Haiyti: „Ich führe seit ich ein Kind bin ein Doppelleben.“ // Interview

von am

Seit unserem letzten Gespräch vor fast zwei Jahren zu Haiytis damals aktueller EP „City Tarif“ hat sich – und diesmal wirklich ohne Floskelei – so einiges bei unserem liebsten Girlboss-Gangster getan. Ihr quantitativ und qualitativ vorbildlicher Output aus diversen EPs und Tapes („Toxic“, „Jango“, „Nightliner“, „White Girl mit Luger“, „Follow mich nicht“) spitzt sich diesen Freitag zu mit dem Drop ihres Debütalbums „Montenegro Zero“, das nicht wie gewohnt in DIY-Manier entstand, sondern mit Hilfe eines Major-Labels. Warum sie sich für diesen Schritt entschied, was sie für einen Bezug zu Dancehall hat und warum sie Hunde so toll findet, erklärt sie Miriam Davoudvandi im Interview.

Du hast jahrelang alles selber gemacht, Musikvideos in ein paar Minuten mit dem Handy gedreht usw. Vor einigen Wochen gabst du bekannt, dass du bei Universal signst und dein Debütalbum über sie veröffentlichst. Wie kam es dazu?

Ich habe jetzt lange genug alles selbst gemacht, also wirklich alles. Ich hab am Anfang meine T-Shirts selbst vercheckt, alles. Ich dachte mir, ich kann so jetzt weiter Musik machen, oder ich machs mal so wie die andern um mich herum und versuchs mal mit einem Label, mal gucken wie das so ist. Ich mache jetzt erstmal ein Album mit Universal, ich bin nicht fest dort und bis jetzt klappt alles aus meinen Augen sehr gut. Im Video zu “100.000 Fans” sieht man, dass Geld drinsteckt, ist auch ganz gut angekommen. Aber jetzt kommt das Komische: Es wird nicht weniger, es ist teilweise mehr Arbeit als davor. Beim zweiten Video habe ich auch wieder so ein Trash-Video gemacht, wie ich es halt immer mache. Es war mir wichtig, dass mein Stil nicht komplett neu ist, sondern dass ich meinen Wiedererkennungswert habe, und das habe ich ja auch noch. Das Video zu “Gold” mache ich auch wieder selber, dafür bin ich nach Kroatien geflogen und hab das mit einem Kameramann aus der Uni selbst gedreht. Und wir schneiden das auch zusammen, also so ein großer Unterschied ist es eigentlich nicht, außer dass es ein gewisses Budget gibt.

Du meintest immer, dass du in zehn Minuten einen Track schreibst und ihn dann veröffentlichst. Wie war das bei „Montenegro Zero“?

„Montenegro Zero“ ist teilweise so entstanden, aber der Großteil des Albums ist in drei Wochen entstanden. Die letzten zehn Prozent vier Monate später, also das lag da ein bisschen um, sodass man alles auf sich wirken lassen konnte – sowas wäre sonst nicht passiert.

Aber es gab niemanden, der den Zeigefinger erhoben hat und meinte “Die Stelle musst du nochmal überdenken, das kannst du nicht einfach so hinrotzen”?

Doch, manchmal war das schon ein bisschen spitzohriger, man hat schon mehr darauf geachtet, es ist ja auch kein Mixtape, es ist ein richtiges Album mit dem Niveau, das ich derzeit habe. Es ist ja klar, dass das nicht irgendwas Hingerotztes ist. Die Farhot-EP (Anmerkung d. Red.: „Jango“ EP) war auch hingerotzt, aber wenn gute Produzenten wie KitschKrieg oder Farhot am Werk sind, kann das gar nicht so schlecht werden.

Wie haben die Leute in deinem Umfeld reagiert – gab es den klassischen Major-Deal-Sellout-Vorwurf?

Die Negativerfahrung dadurch, dass ich “gesignt hab” kam noch nicht. Ich glaube, dass sich meine Fans eher freuen, wenn ich mal eine Visagistin habe und neue Outfits trage. Ich hatte ja bisher den Eindruck, dass es meine Fans freut, wenn ich mal wirklich qualitativere Sachen abliefere. Ein paar Leute sagen vielleicht sowas wie: “Die war nur cool im Untergrund.” Aber ich glaube, dass ich die auch noch überzeugen werde.

„Ein paar Leute sagen vielleicht sowas wie: ‚Die war nur cool im Untergrund.‘ Aber ich glaube, dass ich die auch noch überzeugen werde.“

Haiyti

Da wir es ja davon hatten, dass du normalerweise relativ “schnell” einen Song von Anfang bis Ende erschaffst, würde mich die Entstehungsgeschichte einiger Songs interessieren. Von “Zeitboy” kennt man ja beispielsweise die Anekdote, dass du mit Joey Bargeld (dieser bauchfrei im zu kleinen Shirt) direkt nach dem Feiern zu Fizzle (Anm. d. Red.: Teil von KitschKrieg) ins Studio gestürmt bist und innerhalb kürzester Zeit einen deiner größten Hits recorded hast.

Bei “Montenegro Zero” war es anders, ich bin immer aus Wedding mit meinem roten Polo von 1994 morgens um elf losgefahren, war pünktlich um 12 oder so im Studio und dann hab in drei Wochen ziemlich diszipliniert das Album aufgenommen. Also das Verballerte, das gab’s nicht.

Willst du mal die Hintergrundgeschichte zu “American Dream” erzählen?

Ich wollte früher immer Schauspielerin werden, aber da musst du ja schon mit 17 auf ne Schule und mit 20 spätestens entdeckt werden und irgendwann ist halt dieser Traum vorbei. Jedes kleine Mädchen will nach Hollywood, ein Star werden und eine Princess sein und im Endeffekt war ich dann immer noch in Langenhorn oder in Rotklinker. Das ist einfach nicht passiert. Man wird langsam 30 und man war noch nie in den Staaten, vielleicht zählt das noch dazu.

Und “Berghain”?

Die ganzen Berghain-Leute… Es gibt ja jetzt schon ein Berghain-Outfit. Man sagt ja auch: das ist doch so ne Berghain-Olle. Es gibt halt den Prototyp-Berghainer, über den ich mich da auch lustig mache, oder über die ganzen Leute, die da hinrennen und die diesen Club als das Höchste ansehen. Und da hab ich mich halt darüber lustig gemacht, genauso wie über Serienmodelle. Das sind ganz normale Mädels, gegen die man eigentlich nichts sagen darf, die sind halt normal, die können nichts dafür. Manche denken aber, sie wären’s.

Überraschend war für mich “Bahama Mama”, der in eine für dich sehr ungewohnte Dancehall-Dembow-Richtung geht.

Da hab ich mir von KitschKrieg einen mechanischen Dancehall-Beat gewünscht und eine Story von einer Bahama Mama erzählt, wie ich sie mir vorstelle. Ich habe einen Kumpel aus Trinidad, der mir alle möglichen Geschichten erzählt. Die habe ich zusammengemixt.

Ich wusste ja von deiner Dirty South- und Crunk-Affinität, aber Dancehall war mir neu.

Ja, ich komme eigentlich eher aus dem Dancehall als aus dem Rap. Ich habe früher Deutschrap gehört, aber dann bin ich eigentlich eher in die Dancehall-Szene abgerutscht. In Hamburg gibt es viele Afrikaner, Ghanesen, Gambianer auf den Partys – damit bin ich groß geworden. Dancehall wurde immer sehr groß in Hamburg geschrieben, viel größer als in Berlin. Das war immer die Dancehall-Stadt. Früher gab es von Montag bis Sonntag irgendwo in Hamburg ein Club, wo es gespielt wurde, und da war ich.

„Ich komme eigentlich eher aus dem Dancehall als aus dem Rap.“

Haiyti

Zurück zu Joey Bargeld. Ich finde, er scheint in deinem Schaffen eine Konstante zu sein, er ist ja auch schon immer dabei gewesen und wirkt auf mich in euren gemeinsamen Songs so, als wäre er einer der wenigen, der dich auch auf der Gefühlsebene versteht.

Joel kenne ich schon lange aus der Hamburger Feierszene, wir haben uns 2010 das erste Mal kennengelernt, aber uns immer wieder aus den Augen verloren und ungefähr fünf Jahre später wiedergetroffen. Und dann waren wir plötzlich im selben Studio in Hamburg bei Darko Beats und dann haben wir da Tracks zusammen aufgenommen. Dann habe ich ihn mit nach Berlin zu KitschKrieg genommen und jetzt haben sie den abgegriffen (lacht). Ist ja nicht schlimm. Wir sind schon gleichgesinnt, wir können uns auch zum Beispiel nicht hassen. Es gibt manche Leute, mit denen kannst du dich nicht verkrachen, und er gehört dazu.

Du hast gesagt, du hast in Kroatien dein Video gedreht und hast dort ja auch deine Wurzeln. Spielt das in deiner Musik eine Rolle?

Dadurch, dass ich seit ich Kind bin eigentlich ein Doppelleben führe – im Sommer in Kroatien bei meinem Vater, im Winter bei meiner Mutter – spielt es eine Rolle. Ich habe schon immer zwei Leben, die sich in der Musik auch kanalisieren. Mein Vater wohnt in Istrien, wo die alte Garde auch noch Italienisch spricht, weil das früher Italien war, das alte venezianische Reich. Wenn wir einkaufen gehen, fahren wir über Triest. Somit ist diese Norditalien-Welt auch voll in mir drin.

Dein Vater ist ja auch Musiker und hat für dich z. B. “Crime Life” produziert. Macht ihr aktuell Musik zusammen?

Genau, er hat den Beat gemacht. Wir wollten mal wieder was machen, aber momentan nicht.

Ganz wichtig: Du bist auch Hunde-Fan, oder? Was ist dein Lieblingshund?

Ich find ja alle so süß, das ist ganz ganz schlimm bei mir. Das ist so wie bei Frauen, die ein Baby haben wollen, die dann immer alles Babys süß finden – nur mit Hunden. Ich muss immer anhalten, sie streicheln und sie knuffeln. Ich finde die alle so süß! Mein Hund ist ein halber Boxer, halb Shar-Pei, ein Riesenvieh auch, den find ich ziemlich süß. Die platten Nasen – ich mag einfach alles, Mischlinge, kleine Ratten, ich find alle süß.