GIRL*CRUSH: H.E.R.

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Telefoninterview mit H.E.R. „Geht das auch über Skype-Chat?“ frage ich. „Wie wäre es mit dem ERSTEN VOICEMAIL INTERVIEW DER WELT?“ hake ich hysterisch nach. Enthusiasmus durch Capslock vortäuschen, klappt immer. Ich hätte alles dafür getan, plötzlich heiser zu werden. Bloß nicht meine Stimme, in Echtzeit, live, durchs Telefon. Ein Facebook-Messenger Fenster düdümt auf. „Nein und nein. Du packst das!“ Es ist ein bisschen so, als würde ich gleich mein wackliges Start Up-Konzept Carsten Maschmeyer vorstellen. Ich glätte also meinen imaginären Hemdkragen, atme tief durch und warte auf den Anruf von Sony, der mich mit ihr verbindet. Mit I.H.R. Also H.E.R.

Das heißt: Having Everything Revealed. Durch Musik, und nur durch Musik. Auch wenn das Internet mal wieder schneller als sämtliche Anonymitätsbestrebungen der Künstlerin waren, werde ich mehrmals von verschiedenen großen Labels angerufen und gebeten, bloß nicht nach ihrem Namen zu fragen. Im Internet finde ich nur Fotos, auf denen ihre Augenpartie von dicken, schwarzen Sonnenbrillengläsern bedeckt wird. Immer eine Hand vor dem Mund, ihre Fans adaptieren das manchmal – sofern nicht ein breites Grinsen aus ihnen herausbricht.

Es ist so wichtig, weil es nicht genug Frauen gibt, die sich gegenseitig unterstützen und pushen.

H.E.R.

Es klingelt. Alle technischen Geräte, die in irgendeiner Weise ein Mikrophon besitzen, werden panisch angeschaltet. Bevor das Gespräch zum dritten Mal abbricht, erzählt die 20-Jährige mir, dass ihr Europatour-Auftritt in Paris sie umgehauen hat. Sogar hier können alle ihre Texte mitsingen. Ich kann das auch, aber das nur nebenbei. Professionalität über Fangirling, journalistische Distanz über alles. Ich schlage ihr vor, das Interview via E-Mails fortzuführen. Stets hoffend, dass sie die Störgeräusche in der Leitung nicht vortäuscht, um meiner quakigen Stimme zu entgehen.

Mit 18 Jahren erschien ihr Debüt „H.E.R. Vol. 1“ über RCA Records. Zwischen Shakira, Britney Spears und dem A$AP Mob finde ich ihr Bild – wie unpassend eigentlich. Eine Silhouette auf blauem Hintergrund. Kein Gesicht, nur Form. Ohne die immer gleichen Pressetexte, keine vielversprechende Biographie im E-Mail-Anhang. Der Erfolg beider Releases zeigt, was ich den Macher*innen von Musik-Castingshows gerne ins Gesicht kotzen würde: Talent allein reicht eben manchmal doch aus. Außerdem: Menschen mögen Mysterien. Und Alliterationen.

Als Anfang Zwanzigjährige kann sich in ein, zwei Jahren viel verändern – gleichzeitig verändert sich aber auch nichts. Wie war das wohl für sie, zwischen den Releases?

„Es hat sich definitiv viel verändert! „Vol. 1“ stand am Anfang von Allem. Ein neues Kapitel. Einfach gedroppt, ohne von Majors gepusht zu werden. Innerhalb kürzester Zeit haben Leute es geteilt, auch die, die schon „groß“ sind – einfach aus Liebe. Beide Projekte in den Top 10 R’n’B Charts zu sehen, hat mich wirklich überrascht. Die Sicherheit zu mir selbst, das Bewusstsein, dass ich über mich selbst habe. Ich bin sehr optimistisch, in der Liebe sowie im Leben. Letztendlich war ich Headlinerin meiner eigenen ausverkauften Tour und seitdem geht es nur weiter nach oben.“

Ich erzähle ihr von dem warmen Gefühl, dass ich kriege, wenn ich sehe, dass sie von eben jenen supportet wird. Dass das ja nicht selbstverständlich in der Musik- und Medienindustrie sei. Girl Hate und Konkurrenzdenken, Erfolg an Klickzahlen und Features messen en masse.

„Es ist so wichtig, weil es nicht genug Frauen gibt, die sich gegenseitig unterstützen und pushen. Es ist eine Cliquen-Industrie. Wer kennt wen, wer mit wem, wer ist besser? Viele weibliche Künstlerinnen machen das zu einem Wettbewerb, wenn es eigentlich um die Musik und die Message dahinter gehen sollte.“

Oh Girl, I feel you! Anderer Kontext, same struggle: Darüber dachte ich auch am vergangenen internationalen Frauentag nach. Über feministische Identitäten, die „starke Frau“, die ewig und bubble-übergreifend hochgehalten wird. Verletzlichkeit niemals nach außen tragen, wenn man in repressiven Industrien überleben will. Vor allem als Künstler*in immer inspirierend sein.

Ich frage mich und sie, ob sie nach dem Prädikat „Inspiration“ strebt und wer für sie ikonisch ist.

„Ich denke für mich ist es sehr wichtig inspirierend zu sein. Musik ist für mich eine Plattform, aber auch ein Fundament, um dem großen Ganzen dienen zu können. Musik ist einflussreich genau in dem Sinne, in dem sie therapeutische Zwecke erfüllt – für mich und für die Menschen, die mir zuhören. Meine Ikonen sind Michael Jackson, Alicia Keys, Stevie Wonder, Prince. Ich glaube, alles, was der Zeit standhält, hat ikonischen Charakter. Alles, was Menschen dazu bringt, sich zu hinterfragen und neue Generationen prägt.“

Ob sie weiß, dass Menschen im Internet ihre Singer/Songwriter-Fähigkeiten mit denen von Prince vergleichen? H.E.R. – back at it again mit dem, was ich irgendwie gehofft habe. Gut, zeitlos wollen sie alle sein. Jedes neue Release ein neues Versprechen, ein CLA$$ICer auf schwarzweiß. Irgendwas hinterlassen, etwas, das bleibt. Bloß nicht sinnlos, in der Blöße entblößt. Aber bei ihr ist es anders, Authentizität ganz ohne – oder gerade weil nicht dick aufgefahren wird. Keine Features, vorerst. Die Ära des Anti-Stars erhebt sich über ihr, wie ihre Stimme, die problemlos von Brust- in Kopfstimme aufsteigt.

Es folgt: Ein Pro-Tip. How to Crush. Schritt eins (Gleichzeitig die wohl wichtigste Memo an mich selbst): Das „Starstruck“-Phänomen muss aufgelöst werden (Jemand Tipps? DM!). Schritt zwei: Stell dich selbst wieder auf das erste Podest und schau dir deinen Crush erneut an. Schritt drei: Welche Crushes hat dein Crush? Durch welche Prozesse ging er/sie, um die Dinge zu tun, die dich inspirieren? Der Praxistest am Beispiel.

„Vol. 1 ist auf jeden Fall sehr stimmungsvoll und dunkel, Vol.2 dagegen viel optimistischer – wenn auch immer noch sehr emotionsgeladen. Es gab eigentlich keinen wirklichen Prozess, den ich durchmachte, als ich das Album schrieb. Ich hab mich einfach dazu entschieden, mir jedes Gefühl währenddessen zu erlauben und alles zu sagen. Gerade für Frauen möchte ich so ehrlich sein. Meine Musik soll eine Möglichkeit darstellen, sich in ihr wieder zu finden. Zu merken, dass es okay ist, dass du fühlst, was du fühlst. Mein Lernprozess kam erst danach: Ich realisierte, dass ich auf meine Intuition hören muss. Und das war wirklich das wertvollste, dass ich je gelernt habe.“

Vol.1 klingt ein bisschen nach Coming of Age, das Neu-Statuieren einer Person, die sich mit einer toxischen Beziehung und den ihr inhärenten Sehnsüchten und Reibereien konfrontiert sieht. Ich kann zu ihrer Musik einen persönlichen Bezug herstellen, ohne mich in genau derselben Gefühlslage befinden zu müssen. Ein musikalisches Meme also, ohne Cringe-Faktor. Und dabei niemals Zuordenbarkeit und kollektives Gefallen gegen Ehrlichkeit eintauschend. Deutschrap, please take note!

Sie haben keine Wahl, als die Musik auf den Inhalt zu reduzieren.

H.E.R.

Ihre Silhouette füllt sich für mich zunehmend, die dunkle, soulige Atmosphäre ist jetzt wirkmächtig. Nicht nur durch ihren Gesang, für den ich das erste Mal ernsthaft auf das Attribut „engelsgleich“ zurückgreifen möchte. Nicht durch Gerüchte um ihre „wahre Identität“, sondern vor allem eben durch alles, was sie von sich enthüllt.

Im Musik-Universum sind (Ski-)Masken eigentlich nichts neues. Mal Schutz vor kreischenden Fans, mal Hype kreieren durch künstliche Verknappung an Informationen über das Objekt der Begierde. Oder ein Jura-Studium als Back-Up. Über das Masken-Über-Ich gibt es sogar ganze Alben, gute sogar.

Und doch, gerade in der R’n’B-Sphäre wird nicht mit visuellen Reizen gegeizt. Musik, die du in deine Spotify-Sexy-Time-Playlist packst, wird häufig auf YouTube übersexualisiert bebildert. Manchmal ein bisschen drüber, manchmal D’Angelo. Es erfrischt mich irgendwie, meine Vorliebe für H.E.R liegt im Purismus. Welche Vorteile hat es wohl, kein vollständiges Gesicht mit ihrer Musik verbinden zu können? Und dachte eigentlich irgendjemand, ich würde an dieser Stelle nicht die Gelegenheit nutzen, heuchlerisch den Umgang mit persönlichen Informationen auf sozialen Netzwerken in eine Gesellschaftskritik ausufern zu lassen?

„Ich sehe darin eigentlich nur Vorteile, weil Menschen quasi gezwungen sind, nur meiner Musik zuzuhören. Keine Person, keine Assoziation. Sie haben keine Wahl, als die Musik auf den Inhalt zu reduzieren. Diese Ära des Oversharens hatte definitiv viel mit meiner Entscheidung zu tun, weil ich glaube, dass viele den Blick für das Wesentliche verloren haben. Und für mich ist das immer noch die Musik.“

Antoine de Saint-Exupéry hätte es nicht besser sagen können. Bei I.H.R klingt das alles irgendwie romantisierter.

„Can you focus on me?
Baby, can you focus on me? Babe
Hands in the soap
Have the faucet’s running and I keep looking at you
Stuck on your phone and you’re stuck in your zone
You don’t have a clue“

Auf Twitter retweetet sie eigentlich ausschließlich Tweets von ihren Fans und Fotos mit ihr. Ab und zu ein Bild mit Janet Jackson und viel Dankbar- und Ungläubigkeit darüber. Um eine unterschriebene Vinyl von ihr zu gewinnen, startete sie keine Like&Share-Aktion, um ihre Reichweite zu pushen. Sie ließ ihre Fans Liebesbriefe an deren Crushes schreiben. Dabei kamen Oden an die Menschheit, an verstorbene Haustiere oder eben eine Liebeserklärung an die Liebe selbst heraus. Aber warum?

„Für mich selbst gesprochen – das Schreiben ist für mich die beste Art, mich auszudrücken und alles herauszulassen. Also dachte ich mir, Liebesbriefe seien vielleicht die beste Art und Weise, dass auch andere ihr Inneres nach außen kehren können. Es hat so Spaß gemacht, alle Briefe zu lesen. Sie sind wirklich kreativ geworden!“

Ich wäre keine unstudierte, selbsternannte Journalistin (freie Berufsbezeichnung ftw), wenn ich am Ende unseres digitalen Gesprächs nicht nach einem Ausblick fragen würde. Das Ergebnis möchte ich als kitschigen Wandaufkleber in meiner Ein-Zimmer-Wohnung sehen. Als Tumblr-Zitat auf Palmen-Hintergrund.

Sie erzählt von Blessings, und dass sie mehr von der Welt sehen möchte.
„Sich öffnen, ohne öffentlich zu sein.“

Ach ja, und ein neues Album im Herbst!

P.S.:

Liebe H.E.R,

wieso verknallt man sich eigentlich? Ich gehe von meiner küchenpsychologischen These aus, sich immer besonders in jene Menschen zu verknallen, die dir obsolete Charaktereigenschaften besitzen. Du verkörperst etwas, nach dem ich konstant strebe. Du lebst nach deinen eigenen Wahrheiten der Verletzlichkeit, möchtest Mitstreiterinnen hochhalten und hast keine Angst, dass du dabei untergehst. Eine andere Kerze anzuzünden, lässt deine Kerze nicht weniger brennen.