Haftbefehl – Azzlack Stereotyp [Review]

Eine der größten Überraschungen der vergangenen Monate war mit Sicherheit die unerwartete Renaissance des Straßenraps auf Deutsch. Eigentlich hatte sich die Szene einstimmig darauf geeinigt, dass es in Zukunft wieder mehr um Inhalte gehen werde, die dem Lebensinhalt des durchschnittlichen Hiphop-Kopfes näher stehen, als die Räuberpistolen der Gangster-Legionen. Trotzdem ist Rap aus den „Problemvierteln“ der Republik im Jahr 2010 weit entfernt vom Exitus. Hauptverantwortlicher für die kreative Auferstehung des Genres ist, neben dem Hamburger Nate 57, vor allem Haftbefehl. Anfangs noch von vielen belächelt, fanden sich in den letzten Monaten immer mehr Rapper, Blogger und Journalisten, die sich als Hafti-Fans outeten. Während dieser Phase des stetig anwachsenden Hype-Potenzials arbeitete der Offenbacher in aller Ruhe an seinem ersten Longplayer, der in diesen Wochen nun endlich auf die Öffentlichkeit losgelassen wird.

Um es vorwegzunehmen: „Azzlack Stereotyp“ ist ein Album geworden, welches dem Hype durchaus gerecht wird, aber nichtsdestotrotz mit einigen Schwächen zu kämpfen hat. Das ein perfekter Langspieler selten entsteht, wenn die Gesamtspielzeit die 60 Minuten übersteigt, ist eine Binsenweisheit, die auch in diesem Fall zutrifft. Fast schon zwangsläufig finden sich unter den 21 Anspielstationen einige Kandidaten, die inhaltlich zu uninteressant und beliebig sind, um sich langfristig in den Hörgängen der Käufer festzusetzen. Dies liegt in der Regel nicht mal am Protagonisten selbst, sondern viel mehr an den generischen Gastbeiträgen seiner Kollegen. Allen voran Chaker, mit Abstrichen aber auch  Manuellsen, Massiv, Farid Bang, Jeyz und leider auch Azad sowie Kollegah, greifen allegesamt höchstens Straßenrap-Gemeinplätze auf und schaffen es nicht, an Haftis Leistungen anzuknüpfen.

Die sind hingegen in der Regel tadellos und so unterhaltsam und vielseitig wie erwartet. Ob Haftbefehl nun den Beischlaf mit Rihanna (auf einem Tretboot) anvisiert („Gestern Gallus, heute Charts“), den Azzlack-Lifestyle propagiert, den eigenen Tagesablauf schildert („Jeden Tag Wochenende“) oder seine Meinung zum Konflikt zwischen Israel und Palästina kundtut („Free Palestina“), Vortragsweise und Texte sind stets dem Thema angemessen und bewegen zum genauen zuhören. Zusätzlich setzt sich Hafti durch seine Aussprache, eigenwillige Betonungen und die kreative Verwendung von Slang-Begriffen weit genug von seinen Konkurrenten ab, um sich jeglicher Vergleichsmöglichkeit zu entziehen.

Im Zusammenspiel mit den, durch die Bank druckvollen und ansprechenden, Produktionen von u.a. Benni Blanco, M3 & Noyd und Sti macht die besagte Einzigartigkeit aus „Azzlack Stereotyp“ ein gelungenes Debüt-Album, dass allerdings einen noch besseren Eindruck hinterlassen hätte, wenn weniger Features und einer kompaktere Gesamtlänge den Fokus noch konsequenter auf die Stärken des Mannes mit dem „Osama-Flow“ (Zitat aus der Juice #133) gelegt hätten.

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