Haze – Guten Abend, Hip Hop …

Haze - GAHH (Cover)

Dass der Karlsruher Haze unserer Meinung zu Raps Zukunft gehört, haben wir ja letzten Sommer schon klargestellt. Wie es darum anno 2016 mit seinem Album „Guten Abend, HipHop…“ steht, hat Fionn Birr für uns eruiert.

Als deutscher Straßenrap und klassische Sample-Beats dank AON und den Azzlackz vor rund vier Jahren begannen, eine überraschend fruchtbare Symbiose einzugehen, erfuhr die nationale HipHop-Landschaft eine musikalische Frischzellenkur: Der groovige Funk-Loop mit den Schepperdrums wanderte von der studentischen WG-Küche in die zwielichtige Spielothek und final wurde auch hierzulande deutlich, warum Bands wie die Beginner oder Blumentopf trotz gleicher Sample-Quellen und gekonntem Handwerk eben doch mehr nach Jurassic 5 als nach Mobb Deep klangen – es fehlte die Street-Knowledge. 2016 rotieren die Nadeln für solche rotzigen Ticker-Tales auf organischen Throwback-Instrumentals allerdings immer mehr Richtung Übersättigung. Haze‘ klassizistisches Album „Guten Abend, Hip Hop…“ erblickt das Licht in einer Rap-Welt, die sich gerade eher auf 130 statt 90 BPM dreht und steht damit vor dem Problem, als runtergeschalteter SUV gegen ein „Sheesh“ schreiendes Spaceshuttle anzutreten.

Schon im Intro macht Haze deutlich, dass er sich dessen auch bewusst ist – der Zeitgeist juckt ihn aber ganz explizit nicht. Sein selbsternannter „Tiefgaragenboogie“ triggert vielmehr vorsätzlich traditionalistischen Boombap aus folkloristischer, prog-rock’scher oder jazziger Melancholie, Vinylstaub und Straßendreck. Knochige Drumbreaks, zerschrotetes Melodiewerk und knurrende Basslines – seine Producer Dasaesch oder Dannemann destillieren minutiös den Geist von D.I.T.C., Havoc und anderen Speerspitzen des 90er NYC-Sounds mit rheinischem Frischwasser.

Gerade weil Haze mit diesem Album nicht auf Hype-Wellen surfen will, ist „Guten Abend, HipHop …“ so gelungen.

Dazu vermischt Haze badische Schnodder-Schnauze und Südslawen-Slang zu betonkühlem Realismus in seinem markanten Steinbeißer-Flow: „Der Jibbit bleibt in der Cypher, weisch ja/Pička ti majčina, ihr spittet meinen Scheiß nach.“ Es geht größtenteils um Kripos, Kilos und die Kurzweiligkeit einer Existenz am gesellschaftlichen Bodensatz – „die andere Seite der Medaille“. Doch anders als seine rappenden Dealer-Kollegen aus vergleichbaren HipHop-Bezirken, versucht sich Haze auch offensiv an Politik, greift etwa die Flüchtlingsproblematik auf dem Interlude „Ausländer rein“ auf: „… fliehen wegen Religionen, Hass und Politik/Sie fliegen nicht in Urlaub, sie hau’n ab vor Genozid.“

In den Randbezirken der Fächerstadt konzentriert man sich auf die Essenz von HipHop. So platziert Haze zwischen allen kyrillischen Hochhaus-Horrorstorys, Illumintaten-Paranoia und Kleinkriminellen-Duktus auch mal einen Stieber-Twins-Cut, eine „Ich lebe für HipHop“-Hommage oder betont seinen Graffiti-Background, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. „Guten Abend, Hip Hop…“ entpuppt sich als die pointierte Essenz seiner Vorgänger – in Delivery und Instrumentalbeiträgen feingeschliffen und mit behutsam gewählten Gästen wie MoTrip, Bonez oder RAF Camora hochkarätig besetzt.

Gerade weil Haze mit diesem Album nicht auf Hype-Wellen surfen will, ja nicht mal den ausproduzierten Hochglanz-Boombap von Xatar oder SSIO als Referenz heranzieht, sondern eher auf ungeschliffenen Bordstein-Bap setzt, ist „Guten Abend, HipHop…“ so gelungen. Lass andere das Rad neu erfinden, glattpolieren oder aufmotzen – in Karlsruhe konzentriert man sich in erster Linie darauf, dass es rollt.