Kehlani: „Ich mache Musik für Frauen, die nie wirklich eine Stimme hatten.“

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Will man sich dieser Tage mit Kehlani zu einem Gespräch treffen, dann folgt darauf die eindringliche Bitte, persönliche Themen auszusparen. Dass die Sängerin tatsächlich ein wenig vorsichtiger im Umgang geworden ist, man sich mit ihr aber dennoch sehr gut persönlich austauschen kann, das bewies jüngst das Interview unserer Autorin Naima Limdighri.

Kannst du deine Beziehung zu Noodles, die als Live DJ mit dir auf Tour ist, mal umreißen?

Eigentlich ganz witzig. Alles fing damit an, dass ich auf Twitter nach einem DJ gesucht habe – und plötzlich fingen alle an, wie verrückt dieses Mädchen zu taggen. Ich dachte mir nur, dass sie übertrieben dope aussieht. Danach fand ich raus, dass mein Manager sie auch betreut. Wieso kamen wir da vorher nicht drauf? (lacht) Ich hab meine erste Solo-Show mit ihr gespielt und seither sind wir unzertrennlich. Sie ist für mich so was wie meine kleine große Schwester. Manchmal muss ich sie bremsen, manchmal sie mich – auf jeden Fall halten wir uns gegenseitig im Gleichgewicht.

Seid ihr vom Alter her weit auseinander?

Sie ist nur ein paar Jahre älter als ich, aber manchmal wechseln die Rollen einfach. Sie ist mit die lustigste und kontaktfreudigste Person aus unserer Gruppe – wild, ausdrucksstark, sie ist einfach toll.

Kannst du mir sagen, was für dich die absurdeste Information war, mit der Nardwuar dich konfrontiert hat?

Er hat mich auf meinen Highschool-Schuldirektor angesprochen – und ich war nur drei oder vier Monate auf dieser Schule! Das war schon amüsant. Ich kann mich nicht erinnern, je online über meinen Direktor gesprochen zu haben – er muss dafür echt tief gegraben haben.

Vielleicht hat er ein Klassenfoto gefunden?

Irgendwas in die Richtung muss es gewesen sein …

Ich probiere alles aus, worauf ich Lust habe – und das klappt dann meistens auch.

Wann fühlst du dich am schönsten ?

Wenn ich auf der Bühne bin und merke, dass die Schönheit aus meinem Schaffen resultiert – und nicht aus meinem Äußeren. Wenn mir jemand sagt, dass ich auf der Bühne schön bin, ist das für mich etwas ganz anderes, als wenn mir das jemand persönlich im Vorbeigehen ins Gesicht sagt.

Wie drückst du dich neben der Musik kreativ aus?

Ich tanze, ich male, ich schreibe von Herzen gern. Ich probiere alles aus, worauf ich Lust habe – und das klappt dann meistens auch.

Hast du es mit Inneneinrichtung?

Mit Möbeln nicht so. Aber seit ich neulich in eine neue Wohnung gezogen bin, bin ich besessen davon, meine Zimmer mit verrückten Postern vollzuhängen. Vor allem Filmposter: „Kill Bill“, ein paar „Star Wars“-Poster …

Gibt’s einen Film, der dich kulturell oder ästhethisch geprägt hat, neben „Star Wars“?

Was die Darstellung von Frauen angeht, haben mich die Filme von Tarantino sehr inspiriert. Fast alle seine weiblichen Charaktere waren richtige „bad ass girls“ …

… oft aber auch sehr kaltherzig.

True, aber meist nur, weil sie Tragödien erlebt haben, die sie so kalt gemacht haben. „The Warriors“ [von 1979, Anm. d. Verf.] ist auch ein heftiger Film von der Ästhetik her. Für mich persönlich vor allem, weil ich jetzt in NYC wohne und Vergleiche zwischen dem alten und dem neuen New York ziehen kann.

Was hältst du für deinen am besten ausgeprägten Instinkt ?

Wahrscheinlich, zu wissen, wann jemand verärgert ist. Und, wann man gehen muss, um die Privatsphäre von jemandem nicht zu verletzen. Ich denke, dass das extrem wichtig ist. Denn gerade Leute, die viel durchmachen, brauchen ihren Raum. Für sie ist es das Schlimmste, wenn genau dann andere Leute zu aufdringlich sind. Aber oft merken Menschen gar nicht, wie aufdringlich sie sind, weil sie eigentlich von ganzem Herzen helfen wollen. Ich habe gelernt: Wenn du deinen Raum brauchst, dann nimm ihn dir.

Ich wünsche mir, dass die Leute aufhören, mich als jemanden anzusehen, der jederzeit alles auf die Reihe bekommt.

Was hältst du für einen „typisch“ weiblichen Charakterzug, der in unserer Gesellschaft nicht genug geschätzt wird?

Unser Grad an Mitgefühl. Die Tatsache, dass wir so viel aushalten und immer noch so weich und fürsorglich sind. Eigentlich ist das fast eine Waffe. Aber die Gesellschaft sieht uns deshalb immer noch als schwach, naiv oder zu verletzlich, obwohl wir …

… eigentlich Weltfrieden herbeiführen könnten, weil wir so einfühlsam sind.

Genau, exakt!

Für Leute, die dich nicht persönlich kennen: Was würdest du dir wünschen, dass sie wissen und als Fakt über dich akzeptieren ?

Ich wachse. Und ich habe Aufs und Abs, ich kämpfe mit Dingen wie jeder andere auch. Und ich wünsche mir, dass die Leute aufhören, mich als jemanden anzusehen, der jederzeit alles auf die Reihe bekommt. Ich bin weit entfernt von Perfektion.

Beende diesen Satz bitte: In meiner Musik ist ein guter Platz zum Sein …

… weil sie für Menschen gemacht ist, die sich weniger als würdig fühlen und das Gefühl haben, mit sich selbst ins Reine kommen zu müssen – vor allem Frauen. Ich mache Musik für Frauen, die nie wirklich eine Stimme hatten. Selbst wenn ich Songs à la „I’m a bad ass“ mache, drücke ich aus, dass ich zwar abgefuckt und verletzt war, aber ich ein bad ass bin – weil ich den Schmerz überwinde.

Zudem können wir Frauen so „bad“ sein wie wir wollen, die sexistische Realität holt uns recht schnell ein.

Total. Es gibt viele Leute, die sagen, es geht ihnen alles am Arsch vorbei und die Welt kann ruhig untergehen, ihnen ist egal. Mir ist das aber wichtig. Und ich schäme mich auch nicht dafür, weil ich mich wirklich unendlich sorge. Manchmal bin ich mir zwar unsicher, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Aber das Gefühl, mich kümmern zu müssen, ist trotzdem da.