JBGeh weider! Kollegah und Farid Bang demontieren sich selbst

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Kollegah und Farid Bang vollenden ihre „Jung, Brutal, Gutaussehend“-Trilogie und übertreffen sich in fast jeder Hinsicht noch einmal selbst. Das ist einerseits beeindruckend, zeigt aber leider auch: Höher, schneller, weiter ist nicht immer besser. Unser Autor Tristan Heming hat die Demontage der Selbstdemontage vom „Boss“ und „Banger“ kommentiert.

Bushido fickt seine Hunde, spielt WoW, Ali ist fett, Bushido fickt seine Hunde nochmal, Ari bekommt 50 Prozent. „Ey Farid, das ist ein bisschen dünn.“ „Ja, denken wir uns doch einfach was aus.“ „Depressiv und bettelt nach Feature?“ „Komm Junge!“

Der erste große Bushido-Diss seit bestimmt zehn Jahren. Das könnte eine ganz große Nummer sein. Der Mangel an überraschenden Lines zeigt aber: Kollegah und Farid finden keine gute Angriffsfläche, das Thema will einfach nicht spannend werden und einen ernsthaften Konflikt, über den man reden könnte, gibt es scheinbar auch nicht. Der Grund ist viel einfacher. „JBG“ hat schon immer gegen alles „andere“ geschossen, die meisten Opfer sind altbekannt. Da kann man dann auch Traprappern durch ihre Trikots ballern, Bomben in Realkeeperrucksäcken versenken und trotzdem Wörter wie Swag, Homes und Spitten verwenden. Es muss als roter Faden ein neues, eindrucksvolles Feindbild her. Der Bushido-Diss ist langweiligst kalkuliert.

„Boss und Banger“ haben es geschafft, die relativ niedrigen Erwartungen noch zu untertreffen. Die immer gleichen fünf Beleidigungen wiederholen sich über etwa 20 Tracks mal mäßig witzig (Farid), mal völlig deplatziert (Kollegah) so oft, dass man sich wünscht, sie ließen es endlich gut sein. Als Farid „Asphalt Massaka 3“ zu einem Fler-Diss-Album machte, war das auf eine perfide Art noch lustig. Vor allem seine legendären Lachanfälle im rap.de-Interview zeigen ganz gut, wie ernst er sich bei diesem Album nehmen konnte (eher weniger). Aber der Tonfall hat sich geändert: „JBG3“ fehlt der Humor.

Dominanzphantasien, Frauenunterdrückung, Gewalt: Auch „JBG2“ konnte man mit Recht übel finden. Entscheidender Unterschied: Es gab einen Witz. Den kann man gut oder schlecht finden, moralisch falsch und zu Recht sagen, dass viel zu viel wahrer Kern in den dicken Sprüchen steckte. Aber: Die Tabubrüche und Grenzüberschreitungen waren Stilmittel, die eine Pointe erzeugten: „Wir sind die beiden asozialen Underdogs und ficken jetzt alles was irgendwie etabliert ist.“ Auf „JBG3“ ist die Grundstimmung anders. Sie verteidigen ein Standing und missbrauchen dafür ihre Machtposition. Den „Kings“ ist es damit ernst, entsprechend wird auch nicht mehr gelacht.

Dadurch wird aus einem zweifelhaften Spaß zynische Ekelhaftigkeit. „Zieh dein Kleid aus, wir sind hier nicht bei der Gay Parade!“ (Rap Wieder Rap). Welcher deutschsprachige Rapper trägt denn Kleider? Es soll hier vermutlich um Longshirts oder Oversized Sweater gehen, aber Farid rappt kurz danach, dass er sie auch selber trägt. Das ist nur eine fadenscheinige Ausrede, eigentlich wird hier inzwischen einfach völlig kontextlos Hetze gegen Homosexuelle betrieben. Pro forma werden Rapper erwähnt, um es als Diss zu tarnen und zum „Stilmittel“ zu machen. Wirklich Mühe gibt Kollegah sich dabei nicht mehr. Ist ja auch egal, die eigene Zielgruppe ist ja schon auf Kurs und kauft es sowieso.

„Bang‘ Sidos dämliches scheiß Flittchen / Sie ist zu eng, ich nutz‘ ihre Tränen als Gleitmittel“ (Warlordz). Selbst für eine Generation, die Bassboxxx überstanden hat, ist das übel. Da fehlt jede Pointe, das ist kein noch so schlechter Vergewaltigungswitz: Es ist eine Vergewaltigungsbeschreibung. Bildhaft, positiv. Dass dann später noch Joy Denalanes „Afrofrisur“ (Drecksjob) zum Auto-Politurschwamm wird und es scheinbar lustig sein soll zu behaupten, dass Chakuza von seinem Vater vergewaltigt wurde, zeigt nur, dass die Ekelhaftigkeit bewusst auf allen Ebenen auf ein neues Level getrieben wird. Das ist kein Dissen für Promo mehr, das ist Fremdenhass für Geld von zwei der erfolgreichsten Rapper Deutschlands.

Aber das ist Rap, harte Worte sind Teil jedes Battles. Ja, das stimmt. Es gibt für ein Battle keine festen Regeln, es gilt Kunstfreiheit. Das bedeutet aber eben nicht, dass man hinterher nicht für das, was man sagt, geradestehen muss. Der Vorwurf ist ja auch nicht: „Ihr habt die Regeln des Battles verletzt, ihr seid raus.“ Sondern: „Du geilst dich und deine Hörer an ekelhaften Vergewaltigungsphantasien auf.“ Ohne Witz, ohne doppelten Boden. Nur, weil du immer noch krasser sein wolltest. Da machst du dann auch „wieder mal nen Holocaust“ (Gamechanger). Sehr edgy, sehr hart, aber leider auch sehr dumm und widerlich.

Erwartungen werden bedient, das Augenzwinkern fehlt. Das Skit mit „Florian von tightflow.de“ fasst alles gut zusammen: Hier wird einfach ein Witz wiederholt, aber ohne klamaukigen Unterton des Originals. Das wandelt sich dann von dumm zu gefährlich: Farid nennt Hamad 45 aus Essen „Shooting Star“ (Gamechanger), nachdem er an einer Schießerei beteiligt war. Sie haben es so nötig, Skandale zu provozieren und Relevanz zu erzwingen, dass alles andere in den Hintergrund tritt, auch ganz reale Menschenleben. Und das, obwohl der Konflikt mit Bushido angesichts seines Achterbahnverlaufs offensichtlich total austauschbar ist und nur auf verletztem Stolz basiert.

Wie konnten die ehemaligen Untergrund-Geheimtipps hier landen?

Flashback, 2009, „JBG1“: Kollegah war als der krasse Geheimtipp-Rapper mit den wahnwitzigen Dreimal-um-die-Ecke-Texten etabliert, Farid noch kompletter Newcomer, der mit „Asphalt Massaka 1“ die Straßenkids zum Schmunzeln brachte. Das Album ging unter, weil die Fans nicht zusammenpassten. 2013 klappte das schon besser. Kollegah war der Kluge mit den Business-Moves und krass pointierten Lines, die in einigen Silben einen ganzen Witz erzählten, Farid brachte Lockerheit, Street Credibility und seinen klamaukigen Krawallo-Humor mit.

Sie brachten frischen Wind in die Szene. Harter Rap konnte auf einmal glaubwürdig und trotzdem nicht bierernst sein. Aber den Part machte leider kaum jemand nach: Alle zählten plötzlich Silben, hatten Doubletime und Reimketten und redeten grausam viel darüber. Rap-Qualität sollte plötzlich in Zahlen messbar sein. Die logische Konsequenz war Spongebozz, die völlige Überzeichnung. Als nächstes musste dann der Bruch erfolgen, Trap, Cloud und Afrotrap mit Nonsens-Lyrics brachten die vermeintliche Lockerheit zurück.

Das löste bei unseren Protagonisten natürlich vor allem eines aus: Unbewusste Angst vor dem eigenen Bedeutungsverlust. Inzwischen ist jeder Witz erzählt, viel weiter geht es auf der Technik-Leiter nicht mehr nach oben. Im Optimierungswahn-Tunnelblick ist jedes Gefühl verloren gegangen. Wo „JBG2“ noch funktioniert hat, als Weckruf nicht wirklich, aber zumindest als Schenkelklopfer, ist „JBG3“ nur eine verkrampfte Perfektionierungs-Farce. Die gelingt, aber es fühlt sich nicht mehr gut an. Die Arroganz ist nicht mehr überzeichnet, sondern echt.

Vergewaltigung, Rassismus, Hitler- und Stalin-Namedropping, Holocaustsprüche: All das ist in seiner Masse eigentlich so ekelhaft, dass man Kotzen könnte. Das Einzige, was es erträglicher macht, ist, dass die Themen, die die immer gleichen Schnipsel für die uninspirierte Beleidigungscollage „JBG3“ abgeben müssen, sich derart penetrant wiederholen, dass man bald nur noch ein gelangweilt-missbilligendes schiefes Lächeln hervorbringt.

Verblüffend wird „JBG3“ erst im Song „Düsseldorfer“. Denn hier vergeigen die Halbkanadagermanenkampfmaschine und der mütterfickende Marokkanerschwarzfahrertaliban auch noch kolossal auf ihrem Kerngebiet: Reime, Wortketten, Umgang mit Sprache. Kollegah betont an einer Stelle „Gewalt“ so penetrant falsch auf die erste Silbe, dass man sich an die schlechteren Mixery-Freestyles von MC Rene erinnert fühlt. Auf dem langsameren Beat zeigt sich viel zu deutlich, wie wenig musikalisches Gefühl Kollegah besitzt und dass Flow eben doch mehr ist, als rhythmisch korrekt Silben hintereinanderzuballern. In der Hook ist Kollegahs Einsatz so dermaßen unnatürlich, dass man Farid zurufen will: Bitte, setz Felix-Antoine endlich ins Büro, der ist als Manager deutlich besser.

Der Schlussakkord: Auch musikalisch ist das einfach kein gutes Album. Die Produktionen könnten größtenteils so von „Asphalt Massaka 3“ stammen, die Texte sind langweilig bis ekelhaft und von da wieder zurück zu ausgelutscht. Die Reime überraschen nicht wirklich; es gibt fast nur die Kategorien „voraussehbar“ und „unverständlich“. Die Grundhaltung ist unerträgliche, unbegründete Arroganz. Die einzigen Lichtblicke setzt Farid mit wenigen guten Flowpassagen und einer Schmunzler-pro-Song-Quote von 0,5.

Doch halt: Am Ende kommt der Knock-Out. Zum ersten Mal wirklich interessant (außer als Anschauungsmaterial für den Niedergang seiner Protagonisten) wird das Album in der Outro-Strophe, in der die beiden ihre eigene kleine neoliberale Erfolgsgeschichte anschneiden. „Wir waren zwei mittelmäßig arme Schlucker und haben uns gedacht: Komm, jetzt holen wir uns unser Stück vom Kuchen.“ Das hat geklappt, das ist (durch einige angerissene Anekdoten) auch interessant und vor allem als einzige Stelle authentisch und bricht die glattgeschliffene Arroganz. Leider sind das insgesamt vielleicht acht interessante Zeilen auf einem kompletten Album (denn: dass Bushido „CCN3“ wirklich mit Farid machen wollte, ist offensichtlich ein Märchen). Sie hätten es sein lassen, einen achtminütigen Storyteller über ihren Aufstieg machen, ihn „JBG3“ nennen und auf Youtube stellen sollen. Das wäre cool gewesen. Hätte aber natürlich kein Geld gebracht. Und so bleiben sie eben nur, was sie sind: Zwei sehr erfolgreiche Rapper-turned-Marketing-und-PR-Manager, die verzweifelt versuchen, hart und frisch zu sein, um sich zu beweisen, dass sie jung geblieben sind. Leider passiert dabei, was passieren muss: Sie stellen ihre musikalische Midlifecrisis/Opa-Werdung erschreckend deutlich zur Schau und sich selbst damit bloß.

Bushido täte gut daran, dieses Album einfach zu ignorieren. Alle anderen auch.