Garma Kang: „Ich war vier Jahre in Holland und habe Gabber-Trance studiert“ // Interview

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Im Berliner Untergrund positioniert sich gerade irgendwo zwischen deutsch-englischen Texten, A$AP-Mob-Atmo und Bier & Joint am Späti ein frisches Kollektiv: die Garma Kang. Bestehend aus den MCs Ricky Tan, Eazy, Mad Flows und Bel Owrd, den Produzenten Jewelz, MathisTypeBeats und Visual Artists Schmennis, Malcolm, Bruce und Tatjana schlägt die Garma Kang gerade mächtig Wellen. Wir haben uns mit einem großen Teil der Gang auf ein paar Bier am Späti getroffen (wo sonst) und mit ihnen über die heftigen Berlin-Vibes und immer benötigte Vielfältigkeit gesprochen.

Von links nach rechts: Schmennis, Jewelz, Bel Owrd, Ricky Tan, Mad Flows, MathisTypeBeats, Malcolm
Foto: Svenja Trierscheid

Von links nach rechts: Schmennis, Jewelz, Bel Owrd, Ricky Tan, Mad Flows, MathisTypeBeats, Malcolm
Foto: Svenja Trierscheid

Ein Interview mit der Garma Kang steht an: Freitag 21:00, Treffpunkt: Stammkneipe – alles schon mal perfekte Bedingungen für ein Interview mit sieben Leuten. In ihrer Hood am Moritzplatz trudeln die Mitglieder langsam hintereinander ein. Schon im Vorhinein warnen sie, dass Pünktlichkeit nicht ihre Stärke sei. Statt Stammkneipe wird’s dann aber doch der nächstgelegene Späti – Bier, Joints und na klar, Jägermeister und Club Mate kommen auf den Tisch. Als der Letzte dann dazustößt und ein lautes „Kang Bang“ umhüllt mit Gelächter durch die Runde geht, wird erstmal ein bisschen gequatscht und das eigentliche Interview verliert schnell den Standard-Interview-Charakter (außer dass Ricky Tan sich bei jeder Antwort vorbeugt, und sehr deutlich und bedacht in die Aufnahmefunktion des Handys redet). Ein Teil der Garma Kang spricht kein Deutsch – Mad Flows und Bruce (der bei unserem Treffen leider nicht dabei war) kommen aus L.A. und Neuseeland. Mad Flows versteht alles, antwortet aber auf Englisch – klingt cooler und ist natürlicher. Eazy, der vierte MC im Bunde, konnte leider nicht bei unserem Interview dabei sein.

Es wird schnell klar: die Jungs von der Kang nehmen sich nicht zu ernst. Das Gespräch wird von Ironie und Späßen vorangetrieben, aber genau diese Eigenschaft gewährt uns wohl den besten Einblick in das Kang-Life.

Könnt ihr mal erzählen wer ihr seid und was ihr macht? Also, uns einen groben Überblick über die Garma Kang geben.

Ricky Tan: Ich glaube das kann Jew machen, weil der hat noch gar nichts gesagt seit wir hier sitzen.

Jewelz: Oha, als erstes reden. Kann das jeder für sich machen? Ich muss doch nicht alles erklären, oder?

Ricky Tan: Ok, ich mach das schnell. Also, die Garma Kang hat sich vor einem Jahr sich zusammengefunden. Es hat angefangen mit Jewelz, Bel Owrd und mir, Ricky Tan. Wir haben angefangen zusammen Musik zu machen, da sind dann schon die ersten Songs entstanden. Mad Flows und Eazy kannte ich noch vom Sneaker-Verkaufen, wir arbeiteten im selben Store. Da hat sich das dann einfach irgendwie ergeben, dass man auch musikalisch was zusammen macht. Es fing an, dass man ab und zu ein Feature beigesteuert hat oder sonst irgendwie. Dadurch ist man enger zusammengewachsen und die logische Konsequenz war, dass wir irgendetwas draus machen mussten – wir wollten uns intensiver mit der Musik befassen, aber niemand war sich ganz sicher, wie das Ganze aussehen soll. Daraus ist der musikalische Teil der Garma Kang entstanden. Dann wurde schnell klar, dass es nichts bringt wenn wir geile Musik machen wir aber die ganze Zeit hustlen müssen um die richtigen Leute für Videos und Grafik zu finden, die auch den Film, den wir fahren, wirklich verstehen. Da sind dann Malcolm und Schmennis als Grafiker dazugekommen und Bruce und Tatjana machen Videos und Fotos.

Jewelz: Eigentlich musst du was sagen, Schmennis, winken bringt sich garnichts.

Schmennis: Sternchen Schmennis winkt.

Bel Owrd: Wink-React.

Ricky Tan: MathisTypeBeats, Jewelz und Eazy, der leider nicht dabei ist, produzieren alle.

Bel Owrd: Ich habe mit Mathis angefangen Musik zu machen. Dann habe ich irgendwann Sean kennengelernt.

Ricky Tan: Letzten September, also zum Ende des Sommers, entstand dann „Hits in der Dropbox“. Von da an war die Garma Kang ein sicheres Ding. Und jetzt schauen wir mal, wo’s hingeht.

Mad Flows: That’s the short answer.

Malcolm: Mike would make sexual reference actually.

Bel Owrd: Ich kannte Mad Flows zum Beispiel auch schon viel länger als Sean, weil wir bei der gleichen Open-Mic Veranstaltung aufgetreten sind. Also ich kenne Mathis und Mad Flows am längsten.

Also macht ihr alle schon relativ lange Musik?

Ricky Tan: Ja. Mike rappt bestimmt am längsten.

Mad Flows: Almost ten.

Malcolm: 25.

Mad Flows: Yeah, my whole fucking life. I came out the whomb with a microphone not an umbilical cord.

Ricky Tan: Ich rappe sechs oder sieben Jahre.

Bel Owrd: Keine Ahnung. Zwei Jahre.

Ricky Tan: Zwei Monate hat er gerappt, dann hat er angefangen zu singen.
(Gelächter)

Ist es schwierig, so viele Leute zu koordinieren, sodass auch etwas Gutes dabei rauskommt?

Jewelz: Nein, garnicht.

Ricky Tan: Man hat musikalisch auf jeden Fall einen Groove gefunden, in dem man gut zusammenarbeiten kann. Und wenn wir im Studio sind, sind wir erstaunlicherweise auch immer echt produktiv. Es entstehen entweder gemeinsame Songs, oder man arbeitet an Ideen von einzelnen Leuten. Es nimmt immer bessere Formen an. Wir arbeiten aber nicht schon seit fünf Jahren zusammen – also es muss sich schon alles noch ein bisschen finden. Aber es ist sehr sehr nice und hat bis jetzt immer top funktioniert.

Ihr bringt ja das Gang-Game wieder ein bisschen zurück nach Deutschland. Und was bei euch noch besonders ist, ihr seid…

Malcolm: Sexy!
(Gelächter)

Was ich eigentlich sagen wollte: Ihr seid musikalisch irgendwie von der ganzen Deutschrap-Szene losgelöst. Wieso ist das so? Was sind denn eure Einflüsse?

Jewelz: Es fängt glaube ich schon damit an, dass Mathis zum Beispiel auch Techno und Trance produziert.

MathisTypeBeats: Trance (lacht). Eigentlich Gabber. Ich war vier Jahre in Holland und habe Gabber-Trance studiert. (Gelächter) Nein, Joke. Ich kommen aber aus dem Techno-Bereich. Ich mache auch viel Tanz-, Club- und Ambient-Kram. Dann war ich zwei Jahre Praktikant bei Mike Will Made It (natürlich ironisch) und dann habe ich angefangen für bel Owrd Beats zu machen. Ich habe immer schon echt viel unterschiedliches Zeug gemacht. Jewelz und ich haben als Produzenten zwar auch ein paar Koordinaten, die uns verbinden. Sowas wie Swisher House und Three 6 Mafia. Aber jeder von uns hat dann nochmal seine individuellen Einflüsse.

Bel Owrd: Mathis hat mich auch inspiriert Tracks aufzunehmen. Ich habe bei so Open-Mic-Geschichten in Berlin angfangen zu rappen und zu texten. Und die ersten Tracks habe ich dann mit Mathis zusammen aufgenommen. Ich finde, dass man krass hört, wenn ein Beat von MathisTypesBeats kommt.

MathisTypeBeats: Aw sweet.

Seid ihr denn alle aus Berlin?

Mad Flows: I’m actually the only Berliner.

Ricky Tan: Ich bin Berliner. Louis ist Berliner. Jewelz ist Berliner. Wir sind einmal aus Deutschland bunt zusammengewürfelt und gleichzeitig aber auch international gut vertreten, besonders was unsere Einflüsse angeht.

Malcolm: Auf jeden Fall haben wir alle irgendwie einen Migrationshintergrund. Ich habe zum Beispiel auch ein Jahr in England gelebt und war in Berlin dann auf einer internationalen Schule. Deswegen besteht auch diese relative enge Verbindung mit der englischen Sprache. Es ist immer eine sehr bunte Mischung an Leuten bei uns.

Mad Flows: We are not the normal Berlin. Or maybe we are, but when people think of Germany, they normally don’t think of this. That’s one thing I’ve kind of realized by coming here. Since I come from Cali, I show this to people back there. And people are normally like “What? We thought it was all like Doc. Martens and bold heads.”. But then they see this – they see the videos, they see the vibe and they hear the music. And even though people don’t understand they kind of catch the vibe. It goes around, thanks to mumble rappers. So thank you, mumble rappers. Because of you people don’t have to understand what the fuck you’re saying, so thank you, you punk bitches. That was Mike.

Vielfalt und Diversität spielt ja immer wieder eine große Rolle bei euch. Wieso ist euch das so wichtig?

Ricky Tan: Wir rücken das eigentlich gar nicht absichtlich so in den Vordergrund.

Bel Owrd: Es kommt halt einfach so.

Ricky Tan: Es ist einfach so passiert. Auch das wir uns so zusammengefunden haben.

Malcolm: Wir schätzen es halt einfach wert, dass es so ist.

MathisTypeBeats: Das ist der Berlin-Effekt.
(Gelächter)

Schmennis: Ew. Ein Euro in die Eklige-Wörter-Kasse.

Foto: Svenja Trierscheid

Foto: Svenja Trierscheid

Aber irgendwie erklärt das eklige Wort das auch ganz gut, oder? Berlin scheint ja schon eine große Rolle zu spielen. Was holt ihr euch denn von der Stadt und was findet ihr so besonders an Berlin?

Ricky Tan: Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Also, ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber ich glaube man hat einen anderen Blick auf die Welt. In Berlin wächst man mitten in diesem Kultur-Clash und Melting-Pot auf und hat dadurch eine ganz andere Beziehung zu den einzelnen Kulturen und alles was dazu gehört. Man ist die ganze Zeit von den unterschiedlichsten Leuten umgeben. Außerdem bin ich auch halb Koreaner und habe durch meinen Vater schon von klein auf viele internationale Kontakte gepflegt. Das ist für mich Berlin – Berlin ist das internationale Deutschland.

Mad Flows: The Future of Germany.

Jewelz: Ich finde, dass die Stadt richtig heavy Vibes hat und schon immer gehabt hat. Sei es vielleicht auch teilweise die Geschichte der Stadt, selbst wenn man selber nicht viel damit zu tun hat, spürst du es trotzdem überall. Berlin hat schon immer so diesen Freigeist gehabt. Diese Berliner Schnauze, die sich aber nicht unbedingt auf den Dialekt beziehen muss – sondern dieser generelle raw flavour. Die Stadt hat einen schon immer dazu angeleitet sich frei zu fühlen. Das war vor 30, 40 Jahren schon so und ist immer noch so. Vielleicht ein bisschen anders, aber die Stadt hat einfach krasse Vibes.

Schmennis: Und es ist jedem scheißegal, wer du bist.

Jewelz: Ja genau. Wenn du zum Beispiel in anderen Städte in Deutschland unterwegs bist, merkst du, dass dich die Leute komisch anschauen. Und hier ist es einfach egal, wie du ausschaust. Und es entstehen auch immer wieder so einzigartige Sachen. Sei es der 1. Mai oder der Karneval der Kulturen oder auch die ganzen kleinen Sachen drumherum. Selbst wenn du jetzt nachts in Kreuzberg am Kanal entlangläufst, triffst du auf unzählige Menschen, die ganz entspannt zusammenkommen. Natürlich auch musikalisch gesehen – es treffen so viele unterschiedliche Genres aufeinander und zwar vollkommen entspannt und ohne Stress.

Ricky Tan: Besonders ist vor allem diese Akzeptanz von komplett gegensätzlichen Musikrichtungen. Ich mag diesen Begriff eigentlich nicht, aber jeder ist total open minded. Man hat eine gewisse Akzeptanz und Weitsicht, auch für Musik. Dadurch kann man auch viel mehr schöpfen und wird von anderen nicht eingeschränkt.

Ihr seid mit eurem ersten Mixtape plötzlich auf der Karte aufgetaucht und habt euch, großteils abseits der Deutschrap-Szene positioniert. Man sieht euch weniger in dem Deutschrap-Kontext, sondern eher in den Berlin-Lifestyle/Fashion-Kosmos.

Ricky Tan: Dadurch, dass wir auch viel in der Club-Szene unterwegs sind, kennen wir einfach viele Leute, die solche Sachen gerne unterstützen und unsere Musik auch feiern. Die Leute haben’s gehört und weiter verteilt. Und es ist halt auch null dieses Deutschrap-Ding, das wir anstreben. Deswegen geht es halt auch einen anderen Weg. Aber das ist überhaupt nichts Schlechtes.

Mad Flows: Everyone dresses like shit, nobody has good fashion in here – we’re a punch of hobos. We’re just a punch of weirdos – a punch of people that like the same weird shit. And it just happens to be music.

Bel Owrd: And memes.

MathisTypeBeats: And dance. We all got super weird dancemoves.

Mad Flows: We just need to dance! No, but it’s just: we enjoy enjoying ourselves. Not like that though. (Gelächter) As a group. We don’t take ourselves too seriously, we just wanna make great music because we love doing it. We kinda get together writing the same way, we’re on the same vibe – on the same mind state. It’s super organic and I think that’s why it’s not just the normal Berlin rap-scene.

Bel Owrd: Wir packen ja auch Englisch und Deutsch auf denselben Track. Wir trennen die Sprachen nicht, versuchen uns aber auch nicht zu verstellen.

Ricky Tan: Genau, es wird nichts erzwungen.

Bel Owrd: Wir schauen einfach spontan wer auf den Beat hüpft. Und wenn das dann Mike und Sean sind, dann entsteht eben ein deutsch-englischer Track. Wir denken nicht daran, ob das irgendwelche Deutschrap-Hörer verstehen. Mike rappt sick auf Englisch, deshalb macht er seine Parts auf Englisch – ganz einfach.

Schmennis: Wenn irgendein deutscher Rapper mal wieder ein Feature mit einem Ami hatte, war es bis jetzt immer schieße. Es hat bis jetzt noch niemand wirklich geschafft, Deutsch und Englisch so entspannt auf einen Track zu packen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, weil die Jungs meine Homies sind. Aber ich finde man denkt nicht “ah krass, da rappt jetzt einer auf Englisch”, sondern das passiert einfach so, man bemerkt es kaum und es klingt geil. Es ist schon anders.

Ricky Tan: Wir reden eigentlich fast nur auf Englisch, wenn Mike oder Bruce dabei sind. Bruce, der heute leider auch nicht am Start sein konnte, kommt aus Neuseeland.

Malcolm: Shoutout an Kiwi.

Ricky Tan: Der spricht halt kein Deutsch, deshalb reden wir eigentlich immer Englisch. Und trotzdem sind wir beim Rappen aber natürlicher auf Deutsch, weil es unsere Muttersprache ist. Es wäre also irgendwie komisch, wenn wir dann auch auf Englisch rappen würden.

Mad Flows: But if you move to Germany, you should fucking learn German. (Gelächter)

Schmennis: So zum Abschluss: Ich glaube es sieht auf den Fotos so aus, als wäre ich Alkoholiker.