Each one verblöd one: Verschwörungstheorien im Rap

Die Erde ist eine Scheibe und Chemtrails sind eine ernste Bedrohung für unsere Gesundheit. Zumindest sind einige Rapper dieser Ansicht – und werden von vielen dafür nicht ausgelacht, sondern als kritische Geister gefeiert.

Der amerikanische Rapper B.o.B etwa wollte der Welt jüngst weismachen, dass die Erde in Wirklichkeit eine Scheibe sei – schließlich gäbe es dafür Fotobeweise. Und Kollegah lässt im Interview zum Thema „Chemtrails“ in etwa verlauten: Dass da gesprüht wird, ist klar. Nur was genau, ist noch herauszufinden. Beides könnte man natürlich einfach als Realsatire abtun, gäbe es nicht abertausende Menschen, die wirklich an diese Theorien glauben. Während die Flache Erde in Deutschland jedoch wohl nicht viele Anhänger findet, sieht es da mit Verschwörungstheorien rund um Weltherrschaft anders aus: Die „New World Order“, die weltumspannende Verschwörung, die im Namen aller Nationen und Länder Konflikte führe, um die Menschen arm und unterdrückt zu halten, der widmet zum Beispiel Kollegah ein ganzes Lied. Kurz zuvor, bei „Armageddon“, war es noch ein neunminütiger Agenten-Verschwörungs-Thriller, der sich als Fiktion abtun ließ. Inzwischen ist dann aber auch der letzte Vorhang gefallen und es wird Zeit sich zu fragen: Hat Rap ein Verschwörungstheorie-Problem?

Da Probleme im Rap vor allem auftreten, weil Rap ein Spiegel und Teil der Gesellschaft ist, in und aus der er entsteht (könnt ihr Staiger fragen), fangen die Probleme natürlich nicht im Rap an. Wo liegen die Ursachen? Das Internet als offener Kommunikationsraum? Massenhafte Verfügbarkeit von unübersichtlichen Informationen? Das verständliche Misstrauen gegenüber Medien, die zu oft ideologisch gefärbt sind und journalistische Neutralität vermissen lassen? Und vielleicht nicht zuletzt der Wunsch, all die Absurditäten der Realität in einer leicht verständlichen Erklärung zusammenfassen zu können? Doof nur, dass die Realität nicht leicht verständlich ist. Es gibt keine böse Macht, die die Welt beherrscht, dazu Millionen Angestellte hat, und nie packt einer aus. Auf einen sehr simplen Nenner vereinfacht, sind es oft schlicht Profitstreben und Egoismus, die vor den Belangen der ärmeren Bevölkerung stehen. Dass in der Welt eine Menge schief läuft, ist klar. Daran sind aber nicht die Juden, die New World Order, die Reptiloiden oder Aliens schuld (hallo, Olexesh!), sondern komplexe politische und wirtschaftliche Strukturen, die der Mehrheit der Menschheit nicht dienen.

„Es gibt keine böse Macht, die die Welt beherrscht, dazu Millionen Angestellte hat – und nie packt einer aus.“

Das sehen nun aber viele anders. Den angeblich gezielt manipulierenden Medien wird die eigene Kritikfähigkeit entgegengesetzt. Dass Medien die Wahrnehmung mitbestimmen, ist klar. Aber das tun sie nicht zentral gesteuert. Alle Menschen und Organisationen handeln nach eigenen Interessen, und am Ende kommt halt Scheiße dabei rum. Das ist im Internet nicht anders, aber hier wird nicht so offensichtlich viel Geld verdient. Deswegen glaubt der durchschnittlich medienkompetente Zeitgenosse dann kurzerhand, nur hier würde selbstlos im Sinne der Wahrheit berichtet – und posaunt dann im schlimmsten Fall seine Erkenntnis als Rap-Track durchs Weltnetz. Anstatt sich einen eigenen Standpunkt zu erkämpfen (hallo HipHop!), rennt man einfach einem anderen Führer hinterher, der sich erfolgreicher den Anstrich der „Wahrheit“ gegeben hat (hallo Deutschland!).

Es könnte so schön sein: Jungen Leuten wird im Rap vermittelt, sich kritisch mit Medien und ihrer Macht auseinanderzusetzen und sich aus unabhängigen Quellen zu informieren. Selbstermächtigung durch alternative Kultur. Passiert dann aber nicht. Stattdessen sucht man sich als Gegenmacht Verschwörungsautoren und –YouTuber. Die stricken aus im Internet verfügbaren Informationen eine Geschichte zusammen, die entweder die Juden oder irgendeine Geheimorganisation für alles Leid verantwortlich macht (aber eigentlich sind auch das immer die Juden).

Die Quellen sind üblicherweise gelistet. Dabei gibt es aber drei Probleme: Erstens prüft kaum jemand diese Quellen. Die Angaben gibt es, damit das Video glaubwürdig erscheint, nicht, damit sie tatsächlich genutzt werden. Zweitens: Die meisten der Quellen sind wertlos. Keine wichtigen Hinweise, sondern unbedeutender Quatsch, der nur mit einer schon fertigen Theorie zusammengebogen werden kann. Damit sind wir bei Punkt 3: Die Theorie besteht vor der „Beweisführung“. Jeder noch so lächerliche Hinweis lässt sich in diese Richtung deuten; jede normale Erklärung wird zur Vertuschungstaktik. Das ist in der Wissenschaft verpönt, in der Strafverfolgung verboten. Hier ist es jedoch gang und gäbe – aber nicht weniger falsch und dumm.

„Anstatt einen unabhängigen Musikgeschmack und ein freies Informationsbefürfnis zu entwickeln, guckt man lieber Zwei-Stunden-Interviews mit Rappern über Fitness und okkulte Analysen zu Albumcovern.“

Und schon passiert es, dass Haftbefehl uns einen „informativen Sonntag“ wünscht und ein Interview des verschwörerischen Wirrkopfs Ken Jebsen mit seinem verschwörerischen Wirrkopffreund Hermann Ploppa postet, in dem die beiden darüber reden, wie die Demokratie durch eine große Verschwörung unbemerkt unterwandert wird. Dabei ist es ja noch nicht einmal falsch, dass die Demokratie beispielsweise durch die EU-Gesetzgebung ausgehölt wird. Schuld sind aber nicht die bösen Juden, sondern ein unendlich kompliziertes Gewirr aus Einzel- und Gruppeninteressen. Das fängt schon dort an, wo ein Mensch anstatt des Traumjobs im Kindergarten ein BWL-Studium aufnimmt, und hört in der viel komplexeren Politik noch längst nicht auf.

Dabei ist es ja eigentlich schön, wenn im Rap auch mal Botschaften vermittelt werden, die nicht einfach die allgegenwärtige Propaganda nachplappern. Dass die Menschen in der Lage sind, sich von alten Strukturen zu befreien, bedeutet aber noch lange nicht, dass sie es auch schaffen, sich bessere Strukturen zu schaffen. Gerade wird Rapdeutschland jedenfalls durch das Internet von der Terrorherrschaft der Massenmedien befreit. Anstatt aber einen unabhängigen Musikgeschmack und ein freies Informationsbefürfnis zu entwickeln, guckt der Fan lieber Zwei-Stunden-Interviews mit Rappern über Fitness und okkulte Analysen zu Albumcovern. Wenn es dabei bliebe, wäre das ja noch zu verschmerzen, vor allem, wenn alle das so lächerlich fänden, wie es eigentlich ist. Offenbar halten viele verschwörungstheoretische Argumentationsweisen aber für plausibel – vor allem, wenn sie von charismatischen Jugendidolen stammen.

Angenommen, nun würden sich wirklich 200.000 Kollegah-Fans aktiv damit beschäftigen, Chemtrails zu bekämpfen, dann wäre das natürlich ein ziemlich ulkiges Movement. Aber wenn man betrachtet, mit welchen Überzeugungen solcherlei Verschwörungstheorien gern einhergehen, dann ist das schnell nicht mehr lustig: Gegen die bösen Verschwörer muss man sich als stabiler Dude nämlich wehren. Und je nachdem, welche Gruppe von Menschen (oder Aliens) hinter der Verschwörung ausgemacht wird, richtet sich gegen diese auch die Aggression – das ist im Falle von Aliens und Reptiloiden putzig bis dämlich, im Falle von echten Menschen brandgefährlich.