Fid Mella: „Südtiroler wachsen mit Metal auf. „

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Waldo The Funk oder White Glock, aber auch Gerard oder Olexesh haben sich schon auf sein Hit-Händchen verlassen, nach einer Reihe Hi-Hat Club-Releases mit seinem Beat-Partner-In-Crime Brenk Sinatra, droppte er im letzten Jahr sein erstes großes Vocal-Release, das sträflich unterschätzte „Augenring“ mit dem Sänger/Rapper Jamin. Nun kehrt Fid Mella gute vier Jahre nach seinem Solo-Debüt „Tatas Plottn“ zurück mit dem Instrumental-Album „Å“. In Anlehnung an das moderne Adlib „Awww“, das vor allem der A$AP Mob weltberühmt gemacht hat, verschließt sich der südtirolerische Wahl-Wiener auch auf den neuen 20 Anspielpunkten nicht vor neuzeitlichen Entwicklungen, sondern integriert sie selbstbewusst in seinen Stil – „erwachsen“ könnte man das schimpfen. Mit uns sprach der sympathische Vinyl-Nerd über Plattencover, Computer-Dummheit und Cloud Rap.

Du gehörst zur ersten Generation des „Hi Hat Club“, die für viele Producer im deutschsprachigen die Initialzündung der deutschen Beat-Szene darstellt. Wie schlägt sich das rückblickend nieder? Siehst du dich als Pionier?

Rückblickend war es wahrscheinlich das Beste, was mir hätte passieren können. Brenk hatte mich damals glücklicherweise vorgeschlagen, als Olski mit der Idee kam, eine Hi-Hat-Club-Platte mit ihm zu machen. Seitdem werde ich viel mehr über die Beats wahrgenommen als vorher und habe die Möglichkeit eben auf solchen Dingen, wie hier beim splash! zu spielen. Aber es wäre zu anmaßend, mich als „Pionier“ zu bezeichenen. Ich mache nur Beats. Dass sich das alles so ergeben hat, ist cool, aber Pionierarbeit haben wohl eher Amis geleistet oder so.

Du hast 2012 gesagt, dass es in Wien vor Producern nur so wimmelt. Hat sich das seit dem nochmal maximiert?

Wien ist immer noch krass, es kommen auch immer wieder neue Leute dazu. Ich habe zum Glück auch dort viele Freunde, die geile Beats machen – der Clefco oder Szenario zum Bespiel. Wien ist ein gutes Pflaster für Produzenten. Ich glaube, das liegt daran, dass wir uns alle auch kennen und gegenseitig helfen und Sachen vorspielen. Der Austausch ist einfach ein Punkt, der anspornt. Wenn du immer nur alleine deine Beats zusammenschusterst, fehlt dir eventuell irgendwann die Motivation. Aber es gibt ja auch andere Städt, wo viele gute Beatmaker sitzen – Köln oder Berlin, zum Beispiel.

Wie nimmst du die Entwicklungen um die Hanuschplatz Flow-Posse oder die Berg Money Gang wahr? Wien ist mittlerweile eine echte Rap-Hauptstadt.

Ich finde das geil. Ich freue mich auch sehr darüber, dass man mit Dialekt jetzt plötzlich auch Sachen in Deutschland reißen kann. (lacht) Das ist echt verrückt. Abgesehen davon, dass ich Ignaz und Wandl extrem feiere – „Geld Leben“ ist eine Wahnsinnsplatte. Ich war aber auch einfach nie ein Schauklappen-Typ, der sich selbst musikalisch limitiert. Ich habe nie gesagt: „Wenn ich das mache, kann ich nicht auch jenes ausprobieren.“ Wir haben auf den letzten Instrumental-LPs auch schon Elemente gehabt, die jetzt nicht so extrem „traditionalistisch“ sind – 808s und epileptische Hi Hats und sowas. Es macht halt auch nur Spaß, wenn du dich weiterentwickelst.

Du arbeitest viel mit Samples. Wie entsteht ein Beat bei dir? Basieren all deine Ideen auf Samples?

Meistens höre ich erstmal eine Platte durch. Von der nehme ich mir dann etwas und verarbeite das. Eigentlich starte ich immer mit dem, was ich als erstes finde – egal, worum es sich handelt. Ich habe keine Formel, dass ich zum Beispiel mit den Drums anfange oder erst ein Sample choppe. Das ist wirklich unterschiedlich. Mittlerweile digge ich auch gezielt nach Sachen, die ich früher nicht angerührt habe. Am Liebsten irgendwas Wierdes – aber nicht mal im Sinne von einer obskuren Prog-Rock-Band, sondern einfach komplett daneben. Das sind wahrscheinlich Sachen, mit denen mich die Leute niemals in Verbindung bringen würden. Ich finde auch, dass man auf „Å“ deutlich heraushört, dass ich neue Wege suche und nicht immer das Gleiche mache.

Du hast in einem Interview mal erzählt, dass du eigentlich Rapper werden wolltest. Gibt es Aufnahmen?

Ich bin technisch einfach überhaupt kein versierter Mensch. Daher habe ich anfangs gedacht, dass ich das Produzieren eh nie lernen werde, weil es viel zu viel mit Computern zu tun hat. Ich bin ja aber auch alt genug, um die MPC-Ära noch miterlebt zu haben. Im Grunde genommen, habe ich das alles DJ Shocca zu verdanken – das ist ein legendärer Producer aus Italien, den man in Deutschland wahrscheinlich gar nicht kennt. In Italien ist der aber ein sehr bekannter Producer. Als ich ihn damals kennenlernte, war er gerade mit meiner Nachbarin zusammen und kam eigentlich aus einer ganz anderen Stadt. Ich habe ihn in einem Club getroffen und wir haben uns ein bisschen angefreundet. Er war dann öfter auch in meiner Gegend und hat mir irgendwann den Akai s950 „beigebracht“, sozusagen. Damals kam gerade die erste Fruity Loops-Version raus, aber ich dachte halt: „Solange ich keine Akai besitze, kann ich keine Beats machen.“ Das war ja auch der Mind-State damals. Shocca hat den S950 verwendet, den ich auch schon vom Pete Rock-Cover kannte. Ich habe dann schnell bemerkt, dass das Spaß macht. Also, alle Props an DJ Shocca.

Was für einen musikalischen Backround hast du eigentlich – sind deine Eltern musikalisch?

Meine Familie ist sehr musikaffin, aber ich hatte jetzt keinen Gitarrenunterricht oder etwas Ähnliches. Mein Vater spielt Gitarre, mein Bruder hat sogar eine Band – wir spielen manchmal auch zusammen, ich setze mich dann ans Schlagzeug oder den Bass. Aber ich kann das eigentlich gar nicht, ich mache trotzdem mit. Ich komme aus Meran, das eine Stadt mit 35.000 Einwohnern in Südtirol. Da geht auch nicht viel mit Digging. Ab und zu war mal Flohmarkt, da konnte ich ein paar Vinlys kaufen. Ausschlaggebender war aber die Plattensammlung meines Vaters, die ja auch später für „Tatas Plottn“ (Tirolerisch für „Papas Platten“ und der Name von Fid Mellas Debüt-Album aus 2012; Anmerk.d. Verf) ausgeschlachtet habe. Das waren meine Digging-Anfänge. Seine Sammlung ist auch umfangreich – die Klassiker von Hendrix sind natürlich dabei, ein bisschen Reggae und Jazz. Aber dadurch komme ich in erster Linie aus dem Musiksammeln – ich habe sehr früh begonnen, Musik zu kaufen, so mit acht oder neun Jahren. Mein Vater hat immer Platten gekauft und bei uns lief viel Musik, so bin ich einfach aufgewachsen. Meine erste selbstgekaufte Kassette war, glaube ich, von ACDC oder irgendeine Metalband. Ich bin Südtiroler, wir wachsen alle mit Metal auf. (lacht).

Meine erste Kassette war von ACDC.

Fid Mella

Welches Equipment verwendest du denn heute hauptsächlich?

Meine Laptop und die Machine von Native Instruments, schon seit ein paar Jahren. Vorher habe ich mit der MPC 3000 gearbeitet, aber mit der Machine bin ich einfach schneller. Da gibt es ja auch ein paar Presets, die ich verwenden kann – die benutze ich aber so, dass sie irgendwann nicht mehr nach einem Preset klingen. Solange die Stocksounds von dir noch geflippt werden, kann man das machen.

Wie viel Geld gibst du denn für neues Equipment aus?

Wenn ich Kohle habe, dann gebe ich sie gerne dafür aus – das ist schon wahr. Ich habe auch ein paar Vintage-Synthies. Aber das passiert nur phasenweise. Manchmal will ich innerhalb kürzester Zeit ganz viel neuen Stuff haben, dann kaufe ich mir wieder ein Jahr lang gar nichts. Ich digge auch auf Flohmärkten und im Internet nach altem Equipment – ich beschäftige mich schon damit, aber eben immer nur ab und an. Es stehen noch ein paar Geräte auf meiner Wunschliste, die ich früher oder später auch haben werde. Zum Beispiel den Mini Moog, Model D im Original, nicht die Neuauflage (Gelächter). Aber auch einfach klassische, geile Instrumente, das geht auch in alle möglichen Richtungen und ist nicht nur auf Synthesizer oder Drumcomputer beschränkt. Ich nehme auch gern ein geiles, altes Ludwig-Schlagzeug. (lacht) Das ist vermutlich einfach meine Digger-Natur – diese Suche entstammt demselben Instinkt, schätze ich.

Du hast die Übergangsphase von analog hin zu digitaler Produktion mitgemacht. Wie hast du diese Ära durchlebt?

Naja, wir waren ja nie komplett analog. Zu unserer Zeit gab es ja schon Cubase und Logic, womit wir aufgenommen haben. Meine Akai habe ich auch über eine Midi-Schnittstelle im Cubase angesteuert. Ich komme sozusagen aus beiden Welten. Ich habe aber ein paar alte Synthesizer, die es auch als Plug-In-Versionen gibt. Das ist wirklich ein komplett anderer Sound – wärmer, cremiger. Aber diese Unterscheidung zwischen „analog“ und „digital“ ist bei den ganzen Samplern eigentlich Quatsch – eine MPC ist ja auch digital letztlich.

Producern, die Loops samplen, wird dieser Tage gerne vorgeworfen, zu wenig Eigenleistung in der Komposition zu bringen? Was entgegnest du solchen Vorwürfen?

Sowas höre ich nie über meine Beats. Ich habe auch Loops, klar. Aber ich sehe das überhaupt nicht so. Für den Digger in mir, ist es auch geil, einen coolen Loop gefunden zu haben. Das ist eigentlich das Geilste, das mir passieren kann. Darüber freue ich mich fast schon mehr, als wenn ich ein Sample extrem geil geflippt habe. Der perfekte Loop, das ist doch die schönste Sache der Welt! (lacht) Ich feiere das auch, wenn ich das bei anderen Leuten höre. Ja, das Thema Eigenleistung ist in diesem Fall schwierig. Wenn ich mir Amis anhöre, die die ganze Zeit irgendwelche Samples zugeschoben kriegen und nur loopen, ist das halt nicht besonders kreativ. Aber der Song ist doch geil, das ist doch viel wichtiger. Mir ist es relativ wurst, wie es entstanden ist. Wenn es geil klingt, feiere ich es auch.

Du bist ein klassischer Vinyl-Digger. Kommen dir MP3s überhaupt noch unter?

Ich habe das mit dem MP3-Digging nie richtig auf die Reihe bekommen. Ich würde das wahrscheinlich auch machen, wenn ich jünger wäre. Aber ich kenne diese ganzen Blogs auch nicht, wo du Jungs heutzutage diggen. Ich brauche das aber auch nicht. Ich gehe gerne in einen Laden und kaufe ein paar Platten zum Samplen. Youtube-Samples hört man auch schnell heraus. Wenn die Soundqualität zu scheiße ist, nervt mich das auch. Aber teilweise mache ich das auch, zum Beispiel kleinere Vocal-Samples oder irgendeinen Blödsinn – das hole ich mir natürlich von Youtube, klar.

Spielen Erwartungshaltungen und Hörgewohnheiten eine Rolle für dich, brichst du gar mit ihnen bewusst beim Produzieren?

Ich versuche eigentlich immer meinem Anspruch gerecht zu werden. Wenn es zu cheap ist, dann mache ich es einfach nicht. (lacht) Aber ich mache auch cheape Sachen, wenn es gerade geil komt. Ich mag dieses Gesetzmäßigkeiten und Vorstellungen nicht. Man versperrt sich ja auch durch solche Absolutionen manche Möglichkeiten. Das Wichtigste ist, dass es mir gefällt und das spüre ich sofort. Es muss mich einfach kicken.

Im letzten Jahr ist „Augenring“ mit dem Sänger/Rapper Jamin erschienen, das sich schon mehr am Randgebiet von klassischem HipHop-Sound bewegt hat und eher im Funk verwurzelt ist. Dein neues Album ist wieder ein reines Instrumental-Release. Wie unterscheidet sich deine Produktionsweise, wenn du an instrumentalen Releases arbeitest im Vergleich zu Songs mit Vocals?

Wenn ich ein Instrumental-Album mache, dann ist alles viel konzipierter. Ich treffe jede Entscheidung so, wie es mir gefällt. Bei einer Kollabo ist es natürlich eine Zusammenarbeit, dazu trägt jeder dann seinen Teil bei. Bei Jamin war es halt, dass es naheliegend, den Sound in diese Richtung zu produzieren. Abgesehen davon, dass er diese Beats eh irgendwann einmal gepickt hat, macht seine Flows und seine Art zu Singen, also seine Vielseitigkeit, eben auch diesen Stil aus. Es musst ein Album sein, das schön organisch und gleichzeitig funky ist. Jamin ist einfach der funkigste Müdderficker überhaupt.

Du hast sehr viele Instrumental-Releases mittlerweile. Wie stehst du eigentlich dazu, dass Rapper ungefragt deine Beats benutzen?

Ich glaube, das sollte mittlerweile angekommen sein, dass instrumentaler HipHop existiert und der nicht für Raps vorgesehen ist. Das steht für sich. Es ärgert mich vor allem, wenn jemand nicht fragt und den Beat einfach berappt. Das ist unverschämt. Es könnte natürlich auch passieren, dass ein doper Rapper darübergeht. Das fände ich wiederum cool. (lacht) Aber das passiert leider selten.