K. Ronaldo (nicht Yung Hurn) erlöst uns von unseren Scheuklappen

Als K. Ronaldo vor ein paar Monaten auf der Bildfläche erschien, wurde er zunächst einmal als Yung Hurns Alter Ego für bizarre Ausflüge in neue Genres und Bewusstseinssphären verkannt. Wahr ist dagegen, dass Kristus Ronaldo, so sein brügerlicher Name) der Zwillingsbruder des Wieners ist, aufgewachsen in L.A. und gesegnet mit einem mindestens genauso ausgezeichneten Geschmack für Musik, Speisen und Koks. Heute präsentiert K. Ronaldo sein Mixtape „I Wanted to Kill Myself but Today is my Mothers Birthday“.

Der Mythos, den Yung Hurn und seine Freunde von Live From Earth um ihre neue Kunstfigur erschaffen haben, sucht seinesgleichen, was Detailverliebtheit und Qualität angeht. Der Vergleich ist lästerlich in Anbetracht des weiteren Werdegangs des grünen Marteria-Freundes, aber das Projekt K. Ronaldo ruft in seiner Frische und Keinfickgebung Erinnerungen an Marsimotos „HalloZiehNation“-Album hervor, das anno 2006 den gemeinen Deutschrap-Head vor den Kopf stieß. Das tut Ronaldo (und Hurn erst recht) heute auch.

Während aber Yung Hurns bizarrer Druffi-Humor dann doch lebensbejahend klingt, wirken die Songs von K. Ronaldo nihilistischer und noch wirrer. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, schaffen die Instrumentals auf „I Wanted to Kill Myself but Today is my Mothers Birthday“ ein düsteres Vakuum, das irgendwie vom schizophrenen Vortrag des Protagonisten ausgefüllt werden will. Den Höhe- und Endpunkt setzt, auf diese Stimmung aufbauend, die 90s-Trance-Reminiszenz „Coco Jambo“, auf dem Ronaldo um sein Leben kreischt (ok, es geht nur um Koks).

Als der Kollege Fionn Birr heute anlässlich der Veröffentlichung der neuen Beginner-Platte den A&R und einstigen Entdecker der Hamburger, den Wiener Altmeister Walter Gröbchen, interviewte, kam auch der auf Yung Hurn und die neue Leichtigkeit (nicht nur) der Wiener Rap-Szene zu sprechen: „Yung Hurn (passt auch auf K. Ronaldo; Anm. d. Autors) verkörpert für mich den neuen Punk. Diese ganze Cloud-Rap-Geschichte entzieht sich den gelernten und herkömmlichen kommerziellen Kriterien vollkommen. Das sind Statements einer Jugendkultur, die ich in ihrer Dreistigkeit und offensiven Lässigkeit unglaublich spannend finde – auch wenn es selbst mir als Wiener gar nicht so leicht fällt, diesen Acts auf die Spur zu kommen.“ (Hier das komplette Interview mit Gröbchen lesen.)

Belassen wir es dabei, denn zu viel Interpretation macht uns nicht nur angreifbar, sondern schmälert auch den Genuss der Musik. Und die ist erfrischend unbequem, skizzenhaft und dabei völlig frei von Genre-typischen Scheuklappen. Produziert wurden die elf Songs von Dj Heroin, Ricky Hernandez, negative, ghostwerk und anderen Soundcloud-Göttern, als Feature-Gast ist natürlich Yung Hurn vertreten. Und die Songs gibt’s, natürlich und wenn man will, for free.

Am Samstag tritt K. Ronaldo übrigens zusammen mit Lord Pusswhip (Dora Cohnens Interview mit dem Isländer) bei den Temp Affairs in Berlin auf, dem Mini-Festival von Live From Earth und WeBoogie.