KitschKrieg interviewen Joey Bargeld: „Ich find‘ das richtig lustig, Hörer zu verstören.“ // Interview

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Sommer 2017. Der in Untergrundkreisen unbescholtene Joey Bargeld hat seine „1“-EP veröffentlicht, das KitschKrieg-Dreiergespann hat ihre splash!-Bühne erfolgreich gehostet und was noch keiner so richtig ahnen kann: Kurz darauf wird Trettmann den Hype des Jahres auslösen. Involviert darin sind natürlich KitschKrieg, alte Weggefährten, verantwortlich für Produktion und Organisation und auch Joey Bargeld, der mit ihm auf seiner ausverkauften Tour mitreist. Jetzt schreiben wir Januar 2018, es ist kalt, dunkel – kein besserer Zeitpunkt, um den Fokus auf Bargelds düstere Sounds zu lenken. Den nächsten Schritt geht er mit seiner „1.1“-EP – es ist bestimmt nicht der letzte. Miriam Davoudvandi hat das Gespräch im Sommer zwischen KitschKrieg und Joey Bargeld (in Katja Saalfrank’schem Manier) dokumentiert. Ein Kennenlernen zwischen Altbekannten.

Fizzle: Das ist Joey Bargeld. Entgegen aller Erwartungen ist er ein sehr fokussierter Typ, der sehr gut vorbereitet zum Interview kommt und auch bei der Arbeit immer sehr fokussiert ist.

Joey: Das hier ist der erste Promo-Tag meines Lebens. Bin begeistert. Aber wir können ja mal einsteigen: Ich bin Joey Bargeld, ich komme aus Hamburg, bin alt und mach‘ Musik.

Fizzle: Wie alt denn?

Joey: Steinalt…

Joey: Wo kommt ihr her? Ihr seid alle keine Berliner, richtig?

°awhodat°: Nur ich habe Berliner Wurzeln, also mein Vater ist in Ost-Berlin geboren.

Joey: Woher kennt ihr euch, also wo habt ihr euch das erste Mal getroffen?

Fizzle: Kris und ich haben uns mit unseren Vorgänger-Projekten beim Auflegen getroffen. Ich erinner mich daran, dass ich im Brain Klub in Braunschweig aufgelegt habe und dann standen die plötzlich neben mir und haben ihre eigenen Beats gespielt auf ihren selbstgebauten Controllern.

Kris: Symbiz.

Fizzle: Ja, Symbiz. Ich dachte mir: “Krass, wo kommt das jetzt her?“ Das gab’s sonst nicht.

Kris: Außerdem war Fizzle noch Veranstalter und einer der ersten, der uns dann zu einem Gig nach Krefeld gebucht hat.

Fizzle: Darf ich mal ’ne Frage stellen? Ich hab‘ mich unglaublich darauf gefreut, diese Frage zu stellen. Wir haben oft vom ersten Zusammentreffen zwischen KitschKrieg und Joey Bargeld erzählt. Das Szenario hat mich im Studio komplett überfordert. Du mit Haiyti, vom Feiern kommend, gefühlt zwei Tage Berghain hinter euch und dann direkt ins Studio und meintet “Wir müssen jetzt diesen Song machen”, von dem ich natürlich auch nichts vorher wusste. Und dich, Joey, hatte ich davor auch noch nie gesehen.

Joey: Den Beat gab’s natürlich auch gar nicht.

Fizzle: Nö, es gab nichts. Ihr wart halt einfach da und dann hatte Haiyti die Idee zu „Zeitboy“, dann musste das auch gemacht werden. Und du musstest auf den Track. In meiner Wahrnehmung hat sie dich gezwungen und rief „Mach das jetzt!” und „Jetzt dein Part!“ und „Schreib den!“ und “Wieso ist das noch nicht fertig?!“, wie das halt so läuft mit ihr. Mich hat das komplett überfordert. Wie war’s denn für dich? Kannst du dich überhaupt erinnern?

Kris: Du hast auch erzählt, dass du dieses Trettmann-T-Shirt anhattest, das aber in Haiytis Größe war und den unseriösesten Eindruck gemacht hast, den man sich vorstellen kann.

Joey: Für mich war es wie immer. Dass Haiyti klar weiß, was sie will und dann sagt, was sie möchte und das dann durchsetzt. In Hamburg hatten wir schon unser Studio und ich finde das sehr lustig und erfrischend, wenn jemand so ist.

Kris: Die Aufnahmen sind auch krass, weil die Stimmen nach zwei Tagen durchgefeiert klingen. Aber darum ist das so ein guter Moment. Irgendwie hat das so eine Magie.

Fizzle: In dem Moment war ich einfach nur gestresst, aber im Nachhinein ist es für mich eine der lustigsten Studio-Sessions.

Joey: Hört ihr privat überhaupt noch Musik?

Kris: Ich hab grad eine David Bowie-Nachholrunde gemacht, was dank Spotify und Co. echt einfach ist. Und wir schicken uns ständig Sachen. Dann immer mal so neue Sachen und auch alte Sachen, damit man bei der Produktion alles kennt, was der andere auch kennt. Damit, wenn man sagt „Mach’ mal so’n David Bowie-Type-Beat“, dass das dann klar ist. Und du, du hörst nicht so viel Rap, oder?

Joey: Eigentlich kaum. Die neuen Sachen zieh ich mir manchmal rein, meistens les ich Überschriften und klick mich rein und beende dann wieder. Ist auch schwierig, was alles auf einen einprasselt in der Szene.

Kris: Und °awhodat° hört nur “SremmLife”. Den ganzen Tag. Aber das ist auch wichtig. °awhodat° hat die Sachen immer ziemlich früh am Start. “SremmLife” und Post Malone.

Fizzle: „White Iverson“ hat sie z.B. mit 2500 Soundcloud-Plays rausgegraben.

Joey: Es gibt so’n Musik-Kritiker aus den USA, der ist erst 13 oder so, auf Youtube. Der hat RaeSremmurd zerissen. Aber es gibt immer Menschen, die nicht mögen, was du machst. Auch grad im Deutschrap. Ist der Nährboden für Stress. Aber juckt mich gar nicht.

Kris: Ich hab noch ne Frage: Was ist mit deinen Haaren passiert?

Joey: Ich hatte die Idee, sie für den splash!-Auftritt nach oben wachsen zu lassen.

Kris: Dann hab ich keine weiteren Fragen. (lacht)

Fizzle: Das war eine wirklich schöne Frage. Hat mir gut gefallen.

Joey: Ich will mal zur Musik übergehen. Du kommst vom Dancehall, ne? Bist dadurch zur Musik gekommen?

Fizzle: Nee, ich habe mit Punkrock angefangen, dann ging es mit Ska weiter. Und dann gehst du auf die Konzerte und da sind die ganzen Skinheads und dann lernst du halt so Early Reggae kennen. Als ich 18, 19 war, bin ich dann das erste Mal nach Jamaika. Und dann war alles völlig vorbei. Einmal Kingston gesehen und die Soundsystems und das alles… Egal, ob im Hotel, im Supermarkt oder im Taxi, überall läuft Mucke. Und die Leute beschäftigen sich damit. Das hatte ich vorher noch nie gesehen. Denn hier ist Musik ja so ein Nebenbei-Ding. Irgendwann habe ich angefangen, Platten zu kaufen und sie nach Europa zu importieren. Dadurch habe ich die Lager kennengelernt, die meistens ein Studio dazu haben. Das heißt, du schaust in die Studios rein, lernst die Künstler kennen, die da abhängen und eben die ganze Kultur. Und die basiert halt darauf, dass da ein Studio ist, das immer auf ist und in dem immer Leute arbeiten. Davor hängen halt 30 andere Leute ab, die darauf hoffen, mal in das Studio reinzudürfen.

Joey: Und das alles auf so einer kleinen Insel.

Fizzle: Unfassbar, ne? Da wohnen nicht einmal drei Millionen Menschen auf der Insel und was die da für einen Impact haben in Sachen Musik ist totaler Wahnsinn. Keine Ahnung, wie die das hinkriegen.

Joey: Self-confidence!

°awhodat°: Ich kann mich erinnern, als du zurückkamst, dass du diesen Flash hattest: „Ich hab alle Möglichkeiten, ich kann alles machen und die haben quasi nix, aber schaffen trotzdem viel mehr.“ Das war auf jeden Fall so dieser Moment.

Fizzle: Und das ist im Endeffekt auch das, um den KitschKrieg-Bogen wieder zu kriegen, was wir heute machen. Das basiert darauf. Daraus haben wir viel gelernt und diese Soundsystem-Kultur basiert darauf, dass du echt aus relativ wenig, wenn du dich reinhängst und Ideen hast, derbe viel machen kannst. Bei uns wurde letztes Jahr gesagt „Guck mal, wieviele Lieder die veröffentlicht haben“. Das wär auf Jamaika keine große Leistung gewesen. Super, die Produzenten haben 40 Lieder – das macht da jeder.

Fizzle: Joey, du hast Dancehall auf der Schanze aufgeschnappt, oder wie?

Joey: Nee, über meinen Onkel Bonez MC. Zuerst war ich auf dem Eurodance-Film, La Bouche und wie sie alle heißen. Dann hat er mich gerettet und mir Snoop Doggs “Doggfather” geschenkt. Als Dancehall nach Hamburg übergeschwappt ist, sind wir immer auf viele Partys gegangen. Außerdem bin ich großer Samy Deluxe-Fan.

Joey: Wer ist der Boss? Habt ihr überhaupt einen?

Kris: Nee, es gibt Zuständigkeitsbereiche, in denen jemand Boss ist. Und eigentlich sprechen wir uns gefährlich wenig ab. Eigentlich fast nie. In den Bereichen werden immer nur Fakten geschaffen. Das ist dann halt so. Natürlich kann man dann nochmal drüber reden: „Magst du deine Entscheidung eventuell nochmal überdenken?“

°awhodat°: Wie würdest du, Joey, deine Musik beschreiben?

Joey: Ich hab mich so’n bisschen vom Rap, vom Rapper… Ich kann das Wort nicht mal richtig aussprechen… Wie John Webber. Das hat Spongebozz ihm nämlich auch vorgeworfen, dass er das Wort „Rap“ nicht aussprechen kann. John Webber ist ganz schlimm. Aber egal. Ich kann halt nicht rappen. Mein erster Produzent hat immer gesagt, ich würde immer am Ende auf dem Takt rappen, aber wäre dazwischen immer offbeat. Ich weiß nicht, wo das herkommt. Ich bin auf jeden Fall kein Techniker, der so rumspittet und dir 20 Bars an die Ohren klatscht. Das kann ich nicht.

Fizzle: Dadurch wird da auch sowas eigenes daraus.

Joey: Keine Genre-Geschichten, wo ich mich festlegen möchte, sondern einfach machen. Scheiß drauf. Wenn der eine Song Punk ist, mit Gitarre, dann ist der Punk mit Gitarre. Wenn der andere Song Elektro ist, Elektro, dann HipHop, ist eigentlich alles scheißegal.

Fizzle: Ich glaub, du endest halt so als ganz eigener Künstler. Jetzt wird es in den HipHop-Medien besprochen und mit HipHop assoziiert und deswegen ist es für die Leute auch ein bisschen verstörend, teilweise. Was ich richtig geil finde. Ich find‘ das richtig lustig, Hörer zu verstören. Aber das ist der Unterschied zu den Sie-kommen-und-sie-gehen-Künstlern, dass du jetzt schon so eigen bist.

Joey: Bei “Drogen” haben auch viele kommentiert, dass sie Angst haben. Über Drogen an sich möchte ich gar nicht so viel reden. Ich hab diese Dinger und verkaufe sie und hab schon sehr viel Erfahrung damit, also war der Song eine Reflexion von dem, was ich gerade so getan habe. In dem Video war ich komplett gaga. Verstehe schon, dass man sich fragt: “Was ist los mit dem Jungen?” und dass man Angst bekommt.

Kris: Haben sie Angst vor dir oder Angst um dich?

Fizzle: Ist aber auch nachvollziehbar. Ist ein krasser Song.

Kris: Du machst jetzt auch Beats, oder?

Fizzle: B-b-b-b-Bargeld-Beats! (lacht)

Joey: Ja, das macht auch Spaß. Ich freu mich dann immer, wenn ich da sitze und es klappt.

°awhodat°: Aber das war auch meine Frage. Du machst ja jetzt auch Beats. Hast du vorher schonmal Musik gemacht?

Joey: Ich habe zwei Monate Klavier gespielt und Gitarre für einen Monat. Hat alles nicht besonders viel gebracht. Ich habe aber immer geschrieben und gerappt. 2006 habe ich den ersten Song gemacht, 2007 so Dirty South-Kram. Aber das war frauenfeindliche Partymusik. Wir sind regional viel aufgetreten etc., aber dennoch möchte ich das Kapitel abschließen. Auch die Produktion war einfach Kinderzimmer. Wir haben einfach besoffen ins Mic geschrien.

Joey: Ok, wir brauchen mehr Fragen. Entweder-oder-Fragen! Club-Tour oder Hallen-Tour?

Fizzle: Halle.

Kris: Jedes Mal wenn du auf die Bühne gehst…

Fizzle: Jetzt geht’s bergab.

Kris: …kriegst du Schluckauf. Oder du bekommst bei der wichtigsten Show deines Lebens zornigen Durchfall. Aber nur einmal!

Joey: Boah, Schluckauf ist eklig. Aber in die Hosen scheißen geht gar nicht. Dann lieber Schluckauf.

°awhodat°: Damit sich so ein bißchen der Kreis schließt, habe ich drüber nachgedacht, was mein erstes Foto oder unsere erste Begegnung war. Kannst du dich an das erste KitschKrieg-Joey Bargeld-Foto erinnern?

Joey: In Hamburg…

Kris: Beim “Messer”-Videodreh mit Haiyti.

°awhodat°: Und das erste Foto war nämlich während eines schönen Moments. Wir sind am Strand langgelaufen, wollten zum Fischimbiss und dann bis du so selbstverständlich in diesen Plattenladen gegangen…

Joey: In dem ich übrigens vorher noch nie war.

°awhodat°: … und du bist da so zielstrebig zur Hardcore/Punk/Hardrock-Ecke gelatscht und hast dir die Bad Religion-Platte “How could hell be any worse?“ gekauft. Ich kannte dich da ja noch nicht und das war so „Das ist auch so’n junger Rapper aus Hamburg“ und so, aber als ich das Foto gemacht habe, war mir irgendwie klar “Nee, der ist anders.” Ich konnte das noch nicht so in Worte fassen, aber dass ich so ein Gefühl hatte, dass da irgendwie noch so viel mehr in dir steckt als Künstler, Mensch, was auch immer. Das war der Moment, als ich dachte, der ist irgendwie ein Punker, im Sinne von: nicht der Norm entsprechend.

Fizzle: Genau, so wirklich im klassischen Sinne und nicht Punkrock als Verkaufsargument oder „Ich mach mir so’n paar Nieten an die Jacke“ und so’n Scheiß. Dieses Selbstzerstörerische, was über die Grenze hinaus geht, ist nicht Marketing, sondern man hört es in den Liedern, dass es nicht ausgedacht ist, dass eigentlich alles scheißegal ist. Und auch so stark, dass das an ’nem bestimmten Punkt ganz riesig werden wird, weil das so echt ist.

Joey: Ich hoffe du behältst Recht! Aber wenn nicht, ist das auch nicht schlimm, weil ist ja Punk, ist ja alles egal.