Forget Me Nots – die 8 unvergesslichsten HipHop-Momente 2016

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Industry Rule #4090: Dein Rap ist nur so gut, wie dein Internet-Grind. Ja, der Mikrokosmos unser allerliebsten Nebensache der Welt (nein, immer noch nicht das, was ihr denkt, ihr Perverslinge) erstreckte sich immer schon über weit aus mehr, als das Musikalische. Erinnert sich noch jemand an den Käufer des streng-limitierten (lies: Stückzahl 1) Wu-Tang-Albums? Money Boys Gucci Bandana, anyone? Siehste. Auch 2016 bürgte haufenweise Glanzmomente, die manchmal nichts und manchmal noch weniger mit Musik zu tun hatten. Bevor wir voller Vorfreude 2017 entgegenblicken, haben wir noch schnell unsere liebsten HipHop-Momente 2016 ausgewählt – bahnbrechend, aufregend und garantiert unvergesslich.

B.o.B entpuppt sich als Verschwörungstheoretiker

Wohin das führen konnte, wenn man sich vor allem in „alternativen“ Medien informiert, illustrierte im Januar der US-amerikanische Rapper B.o.B („Airplanes„): Er behauptete, die Erde sei eine Scheibe. Und meinte das so ernst, dass er nun sogar einen Disstrack gegen einen weltbekannten Astrophysiker raushaute – und später ein ganzes Mixtape. Stay, äh, true.

Kanye Wests AUX-Kabel

Es war ein frühes Highlight im noch jungen Rap-Jahr, als Kanye West – standesgemäß über Nacht – sein Album „The Life Of Pablo“ erstmals der Weltöffentlichkeit auf seiner Yeezy Season 3 präsentierte. Mit internationalen Live-Übertragungen im Kino near you war die Sause in hochkarätiger Besetzung, unter anderem Pusha T, Travis Scott, Kid Cudi und Chance The Rapper, prestigeträchtig genug, um den Madison Sqaure Garden zu begeistern. Doch das eigentliche Highlight war nicht Yeezys neue Kollektion und auch nicht der Umstand, dass Young Thug kurzerhand die Bühne erklomm, um die Listening Session von „TLOP“ mit seiner eigenen Musik zu bespielen – Nein, der eigentliche Star der Veranstaltung war ein herkömmliches AUX-Kabel. Denn weder eine Live-Band, gar einen DJ oder eine Playback-Perfromance hatte der in Jogginghosen bekleidete Kanye in den Madison Suqare Garden mitgebracht. Nur sein Handy, seine Tracklist und ,nun ja, ein AUX-Kabel. Eine Rvolution, denn so lieferte er auch quasi aus Versehen die finale Legitimation für alle WG-Küchen-DJs dieser Welt. Thank you, Kanye.

Paul Rippe

Es gab eine Zeit, als sich noch nicht Banken und Großkonzerne in profitorientierter Berufsjugendlichkeit auf Social-Media-Plattformen herumtrieben, um möglichst früh (lies: viel zu spät) sprachliche Entwicklungen reklame-optimiert einzusetzen. Es war die Zeit des Paul Rippe, der mit seinen Kalauern und zahlreichen Sprachfindungen auch im HipHop-Kosmos Einfluss genommen und in Erinnerungen bleiben wird. 2016 auf seinen Nacken von Twister her. Und ab jetzt ist aber auch Schluss damit.

Dendemann @ Neo Magazin Royal

Er verlieh der ansonsten sehr beiderdeutschen Late-Night-Show um Jan Böhmermann immer noch ein bisschen Swag. Zwei Jahre lang war Dendemann wöchentlich Teil von Neo Magazin Royale, unterstützt von seiner Band Die Freie Radikale. Nach unzähligen umgetexteten Hits und diversen anderen musikalischen Schmankerln war in diesem Jahr Zeit für seinen Abschied. Sehr schade. Aber Bruder: wir wissen, du musst los.

Lil B @ splash! 19

Alle, ausnahmslos alle, redeten über Cloud Rap in diesem Jahr – egal ob gut oder schlecht, egal, ob sie jemals von Main Attractionz gehört haben, oder nicht. Klar ist inzwischen: Die deutsche Diskussion um den Begriff Cloud Rap hat gar nicht so viel mit musikalischen Kategorien zu tun, es geht da viel mehr um die Herangehensweise der angeblichen Cloud-Rapper. Wenig nachdenken, viel machen. Gefühl über Technik stellen. Für diese Ideale steht auch eine gewisse Historical Online Figure ein und als Idol bereit: Seit gut zehn Jahren ist Lil B alias Based God der Messias dieses Movements. Unzählige Mixtapes, unzählige selbstgedrehte Mixtapes und unzählige Catchphrases später, war der Kalifornier in diesem Jahr endlich auf dem splash! – oder auch irgendwo im Süden von Deutschland am Meer, um gleich den nächsten Aufreger vorzulegen: Ein Live-MC muss nicht mal live rappen! Legendär!

Shindys Rucksack

Der Inhalt der Deluxe-Box ist mittlerweile ein äußerst ernstzunehmender Teil der Promotionphase eines Rappers. Die Goodies in der Box können die Käuferzahlen gänzlich beeinflußen. Im Bezug auf Shindys neues Album „Dreams“ hatte dieser den Inhalt seiner Deluxebox so lange wie möglich geheim gehalten. Es wurde unter den Fans wild spekuliert und Shindy selbst heizte das bunte Gerate mit Aussagen wie „Der teuerste Inhalt einer Box jemals!“ so weit an, dass die Erwartungen höher angesetzt waren, als die Präsidenten-Suit im Waldorf Astoria. Was nach Release passierte, damit hatte niemand gerechnet: Shindy fügte der Box einen Rucksack bei, der sehr minimalilstisch verarbeitet war. Ein Stoff-Rucksack, komplett in schwarz und an der vorderen Tasche eine simple Stickung auf der „Shindy“ steht. Die Lawine der Empörung brach von allen Seiten auf den Rapper ein und es gab wochenlang kein anderes Thema, außer, dass Shindy seine Fans mit Billigware das Geld aus der Tasche zieht. Über die Musik an sich wurde vergleichsweise so gut wie gar nicht mehr geredet. Da lief der Deluxe-Box-Promo-Move von Shindy wohl irgendwie fast schon zu gut.

Fler im epischen Interview

„Lass mich ausreden, du Fotze!“ – dass Flizzy nicht unbedingt für seine diplomatischen Fähigkeiten berühmt ist, hat unser Kolumnist Tristan in diesem Jahr bereits mehrfach erklärt (hier und hier). Doch was sich Anfang des Jahres in der Redaktion der Backspin abspielte, glich schon beinahe einem Straßenrethorikkurs von apokalyptischem Ausmaß. Ein Interview, wie Flers Musik: ungescholten, fordernd, manchmal ein bisschen peinlich, aber vor allem real – und unvergesslich schön.

Kool Savas vs. Cloud Rap

Es reichten nur einige Statements auf Facebook aus, unter anderem mit dem Wortlaut: „Euer Cloud oder wie diese Musik heisst soll euch ficken.“ Danach galt als gesichert: Kool Savas hat ein Problem. Ein Problem mit Cloud Rap, Trap oder wie auch immer dieses synthetische Internet-Ungetüm nun genannt werden will, was mit Lil Bs ikonischem „I’m God“ vor rund fünf Jahren von einem subkulturellen Nischen-Phänomen zur in diesem Jahr dominierenden Bewegung heranzuwachsen begann. Im weiteren Diskussionsverlauf auf seinem Facebook-Profil lies Essah dann auch bedeutungsschwangere Vokabeln wie „Vorväter“ oder „Respekt“ fallen, um seine Kernaussage abermals zu untermauern. Der Rant hätte kaum besser sein können – unser Autor Fionn Birr lies sich zu einem Kommentar hinreißen – und landete am Ende sogar in einem Gespräch mit dem King Of Rap. Peace.