Jan Böhmermann hat Straßenrap nicht verstanden

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Jan Böhmermann hat es mal wieder getan und wahrscheinlich hat es schon jeder zweite Facebook-Freund von dir gepostet: Er rappt schon wieder. „POL1Z1STENS0HN“ ist seine vermeintlich humoristische Annäherung an Haftbefehl und deutschen Straßenrap. Warum man den Song und Böhmermanns Art, Rap zu adaptieren, nicht lustig finden muss, erläutert unsere Autorin Yonca Pulur.

Jan Böhmermann hat’s nicht so mit Deutschrap, wie er bereits Anfang 2015 im Interview mit Visa Vie klarstellte. Mit „den Mittelstandsrappern der späten 90er Jahre“ verbinde er zwar eine tiefe Nostalgie, vor allem, da diesen „dieser komische soziale Aufstiegsgedanke“ nicht anhafte, der Böhmi offenbar grundsätzlich gegen den Strich geht. So weit, so arschig. Im Mittelstand ist Aufstieg auch kein ganz so wichtiges Thema. Dort sind die Eltern oder Großeltern ja schon längst angekommen.

Interessanterweise führt er als Gegenbeispiel Kendrick Lamar ins Feld, der „das Narrative“ zurück ins Game hole, bewusst eine Geschichte erzähle und dabei auf technische Regeln wie den Refrain „scheißt“. Ein Hauptnarrativ von Kendrick ist übrigens der Auf- und Ausstieg – weg von der Straße – aber geschenkt! Auch die Tatsache, dass Lamar Elemente des Jazz in seine Musik mit einbaue, die sogar live eingespielt sind (hört, hört!), macht ihn für Böhmermann zu einem Ausnahmekünstler. Dass erst eine Musikrichtung in den HipHop Einzug halten muss, die primär vom Bildungsbürgertum konsumiert wird, damit Jan es gut findet, sei an dieser Stelle nur nebenbei erwähnt. Bei Deutschrap und insbesondere bei Haftbefehl sehe das Ganze vollkommen anders aus. Dessen Erfolg sei ein Resultat der Hilflosigkeit des Feuilletons: „Weil sie denken, das ist der heiße Scheiß. Aber mal ganz im Ernst: Ich frag mich eh, wie da die ganzen Nebensätze in seine Raptexte kommen. Ich find es schon ganz gut, wenn Leute nicht nur so tun, als hätten sie was zu sagen, sondern wirklich was zu sagen haben. Und es wird dann doch relativ schnell dünn, wenn man ihm das Mikrofon zum Interview hin hält.“ Wirklich schlecht finde er ihn zwar nicht, aber den Kult-Charakter verstehe er schlicht nicht und was das Lob der Presse angeht? Naja, die feiern ja auch das Dschungelcamp.

Fast ein Jahr nach dem zitierten Interview hat er heute sein Video zu „POL1Z1STENS0HN“ veröffentlicht. Da bedient sich Böhmermann ironisch eben jenes Straßenraps, dem er am Beispiel Haftbefehls, die Fähigkeit abspricht, eine Geschichte zu erzählen – um selbst genau jenes zu tun.

„Du hast Problem, ich hab Polizei.“ Ein Problem habe ich wirklich – verkörpert durch den Chef-Satiriker der Generation Y und des ZDFs. Es ist diesmal weniger der Inhalt und nicht einmal eine Kritik an technischen Elementen, es ist die Art und Weise, wie Böhmermann sich des Mediums Straßenrap bedient, welche bei mir tendenziell Übelkeit verursacht. Erneut erinnert mich Jan Böhmermann in seiner Inszenierung als Straßenrapper unangenehm an die Gymnasiasten meiner Offenbacher Gesamtschule. Also an jene Leute, die früher auf dem Pausenhof auf jeden gezeigt haben, der Baggys trug und über dessen Basecaps lachten. In meiner Jugend war die Reaktion darauf, dass man Rap höre, gespieltes Kanack-Deutsch – mit dem von Mutti liebevoll geschmierten Pausenbrot in der Hand.

Heute haben Jan Böhmermann und die Jungs vom Pausenhof von damals plötzlich ein Problem, denn deutscher Straßenrap ist gar kein Teilbereich mehr, der sich primär in irgendwelchen Hinterhofkellern abspielt, sondern mitten im Mainstream angelangt. Der ironische Umgang mit Straßenrap ist ein Ausweg aus einem internen Dilemma, denn: sich Straßenrap zu verweigern ist unmöglich – sonst war’s das mit dem gesicherten Platz im Club der coolen Kids. Und hier kommt die Dynamik vom Pausenhof wieder ins Spiel: Nur statt der offensichtlichen Ablehnung, wird der Slang nun ironisch-ernst vereinnahmt und gleichzeitig zum Witz erklärt. Die Dialektik der Kultur-Annexion nimmt ihren Lauf.

Werden Haftbefehl, Schwester Ewa oder auch Celo & Abdi Freitag Abends in der WG-Küche gespielt, dann passiert das immer mit einem Lachen. Das Kanak-Deutsch, über das sich deine Mutter manchmal so aufregt, wird plötzlich zur eigenen Sprache. Aber natürlich alles nur aus Spaß. Und eben jener ironischer Umgang mit etwas, das nicht verstanden wird, ist ein Ausdruck bildungsbürgerlicher Arroganz par excellance. Die Lebenssituation und -realität von sozial und wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen wird ins Lächerliche gezogen, indem ihre Ausdrucksform annektiert und mit einem breiten Grinsen am Ende des Satzes versehen wird. Der Sache wird nicht mehr mit Ablehnung begegnet, sondern durch Herabwürdigung und Humor beherrschbar. Das alles mit einem wohlwollenden Lächeln auf den Lippen, als sei man “denen da unten” einen Schritt näher gekommen. Als sei man plötzlich Teil der Posse, zu der man zwar niemals gehören möchte, aber deren breite Akzeptanz es einem schwerer macht, seinen Armutsrassismus weiter so offen kund zu tun. Der widerlich herablassende Charakter der eigenen Handlung wird genauso wenig hinterfragt, wie die gefeierten Texte eines amerikanischen Rappers, der im Prinzip fast deckungsgleiche Inhalte propagiert, aber schon vor dem Haftbefehl-Hype seinen festen Platz in der iTunes-Mediathek hatte.

Die Inhalte werden also verzerrt dargestellt und in ein Weltbild gepresst, was vermutlich noch enger ist als das neue Weekday-Hosenmodell der eigenen Freundin. Jan Böhmermann könnte ohne Probleme einer von denen sein, wie sie mit dem Gösser-Radler dasitzen und noch ein bisschen über Perspektiven auf die Welt debattieren. An sich langweilen sie mich alle nur. Wenn ihre Haltung nur nicht so viel gefährliches Potenzial beinhalten und seinen Gipfel in den X Millionen RTL-Zuschauern finden würde, die solange zufrieden sind, wie die dargestellte Unterschicht noch dümmer ist als sie selbst. Nach oben buckeln, nach unten treten. Läuft bei euch.

Der Artikel ist eine Überarbeitung des Textes, der zuvor unter diesem Link zu finden war. Shout out an Skinny von rap.de. (Anm. d. Red.)