Interview: Luk&Fil – „Rap ist einfach: Du brauchst eigentlich nur ein paar Gedanken.“

Die zwei Jünger des Sichtexotheismus spreaden ihr Wort von Mainz bis in die hinterletzten Zellwände deines Kleinhirns. Nach ihrer 2013er LP "Brot ist essbares Holz" und einigen Soloausflügen im letzten Jahr kehren Loki und Knowsum unter den neuen Pseudonymen Nepumuk und Negroman zurück. Wir sprachen mit ihnen über Deutungshoheiten, Money Boy und ihr neues Album "Nepuman".

Ihr nennt euch jetzt Negroman und Nepumuk. Ursprünglich hattet ihr vor, euren Bandnamen in „Nepuman“ zu ändern. Warum habt ihr es jetzt doch bloß beim Albumtitel belassen?
Knowsum: Wir dachten uns einfach, dass es vielleicht lustig wäre, diese Namensgeschichte ad absurdum zu führen. Sich als Duo Luk&Fil zu nennen, suggeriert ja schon, dass das unsere Namen sein könnten – obwohl wir Loki und Knowsum heißen. Sich jetzt noch mal umzubenennen, hätte aber im Endeffekt vermutlich zu totaler Verwirrung geführt, weshalb wir jetzt nur auf dem Album diese Namen tragen.

Was unterscheidet Negroman und Nepumuk denn von Luk&Fil?
Knowsum: Mir persönlich ging es darum, einen Rappernamen zu haben. Wenn ich Beats mache, bin ich Knowsum, als Rapper heiße ich jetzt Nepumuk. Das lässt sich leichter auseinanderhalten. Wir haben in letzter Zeit ja auch viel alleine gemacht. Loki war mit Eloquent unterwegs, ich habe ein Instrumental-Album releast. Als dann klar wurde, dass wir wieder ein Album zusammen machen, hat sich Loki einfach etwas Passendes dazu überlegt und so entstand der „Nepuman“.

Was schafft der Nepuman, was Negroman und Nepumuk alleine nicht hinbekommen?
Knowsum: Der Nepuman schafft es, komplette Songs fertigzustellen. Sonst hätten die Tracks ja immer nur eine Strophe. (lacht)
Loki: Die Intention war, dass man noch mehr die Rapper und die Menschen, die dahinter stecken, trennen kann. Nach außen hin mag so eine Namensänderung eventuell total viel bedeuten – letztlich sollte es aber nur dazu beitragen, Autor und Erzähler besser auseinanderzuhalten. Man sollte auch nicht zu viel Bedeutung auf die neuen Namen legen.

Was ist das Ziel des Nepuman?
Loki: Der Nepuman ist eine vierarmige schwarze Gottheit, er hat kein Ziel. Er steht einfach für Vollkommenheit. (lacht)
Knowsum: Wir wollten einfach unser Lieblingsalbum machen. Das ist uns dann mehr oder weniger gelungen. Nicht, dass die anderen Alben keine Lieblingsalben sind, aber man entwickelt sich ja auch weiter und hat auch Bock ein bisschen freakigeren Kram zu machen als nur normal zu rappen. Es gab kein bestimmtes Ziel, was wir nur durch die Entstehung des Nepuman umsetzen konnten. Wir machen einfach Mucke. Es steckt weniger Gedanke im Gesamtkonzept als in manchen Lines auf dem Album.

Gab es auch Überlegungen, mit dem Namenswechsel eine komplett neue Richtung einzuschlagen?
Knowsum: Wir wollten eigentlich Prog-Rock machen, aber haben dann schnell bemerkt, dass wir dafür zu schlecht sind und dann ist es eben doch wieder ein Rap-Album geworden. Vielleicht ist es ja Prog-Rap. (Gelächter)
Loki: Aber wir limitieren uns auch nicht extrem. Wir samplen ja auch alles – Vinyl, CD, MP3. Bei den MP3s muss man vielleicht ab und zu etwas mehr tüfteln, bis es soundmäßig hinhaut, aber wir lehnen erst mal nichts kategorisch ab.

Wie kommt man darauf, die deutsche Nationalhymne zu samplen?
Loki: Wir wollten einfach die Jimi Hendrix’ unserer Zeit werden. (Gelächter) Das Sample kommt von einer Satireplatte aus den 1960er Jahren, glaube ich. Da waren auch ganz verrückte Reden von so einem komischen Bundespräsidenten drauf, dessen Namen ich jetzt vergessen habe. Ein paar Abschnitte daraus sind auch auf dem Track gelandet. Ich spreche in der Strophe von „schwarzer Milch“, was ja wiederum auf Paul Celan anspielt [gemeint ist „Todesfuge“, ein Gedicht über den Holocaust; Anm. d.Verf.]. Die deutsche Nationalhymne hat da einfach reingepasst.

Auf „Nackt“ rappt ihr: „Der Copy-&-Paste-Stil wurde zum Statussymbol.“ Was meint ihr damit? Ist HipHop durch Sampling nicht auch eine Art „Copy & Paste“-Kultur?
Knowsum: Der „Copy & Paste“-Stil ist einfach dieser Boombap-Sound, den gerade wieder viele machen. Da klingt alles gleich: nach Pete-Rock-Beats von 1995. Gut, diese Leute machen das vielleicht gar nicht absichtlich. Aber wenn man bemerkt, dass etwas plump kopiert wird, kann man es auch lassen, meiner Meinung nach. Das Statussymbol meint, dass es dafür dann auch noch ein Publikum gibt, dass das bedingungslos feiert und cool findet.
Loki: Derzeit bemerken einfach viele, dass dieser Boombap-Stil ankommt und springen auf diesen Zug. Dass das auch noch so krass angenommen wird, prangern wir halt an. Bei HipHop und Sampling ist das per se ja auch nicht gleich wie Kopieren. Wenn man bestehende Sachen nimmt und in einen neuen Kontext setzt, kann man ja trotzdem seinem eigenen Stil treu bleiben. Das tun diese Leute aber nicht.

Eure Hörer entstammen mitunter dem klassischen Backpacker-Klientel, das genau diese Musik hört und auch häufig damit bestimmte Vorstellungen von Authentizität verknüpft. Wie wichtig ist euch diese „Realness“ und spielt sie in eurer Musik eine Rolle?
Loki: Also, ich finde den Begriff „real“ an sich schon sehr komisch. Gibt es überhaupt einen Rapper, dessen Texte wirklich „real“ sind, also auch seinem wahren, alltäglichen Leben entsprechen? Ich glaube nicht. Autor und Mensch haben vielleicht Schnittmengen, aber das sind einfach zwei verschiedene Ebenen. Deswegen nennen wir uns auch Nepumuk und Negroman, um das noch deutlicher zu trennen. Aber zu diesen Leuten, von denen du da sprichst, gibt es eine lustige Geschichte: Anthony Drawn hat vor kurzem ein Foto von uns auf Facebook gepostet, das jemand mit dem Satz kommentierte: „Gott sei Dank macht ihr den dopen Shit und nicht so wackes Zeug wie R&B.“ Daraus entstand dann eine riesige Facebook-Diskussion, die am Ende ergab, dass R&B generell ziemlich wack und unreal ist und Money Boy ja eigentlich auch schon R&B macht. (Gelächter)

Ist Money Boy denn nicht real?
Loki: Er ist zumindest nicht weniger oder mehr real als Negroman und Nepumuk. Ob ich ihn jetzt geil oder einfach scheiße finde, hat aber nichts damit zu tun, ob seine Musik authentisch ist.

Eure Beats sind eher soulig und relaxt. Kombiniert ihr diese eingängige Musik bewusst mit solchen abstrakten, schwer zugänglichen Lyrics?
Knowsum: Ja, das ist schon beabsichtigt. Dass die Instrumentals so soulig sind, liegt vermutlich auch an Audiotreats, der mir anfangs gezeigt hat, wie man Beats macht. Der ist auch eher so ein Soul Man. Was die Texte angeht: Ich persönlich bin einfach schnell gelangweilt, wenn ich Sachen in Texten von anderen direkt verstehe. Es macht mir mehr Spaß, nicht ganz so plump zu sein.
Loki: Ich verstehe auch nicht, warum die Leute uns immer sagen, dass unsere Musik so krass kompliziert ist. Rap ist einfach: Du brauchst eigentlich nur ein paar Gedanken. In einer Strophe von uns kommen viele Gedanken vor. Ist das schon kompliziert? Wenn wir Musik machen, achten wir aber auch einfach gar nicht darauf, ob das jetzt für jeden verständlich ist. Äußere Einflüsse, wie die Wirkung auf unsere Hörer, spielen da kaum eine Rolle. Letztlich muss es gar nicht so rezipiert werden, wie ich es vielleicht in dem Moment des Niederschreibens gemeint habe.

Versteht ihr denn gegenseitig alles, was der andere in seiner Strophe sagt?
Loki: Zu 98% und wenn ich mal etwas bei ihm nicht raffe, frage ich nach. Wir reden dem anderen aber auf inhaltlicher Ebene nicht rein, da ist jeder sich selbst überlassen. Wenn wir etwas kritisieren, sind es eher technische Dinge.
Knowsum: Wir kennen uns einfach schon lange genug, weshalb vieles nicht erklärt werden muss. Wir schreiben unsere Texte zum Beispiel auch getrennt voneinander zu Hause. Das läuft dann so, dass ich entweder schon eine Strophe auf einem Beat habe und sie rüberschicke oder Loki bekommt einen Beat und macht zuerst etwas darauf. Wir haben einfach festgestellt, dass wir am Ende zufriedener damit sind, als wenn man jetzt zwanghaft zusammensitzt und sich nur um des Machens willen etwas Halbgares herauskrampft.