Karriem Riggins: „Es gibt kein zweites Label, wie Stones Throw.“

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Er hat mit all den Größen zusammengearbeitet, die seit den späten 90ern, inspiriert von der Native-Toungue-Bewegung, Jazz im HipHop unwiederbringlich etabliert haben. Er selbst hat einen nicht zu unterschätzenden Beitrag dazu geleistet. Egal ob als Produzent oder Drummer – die Liste an Großmeistern, mit denen er gearbeitet hat, ist lang und beeindruckend: Kanye West, Erykah Badu, Kaytranada, The Roots und Earl Sweatshirt sind da nur ein kleiner Ausschnitt. Mit Common spielte er sogar im Obama-administrierten Weißen Haus. Im Februar erschien sein zweites Soloalbum „Headnod Suite“, das er mit unserer Autorin Naima Limdighri besprochen hat.

Welche Erfahrungen und Emotionen der letzten fünf Jahre – seit deinem letzten Soloprojekt – hast du in dieses Album gepackt?

Eigentlich bin das nur ich, ein Musikliebhaber aller möglichen Genres, der Rock, Afrobeat, Klassik und natürlich Jazz liebt. Ich versuche, all diese diverse Musik eins werden zu lassen, indem ich alles in einen Topf werfe, zerhacke und meine Sicht auf die Musik einfließen lasse.

Worin liegt für dich die Kraft Jazz, Spoken-Word-Passagen und Mobb-Deep-Samples miteinander zu vereinen?

Musik speist sich aus Liebe und ich halte es sowieso für unsinnig, Musik in Kategorien und Styles zu unterteilen. In meinen Augen ist Musik ein großes Ganzes, insbesondere wenn sie von einem Ort der Aufrichtigkeit kommt. Die Musik, die ich liebe, kommt von einem Platz der Wärme.

Mit welchen Maschinen und Instrumenten hast du selbst für dieses Projekt gearbeitet?

Ich habe mit der Akai MPC 3000 und der Akai MPC Touch, die vor eineinhalb Jahren rauskam, in Verbindung mit Ableton gearbeitet. Die 3000 war mein erstes Baby, mit ihr habe ich angefangen zu produzieren. Ich wähle die jeweilige Maschine nach Gefühl und Sound für den jeweiligen Song aus. Was die Instrumente angeht, habe ich alles gespielt: Mellotron, Vintage Mellotron, Rhodes Piano, Korg Triton Keyboard sowie natürlich Drums und Kontrabass.

Ich habe Flöten rausgehört.

Ich wünschte, ich könnte das spielen, aber da habe ich nur ein paar Platten gesamplet. An der Stelle möchte ich auch gern anmerken, dass DJ J.Rocc (von den BeatJunkies, Anm. d. Verf.) alle Scratches und Cuts auf dem Album gemacht hat und viel eigene Kreativität eingebracht hat. Ich arbeite sehr gerne mit ihm und er war sehr involviert bei diesem Album. Wir haben uns durch J Dilla und Madlib kennengelernt und er ist mein Lieblings-DJ. Madlib, J.Rocc und ich haben viele Liveshows zusammen gespielt, darum mache ich live auch immer noch viel mit J.Rocc. Als ich mit dem Album fertig war, wollte ich ihn gern nochmal ranlassen, um dem Ganzen den letzten Schliff zu verpassen. Wir werden in Zukunft auch weiterhin zusammenarbeiten.

Gibt es ein übergreifendes Konzept, dass das Album zusammenhält?

Ich wollte Interludes benutzen, um all die verschiedenen Dinge auf dem Album zusammenzubringen. Manchmal klingt ein Album einfach nicht gut, wenn nur Song auf Song folgt. Ich habe zwischen den Songs versucht, durch die Interludes durchgehend eine Geschichte zu erzählen, um dem Ganzen Sinn zu geben und diese Folge an Musik zu komplementieren.

Unter dem Video zu deiner „Dungeon Session“ mit J.Rocc hat jemand kommentiert: „Wenn man es auf stumm stellt, sieht man nur Leute ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ nicken.“ Kannst du das mit dem Titel deines neuen Albums verknüpfen?

Wenn sich die Musik gut anfühlt, kommt es teils zu unfreiwilligen Bewegungen, wie dem Kopfnicken. Oft passiert das bei Musik, die wir besonders lieben. „Headnod Suite“ ist ein von Beats getriebenes Album, das zum Kopfnicken geradezu einlädt.

Ich glaube, sowas wie diese Performance mit Common wird im Weißen Haus nie wieder stattfinden.

Karriem Riggins

Die Jazz- und HipHop-Szene aus L.A. scheint in den letzten Jahren wieder enger zusammenzurücken, man denke nur an Kendrick Lamars „To Pimp A Butterfly“ und dessen ganzen Jazz-Credentials, oder Leute wie Bilal, Robert Glasper oder Flying Lotus, die sich sehr frei zwischen den Genres bewegen. Wie hast du diese Entwicklung wahrgenommen?

Ich glaube, dass das zwar schon immer gegeben war, aber es ist definitiv dope zu beobachten, wie auch jüngere Generationen von Jazz angezogen werden. Meine Generation und die vor uns, Leute wie Pete Rock und gleichgesinnte Brüder, haben diesen Sound an HipHop herangetragen. Die jungen Leute sind davon glücklicherweise auch inspiriert. Für mich ist das alles eine stetige Entwicklung und ich möchte Brüder wie Kendrick und Konsorten dafür loben, wie sie den Sound von Jazz nicht nur benutzen, sondern wirklich an die Grenzen der Innovation gehen, um neue Dinge damit anzustellen. Auch ich möchte einfach nur meinen Beitrag zu dieser Kunstform leisten und das, was bereits geleistet wurde, weiterführen, ohne dabei in Gleichschritt zu verfallen. Ein Innovator zu sein bedeutet, neu und frisch zu produzieren und das sehe ich als meine Aufgabe.

Auf Stones Throw Records tummeln sich ja eine Handvoll Beatmaker und Musiker. Jonwayne sagt, er hat das Gefühl, das Label während seiner Zeit zu einem Ort gemacht zu haben, an dem mehr kollaboriert wird. Wie nimmst du das Gemeinschaftsgefühl dort wahr?

Ich habe das Gefühl, auf diesem Label mit Gleichgesinnten zu arbeiten. Die meisten Leute, die ich in L.A. kennengelernt habe, sind für mich innovative Querdenker und es ist toll, von solchen Leuten umgeben zu sein. Es gibt kein zweites Label, wie Stones Throw. Man wird dort in keine Schublade gesteckt, sondern kann das kreieren, was man möchte. Es ist fast so, als ob sie die Musik sorgenlos in die Welt entlassen. Das zeigt für mich einen großen Respekt für Menschen, die einfach Musik machen wollen.

Du hattest die Ehre, im Rahmen eines „Tiny Desk“-Konzerts mit Common und Robert Glasper im Weißen Haus unter Obama zu musizieren. We ordnest du diese Performance für dich persönlich und in deiner Künstlerkarriere ein?

Für mich war das einfach ein Riesenschritt in die richtige Richtung, eine Chance, mit Menschen, die ihre Stimme zum Guten nutzen, zusammenzuarbeiten. Common nutzt seine Stimme wirklich, um mit und zu den Menschen zu sprechen. Viele der performten Songs beinhalten wirklich eine großartige Message. Diese Songs im Weißen Haus spielen zu dürfen, war für mich eine große Ehre, insbesondere unter Obama und im Angesicht des Wahnsinns, der jetzt vor sich geht. Ich glaube, sowas wie diese Performance wird in diesem Haus nie wieder stattfinden. (lacht zynisch) Das führt mich zur Annahme, dort wirklich Geschichte geschrieben zu haben. Wenn man dabei ist, realisiert man gar nicht den möglichen Einfluss, den sowas haben kann, aber als ich es dann gesehen habe, wurde ich teils wirklich emotional.

Ungefähr zur selben Zeit kam die Dokumentation „The 13th“ von Ava DuVernay heraus, die der Geschichte ethnischer Ungleichheit in Hinblick auf Justiz und Masseninhaftierung in den USA auf den Grund geht. Im Weißen Haus habt ihr auch Commons Titeltrack „Letter To The Free“ gespielt. Ich hatte das Gefühl, dass da viel auf einmal zusammenkam.

Auf jeden Fall. Ich habe diesen Song mit Robert Glasper produziert. Wir haben uns vorher die Dokumentation angesehen und ich habe so viel an Informationen und Input mitgenommen. Der Film hat die Musik inspiriert und beeinflusst. Ich habe von dem Film vieles, was ich noch nicht wusste, gelernt und war beeindruckt. Die Oscar-Nominierung war phänomenal, ich wünschte, der Film hätte auch gewonnen.

Beim Durchhören fielen mir zwei Songs auf: „Crystal Stairs“ und direkt im Anschluss „Sista Misses“. Beide drehen sich um Frauen und scheinen in Beziehung zueinander zu stehen. Wie kam’s zu den Songs?

Für mich sind Frauen wirklich Königinnen und sehr starke Menschen. Ich möchte das als Bruder zweier Schwestern und Sohn einer Mutter anerkennen. Ich finde es sehr schön, Frauen zu zelebrieren und die beiden Songs sind meine Art der Widmung.

Momentan arbeitest du auch am neuen The-Roots-Album mit, richtig?

The Roots ist mit meine Lieblingsband, Questlove mit einer meiner Lieblingsdrummer und mit ihnen zu arbeiten ist stets eine große Ehre. Ich habe mit ihnen schon auf dem „Phrenology“-Album (2002er Album der Band aus Philadelphia; Anm. d. Verf.) gearbeitet. Diesmal hatten sie die Electric Lady Studios (New Yorker Studiokomplex, der 1970 von Jimi Hendrix gegründet wurde; Anm. d. Verf.) als Rückzugsort auserwählt und haben mich eingeflogen. Die verschiedenen Studios innerhalb der Electric Lady, also A, B, C, und so weiter, waren mit verschiedenen Musikern besetzt und die Roots sind dann einfach von Studio zu Studio gegangen, um zu sehen, wer gerade woran arbeitet. Es ist ein laufender Prozess und ich warte auf die zweite Einladung, ins Studio zu kommen. Sie sind immer noch dran.

Beende diesen Satz bitte für mich: In meiner Musik ist ein guter Platz um…

…loszukommen und frei zu sein, insbesondere für die Kopfnicker da draußen. Dieses Album ist hauptsächlich ein Beat-Album und ihr könnt euch Rapper oder Sänger darauf vorstellen oder einfach in die Musik abdriften. Hier findet ihr viel Freiheit.