Drake – Views

Drake Views (Cover)

Es ist mal wieder Drizzy-Season: Seit Freitag letzter Woche überflutet Drakes neues Albums Timelines, dominiert on- wie offline Diskussionen und rasiert die amerikanischen Billboard-Charts. Unser Autor Fionn Birr hat sich „Views“ mal genauer angehört – und war nicht uneingeschränkt begeistert.

Drakes viertes Soloalbum „Views“ stellt die uralte Frage, wann Liebeskummer aufhört und Selbstmitleid anfängt. Wie kann ein gebrochenes Herz die Vergangenheit bewältigen und gleichzeitig vermeiden, sich dabei nur in einem egoistischen Mikrokosmos zu verfangen? Die Strategie von „Views“ ist allerdings, diese Vergangenheit einfach im eigenen Mikrokosmos zu kontextualisieren, zu kommentieren und vor allem zu beklagen.

Seit seinem Debüt „Thank Me Later“, das damals eigentlich nur den hallenden, flächigen Sound-Entwurf seines vorangegangen Mixtapes zusammentrug und als Debüt aus heutiger Sicht nur mittelmässig wirkt, hat Aubrey Graham mit dem Follow-Up „Take Care“, aber vor allem mit dem 2013er „Nothing Was The Same“ den Sound der Popmusik der aktuellen Dekade wesentlich mitbestimmt und das hypermaskuline Macho-Image von Rap hin zu mehr Sensibilität, ja überhaupt Emotionalität geöffnet. Drake war von Beginn an eine Heulsuse, die sich inhaltlich fast immer nur auf sich selbst bezog und gerade deswegen immer etwas Alien-gleich über dem Rap-Tagesgeschäft schwebte – „I made a career off reminiscing“, heißt es etwa auf „U With Me?“

Drake war von Beginn an eine Heulsuse, die sich inhaltlich fast immer nur auf sich selbst bezog.

Überhaupt steht dieser minimalistisch-spährische Rhodes-Clapping-Song aus den Musikmaschinen von 40 und Kanye symbolisch für die Stimmung von „Views“. Es geht um Loyalität, die Schattenseiten von Erfolg , Enttäuschungen und (natürlich) seine Ex-Freundinnen – ein typischer Drake-Song also. „Playin‘ mind games, when you sayin‘ things/Playin‘ mime games, we both doin‘ the same thing“. Drizzy scheint mit „Views“ endgültig der Verbitterung zu erliegen, denn Songs wie „U With Me?“, „Feel No Ways“ oder „Redemption“ sind nicht mehr jene flehenden Entschuldigungsbitten einer gebeutelten Seele, sondern fallen ausschließlich vorwurfsvoll, gerade zu passiv-aggressiv aus. Man nehme bloß den Abschluss-Track „Hotline Bling“, der im Subtext vor winterdepressiver Egozentrik nur so strotzt. Nicht Drake ist Schuld an seinem Elend, die Menschen, die ihm Unrecht tun, sind es. In diesem Sinne ist der Titel „Views“ eigentlich irreführend, denn die rund 20 Songs haben nur eine Perspektive: nämlich Drakes. In einem Interview mit Zane Lowe erklärte er: „I’m very proud to say, I feel like I told everybody how I’m actually feeling.“ „Views“ stellt Drizzy final in die Mitte seines eigenen Mikrokosmos.

Breitspektrale Synthieflächen, käsige R&B-Akkorde, hallende Down-Tempo-Drums – der kitschige Stadion-HipHop von 40 und Boi-1-Da ist mittlerweile eine Marke, die beinahe komplett losgelöst vom Rap-Zeitgeist funktioniert und die erste Albumhälfte dominiert. Erst in den letzten Kapiteln wird durch leichtfüßigen Afrobeat-Rythmen oder poppige Dancehall-Anleihen („Controlla“, „One Dance“) die eklektische Experimentierfreude der Vorgängeralben integriert. So wird zumindest auf musikalischer Seite sich nicht ausschließlich auf die eigene Vergangenheit berufen.

„Views“ ist kein Gamechanger wie „Nothing Was The Same“, kein Hit-Album, bisweilen fällt es sogar recht unspektakulär bis gewöhnlich aus. Doch löst „Views“ Drake aus dem zeitgenössischen Rap-Kontext, es macht ihn autark und eigenständig, ja alleinstehend. Drake, die (zu bemitleidende) einsame Spitze.