„Ich will einen Classic machen“ Johnny Rakete über Ghostwriting, LGoony und Technik

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Untergrund für immer – Johnny Rakete ist ein Rap-Liebhaber und Vollblut-MC. Die dritte EP „Macht’s Gut Und Danke Für Den Fisch“ bestätigt dies abermals auf zwei Ebenen: zum einen verbalisiert sich der Fürther Slacker-Spitter hier seine weed-umnebelten Alltags-Storys auf den lupenreinen Neo-Boom-Bap-Perlen von Langzeitpartner HawkOne erneut in Gedenken an den ehrenwerten Romanautoren Douglas Adams. Zum anderen bekennt sich die Achse Berlin/Bayern im Konzept einer einheitlichen Samplequelle abermals zur HipHop-Kultur. Denn der Abschluss ihrer gemeinsamen „Galaxis“-Trilogie basiert ausschließlich auf Samples des Mobb-Deep-Albums „The Infamous“: Nerd-Alert besonders wertvoll, sozusagen. Fionn Birr traf sich mit Johnny Rakete in Kreuzberg, um mit ihm über Traditionsbewusstsein, Künstlerleben und Yvonne Catterfeld zu sprechen.

Du hast jetzt das dritte Mal mit HawkOne eine EP produziert, die auf einem sehr verkopften Konzept basiert. Woher kommt dieses Nerdtum bei dir eigentlich?

Ich habe früher immer Alben am Stück gehört, und deshalb mag ich es, wenn ein Album einen einheitlichen Sound hat. Es fängt an bei so Sachen wie Wu-Tang Clan, diese RZA-Produktionen, die immer einen roten Faden haben, und hört auf bei Savas mit Melbeats, die als Zweigespann ja auch sehr kohärent waren. Es war immer ein Anspruch, den ich auch an meine eigene Mucke hatte. Dieses Nerd-Ding hat sich mit der Zeit dazuentwickelt. Die erste EP hieß zwar „Per Anhalter durch die Galaxis“, aber das war alles noch nicht so durchdacht. Es lief irgendwann der Film im TV, und da kam uns die Idee mit Galaxis, Rakete, Weltraum usw. – das passte alles zusammen, auch wenn es jetzt total banal klingt. (lacht) Die erste EP ist aber relativ gut angekommen und deshalb wollten wir bei der zweiten EP einfach eine Steigerung dazu und versuchten das eben über ein einheitlicheres Soundbild: ausschließlich Samples von Zelda nehmen. Aber ich bin jetzt nicht der krasseste Legend-Of-Zelda-Nerd, zum Beispiel. Ich war schon immer aber ein Fan von Video-Game-Soundtracks. Wenn du lange Rap hörst und Beats machst, kriegst du irgendwann auch ein Gespür dafür, welche Sachen sich gut samplen lassen. Ich bin dann in einer YouTube-Liste über den Zelda-Soundtrack gestolpert und fand das einfach geil, habe HawkOne ein paar YouTube-Links geschickt und bekam zwei Stunden später den ersten Beat. Ab da war eigentlich klar, dass wir das machen wollen. Ob das jetzt der kreative Move war, zweimal hintereinander, eine einheitlichen Sample-Quelle auf einer EP zu verwenden, sei mal dahingestellt (lacht).

Ausschließlich Samples von „The Infamous“, dem Klassikerdebüt von Mobb Deep, zu verwenden, ist aber auch als klares Bekenntnis zur HipHop-Kultur zu verstehen. Woran liegt es eigentlich, dass diese traditionalistische Sicht heutzutage so belächelt wird, deiner Meinung nach? Hast du eine Art erzieherischen Auftrag?

Nein, am Ende lebt das Ding ja nicht ausschließlich davon, dass es die gleichen Samples sind wie bei Mobb Deep. Also für die Heads, die Mobb Deep kennen, ist es quasi ein Goodie. Aber für die Kids ist das am Ende einfach eine geile Platte mit geilen Beats. Ich glaube aber, dieser Streit zwischen den Generationen ist immer schon da gewesen. Die Jungen sagen doch immer von den Alten, dass die kacke und alt ist – und vic versa. Aristoteles oder Platon haben sich auch schon über die Jugend beschwert. Als Savas gekommen ist, hat der auch auf alles geschissen, was zu der Zeit im Deutschrap Gang und Gäbe war. Es ist immer ähnlich.

Mittlerweile gibt es aber nicht nur Rapper, sondern sogar „Journalisten“, die sich in diesem HipHop-Kosmos bewegen und aber ganz bewusst von der Kultur abgrenzen – und das legitim finden.

Ich glaube, das liegt zum Teil daran, dass HipHop früher noch nischiger war, das war einfach noch eine Subkultur. Jetzt ist HipHop Mainstream. Auch durch Soundcloud, Twitter, Facebook und das Internet überhaupt hat das einfach ein viel größeres Publikum bekommen – das kriegen jetzt halt auch Menschen leichter mit, die damit früher vielleicht nichts zu tun gehabt hätten. Viele davon finden dann vielleicht ein oder zwei Acts cool, gehen da aufs Konzert, aber haben im Endeffekt nicht wirklich viel mit HipHop am Hut. Ich kann das aber gar nicht so wirklich beurteilen, ob die Kids, die jetzt zum Beispiel Cloudrap hören, zuhause nicht doch vielleicht auch Wu-Tang pumpen. Gibt’s bestimmt auch. Ich würde nicht zwingend sagen, dass das eine das andere ausschließt.

Wie stehst du denn zu dieser Ablehnungshaltung? Du bist ja eigentlich genau diese Generation, die darauf scheißen müsste.

Also, wenn zum Beispiel ein LGoony auf einem Track sagt, er kenne keinen Song von 2Pac, weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Wenn Rakim vor 20 Jahren nicht so gerappt hätte, wie er es getan hat, würden die jetzt auch keinen Cloudrap machen. Das hängt doch alles zusammen. Ehy, am Ende hört Future bestimmt zuhause Rakim. (lacht) Du kannst dich dem eh nicht entziehen, weil das die Grundlage für alles ist. Es ist dumm, das aus Trotz scheiße zu finden. Das nervt mich. Klar, die Jugend will sich abheben von den Alten und will was anderes machen. Aber am Ende kannst du dich klassischem Rap nicht entziehen. Das gehört alles dazu. Wir stammen alle davon ab.

Du eröffnest die EP „Jetzt hab‘ ich endlich ein bisschen Fuß gefasst…“ – in welcher Situation, hast du oder habt ihr festgestellt, dass ihr „Fuß gefasst“ habt?

Ich glaube der wichtigste Indikator ist, die Präsenz und der Support von Radios, Blogs oder Magazinen. Das ist eines der Sachen, an denen du es merkst. Man releast etwas und die Leute interessieren sich dafür. Man muss nicht jedem hinterherrennen, keine gesponserten Posts machen und tausend E-Mails schreiben. Die Leute, ob Fans oder Medien, pushen es von sich aus. Das fing bei mir mit „Per Anhalter durch die Galaxis“ langsam an. Ich bin kein Newcomer mehr, also in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht schon, aber ich fühl mich nicht wie einer. Ich release seit 2012 meine Sachen, seit fünf Jahren und spiele Auftritte, war zweimal auf Tour, führe Interviews. Ich habe mittlerweile schon ein bisschen Routine.

Gleich im Anschluss sagst du auf „Gib auf“: „Verbringe zu viel Zeit damit, mir Zeit für Ausreden zu nehmen“ – warum suchst du nach Ausreden, wenn du doch eigentlich – wie im Track davor angedeutet- ein konkretes Ziel hast?

Das ist weniger auf das Musik-Ding bezogen, sondern mehr auf den Rest meines Lebens. Im Sinne von: Uni, Leben auf die Reihe bekommen, Rechnungen zahlen, zwischenmenschliche Sachen, Beziehungen, Freundschaften.

Sind das aber nicht die „Opfer“, von denen man spricht, wenn man Erfolg haben will?

Ich glaube schon, das es wahrscheinlich eine der Preise ist. Ganz banales Beispiel: Durch meine Rap-Sache habe ich als Student unter der Woche relativ viel Zeit, aber sobald die Festival-Saison losgeht, bin ich straight jedes Wochenende unterwegs. Meine Homies haben dann aber alle Zeit, ich bin dann aber „arbeiten“, sozusagen. Da bleibt schon was auf der Strecke, aber das ist halt der Preis, den du zahlst – das gehört dazu. Ich sehe das als notwendiges Übel. Die Wahl wäre ja dann, drauf zu scheißen und eben nicht zwei Tage nach Berlin wegen Interviews zu fahren, sondern abzuhängen.

Du studierst auch noch – unter anderem Philosophie. Das ist ja doch eine eher bürgerliche Herangehensweise: Hast du etwa Angst vor einem reinen Künstlerleben?

Ja, vielleicht irgendwie. Du kriegst ja auch von kleinauf eingebläut, dass du etwas lernen musst. Meine Eltern kommen auch aus dem Ostblock: da ist die Mentalität nochmal anders, Bildung hat einen sehr hohen Stellenwert, du solltest einfach einen Abschluss haben. Das setzt sich dann auch in dir fest, wenn du das als Kind immer wieder erzählt bekommst. Ein Künstlerleben ist halt eine krasse Unsicherheit. Das ist ein Schritt, der Eier erfordert. Aber Alter, ich will halt auch nicht nach Berlin ziehen und meine Miete davon zahlen, irgendwo an der Kasse zu stehen, weil ich unbedingt Künstler sein will. Aber ghostwriten würde ich zum Beispiel gerne. Das wäre ein Kompromiss, ich könnte mit dem, was mir liegt – dem Schreiben – Geld verdienen. Yvonne Catterfeld, melde dich doch mal! (lacht)

Das sind ja schon mehrere Optionen, die du dir da offen hälst. Du sprichst ja auch gerne von dir, als Teil der Generation Y. Hast du ein Problem mit Zielsetzung?

Ich bin der Kurt Cobain der Generation Y. (lacht) Ich habe es auf „Einfach“ gesagt: „Zu viele Türen stehen offen“. Das ist das Dilemma. Ich könnte auf die Uni scheißen und nach Berlin ziehen, ich kann nach Australien auswandern und Orangen pflücken. Es gibt aber nichts, was mich in eine bestimmte Richtung lenkt – ich weiß allerhöchstens, was ich heute Abend mache. Die Uni ist vermutlich die krasseste Konstante in meinem Leben, da kommt ja auch von meinen Eltern oder auch der Gesellschaft ein bisschen Druck hinzu. Dass du aber so viel machen kannst, ist ein Problem. Du wägst ab, siehst die Vor- und Nachteile einer Option und drehst dich im Kreis – und machst am Ende gar nichts.

Wenn man das jetzt herunterbricht, ist das eine recht kapitalistische Sichtweise. Du konzentrierst dich ja dann am Ende in erster Linie darauf, ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein. Wonach strebst du denn mit deiner Musik?

Zum einen denke ich mir halt, dass ich diesen Materia-Film will. Ich will beim Rock am Ring stehen, mein Mic ins Publikum halten und 10.000 Leute singen meinen Text, ich will ein Haus mit Pool und all das. Auf der anderen Seite will ich aber mit Hawki auch ein Album machen, über das Leute so reden, wie ich über „Versager ohne Zukunft“ rede. Manchmal überlege ich mir: „Was wäre mir persönlich mehr wert für meinen Seelenfrieden – Mainstream-Erfolg oder Klassikeralbum?“ Da sage ich ganz klar: „Lieber einen Classic machen.“ Am Ende musst du ja aber auch irgendwie Geld verdienen. Du lebst ja auch in diesem kapitalistischen System hier in Deutschland – wie willst du dich denn dem komplett entsagen?

Ich würde gerne ghostwriten: Yvonne Catterfeld, melde dich doch mal!

Johnny Rakete

Du hast bisher nur EPs und Mixtapes releast. Ist das Format „Album“ für dich nicht mehr zeitgemäß?

Doch, das ist eigentlich immer noch die Hauptform, Musik zu veröffentlichen. Wenn du dir Desiigner oder Fruchtmax anguckst, haben die ja trotz eines großen Hits, immer noch Mixtapes produziert: Oder wie du das nennen willst, wenn mehrere Songs gebündelt erscheinen. Meine drei EPs waren aber auch in meinem Kopf auch als kleine Alben angelegt. Der Aufbau, wie es sich anfühlt, ist ähnlich: es muss rund sein, aus einem Guss klingen. Das ist der Anspruch bei einem Album, nur dann eben noch eine Schippe drauf. Ich sagte es ja: Ich will einen Classic machen.

Aber die Bezeichnung „Mixtape“ kann ja auch als Ausrede herhalten, dass man sich vor genau diesen Ansprüchen drückt.

Naja, für ein Album musst du ja bereit sein. Ich habe mich mit diesem Gedanken aber auch einfach noch nicht auseinandergesetzt. Das liegt auch daran, dass ich kein sonderlich fleißiger Schreiber bin. Ich schreibe sehr impulsiv: ich komme vom Kacken, es fängt ein Beat an und ich habe beim Reinkommen direkt eine Idee. Ich kann mich nicht zwingen zu schreiben, das funktioniert nicht. Außerdem stand nach der ersten EP schnell fest, dass wir ein Trilogie daraus machen – also habe ich jetzt erstmal diesen Plan abgearbeitet. Ich gehe aber auch sechs bis sieben Mal über meine Tracks, damit auch wirklich alles so sitzt, wie ich es haben will. Also, für das Wenige, was kommt, nehme ich mir viel Zeit. Jetzt ist aber der nächste Step, ein Album zu machen.

Ein Zitat von Douglas Adams besagt: „Alles, was vor unserer Geburt an Technik da ist, wird als gegeben hingenommen. Alles, was zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr auftaucht, ist ungemein spannend. Alles, was danach auftaucht, ist Teufeslzeug.“ Hast du eigentlich Ansgt vorm Altern, wenn du dir so viel Zeit lässt?

Ja, schon irgendwie. Vielleicht wäre es klüger gewesen, ein Album früher zu machen und hätte sogar zu Erfolg geführt. Aber gerade, was dieses Musik-Ding angeht, brauchst du Geduld. Ich glaube, das ist eine der größten Maxime: einen langen Atem zu haben. Da fallen mir auf Anhieb Casper und Megaloh ein. Schau mal, wie ewig lange die Mucke gemacht haben. Ich habe Mega das erste Mal auf einer Juice-CD im Jahr 2005 gehört („Echt Kult„; Anmerk. d. Verf). Erst 10 Jahre später hat der doch erst richtig stattgefunden und hat seinen Hak bekommen. Maeckes, Orsons – die haben doch alle 10 Jahre veröffentlicht bis es wirklich lief. Ich will mir einfach die Zeit lassen, die es braucht.

Johnny Rakete geht im März/April auf Tour. Alle Infos hier.