„Ich bin der letzte Mensch, der sich selbst unterschätzt.“- Albert Parisien

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Vor gut anderthalb Jahren debütierte Albert Parisien mit seiner EP „Future Lean“. Obwohl die Musik seiner Crew, die Cosmo Gang, schon damals nicht unbedingt dem angepassten Deutschrap-Zeitgeist entsprach und dieses Trap/Cloud-Ding schon seit Jahren exzessiv betrieb, stach der Bremer nochmals ein bisschen mehr aus diesem Dunstkreis hervor. Ein bisschen mehr Fashion-Affinität, ein bisschen mehr Auto-Tune-Charme, ein bisschen mehr Extravaganz – die hochnäsige Delivery und der stets stilsichere Wierdo-Auftritt taten ihr Übriges. Mit seiner neuen EP „Highway Chronicles“ balanciert der Rotschopf weiter über Genregrenzen zwischen grellem Italo-Disco, elektrisierendem Trap und kitischigem Pop hinaus. Unsere Autorin Alina Klöpper traf sich mit Albi Preperoni zum Gespräch über politischen Rap, Pop-Literatur und Prom Kings.

Du wirst oft darauf angesprochen, dass dein Sound für Rap sehr untypisch sei – im Endeffekt rappst du aber schon. Was findest du momentan gut im Rap und warum?

Ich finde der Rap im Nordamerikanischen Raum ist momentan so gut wie noch nie. Gefühlt verbringe ich 50% der Zeit, in der ich Musik höre, mit Rap aus den USA und Kanada. Meine Favoriten, wenn wir jetzt von den großen Namen sprechen, sind Thugga, Future, Lil Yachty, Travi$ Scott und A.Chal. Deren Musik transportiert auf eine sehr konsequente Weise Vibes. Ich höre diese Musik in diversen Lebenslagen, sie euphorisiert mich. Das Sounddesign ist über große Strecken sehr progressiv. Sie zeigen einfach auf, wie dehnbar und flexibel das Genre Rap sein kann.

Du betonst immer wieder, dass du privat durchaus politisch interessiert bist. Könntest du dir vorstellen solche Themen irgendwann mal in Musik zu verarbeiten? Was hältst du von politischer Musik?

Für mich persönlich ist das Format „Song“ gänzlich ungeeignet für explizit-politische Aussagen. Politische Fragestellungen können sehr komplex sein. Es ist schon anspruchsvoll genug, sie angemessen und differenziert in Essays oder Debatten zu behandeln. Ich halte in diesem Zusammenhang für schwierig bis unmöglich, unter musikalischen Restriktionen wie Takt und Melodie, textlich akkurat zu sein. Außerdem konfligiert mein Anspruch an die Pointiertheit von Texten mit dem Ansatz, politische Musik zu machen – ein Politikum zum komprimieren würde doch allzu schnell in Populismus resultieren. Ich muss für das Protokoll allerdings zugeben, dass ich mal eine Bridge für einen Song mit Juicy Gay gemacht habe, auf dem ich mich gegen die Verunglimpfung von homosexuellen und asexuellen Menschen ausspreche – das ist für mich einfach nicht verhandelbar und kommt meines Erachtens im deutschsprachigen Rap viel zu kurz. Dabei belasse ich es erstmal.

Als Referenz werden immer wieder die 80er herangezogen. Wie schützt du dich davor, eine Kopie zu werden?

Ob ich als Kopie wahrgenommen werde, hängt von der Rezeption der Hörer*Innen ab. Die wiederum basiert auf ihrer musikalischen Sozialisierung. Ich versuche es mal offenzulegen: die Gemeinsamkeiten zu dem Sound von Italo Disco sind die Geschwindigkeit der Instrumentals, das Selbstreferenzielle, teilweise die verwendeten Sounds so wie einige Drum-Pattern. Dem gegenüber stehen mein ganz eigener Duktus, Rap, Adlibs und die Erzeugung von Soundeffekten, die damals in dieser Form gar nicht möglich waren.


Neigst du dazu dich zu unterschätzen?

Ich habe die „Highway Chronicles EP“ schon letztes Jahr als Gamechanger angekündigt und die Empfehlung ausgesprochen, besser vor mir zu releasen. Ich bin der letzte Mensch, der sich selbst unterschätzt.

Welche Rolle spielt Eskapismus für dich?

Tatsächlich verbringe ich erschreckend viel Zeit auf Twitter. Nein, mal im Ernst. Im Weitesten Sinne sind ja die Kunstfigur Albert Parisien und der Mikrokosmos, in dem er sich bewegt, gelebter, musikgewordener Eskapismus. Gut beobachtet deinerseits, so gesehen.

Wenn du das verraten willst, wie kam das Bild des Prom Kings zustande? Ist meiner Wahrnehmung nach ein sehr spießiges Bild, das in Kombo mit „Never Ever Sober“ plötzlich cool wird.

Die Prom Kings, die wir aus US-Filmen und Serien kennen, sind ja entweder populäre Schönlinge aus dem Football-Team oder hochgepushte Streber-Underdogs, aber niemals Hedonisten, die sich einfach mal gehen lassen und Spaß haben. Ich finde dieses „Sich-selbst-fühlen“, völlig entkoppelt von Performance, könnte ruhig öfter honoriert werden.

Du erwähnst in Interviews die Italo-Disco-Partyreihe in Bremen. Würdest du sagen, dass Bremen und seine alternative Kultur dich beim Musikmachen beeinflusst hat oder ist das partiell?

Ich denke die la boumbox/ discourse superdisco-Parties sind schon die wichtigste Impulsgeber für den Sound der EP gewesen. Es existieren bestimmt noch weitere, latente Einflüsse – die kann ich ad-hoc aber nicht wirklich formulieren.


Ich habe das Gefühl, du legst viel Wert auf deine Außendarstellung – wie willst du gerne wahrgenommen werden?

Puh, die Frage ist sehr meta. Die will ich auf keinen Fall beantworten.

Laut Twitter ist ein anderer Plan von dir, Popliterat zu werden. Was macht Popliteratur für dich aus? Worum wird es in deinem Buch gehen?

Ich bin zugegebener Maßen erst seit 2014 so ein richtiger Fan dieses Genres. Ein Freund hatte mir Joachim Lottmann empfohlen. Ich habe mit dem Buch „Endlich Kokain“ angefangen und im Anschluss sämtliche veröffentlichten Werke verschlungen. Ich mag die alltagsbasierten Settings, die Hybris des Protagonisten bzw. Ich-Erzählers und die popkulturellen Referenzen. Die Verwässerung von greifbarer und nachfühlbarer Realität durch Fiktionsprisen, ohne dass man genau weiß, was stimmt und was nicht, das macht Spaß. Besagter Lottmann hat mal in der Jungle World ein Loblied auf Benjamin von Stuckrad-Barre veröffentlicht. In dem Beitrag behauptet er auch, dass jeder Mensch dieses „eine und einzige Buch“ in sich trägt, dass er auch schreiben sollte. Diese Handlungsanweisung nehme ich mir zu Herzen. In meinem Roman wird der snobistische Ich-Erzähler durch verschiedene Subkulturen der Jetzt-Zeit sliden und dabei auf unzumutbare Weise judgy sein. Mehr Teasen möchte ich noch nicht.

Wie gehts weiter? Next Step: Weltherrschaft?

Der nächste Step ist mit Asadjohn eine Live-Show zu konzipieren. Erst spielen wir unseren Hit-Katalog und darauf folgt die ganze Nacht Back-2-Back-DJing. Irgendwie wäre ich auch gern als Rap-Kolumnist tätig, aber das mutet strange an, wenn man als Artist im journalistischen Geschehen mitmischt. Ich werde mir also erstmal einen Decknamen suchen.