Redaktionscharts: Yacine // Jahresrückblick

von am

Das alte Jahr ist zu Ende gegangen und wir hören langsam auf, zurückzublicken. Insgesamt war vieles schlecht, vieles langweilig, vieles einfach nur verachtenswert. Musikalisch gesehen gab es dennoch einige Lichtblicke. Aber weil auch das bekanntlich Geschmackssache ist, haben wir unsere Schreiberlinge gefragt, welche zehn Momente, Songs, Alben, Pranks oder was auch immer ihr Hip Hop-Jahr geprägt haben. Die allerletzten Autorencharts (versprochen!) mit unserem Franz-Rap-Experten und Twitterkönig Yacine.

10

Lucio – 10R (Track)

Mein Jahresrückblick kommt ohne Trettmann aus. Kein Front, ich hab‘ nur einfach das Gefühl, bereits an anderer Stelle von ihm gelesen zu haben. Und so wie ich den Bruder einschätze, tritt er auch gerne Mal einen Teelöffel seines gleissenden Spotlight-Bades ab, vor allem, wenn es der Culture dient. In diesem Sinne: Ring frei für Lucio 101 und Omar 51, die mit ihrem Mix aus deutschen und englischen Texten die fresheste Berliner Schnauze auffahren, die ich seit Jahren gehört habe! Lucios Solotrack 10R ist für mich die vollständige Definition von Strassenhit und es freut mich, dass dieser gar-nicht-mal-mehr-so-geheim-Tipp fast 8000 Plays voll hat (auch wenn locker die Hälfte von mir stammt). In Rapmedien hab ich bisher übrigens noch gar nix über die zwei Soundcloudhustler gehört, aber Journalismus ist eh tot und keiner braucht ihn mehr, also GuNa und „erstmal eine Runde Automat“!

09

Julien Williams streamt auf Periscope

2017 wurde schnell gelebt und früh gestorben (GaLieGrü Lil Pepp) und so blieb diesem Hochgeschwindigkeitsjahr kaum Zeit für das wichtigste Element von Hiphop: Crack. Kein O-Saft wurde verschüttet, es fanden keine Hausbesuche mit anschließenden Flaschenwürfen statt und auch die Ankündigungen von Statements schrumpften sich auf ein beinahe gesundes Level zusammen. Ebenfalls das Deluxeboxen-Phänomen wurde ein gutes Stück zurückgedrängt (nicht nachlassen Leute, wir habens bald geschafft!), doch schon das nächste unheilvolle Grauen bahnt sich an. In Zeiten der kollektiven Aufmerksamkeitsspanne eines Quantensprunges, offenbart sich der kommende Marketing-Trend dem gemeinen Rapper mit ausgeprägtem Geltungsdrang (und uns) als Frage: „Findet ihr ich sollte öfter Live gehen?“ Abgesehen vom nicht unbedeutenden Geschäftsfeld der Amateur-Stripcams gibt es allerdings jemanden, der sich auf diesem Gebiet (mal wieder) als Pionier bezeichnen kann! Deutschraps bezauberndstes Goldkehlchen Julien Williams, ehemals J-Luv, installierte schon Ende 2016 die Periscope App auf seinem Handy und revolutionierte anschließend Livestreams an sich, bevor es ein Ding war! Ich sah dabei zu. Wenn er Arafat zum ehrenhaften Eins gegen Eins herausforderte, seinen Küchentisch verprügelte und dabei brüllte, er sei nicht sauer oder einfach nur halbnackt vor sich hin trällerte, dann fühlte ich mich als Mensch. All die Gefühle von Faszination und Scham, die mich intensiv durchströmten, aber auch Überraschung (Hausbesuch von Slaimon??) und Sympathie. Nicht mal in seinen niedrigsten Momenten verlor er seinen Liebenswürdigkeit, selbst als er seine Adresse leakte und der mehr als offensichtliche fake-Account @koolsawasch „ich bin vor deiner Tür“ schrieb, woraufhin Julian in Lichtgeschwindigkeit die Treppe runterdüste und auf der Straße rumbrüllte „WO BIST DU SAVAS YURDERI DU HURENSOHN“. Alles live. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich stieg aus, das schlechte Gewissen, einen sich selbst zersetzenden Charakter zu begaffen, siegte. Doch ich entdeckte in der Zeit immer wieder so viel nachvollziehbar Menschliches und Eigenes von mir selbst in seinem verzweifelten Verhalten, dass es mir wirklich vor Augen führte, wie es jeden erwischen kann, komplett am Rad zu drehen. Ich wünsche mir, dass er sich zur rechten Zeit seinen Dämonen stellen kann und sein wacher Geist, der immer wieder durchblitzt, zurück ins Licht findet. Im Gegensatz zu seiner Paranoia denke ich ja, dass viele Leute ihm eine zweite Chance geben und gerne mit ihm arbeiten würden, wenn er nur eine Prise weniger psychotisch wäre.

08

Sevdaliza – Human (Video)

Über Sevdaliza ist eigentlich schon alles gesagt worden, was nur gesagt werden kann. Außerdem trau‘ ich mich nicht wirklich, von ihr zu reden, weil ich das Gefühl hab‘, sie ist eine mächtige Hexenkönigin und würde es merken. Nur eins: Die kompromisslose Künstlerin (!) aus Amsterdam verkörpert für mich die selbstermächtigte Frau schlechthin und ich bemerke, wie wenig Raum weibliche Dunkelheit und Ambivalenz in unserer Kultur findet. Umso nicer, dass sie sich diesem Raum einfach nimmt und ihrer Finsternis so ein kraftvolles Gesicht gibt. Kranker Track, krankes Album!

07

Bobby Raps – MARK (Album)

Einer meiner Lieblingrapper, nicht erst seit dem unerreichten Couch Potato Tape mit Corbin und seinem ebenfalls maßlosen Wicked City Projekt mit Sin Grinch. Die Mitarbeit am The Weeknd-Album hätte ihm eigentlich Aufwind geben müssen, der soundästhetische Mainstream-Schritt auf MARK ist deutlich hörbar, trotz der authentischen Verarbeitung seines bisherigen Lebens: Von Mama rausgeschmissen werden, ticken, ein Drive-By Shooting überleben und den Tod seines guten Bros, welchem er auch den Albumtitel widmet. Große Güte, ich dachte immer SoundCloud-Rapper sind Milchbubis, die nix erlebt haben…! Leider ging in in Sachen Release und Promo alles schief: Das Tape ließ viel zu lange auf sich warten, obwohl es fertig rumlag, dann kam es plötzlich und unbemerkt raus, Wochen später tropfte noch das einzige Singlevideo hinterher und so floppte es mit einem Geräusch, als würde man den fetten Stöpsel aus einer riesigen, trockenen Badewanne ziehen. Schade, doch die Band-Touren mit TheStand4rd sind ja trotzdem restlos ausverkauft und es ist klar, dass die Zeit des 22-Jährigen noch kommen wird.

06

UFO 361 feat. Gzuz – Für Die Gang (Video)

Was soll man sagen – Endlich Feuer-Emojis auf deutsch!!!

05

Haiyti auf dem Juice-Cover

Verdient! VERDIENT! Ich will hier jetzt mal kein Fäßchen aufmachen (mhmm lecker) und hoffe einfach, dass es keine weiteren 12 Jahre dauert, bis mal wieder ein Gyal als talentiert genug erachtet wird, auf dem Juice-Cover zu thronen. Die letzte Dame war nämlich Schwester S.

04

Luciano – Hawaii (Video)

Weiter geht’s mit dem gutaussehenden braunen Carlito. Selten so eine schnelle Entwicklung von Track zu Track und Tape zu Tape beobachtet, wie bei unserem Lieblings-LocoSquad-Gang-Gang-Member. Bin gespannt wie es nextes Jahr so weitergeht, die Mio ist bestimmt nicht mehr weit.

03

Lee – Augen Zu (Track)

Ich kenne Lee ganz gut, glaub‘ ich. Schon mit 15 hat er Tracks aus dem Ärmel geschüttelt, für die manch anderer jahrelang an seiner Mucke feilen muss. Aber wie Staiger so schön sagt: Gott ist kein Demokrat, er verteilt Talent so, wie er grad Bock hat. Früher hab ich gern gesagt, er sei Kanye West aus dem Saarländle, Narzissmus bis zum Uranus, doch auch die tiefste musikalische Begabung, die mir je begegnet ist! Dieser Track ist das Ergebnis eines unvollendeten Erwachsenwerdens in hilfloser Wut und Enttäuschung, resultierend in Sehnsucht und einer endgültigen Hoffnungslosigkeit. In seiner matten Ruhe erinnert mich Lees Stimme an einen Wal am Strand, der nur noch liegt und weiß, was kommt. Dann diese Stelle:

„Ich schmeiß dir’n Teil /
Ich klau dir’n Bike /
Ich bau dir ein Heim /
Ich schlaf in dir ein /
Mach die Augen zu, mach die Augen zu, mach die Augen zu, mach die Augen zu“

Nichts hat mich dieses Jahr mehr berührt. Insallah findest du deinen Weg!

02

Toni Strange – gefühle IV (Video)

Ebenfalls tief getoucht hat mich Toni Strange und ihre ehrliche Auseinandersetzung mit ihren emotionalen Wirren (nicht nur, weil ich mir die ein oder andere Bezugnahme auf mich einbilde, oder bin ich paranoid?!). Alle vier Tracks auf ihrer EP heißen „gefühle“ + Nummerierung und sind nicht nach Entstehungsdatum, sondern eben Gefühlslage geordnet. Spontan ihr Video zu drehen, als ich sie im Krankenhaus besuchte, war das bisher intensivste Kunstzeugs, das ich gemacht hab‘ und ich bin rr stolz auf das Ergebnis.

01

Mwaka Moon – Kalash (Video)

Der eigentliche Grund, warum ich überhaupt in die Jahresrückblick-Szene eingestiegen bin. Dieses Album ist so heftig und ich kann einfach mit niemandem drüber reden, weil die Erdäpfel hierzulande lieber diesen Hurensohn Bausa pumpen. Leider ist bis zu diesem Punkt schon so viel unschuldiges Wort vergossen worden, dass kein Schwein (inklusive mir selbst) mehr am Ball geblieben ist, aber das ist nur fair. Für die Person (hallo Papa, sry für das „Hurensohn“, wallah das heißt nicht das Gleiche bei uns) die einfach ganz runtergescrollt hat, um zu wissen, was ich auf Platz eins habe: Hör dieses Mwaka Moon Album! Du hast Trettmann seins geliebt und wirst das hier verehren! Ich verrat gar nix, hör einfach! Außerdem dir ein frohes neues Jahr! Fühl dich umarmt! Und wenn dir die Zukunft mal feindselig erscheint, denk einfach dran: Jeder Tag bringt uns näher an Kanye West 2020!