„Der Schlüssel ist, nicht so viel HipHop zu hören“ HawkOne im Interview

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„HawkOne ist gruselig. Es ist, als würde er in meinen Kopf gucken können.“, sagte Johnny Rakete einmal über die Skills seines Producers HawkOne. Mit der dritten Folge ihrer gemeinsamen „Per Anhalter Durch Die Galaxis“-Serie haben sich der Fürther Dauerchiller und der F’Hainer Bedroom-Producer nun erneut aufgemacht, schnittige Jazz- und Soul-Samples in eine staubig-scheppernde Drum-Landschaft zu verpflanzen. Die EP „Macht’s Gut Und Danke Für Den Fisch“ ist eine Hommage, Collage und Statement in einem, basiert sie doch auf Samples ihres gemeinsamen Lieblingsalbums von Mobb Deep: „The Infamous“. Doch auch im Kreise der Berliner Hood-Sympathen Forcki9ers oder im instrumentalen Solo-Spaziergang „KEATS 07: Nordkiez“ flippt sich HawkOne überzeugend durch die Membrane. Mit Fionn Birr hat er sich über Magicx Music Maker, Movements und natürlich Musik unterhalten.

Jane Emma

Jane Emma

Du hast bisher gar keine Interviews gegeben, obwohl du schon sehr viele Releases gemacht hast. Hältst du dich absichtlich bedeckt?

Teils, teils, die Leute interessieren sich halt nicht so für Produzenten. Das hat sich mittlerweile zwar etwas verbessert, aber es ist immer noch so, dass der Fokus eher auf dem Rapper liegt. Wenn du ein ganzes Album mit einem Rapper zusammen machst, wird es immer noch nicht so wahrgenommen, dass das ein Projekt von zwei Künstlern – nämlich einem Rapper und einem Producer – ist. Da steht dann „Beat von Producer XY“ und das ganze Album ist dann aber eher von dem Rapper und keine Zusammenarbeit zweier Künstler. Unter Journalisten und Leuten in der Szene ist das schon auf dem Schirm, wir reden ja auch gerade in so einem Format, aber die breite Masse nimmt es immer noch gesondert wahr.

Naja, die Beatmaker hierzulande präsentieren sich ja mittlerweile auch schon eher wie Rapper und autarke Solo-Künstler. Die Betty Ford Boys geben Interviews, verkaufen Merch und spielen Touren – nur mit Beats.

Bei denen weiß das ja mittlerweile auch jeder, ich habe keine Ahnung, wie Dexter und Suffy das hinbekommen haben. Ich will ja auch nicht immer den Kanye West markieren und darauf bestehen, dass man meinen Namen auch in die Videobeschreibung packt. (lacht) Aber das sollte eigentlich Normalität sein. Figub macht das ja auch so, der ist ja auch eine echte Marke mittlerweile.

Das erste Video auf deinem YouTube-Channel ist fast sieben Jahre alt. Womit und wann hast du angefangen Beats zu machen?

Den YouTube-Channel sollte man besser außer Acht lassen. (lacht) Das war dieser Remix, oder? Es war noch nicht so lange her – vielleicht ein, zwei Jahre – , dass ich angefangen hatte, als ich das hochgeladen habe – es gab ja auch noch kein Soundcloud. Peinlicher Fun-Fact dazu: diesen Beat habe ich sogar noch mit dem „Magix Music Maker – Hip Hop Edition 2“ gemacht. (Gelächter) Aber, du kannst da schon mehr machen als diese Baustein-Loops aufeinander stapeln. Man konnte da auch eigene Samples einspeisen, dann nimmst du von den Pre-Set-Drums halt nur die Snare oder nur die Kick und baust dein eigenes Arrangement. Das war halt mein Einstieg. Dieser Remix ist aber dann auch auf Marz „Hoes, Flows, Kollabos“ gelandet – das Problem war, dass ich nur noch die Mp3-Datei davon in einer uncoolen Soundqualität hatte und entsprechend nicht wollte, dass das so veröffentlicht wird. Dann sehe ich das Video, wo Marz die Testpressung zeigt und checke, dass der Beat drauf gelandet ist. Das hat mich nicht so begeistert. (lacht) Irgendwann habe ich dann Reason bekommen, mit dem ich eigentlich bis heute arbeite. Ich bin auch ein Gewohnheitsmensch, ich habe gar keine Lust, mir neue Sachen anzueignen – zum Aufnehmen benutze ich aber Abelton.

Hast du ein Instrument gelernt?

Ja, ich habe schon relativ früh Gitarre gelernt. Das war’s. (lacht) Ich denke, dass ich dadurch vermutlich schon ein Grundverständnis und Zugang zu dem musiktheoretischem Kram bekommen habe, ich probiere auch viel selbst einzuspielen. Meine Eltern haben mir zum elften oder zwöflten Geburtstag eine Gitarre geschenkt mit dem Kommentar „Du weißt, was das bedeutet!“ Ich habe dann ein Mal die Woche Unterricht bekommen, was mir auch erstmals einen tieferen Zugang zu Musik generell ermöglicht hat. Aber als Gitarrist hörst du natürlich erstmal Rock – ich weiß nicht, hast du mal eine Rockphase gehabt?

Klar, mit zwölf Jahren habe ich zum Beispiel viel Korn gehört, das war aber Anfang der 2000er.

Ja, genau das war zu dieser Nu-Metal-Hochphase, oder? Da hattest du ja im Dunstkreis von denen auch Kid Rock oder Limp Bizkit, später dann Linkin Park. Die haben ja alle im Prinzip diesen Crossover-Ansatz aus den 1990er weitergeführt. Premo hat zum Beispiel auch „N 2getha Now“ geremixt, ein Limp-Bizkit-Song von deren zweiten Album, das sogar als Video rauskam. Dadurch habe ich die Brücke zu HipHop bekommen. Eigentlich kam das echt über Limp Bizkit. (Gelächter) Okay, das ist heute eher uncool. Aber um 2000 herum war das der Shit! Erinnerst du dich an das „Break Stuff“-Video? Darin sind neben Jonathan Davis von Korn und ein paar Schauspielern auch Snoop, Dre und Eminem aufgetreten. Das war halt ein Movement.

Deine Beats sind oft samplebasiert und haben einen deutlichen 90er New York-Sound-Einschlag. Woher wusstest du anfangs eigentlich, welche Samples du für so einen Sound verwenden musst – es hat ja nicht jeder coole Eltern mit großer Soul-Alben-Sammlung?

Das lag wieder am Magicx Music Maker“. (lacht) Der hat ja so fertige Bausteine, sei es ein Gitarrenriff oder eine Piano-Progression, die schon fertig eingespielt darin vorliegt. Darüber habe ich erstmal überhaupt ein Gefühl für Samples bekommen beziehungsweise wie ein Beat überhaupt aufgebaut sein kann. Irgendwann habe ich dann whosampled.com entdeckt, das hat mir eine neue Welt eröffnet. Da habe ich mir dann oft die Samples zusammengesucht und Beats von anderen einfach nachgebaut. Aber gar nicht aus der Motivation heraus, das als mein Werk auszugeben, sondern einfach nur um zu sehen, was dazugehört. Am Ende habe ich festgestellt, dass es eigentlich total einfach ist – ein Sample-Loop, ein Basslauf, Drums. (lacht) Natürlich musst du erstmal das richtige Sample finden und adäquate Drums. Aber durch diese Krisen geht man immer wieder mal. Ich glaube, man fängt immer mit Sampling an. Ich wüsste jetzt nicht, wer schon mit dem Anspruch darangeht, Sachen selbst einzuspielen und sich total von der Basis zu lösen.

Man will sich ja auch selbst fordern und weiterentwicklen…

Klar, ich versuche auch gerade ein bisschen davon wegzukommen, mich ausschließlich auf das Sample zu verlassen und beschäftige mich viel mit Jazz-Harmonien. Wenn man ein bisschen Grundverständnis mitbringt, kann man schon vieles selbst machen. Ich habe ja auch nach wie vor eine Gitarre zum Beispiel – die baller ich dann in mein Focusrite Scarlett 2i4 und zocke kurz was ein. Beim Mixing bin ich auch noch nicht an dem Punkt, der mich zufriedenstellt. Wenn du einen Beat machst, mischst du ja automatisch schon während des Produzierens. Der Anspruch ist da schon, dass der Beat so gut klingt, dass man nicht mehr viel nachjustieren muss. Aber ich komme mit meinen Yamaha HS5-Boxen jetzt auch nicht so weit, dass ich das direkt ins Master geben würde. Ich leren noch viel. Mein erklärtes Ziel ist es aber schon, eine Station zu haben, wo alles umgesetzt werden kann: Produktion, Recording, Mixing, Mastering.

Entsprechend bist du auch jemand, der sich mit neuem Equipment auseinandersetzt?

Wenn man nur ein Hobby hat, geht die Kohle natürlich dafür drauf, klar. Aber ich bin, glaube ich, knapp dran vorbei-geschlittert, so ein Equipment-Junkie zu werden. Ich habe aber vermutlich immer noch mehr, als ich brauche. Ich habe eine 88-Tasten-Keyboard, einen Plattenspieler, meine Boxen, eine Gitarre, und mir kürzlich ein Rohde-Mikro gekauft. Das ist alles noch realtiv basic.

Nicht du suchst das Sample, sondern das Sample sucht dich aus.

HawkOne

Die letzten beiden EPs „Das Leben, das Universum und der ganze Rest“ und „Macht’s gut und danke für den Fisch“ verfolgten beide das Konzept, die Samplequelle einzugrenzen. Worin liegt da der Reiz?

Ich arbeite einfach sehr gerne Projekt-bezogen. Ins Blaue hinein zu produzieren, mache ich nach wie vor auch, aber es ist angenehmer, eine klare Linie zu verfolgen. Gerade auch bei Rakete ist es leichter, weil wir ja über eine große Distanz – Führt und Berlin – zusammenarbeiten. Das hat früher noch besser geklappt, da hat er zu fast jedem Beat „Ja“ gesagt, mittlerweile ist er da schon wählerisch geworden. (lacht) Beats zu verschicken, finde ich allgemein auch uncool. Teilweise sind dann Sachen von dir ewig im Umlauf und irgendein Rapper will den Beat dann benutzen, aber am Ende bleibt er dann doch liegen. Bei den Beats für die beiden EPs wusste ich ja, dass die für Johnny sind. Wir beide sind halt auch ein bisschen hängegeblieben und dann entstehen halt so nerdige Konzepte, wie zum Beispiel ausschließlich Samples von „The Legend of Zelda: A Link to the Past“ vom Super Nintendo zu benutzen – diese 90s-Ding ist auch sogar mehr auf Raketes Mist gewachsen. Klar, das schränkt irgendwo ein, aber es erfordert halt mehr Kreativität. Du hast zwar einen engeren Spielraum, aber bist gleichzeitig auch nicht so verloren in unendlich vielen Möglichkeiten. Bei dem neuen Ding war es auch sehr einfach: wir sind beide Mobb-Deep-Fans.

Das könnte man ja fast als ideologisches Konzept verstehen. Nutzt ihr dann auch ausschließlich die Original-Samples von Vinyl-Platten?

Ich bin kein Hardcore-Old-Schooler, weißt du. Es gibt ja Leute, die extrem fanatisch darin sind: jedes Sample muss vom Original-Album kommen und jedes Gerät muss Large Professor in den 1990ern benutzt haben. Das ist eine andere Limitierung. Das entsteht dann aus so einer Haltung heraus: „Ich bin nur real, wenn ich das alles genauso mache.“ Unsere Limitierung ist ja gar nicht ideologisch, sondern eher Kunst-bezogen. Das ist nur ein musikalisches Konzept. Rino hatte doch im #MOT damals auch diesen „Fahrradkette“-Song, wo er genau diese Thema beleuchtet. Einmal aus der Perspektive dieses Video-Battle-Rappers, der HipHop durch das Internet kennt und gegenüber die Sichtweise von krassen Old Schoolern. Ich bin aber gar nicht so drauf, ich mag Synthesizer.

Du bist in einer Crew namens Forcki9ers und hast eng mit Johnny Rakete zusammengearbeitet. Welche Konstellation ist eigentlich produktiver – allein oder im Gruppengefüge?

Das ist unterschiedlich. Mit Forcki9ers ist es sehr entspannt zum Beispiel. Wir kennen uns halt auch ewig. Das ist erfrischend, weil man halt auch ehrlich zueinander sein kann, ohne dass jemand beleidigt ist. Das kann echt unangenehm werden. Ich musst das schon einmal jemandem sagen, dass ich nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten möchte. Das war aber kein zwischenmenschlicher Grund, er hatte sich nur in eine Richtung entwickelt, die für mich musikalische nicht mehr interessant war. Da war es wirklich schwer. Bei den Forcki9ers ist das ein völlig anderer Umgang. Da treffen wir uns halt auch und haben alle Input, dann schreiben die Rapper und ich mache die Beats: der klassische Studio-Film, halt. (lacht) Aber es ist gleichzeitig auch geil, alleine über Stunden in seinem Keller zu sitzen und in seinem Beat zu versinken. Eigentlich ist es immer noch das Angenehmste.

Aber gerade wenn man alleine arbeitet, kann man ja auch arg ziellos umherirren und kommt musikalisch nicht auf den Punkt. Enaka hat mir erzählt, dass er irgendwann mehr Zeit vor YouTube verbracht hat, als mit Musikmachen.

Das kann passieren, ja. Aber das ist wieder gleiche Phänomen – du hast halt so viele Möglichkeiten, das Internet ist ja auch voll mit Archiven. Da ist es natürlich auch cooler, wenn man sich im Urlaub eine CD mit peruanischer Panflöten-Musik holt, die dich gerade voll schickt. Das ist ja auch viel einfacher bei 15 Songs, anstatt vor YouTube zu hocken und zu denken: „Ich brauche Samples, ich brauche Samples! Ja, Fuck, dann gebe ich mal „Jazz“ bei YouTube ein!“ (Gelächter) Der Schlüssel ist, einfach nicht so viel HipHop zu hören. Die besten Samples habe ich meistens unterwegs gefunden. Oder gar keine Musik bestimmen, sondern sich Mixes anhören – je nachdem, was du samplen willst. Darüber hast du auch ein anderes Feeling, als wenn du vor dem Monitor hockst und dich verkrampfst. Wenn du unterwegs Musik hörst, wird das Sample von alleine zu dir kommen. Das Sample sucht dich aus, sozusagen.

Wenn du das Video, das ich am Anfang unseres Gespräch erwähnt habe, heute anschaust. Was hat sich in deiner musikalischen Sicht verändert?

Ich habe mir früher zum Beispiel ganz oft Beats anderer Produzenten angehört und oft gedacht „Alter, das ist so gut! Ich habe gar keine Lust mehr! Warum sollte ich jetzt noch einen Beat machen?“ Wahrscheinlich war es auch so, wie eben beschreiben, dass ich da vorm Laptop saß und doch nur auf YouTube hängengeblieben bin. Das ist natürlich Quatsch, ich habe ja trotzdem weitergemacht. Aber da wurde mir oft bewusst, wie groß diese Beat-Landschaft, auch in Deutschland, eigentlich ist. Wahrscheinlich ist die Erkenntnis, dass es einfach immer weitergeht: du lernst immer neue Kniffe, findest neue Samples, erweiterst deine Skills beim Aufnehmen oder Mixing und solltest dich nie zufriedengeben mit dem, was du schon gemacht hast.