real ist und die wirklich hungrigen Digital Natives schon wieder überhört haben, was man da als heißen Scheiß verkaufen will. Umso überraschender ist die Geschichte des Texaners Kevin Abstract, der zwar letzten Monat schon seinen zweiten Langspieler und damit auch eines der spannendsten Alben des Jahres gedroppt hat, hierzulande aber wohl nur den Emo-Rap-Fans, die lieber auf Tumblr als Twitter grinden, ein Begriff ist. Und das liegt nicht nur an seinem Sound, der sich nicht vor Crossover fürchtet, sondern auch ziemlich sicher an seinen Themen. Denn Kevin Abstract ist bisexuell.

Eine metaphysische Entität des Post-Post-Internets quasi.

Eigentlich ist es viel zu oberflächlich bei Kevin Abstract als erstes über seine sexuelle Orientierung zu sprechen. Ist er nun schwul? Ist er bi? Oder ist das eigentlich ziemlich egal? Ganz so einfach kann man diesen Punkt dann aber eben doch nicht übergehen, schließlich heißt das zweite Album des 20-Jährigen „American Boyfriend: A Suburban Love Story“ und sorgt in Kombination mit dem kitschigen Cover beim engstirnigen Realkeeper zumindest für irritiertes Kopfschütteln. Kevin Abstract hat es nicht leicht in einer Szene, die immer noch von der Heteronormativität im Schwitzkasten gehalten wird (no homo) und weiterhin auf ihren ersten schwulen Superstar wartet.

Fast ironisch wirkt es da, dass die Geschichte von Kevin Abstract ausgerechnet in der achtgrößten Stadt des konservativen Texas beginnt. Genauer gesagt in Corpus Christi, also quasi im Leib Christi selbst, in dem die Identitätsfindung eines sexuell noch nicht selbstsicheren, schwarzen Amerikaners mit Sicherheit ungleich schwerer ist, als in den meisten anderen Städten der USA. Dort vergräbt sich Ian Simpson, wie Abstract mit bürgerlichem Namen heißt, stundenlang in den Untiefen des Internets und seine DNA fügt sich nach und nach zusammen aus einem introvertierteren Tyler, The Creator, der Experimentierfreude eines Kanye Wests und nicht zuletzt der lyrischen Sexualisierung eines Frank Ocean. Eine metaphysische Entität des Post-Post-Internets quasi, die nach einem lokalen Hype Anfang des Jahrzehnts schließlich im Jahre 2014 mit dem Debütalbum „MTV1987“ einen vorläufigen Höhepunkt findet.

Neben der omnipräsenten Suche nach Liebe und sexueller Befreiung, sind es auf dem ersten Ausrufezeichen vor allem auch Querverweise auf Drogenkonsum, die eine typische Coming-of-Age-Geschichte voller Unsicherheiten, Exzessen und Melancholie erzählen. Die US-Medien würdigen die Selbstoffenbarungen und so schafft es „MTV1987“ unter anderem bei Pigeons & Planes in die 50 besten Alben des Jahres. Obwohl er im Herzen Rap-Musiker ist, verschafft sich die subversive Seite von Kevin Abstract auf dem Debütalbum immer wieder Gehör: Mit verzerrten Lo-Fi-Sounds und einer teils verzweifelten Aggressivität, fühlt man sich gar an den Grunge eines Kurt Cobains erinnert. Kein Wunder also, dass kein anderer Rapper ihn mit auf Tour nimmt, sondern viel mehr die Alternative-Rocker von The Neighbourhood. Kevin Abstract bewegt sich konsequent neben der Szene, die etwas anderes als eine Null auf der Kinsey-Skala nicht tolerieren will.

Daran wird sich auch nach seinem neuen Album sicher nicht viel ändern, denn obwohl „American Boyfriend: A Suburban Love Story“ eine meisterhafte Aufschlüssung eines jungen Mannes in der Krise ist, sind es Bilder wie im Video zu „Empty“, die eine bornierte Szene zum Wutanfall veranlassen. Wenn Abstract dort den Blowjob eines Football-Spielers genießt, dann sieht man die Hasskommentare schon vor dem geistigen Auge. Dabei sind es gerade die autobiographische Perspektive, die offenkundige Fragilität und die Suche nach Anerkennung von Familie, Freunden, aber eben auch der Gesellschaft, die Kevin Abstract so nahbar und so anziehend machen. Dafür muss man nicht mal die sexuelle Selbstfindung in den Vordergrund stellen, sondern eher die Suche nach Liebe und die unbändige Kreativität, mit der das zweite Album sogar mehr als sein Vorgänger aufzutrumpfen weiß.

Kevin Abstract bewegt sich konsequent neben der Szene.

Mitverantwortlich dafür ist nicht zuletzt Michael Uzowori aka Uzi, der als ausführender Produzent für „American Boyfriend: A Suburban Love Story“ verantwortlich war. Der US-Nigerianer arbeitete nämlich nicht nur mit den Rappern Vince Staples oder Earl Sweatshirt, sondern eben auch mit Frank Ocean zusammen. Gerade deshalb bieten die oft analogen Drums nur eine grobe Orientierung, lassen Raum für Bläser, Streicher und vor allem für Gitarrenmelodien, die Songs wie „Yellow“ zu wahren Pop-Hymnen wachsen lassen. Stark ist Kevin Abstract nämlich nicht nur als Songwriter und Rapper, sondern auch als Sänger. Wenn seine Engelsstimme sich über die über die üppige Instrumentierung erhebt, stellt das die typisch amerikanische Vorstadt auf den Kopf und Abstract fliegt lachend darüber hinweg.

„I take everything for what it is and never try to change it“, rappt er auf „Papercut“, während ein Hintergrundchor ihn bestätigend weiter ins Rampenlicht führt. Auf demselben Song heißt es allerdings auch: „Can’t tell my mother I’m gay / the hardest part of my day is wishing I was fucking straight / life could be so fucking easy man“. Eigentlich sollte man dankbar dafür sein, dass sich die emotionale Bombe, die „American Boyfriend: A Suburban Love Story“ ist, noch nicht in den homophoben Teilen der HipHop-Community entzündet hat, aber das wäre der falsche Ansatz. Denn noch viel sicherer sollten Künstler wie Kevin Abstract sich keine Gedanken darüber machen müssen, was die Gesellschaft von ihnen hält. Denn die Suche nach der eigenen Identität ist schon anstrengend genug. Mit dem Texaner hätte die HipHop-Szene einen würdigen Superstar gefunden. Aber eigentlich hat sie so viel Mut gar nicht verdient.