Karate Andi – Turbo

Bleibt Karate Andi auf seinem Selfmade-Records-Debüt seiner inhaltlichen und musikalischen Linie treu? Alina Klöpper hat sich für uns „Turbo“ genauer angehört.

Mit „Pilsator Platin“ konnte Karate Andi vor mittlerweile drei Jahren vom Schulmädchen über den reflektierten Hipster bis zum Rap-Realkeeper so ziemlich jeden von seiner Figur des zukunfts- und rücksichtslosen Penners überzeugen – die Rap-Persona Karate Andi war damit komplett etabliert. Durch Konsequenz und Alternativlosigkeit bewies er auf seinem Debüt zudem eine wichtige Fähigkeit: Nämlich dafür zu sorgen, dass sich der Hörer innerhalb kürzester Zeit in ihn verknallt.

Auf dem Nachfolger „Turbo“ leidet diese Fähigkeit jedoch, da Andi versucht, die bekannte Inszenierung als Eckkneipenhustler zu erweitern und sie genau damit selbst demontiert. Einerseits behauptet er, sich irgendwie mit „linker Systemkritik“ zu befassen – wobei das eher den Eindruck hinterlässt, er müsste er sich selbst davon überzeugen, abseits von Realitätsverlust überhaupt irgendetwas zu wollen. Zur Folge hat das leider nur den Verlust der erhebenden Promille-Fühls. Andererseits nimmt sich Andi für einen selbstironischen Drogentypen auch abseits von „Für mich ist Mütterficken sowas wie Leistungssport“ ein wenig zu wichtig und die wiederkehrenden Verweise auf „Szenedrogen“ wirken reichlich bemüht. Wirft man einen Blick den Bordstein runter, trifft man eventuell auf Kollege Gossenboss mit Zett, der sich bei einer zum Verwechseln ähnlichen Delivery viel weniger bemüht, cool zu sein. Und es stattdessen einfach ist.

Letztendlich ist „Turbo“ zwar kein schlechtes Album, aber eben auch kein Classic-Kandidat.

Auf der ersten „Turbo“-Hälfte wird gestylt und geohrwurmt – als bestes Beispiel sei hier „Kleid deiner Mutter“ erwähnt, auf dem Andi mit Nico K.I.Z und Mine, die direkt alles ein bisschen golden erscheinen lässt, von seiner gewalttätigen Freundin erzählt. Im Gegensatz dazu geht es danach mit gebrochenen Knien und „Flatrate“ im Puff sehr viel düsterer und daher faszinierender zu. „Komm im Bimma“ wirkt für Deutschrap schon beinah experimentell und „Schwarzer Krauser“ ist ein Beispiel für eine perfekt gelungene Symbiose aus Beat und Lyrics. Wenn Andi auf dem reduzierten und drückenden Beat „Zombierap von der Afterhour“ zum Besten gibt, ist es kein Zufall, dass man, wenn man denn möchte, auch wiederholte „Aua“-Rufe vernehmen kann. Dass die Afterhour nämlich meistens nicht spaßig, sondern eher psychotisch ist, weiß jeder, der mehr als fünf erlebt hat: Man geistert verloren durch irgendwelche Lagerhallen, hält sich zwischenzeitlich für einen begabten Künstler und filmt seine Schuhe beim Stolpern. Dann geht man mit Bauchweh von gefühlten 236 Kippen nach Hause und kann halt doch nicht pennen. Diese Therapiebedürftigkeit reflektiert dann auch „Lass mal bleiben“, wobei der Track (leider?) nur ein Interlude bleibt.

Trotz inhaltlicher Brüche ist „Turbo“ dank knallender Beats, sehr witziger Punches und einer gesunden Anti-Haltung der Welt und vor allem sich selbst gegenüber, super geeignet zur kurzweiligen Untermalung des ein oder anderen Herrengedecks. Man muss dem Selfmade-Zugang wohl außerdem zu Gute halten, dass er allen Befürchtungen zum Trotz weiterhin keine gefällige, sondern konstant rotzige Musik macht. Letztendlich ist „Turbo“ jedoch zwar kein schlechtes Album, aber eben auch kein Classic-Kandidat.

P.S.: Und was soll eigentlich diese ganze Ohne-Kondom-Fickerei neuerdings im Deutschrap? Zurück in die sechste Klasse mit euch!