Enoq: „Es kommt immer auf die Stimmung an.“

von am

Mit seinem Debütalbum „Zu schön um klar zu sein“ hat Enoq für eine kleine Szene-Überraschung gesorgt. Oftmals harte Parts treffen bei ihm auf zuckersüße Hooks, schmutzige Straßen-Realität auf tiefenentspannte Synthie-Flächen. Über seinen Freund Torky Tork, Produzent von Audio88 & Yassin und Mädness & Döll, landete Enoq bei Jakarta Records, wo bereits internationale Stars wie Mura Masa, Kaytranada und Anderson .Paak veröffentlicht haben. Keine auf den ersten Blick naheliegende Adresse für einen Schöneberger Untergrund-Rapper mit Berliner Schnauze. Und doch passt sein smoother Sound zum Label. Christopher Kammenhuber hat Enoq in Berlin zum Gespräch getroffen.

Im Januar hast du dein Debütalbum „Zu schön um klar zu sein“ rausgebracht. Wie lief die Produktion?

Die Produktion verlief sehr schleppend – es war ein richtig langer Prozess, bis alles fertig war. Vieles stand schon und wurde dann doch wieder gedroppt. Mit vielen Sachen war ich lange nicht ganz zufrieden – da musste das ein oder andere noch passieren. Das Übliche eigentlich. Die ganze Produktionszeit hat mehrere Jahre in Anspruch genommen. Allerdings wollte ich am Anfang gar kein Album produzieren. Ich hatte Bock, Mucke zu machen, dabei sind viele Songs entstanden und irgendwann dachte ich, dass ich auch einfach ein Album machen könnte.

Und dann hast du Produzenten angeschrieben?

Die ganze Produktion läuft bei mir sehr familiär ab. Torky Tork kenne ich schon ewige Jahre. Auch mein Hauptproduzent, Swoosh ist ein richtig guter Freund von mir. Es ist auch nicht so, dass ich mir irgendwo Beats gepickt habe: Wenn ich mit jemandem Musik mache, dann zusammen. Dann fangen wir echt beim Diggen des Samples an, dann werden die Drops zusammen rausgesucht. Das ist meine Affinität dazu, Beats zu gestalten. Ich habe selbst lange Beats produziert, deshalb bin gerne in der Beat-Entstehung involviert. Ich lasse den Produzenten auch ihre Arbeit, und will nicht zu sehr reinquatschen, manchmal brauche ich aber auch eine andere Base oder Hi-Hat. Es läuft so: Ich komm zu dir ins Studio, bring ’ne Flasche Schnaps mit und wir hängen von Abends bis morgens rum.

Das hört man.

Vielen Dank, das freut mich. Viele Leute äußern sich gar nicht und finden die Songs vielleicht todes-wack. Ich finde, es ist immer schwierig, über Kunst zu reden. Die Kommentare lese ich mittlerweile gar nicht mehr. Klar, ich checke nach dem Release kurz wie es läuft: Wie viele Daumen gehen nach oben und wie viele nach unten? Aber irgendwann denkst du dir: „Ach, fuck it.“ Wenn sich jemand nach der Schule die Zeit nimmt, sich vor den Rechner zu setzten und erstmal YouTube-Kommentare zu schreiben, dann soll er das machen. Aber seine Ansicht wird nicht meine Musik ändern. Da bin ich auch einfach zu alt (34, Anm. d. Verf.), als dass mich das interessieren würde.

Und wessen Kritik nimmst du ernst?

Natürlich die aus meinem näheren Umfeld. Aber eigentlich nehme ich jede Kritik ernst, schließlich höre sie mir an. Was ich davon umsetze, ist im am Ende meine Sache. Wenn mir jemand sagt, dass er meine Einstellung kacke findet, kann ich das ja auch irgendwo nachvollziehen: Jeder Mensch steht für andere Dinge ein. Ich höre mir gerne alles mögliche an, aber ob ich mir das dann zu Herzen nehme, kann ich nicht garantieren. Aber klar, wenn meine Mutter sagen würde, dass sie scheiße findet, was ich mache, dann wäre das schon schmerzhafter, als wenn das von jemand anderem kommt. Aber dafür ist sie zu stolz und meine Mucke ist zu dope.

Apropos deine Mutter: Auf „So dabei“ erzählst du deiner Mum vom Drogenkonsum. Warum unbedingt deiner Mutter?

Viele haben den Song und das Video als drogenverherrlichend interpretiert, aber eigentlich ist es ein Geständnis an meine Mutter, mit der ich aufgewachsen bin. Bei vielen Freunden wissen die Eltern gar nicht, was ihre Kids so machen. Die wissen gar nicht, dass es unter Jugendlichen heutzutage normal ist, Wochenendalkoholiker zu sein. Das war die Intention: Ich wollte zeigen, wie es wirklich ist. Meine Mutter wusste immer, dass ich Gras rauche. Das fand sie natürlich nicht cool. Aber von anderen Drogen hat sie nie gewusst. Das ist eigentlich ein Statement für jeden Jugendlichen, dass seiner Mum mal zu sagen: „Ey, sorry, Mama, aber es ist so.“ Ich komme trotzdem mit meinem Leben klar und bin keiner, der irgendwo herumlungert oder Leute abzieht.

Also entstand der Song, weil du mit dir im Reinen sein wolltest?

So gesehen ist das ganze Album hauptsächlich für mich. Ich will aussprechen, was mir auf der Seele brennt. Das war dann cool mit meiner Mum. Ich habe sie aber auch vorher gewarnt: „Morgen kommt ein Video raus, das wird dir nicht gefallen.“ Aber sie meinte gleich, dass sie weiß wie ich bin. Natürlich findet das keine Mutter cool, wenn das Kind Drogen nimmt oder sich übelst wegschießt. Aber sie weiß auch, dass sie sich bei mir keine Sorgen machen muss.

Wenn meine Mutter sagen würde, dass sie scheiße findet, was ich mache, dann wäre das schon schmerzhaft. Aber dafür ist sie zu stolz und meine Mucke ist zu dope.

Enoq

Wie stehst du denn zu den sogenannten Cloud-Rappern, die einerseits ihre Drogentrips ausgiebig dokumentieren und andererseits ein junges Publikum ansprechen?

Das ist insgesamt eine krasse Entwicklung in der Jugendkultur. Früher haben wir Gras geraucht und Alkohol getrunken – heute fangen die Kinds an, sich Kokain, Ecstasy oder Crystal Meth zu verpassen. Das ist schon gefährlich anzuschauen. Ich habe das erste Mal mit 28 harte Drogen genommen, da war mein Gehirn schon ausgereift. Ich wusste schon ein bisschen, was im Leben so abgeht. Die Gefahr einer Schizophrenie ist bei Jüngeren viel größer. Natürlich ist es in dieser Szene ist auch etwas ganz anderes als bei mir früher. In einem Techno-Schuppen, wo du zwei Tage am Stück tanzen bist, sind die Leute natürlich anders drauf, als in meiner Jugend, wo du nachts um vier betrunken nach Hause getorkelt bist – das ist ein anderer Lebensstil. Ich kann nur jedem dazu raten, sich erstmal bewusst zu machen, was man sich da so reinpeitscht. Es ist inzwischen ja ziemlich einfach: Du kannst die Inhaltsstoffe von solchen Sachen googeln und dir angucken, was Chemiker dazu sagen. Und wenn die etwas testen und von 20 Stoffen sind 15 hochbedrohlich und 5 noch unbekannt, dann kannst du dir ungefähr vorstellen, was du deinem Körper antust. Die Sache sollte man mit Vorsicht genießen und gerade wenn man jünger ist, sollte man es noch sein lassen.

Du meintest, du kennst Torky Tork schon lange. Woher?

Tork kenn ich über meinen kleinen Bruder, der auch Mucke macht. Der hat mich zum Anfang der Oberschulzeit mal mit zu Tork genommen. Da dachte ich allerdings noch, dass Tork ein Vollidiot ist – der kann am Anfang so eine leicht arrogante Art haben. Dann haben wir uns beschnuppert und irgendwann ist daraus eine Liebe entstanden. Und seitdem machen wir Mucke zusammen. Tork ist ein Knotenpunkt in Berlin, zu dem immer wieder Leute zum Beats picken kommen. Du hängst da auf der Couch herum, dann kommt der eine rein, dann die nächste Dumpfbacke und am Ende versteht man sich oder halt nicht.

Kam es darüber auch zu der Mädness-/Döll-Connection?

Irgendwann fragte Tork mich, ob ich Döll kenne, der feiere meine Musik. Damals hatte ich den noch gar nicht auf dem Schirm. Auf irgendeinem Videodreh von Audio und Yassin habe ich ihn dann privat kennengelernt, wir sind was trinken gegangen und haben bemerkt, dass wir miteinander down sind. Verse und Hook von „Papperlapapp“ standen da schon, und ich dachte, dass er da ganz gut drauf passt. Er hat dann auch relativ schnell abgeliefert und ich dachte, ein gemeinsames Video wäre gut. So kam dann auch Mädness dazu. Die kommen ja aus der gleichen Gegend wie Yassin. Aber jetzt wohnen alle in Berlin – noch so ein Knotenpunkt für Musiker.

Und in diesem Knotenpunkt bist du aufgewachsen. Wie stehst du zum Hype um Berlin, der gefühlt besonders von Zugezogenen befeuert wird?

Ich habe damit eigentlich kein großes Problem – aber man neckt die Leute natürlich. Ich glaube, eine Vermischung von Kulturen und Städten kann Berlin eigentlich nur gut tun, aber nur, wenn die Leute den Kopf frei machen und es auf sich zukommen lassen. Was nervt, sind die Leute die auf ihrem Hipster-Film feiern gehen. Das sind Leute, die ziehen hierher und sagen dir nach einer Woche in der Bar mit Knöchelsocken und Skinny-Jeans „Ich bin Berliner“. Und ich antworte halt: „Ne du bist kein Berliner!“ Viele Leute regen sich dann gleich über diese Berliner Arroganz auf. Genau wie über den „Du bist kein Berliner“-Pulli, den ich seit Ewigkeiten trage. Aber woanders ist es doch genauso: Wenn ich nach Hamburg ziehe und jemand sagt: „Du bist kein Hamburger“ sehe ich das ja auch sofort ein. Aber im Endeffekt ist mir das Latte. Wenn die Leute cool sind, sind sie cool. Ich verstehe das ja auch: Es ist halt einfach eine der dopesten Städte. Ich habe ja gar kein Problem damit, wenn jemand von woanders herkommt. Wenn ich ihn mag, mag ich ihn. Er soll mir halt nur nicht erzählen, dass er aus Berlin kommt.

Auf „In meiner Gegend“ thematisierst du das. Du lebst in Schöneberg. Wie ist das für dich?

Durchwachsen. Ich bin gebürtiger Steglitzer und lebe jetzt seit etwa zehn Jahren in Schöneberg. Da gibt es richtig schöne Ecken, aber andere sind schon abgefuckt. Aber aus diesem Ghetto-Ding bin ich raus. In jeder Großstadt hast du Ecken, wo es mal ein bisschen gefährlich werden könnte. Aber in Berlin wirst du nicht erschossen, nur weil du ein falsches T-Shirt anhast. Aber klar, letztens war vorm Havanna ein Drive-By, wo sie auf die Türsteher geschossen haben – es ist schon noch Straße. Trotzdem leben da genauso Familien mit ihren Kindern, sind glücklich und allen geht es gut. Da hast du Obdachlose, Prostituierte, tausend Spielos und daneben ein Hipster-Café, in dem die Leute Latte Macciato mit Herzchen-Schaum trinken. Ich liebe Schönberg, es ist mir echt ans Herz gewachsen.

Ich mixe die Sachen gerne: einen bisschen härteren Part, aber dann eine softe Hook – das finde ich geil!

Enoq

In „Geld macht suspekt“ erzählst du davon, dass es immer nur um Geld, Sex, Respekt und den Hustle geht. Anscheinend vermisst du die Liebe im Game. Glaubst du, dass die Anderen eigentlich auch nur auf der Suche nach Liebe sind?

Jeder Mensch ist auf der Suche nach Liebe! Das sind die Grundbedürfnisse: Geborgenheit, Liebe und Gesundheit. Gerade bei jüngeren Leuten geht es oft um Respekt, Ehre und Geld verdienen. Das mündet aber oft in Perspektivlosigkeit, die meisten wissen ja gar nicht, was Ehre und Respekt sind. Für die ist Respekt, wenn die mit zehn Leuten ankommst und sagst: „Gib mir dein Handy, du Hurensohn!“, du gibst es denen und die prahlen: „Guck mal der hat Respekt vor mir!“ Aber das ist kein Respekt sondern einfach Angst oder Selbstschutz. Respektvolles Handeln ist, wenn du jemandem hilfst, die Taschen hochzutragen, weil die Person Hilfe braucht. Die Kinder werden aber auch irgendwann älter und dann raffen sie, was sie tun. Es kommt ja auch immer sehr auf die Herkunft an und du kannst einen Menschen nicht verstehen, wenn du sein Leben nicht gelebt hast. Viele Leute sind auf der Suche nach Geld, aber das macht auch nicht glücklich. Es nimmt höchstens ein wenig Druck aus dem Leben.

Wo liegt eigentlich deine musikalische Herkunft?

So richtig war ich da nie festgelegt, ich habe immer alles mögliche gefeiert, zum Beispiel Goody Mob oder Outkast – das „ATLiens“-Album ist immer noch mein liebstes Rap-Album. Pac habe ich früher rauf- und runtergehört. Biggie ist erst seit ein paar Jahren meins. Das kam erst, nachdem ich mich richtig in die Materie reingehört habe. Aber sonst habe ich alles gehört, was dope war: Von Dead Prez über Das EFX bis zu Cypress Hill. Durch meine Mum kam ich zu Tracy Chapman und Billie Joel. Deswegen mag ich auch R&B. Von den alten Sachen, wie BLACKstreet oder Boyz2Men habe ich mir alle Alben geholt.

Hast du auch Deutschrap gehört?

Deutschrap war auch von Anfang an dabei: Da ging es mit Fanta 4 und Too Strong los. Dann kamen Blumentopf, später die ganzen Westberlin Maskulin Sachen, wo ich nicht klarkam: „Alter, hat der das gerade gesagt?“. Die alten Savas-Sachen sind für mich legendär, mit den neuen kann ich nicht so viel anfangen.

Ich finde aber, Musik sollte niemals in nur einer Sparte landen. Es kommt immer auf die Stimmung an. An einem Tag hörst du im Radio so eine krasse Liebesballade und fragst dich, was das für ein Hundegejaule ist, und zwei Wochen später macht deine Freundin mit dir Schluss, du hörst den Song und kriegst erstmal einen Heulkrampf. So wie du es halt gerade brauchst. Ich höre mir generell alles an. Und selbst wenn ich damit nichts anfangen kann, würde ich die Musik niemals dissen. Selbst der übelste Death Metal, der für mich einfach Schmerzen in den Ohren bedeutet, wird von Anderen übelst gefeiert und die heiraten dazu. Ey, bitte, jedem das, was ihm gefällt. Solange keiner zu Schaden kommt, ist mir das egal. Genieß dein Leben!

Wie merkst du, was dir Schmerzen in den Ohren bereitet und was nicht?

Ich drücke auf Play und schau, ob ich das lustig finde oder ob es mich berührt. Ich brauche Gefühle: Wut, Schmerz, Hass, Liebe oder Freude. Ich muss spüren, dass der Typ das auch so meint und ein Gefühl dafür hat. Am schlimmsten finde ich, wenn Leute Mucke machen, weil sie wissen, dass sie gerade gut ankommt und deswegen einen Auto-Tune-Trap-Song produzieren – aber nur weil das gerade viele hören. Ich bin ein sehr melodiöser Mensch. Ich feiere Gesangs-Parts, das merkt man ja auch in meinen Hooks. Da sind viele Sachen, die sind sehr musikalisch und gesanglich angehaucht. Ich mixe die Sachen gerne: einen bisschen härteren Part, aber dann eine softe Hook – das finde ich geil!