Warum Kollegah Fler nicht „ficken“ kann

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Unser Autor und Die-Shitlers-Member Tristan Heming ist der Flersteher (man lese auch seine Kolumne: „Sorry, aber Fler hat recht.“). Seit Jahren verfolgt er den Werdegang des blauäugigen Maskulin-Oberhaupts, kennt nicht nur dessen Interview-Œuvre, sondern – noch außergewöhnlicher – auch die komplette Diskografie in und auswendig. Bevor Kollegah morgen nach sieben Jahren Kindergarten seinen zweiten Fler-Disstrack veröffentlicht, und Fler sein Album „Vibe“ gemeinhin verfügbar macht, erklärt Tristan, warum Fler diesen Beef nicht verlieren kann.

Im Gegensatz zu seinem kommerziellen Aufstieg, hat sich Kollegah raptechnisch nur überschaubar entwickelt: Zu „Zuhältertape 1“-Zeiten feierte man ihn für seine genialen Reime, seine Wortspiele und seinen intelligenten Witz hinter der prolligen Fassade. Seitdem hat Kollegah sicherlich hart daran gearbeitet, sich zu verbessern. Er perfektionierte seine Stärken und bastelte noch verwinkeltere Reime und Wortspiele, über die man noch länger nachdenken muss, bevor man dann noch lauter lacht. Auch aus seinen Schwächen machte er Stärken: Wirkte er früher noch sehr unentspannt in Interviews, hat er mit Bosshaft TV eine Hochglanz-YouTube-Show selbst produziert, und Mikros kann er inzwischen auch auf der Bühne halten und einigermaßen souverän hineinrappen. Er ist das Paradebeispiel seines eigenen neoliberalen „Du bist Boss“-Weltbilds: durch Reflexion und Disziplin zur Selbstperfektionierung. Und damit langweilt er schon länger: Denn alles wird perfekter, aber nichts ändert sich.

Kollegah ist das Paradebeispiel seines eigenen neoliberalen „Du bist Boss“-Weltbilds: durch Reflexion und Disziplin zur Selbstperfektionierung.

Tristan Heming

Anfangs waren Lyrics, Attitude und Feeling das einzig Wichtige, die schlechten Mixes und das grauenhafte Mic waren völlig egal. Danach ist er mit seiner „künstlerischen“ Selbstoptimierung auch erstmal gut ins Leere gelaufen. Je mehr er sich professionalisierte, desto mehr wurde klar: Ihm fehlt das Gespür für Veränderungen. Meine alten Rumpel-Beats gehen nicht mehr klar? Okay, drehen wir den Plastik-Anteil mal kräftig auf. Meine Musik ist eintönig und kaum noch zeitgemäß? Immer her mit den immer gleichen Alman-Auto-Tune-Hooks, die gerade überall drauf sind. Bosshaft!

Kollegah wird immer erst dann wieder gut, wenn er „back to the roots“ geht. „King“ schmiss Auto-Tune und Synthie-Geballer wieder raus und verbesserte stattdessen alles, was Kollegah ausmacht: Reime, Doubletime, Promo – und Musik. Dreifach-Gold war die Folge. Das „Zuhältertape 4“ ging noch way backer – und selbst einige HipHop-Heads applaudierten.

Eine Idee wird so lange gnadenlos weitergesponnen, bis sie für den Markt perfektioniert ist und dadurch kommerziell funktioniert – das ist das Erfolgskonzept des Labels Selfmade Records. Auf dem Weg zur Perfektion scheint aber keinem der Beteiligten aufgefallen zu sein, dass all das fürchterlich langweilig geworden ist. Keiner der Acts kann noch schocken oder irgendwen überraschen. Das trifft auch auf Kollegah zu: Die Rolle des Zuhälters ist auserzählt. Genauso, wie die des intelligenten Macs, der auf Proll macht – weil man inzwischen weiß, dass er zwar Jura studiert, aber auch an Illuminati glaubt. Von der „Das war ein Witz!“-Ebene gab’s ein zweifelhaftes Upgrade auf „Das war ein Witz, aber meine Jugend war auch hart!“. Und der Gedichtanalyse-Rap, bei dem man Songs schichtenweise entschlüsselt (erst den Flow verinnerlichen, dann die Reime verstehen, dann alles auf doppelte Bedeutungen absuchen), ist nur noch anstrengend und unentspannt – und längst nicht mehr fresh.

Kollegah hatte einst mit Sicherheit einen positiven Einfluss auf eine gangstareale Rap-Szene, die technisch und lyrisch eingepennt war. Doch inzwischen wurde die Problemlösung zum eigentlichen Problem: das verkrampfte Reimgesuche und Silbengezähle. Kollegah ist der Vater dieser aktuell so erfolgreichen Streber-Rapper, die längst nicht mehr ausschließlich auf der Straße zu finden sind, sondern vornehmlich in Dörfern und YouTube-Turnieren.

Fler wird in den Geschichtsbüchern des deutschen Raps stehen. Als stilprägende Figur. 2001 bis: Ende offen.

Tristan Heming

Fler steht dagegen: Der Berliner ist unbequem und geht kaum je einen Trend mit, den er in Deutschland nicht selbst gesetzt hat. Dass die ganze Technikrap-Gangster-Generation den kommerziellen Erfolg unter sich aufteilt, aber seit Jahren kaum Innovation bietet (außer noch krasserer Reime, noch krasserer Promophasen und noch krasserer 100k-4D-Virtual-Banküberfall-Videos) – das stinkt gewaltig nach Deutschrap-Blase. Uns bleibt vor allem eins zu hoffen: Dass sobald der geneigte Käufer keinen Bock mehr auf Banger-Musik-Release „183A“ und „Seyed 2: The Return of the Return of Kollegah“ hat, andere innovative Rapper bereit stehen, um Deutschrap den Arsch zu retten.

Gerade deshalb ist es egal, dass Fler in den Augen der Masse immer gegen Kollegah verloren hat und vielleicht immer verlieren wird. 300 000 Kolle-Fans können seinen Disstrack noch so feiern, die Dinge, die er sagen wird, können noch so wahr sein und Flers Widersprüche noch so richtig aufzeigen: Sollte er damit „Flers Karriere beenden“, wären wir ziemlich am Arsch. So ein Glück, dass er das gar nicht kann.

Flers neues Album „Vibe“ setzt mehr neue Impulse, bringt mehr neue Soundbilder nach Rap-Deutschland, als Kolle es in seiner gesamten Karriere getan hat. Fler hat mit „Vibe“ vermutlich eins der besten Deutschrap-Alben der letzten Jahre produziert. Es wäre schön, wenn er für seine stetige Innovation innerhalb der deutschen Raps auch mal kommerziell belohnt werden würde. Fler „vernichten“ kann Kollegah niemals. Denn in 20 Jahren steht Kollegah vielleicht noch immer im Guinness Buch für die meisten Silben pro Sekunde auf einem Rap-Track, oder für das independent meistverkaufte Deutschrap-Album. Aber Fler wird in den Geschichtsbüchern des deutschen Raps stehen. Als stilprägende Figur. 2001 bis: Ende offen.