„Graffiti hat auf Lebewesen nichts zu suchen“ – Gegenschlag einer Berliner Sprüherin

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Das Body-Art-Projekt „Graffiti On Girls“ macht nicht nur innerhalb der Graffiti-Szene von sich reden. Durchweg schöne und sehr leicht bekleidete Frauen dienen mit ihren Körpern als Leinwand für diverse Sprüher. Auch der dazugehörige Hochglanz-Kalender erfreut sich größter Beliebtheit. Eine 34-Jährige Berliner Sprüherin, die seit nun mehr als zehn Jahren in der Graffiti-Szene aktiv ist, hat nun gemeinsam mit einer Freundin zum Gegenschlag ausgeholt: der „Playboys 2017“-Kalender – mit spärlich bekleideten Männern als Modelle. Unsere Autorin Esra Turan hat sich mit „Chika“ (einer ihrer vielen Sprühernamen) in einem gemütlichen Café in Berlin getroffen, um mit ihr über „Graffiti on Girls“, den „Playboys 2017“-Kalender, das Sprühen an sich und Hausdurchsuchungen zu sprechen.

Normalerweise würde ich das Gespräch mit einer kurzen Vorstellung deiner Person einleiten. In diesem Fall wird das schwierig.

Naja, wenn man sich in der Illegalität bewegt, gibt man natürlich auch so wenig wie möglich von sich Preis. Ich bin weder bei Instagram zu finden, noch habe ich Facebook oder sowas. Ich habe eine E-Mail-Adresse und das reicht mir auch. Klar, viele Leute machen das anders, die geben viel mehr von sich Preis, aber da kannst du dann auch die Jahre oder vielleicht auch die Monate zählen, bis die Polizei raufindet, wer du bist. Die haben da ein sehr leichtes Spiel, wenn du überall im Netz Informationen über dich verbreitest. Man muss sich halt irgendwann entscheiden, in welche Richtung man im Graffiti geht und mein Hauptmerkmal lag immer beim illegalen Sprühen von Zügen, Straßen und so weiter. Ich ändere auch mein Sprayer-Synonym so oft wie meine Unterhose. Ich würde niemals zehn Jahre lang denselben Namen sprühen. Je öfter du denselben Namen benutzt, desto auffälliger bist du für die Polizei irgendwann.

Was genau reizt dich so am Illegalen?

Im Grunde reizt es mich, nachts künstlerisch aktiv sein und sich um die Häuser treiben. Abends oder nachts finde ich es in Berlin sowieso am Schönsten. Da hat man halt einen ganzen Haufen Leute kennengelernt, mit denen man um die Häuser zog. Aber ich bin jetzt nicht unbedingt auf Krawall aus und das Feindbild ist der Staat. Der Spaßfaktor steht bei mir eher im Vordergrund.

Strebst du nicht nach Anerkennung aus der Szene? Das stelle ich mir schwierig vor, wenn du jede Woche einen anderen Namen sprühst.

Nö, ehrlich gesagt gar nicht. Das ist mir völlig egal. Ich meine, in der Szene, in der man sich bewegt, erkennen einen die Leute sowieso. Einfach, weil man einen eigenen Stil entwickelt hat. Und im Grunde geht es ja auch nicht darum, dass dich irgendeine Oma erkennt, sondern, dass Leute, mit denen ich befreundet bin, mich anrufen und sagen: „Ach, ich hab da schon wieder was gesehen von dir.“ Das ist meiner Meinung nach ein szene-internes Ding. Das sollte Leute von außerhalb eh nicht interessieren.

Ich finde es interessant, dass du jemand bist, dem es absolut nicht wichtig ist, dass er einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht.

Da muss man sich halt irgendwann entscheiden. Ich habe mir ein anderes Leben aufgebaut, ich bin nicht abhängig von meiner Kunst. Viele versuchen durch Graffiti, Geld zu verdienen und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich brauche das nicht. Ich habe einen ganz normalen Job, ich habe studiert – ich habe was gelernt. Mein Alltag sieht ganz anders aus. Teilweise mag ich diese Szene auch nicht. Ich brauche auch diese ganzen medialen Plattformen nicht, das würde mich auf Dauer nerven. Wenn ich Bock habe zu malen, habe ich meine Leute die ich anrufe. Das sind ja auch Freundschaften mittlerweile, keine Zweckbeziehungen. Dann hat man halt mal einen schönen Abend und dann ist auch gut. Am nächsten Tag geht das normale Leben weiter.

Also schützt du dein privates Leben im Grunde nur dadurch, dass du auf Bekanntheit verzichtest.

Man hätte vielleicht das ganze Fame-Ding ausbauen können, aber irgendwann kollidiert das mit deinem Privatleben. Wenn du 50 Stunden die Woche ackerst, bleibt so wenig Zeit für Graffiti. Also für das, was du wirklich machen willst: Rausgehen und Sprühen. Und nicht noch tausend spaßige Projekte, die du nur machst, um dir einen Namen zu machen.

Wie bist du denn überhaupt zum Sprühen gekommen?

Ich habe eine kleine Drogenvergangenheit und um mich da ein bisschen rauszuwinden, habe ich angefangen zu malen und mich kreativ zu betätigen. Dadurch bin ich dann irgendwie in die Graffiti-Szene geraten. Ich komme aus dem Osten Berlins und damals hatte Ben Mansour einen HipHop-Workshop geleitet. Da bin ich mit einer Freundin hingegangen, da war ich 13/14 Jahre alt. Ich war schon vorher interessiert am Sprühen, aber durch ihn erst so richtig. Er meinte nämlich zu mir: „Wenn du HipHopper sein willst, dann musst du eines der vier Elemente erfüllen.“ Und das wollte ich damals. Also entweder du rappst, breakst, legst auf oder sprühst halt. So kam ich dann vom Malen zum Sprayen.

Seit wie vielen Jahren sprühst du denn jetzt schon?

Meine erste Sprüher-Erfahrung hatte ich 1999/2000. Vorher hat man aber natürlich viel gezeichnet, bevor man rausgegangen ist. Da habe ich ganze Bücher vollgekrizzelt und geübt, geübt, geübt. Zu der Zeit war der Mauerpark in Berlin ja legal besprühbar, da habe ich mich ausprobiert. Natürlich hinter der Mauer, weil ich ja ein Anfänger war. Meinen ersten Zug habe ich dann 2003 mit einem Freund zusammen gemalt.

Was hast du da gemalt?

Meinen damaligen Sprühernamen „Chika“. Ganz schlimm sah das aus, aber so ist das wahrscheinlich immer am Anfang. Naja, irgendwann wurde ich dann auch von der Polizei erwischt und dann konnte ich den Namen auch nicht mehr benutzen.

Du wurdest erwischt? Wie genau ist das passiert?

Das war an der Hermannstraße, da war ein Zug abgestellt und wir haben nicht mitbekommen, dass die Polizisten sich dort aufgestellt hatten. Ich weiß noch, da haben sie am Bahnhof gebaut und das war so ein Einkaufscenter oder so – deshalb war da eine Baustelle. Und im Grunde hat der Wachmann gewartet, bis ich einen Fehler gemacht habe. Ich bin halt über irgendwas gestolpert, was ich in der Dunkelheit nicht gesehen habe und er hat sich dann auf mich gestürzt. Und das war es dann. Ein anderer Kollege wurde auch verhaftet. Die haben sich allerdings schon gewundert, dass sie ein Mädchen erwischt haben. Dann folgte das Standardprozedere: U-Haft, Fingerabdrücke abgeben etc.

Wussten deine Eltern schon vorher, was du da nachts treibst oder kam das dann mit dieser Geschichte raus?

Meine Mutter wusste schon Bescheid. Die darauf folgende Hausdurchsuchung war auch relativ entspannt. Also, die haben da nicht die Tapeten von der Wand gerissen oder so. Die Polizisten kamen halt irgendwann mal zu viert und haben hier und da mal geguckt, aber sind dann auch schnell wieder gegangen.

Das hat nichts mit Männern oder Frauen zu tun, wirklich. Ich finde einfach, Graffiti hat auf Lebewesen nichts zu suchen.

Chika

Lass uns mal über den Kalender „Playboys 2017“, den du mit einer Freundin ins Leben gerufen hast, reden. Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass das Projekt an „Graffiti On Girl“ angelegt ist. Was hälst du denn überhaupt von der Frauen-Variante?

Genau das ist das Ding. Ich habe damals, als das aufkam, die Hände über den Kopf zusammengeschlagen und dachte:“ Was ist das denn jetzt für eine Toy-Scheiße?“ Welche Frau lässt sich denn generell auf so ein Niveau herab, sowas mit sich machen zu lassen? Ich habe mich auch in meiner Ehre so ein bisschen verletzt gefühlt, denn wenn du dieses Graffiti-Ding als Frau ernst nimmst, dann ziehen genau solche Akt-Modell-Frauen das alles wieder übelst ins Lächerliche. Welcher Mann hat sowas bis dato mit sich machen lassen? Okay, Graffiti ist ein Männer-Monopol, das ist ja auch okay. Aber ich fand das so abartig und wie gesagt: wenn man Graffiti ernst nimmt, dann findet man das Projekt „Graffiti On Girls“einfach nicht gut. Das war dann so lange in meinem Kopf, dass ich mich mit einer Freundin, die das auch nicht gut fand, zusammenschloss, um diesen Gegenschlag zu starten. Das Ganze soll allerdings nicht in Richtung Sexismusdebatte oder Feminismus gehen, sondern einfach eine Antwort auf dieses „Graffiti On Girls“ sein,in der wir uns darüber lustig machen. In meinen Augen sieht Graffiti auf Menschen einfach lächerlich aus und hat da auch nichts zu suchen. Ich meine, du malst doch auch nicht Tiere an. Es gibt so viele Objekte, die man bemalen kann. Ich finde, Menschen sollte man einfach da rauslassen. Manche Menschen wollen mir dann erklären, dass das sexy ist oder dass es um die Ästhetik dabei geht. Das ist für mich aber nicht ästhetisch.

Wenn euer Kalender jetzt ein Gegenschlag ist, aber nicht im feministischen Sinne, heißt das, du hättest auch den Drang gehabt einen Gegenschlag zu starten, wenn an Stelle von Frauen zum Beispiel Kinder oder Tiere bemalt worden wären?

Ja, natürlich. Das hat nichts mit Männern oder Frauen zu tun, wirklich. Ich finde einfach, Graffiti hat nichts auf Lebewesen zu suchen. Das ist ja im Grunde so, wie ein Tier zu erlegen. Man ist ja sein Leben lang, wenn man Graffiti macht, immer darauf aus, Objekte zu erlegen. Dann erlegt man eine Wand, einen Zug, irgendeine geile Stelle einfach, die man für sich beansprucht. Und unter dem Aspekt kommen auf einmal Menschen ins Spiel. Da ist für mich eine Grenze überschritten worden. Das kann natürlich jeder sehen, wie er will. Der eine findet es geil, ich finde es eklig.

Also verteidigst du mit dem Gegenschlag in deinen Augen nur die Kunst an sich?

Ja, total. Und nicht nur Frauen finden das abartig, sondern es gibt auch viele Männer, die den Zusammenhang von nackten Körpern und Graffiti nicht nachvollziehen können. Und diese Männer haben uns zum Beispiel auch in unserem Kalenderprojekt unterstützt.

Sind die männlichen Models in deinem Kalender selbst aktive Sprüher?

Ja, genau. Natürlich ist das auch ein Spaß-Projekt. Das ganze mit den nackten Männern, da sprechen wir ja auch die Homoszene an, das habe ich ja auch schon mitbekommen. Aber das finde ich auch überhaupt nicht schlimm.

Wird daraus eigentlich eine Serie oder war das jetzt eine einmalige Sache?

Das ist eine einmalige Sache. Wir haben das in unserer Freizeit gemacht, wir arbeiten ja auch beide. Wir haben normale Jobs, dieses Projekt ist einfach so entstanden. Wir haben das alles auch selbstständig finanziert, aus eigener Tasche – da sind keine Investoren dahinter. Wir haben jetzt erstmal 250 Exemplare drucken lassen, da wird es in nächster Zeit auch keine zweite Auflage geben. Wir wissen auch noch gar nicht, wie die Resonanz überhaupt wird.

In dem Kalender sprühen die bemalten Herren ja auch selbst. Bei „Graffiti On Girls“ ist das nicht der Fall. Wolltest du da explizit ein Konzept, dass sich unterscheidet?

Das Konzept in unserem Kalender, ist eine kleine Geschichte, die wir erzählen. Im Grunde reflektiert das so ein bisschen das Sprüherleben: wie man sich vorbereitet, losgeht, Action macht und sich dann darauf feiert. Im Grunde geht so los, dass sich die Jungs treffen, die Dosen packen, zu dem Sprühort fahren, alles abchecken und am Ende gibts eine große Party. Zwischendurch gibt’s noch eine Verhaftung. Im Grunde ist das als kleine Geschichte in zwölf Bildern dargestellt.

Glaubst du, dass diese ganze Bewegung von „Graffiti On Girls“ eventuell von Back Pieces abgeleitet ist und doch einen künstlerischeren Aspekt hat, als man anfangs vermuten könnte?

Ich weiß nicht. Ich glaube, die Leute, die das betreiben, sind einfach eine Sammlung von Menschen, denen ich so einen Hintergedanken nicht zutraue.

Du kennst die aber gar nicht persönlich, oder?

Nein, möchte ich auch nicht. Das hat, meiner Meinung nach, mit Back Pieces überhaupt nichts zu tun. Back Pieces sind dadurch entstanden, dass die Writer bis 2000 sich untereinander kaum erkennen konnten, es gab auch kaum HipHop-Klamotten. Okay, in Berlin gab es Minicity am Ku’damm (eine ehemal. Geschäftsstraße am Europa-Center, die bis in die 1990er Jahre eine der wenigen Anlaufstellen für Streetwear in Berlin war; Anmerk. d. Verf) , aber da hat es auch schon aufgehört. Jetzt identifiziert man sich mittlerweile durch tolle Sneaker oder Caps, also da steckt ein Riesenmarkt hinter mittlerweile. Sowas ist einfach nicht mehr nötig.

Hast du eigentlich auch mal getaggt?

Naja, das ist auch irgendwo Handschrift-abhängig. Ich kann schlecht taggen, ich habe einfach eine furchtbare Handschrift. Ein guter Freund von mir, Planet nennt der sich, hat das voll drauf. So richtig hart betrieben habe ich das aber nie. Für mich war Züge-Malen immer das Ding, das ich liebe. Beim Taggen kann auch einfach so viel schief gehen. Ich habe da so viele Geschichten gehört. Alleine, wenn du im Suff mal einen Stift dabei hast und erwischt wirst, hast du nur Probleme. Das muss nicht sein.

Glaubst du, dass du für immer sprühen wirst?

Ja, das ist mir auch wichtig. Ich will das noch mit 40 machen und auch mit 50. Und ich bin vielleicht nicht so bekannt wie viele Andere auf diesem Gebiet, aber ich weiß, dass ich das mit 40/45 noch machen kann und dass ich dann auch noch nicht verbrannt bin.