„Ist das HipHop?“ – Don Philippe über Wun Two, Freundeskreis und 808s

von am

Auch wenn sein Name dem durchschnittlichen splash!-Besucher nicht mehr geläufig sein mag, verrät seine Diskografie („Leg Dein Ohr Auf Die Schiene Der Geschichte“, „A-N-N-A“, „Tabula Rasa“): Don Philippe ist einer der prägendsten Beatmaker der deutschen HipHop-Geschichte. Ende der 1990er Jahre stand er zusammen mit DJ Friction und Max Herre als Freundeskreis für eklektischen Conscious-Rap und Genre-Grenzgängertum. Ungewöhnliche Jazz-Samples, Auftritte mit Live-Band, politische Haltung – FK waren mindestens Wegbereiter für Rap mit Message im Mainstream. Doch wie viele seiner HipHop-Generation orientierte sich der gelernte Schlagzeuger mit dem Aufkommen der Aggro-Ära Anfang der 2000er musikalisch um. Gut 15 Jahre später kehrt er gleich mit einem Instrumental-Doppelalbum zurück. „Between Now and Now/A Long and Silent Street“ bestehen aus jenen Zutaten, die bereits Deutschrap-Klassiker wie „Quadratur des Kreises“ oder „Esperanto“ definierten: reduziertes Drumplay, jazzig-minimalistische, fast introvertierte Arrangements, handverlesen und sample-basiert auf murmelnden Gitarren oder kurzweilig blitzenden Piano-Chords. Fionn Birr sprach mit Philipp Kayser, Jahrgang 1959, über 808s, Freundekreis und Jazz.

In deinem Pressetext steht, dass du zwei Jahre an deiner Musik gesessen und dich viel mit Musik von anderen Menschen auseinandergesetzt hast. Was suchst du eigentlich genau in der Musik von anderen bei so einer konzentrierten Auseinandersetzung?

Also, es waren jetzt nicht genau zwei Jahre, die ich ausschließlich an diesen Alben gearbeitet habe. Es war mehr der ganze Prozess. Ich hatte vorher ja eine zeitlang aufgehört, Beats zu produzieren und größtenteils Songs mit der Gitarre geschrieben. In dieser Zeit sind drei Alben mit Laura López Castro (spanischstämmige Folk-/Fado-Sängerin aus Göppingen; Anm.d.Verf.) und eine Platte mit dem Jazz-Saxofonisten Christoph Irniger (als Futher Reductions; Anm.d.Verf.) entstanden, der unter anderem auch auf dem Stück „The World Connects“ auf „Between Now And Now“ vertreten ist. Es war aber komplett etwas anderes – nur Saxophon und Gitarre. Ich suchte nach diesen Projekten nach neuen musikalischen Ideen – irgendwas, dass mich wieder kickt. Nachdem ich mich jahrelang intensiv mit Gitarre und südamerikanischer Musik befasst habe, war da einfach kein Reiz mehr. Also holte ich irgendwann die MPC3000, die ich schon in den 90ern verwendet habe, hervor – einfach nur aus Lust, damit wieder einmal zu arbeiten. Da habe ich auch erst bemerkt, dass der Instrumental-HipHop, für den ich ja eigentlich stehe, gerade ziemlich angesagt ist und einige junge Leute davon stark beeinflusst sind: einfach Samples flippen, ganz OldSchool- mäßig und gar nicht nur dieser 808-Sound mit viel Synthesizer. Das hat ganz gut gepasst und ich dachte mir: „Schlimmstenfalls klingt es halt, wie vor 15 Jahren.“ (lacht) Ich habe zwischen 2002 und 2007 dann ein paar Beats auf MySpace gestellt. Bloß hat sich damals niemand mehr dafür interessiert – es gab diese Genre für instrumentalen HipHop in Deutschland einfach nicht wirklich und entsprechend auch kein Feedback. Das war auch ein Grund, warum ich das dann nicht weiterverfolgt habe.

Es gab aber ein einschneidendes Erlebnis, das dich von HipHop weggebracht hat, nicht? War es der klassische Fall, dass ein HipHop-Künstler jetzt „erwachsene“ Musik machen will?

Also es war jetzt nicht direkt „erwachsene Musik“,… wobei, vielleicht doch. Ich bin mir nicht sicher. Bis 2000 habe ich immer zeitgenössische Musik gemacht. Ich wollte daher nicht irgendein Retro-Ding fahren, so bin ich ja damals auch auf HipHop gekommen. HipHop war damals der heißeste Shit, das war einfach neu. Natürlich hatte ich auch ein bisschen Glück, dass ich mit Max, den Massiven und Afrob in einer Stadt lebte. Das textliche Niveau von denen war schon extrem gut damals, was mein Interesse noch gesteigert hat. Englisch-sprachigen Rap hätte ich nicht gemacht, das hat mich nicht gereizt. Ich war ja kein HipHop-Freak, der HipHop unbedingt nachmachen musste. Ein DJ, der damals regelmässig im „Unbekannten Tier“ (ehem. Stuttgarter Club, der vor allem wegen seiner eklektischen Musikauswahl beliebt war; Anmerk. d. Verf.) auflegte, kannte meine Musik mit No Sè und hatte mir Max vorgestellt. So kam das Alles zustande. Das Thema HipHop brannte einfach, deshalb habe ich es gemacht. Darauf folgte ja dann bald der Hype und der Erfolg. Anfang der 2000 kam dann dieses R&B-Ding auf. Das fand ich dann nicht mehr so neu, weil ich es schon aus den 70ern kannte. Als ich noch ein Kind war lief das bei uns rauf und runter. Meine Mutter war Französin, Musik war alles für sie. Mein Elternhaus war halt nicht typisch deutsch, wir hörten viel Jazz und aktuelle Musik.

Also Sachen wie Serge Gainsbourg?

Eigentlich gar nicht so viele französische Sachen. Aretha Franklin über Bossanova bis hin zu Santana – alles, was halt angesagt war aus den 60ern und 70ern. Damit bin ich aufgewachsen, zu Stevie Wonder zum Beispiel habe ich mit meinen Rennautos gespielt – „Innervisions“ ist immer noch eine der wichtigsten Platten für mich. 2000 war dieser R&B aber nichts Neues mehr für mich, obwohl es für viele andere der nächste Scheiß war. Die Generation, die Anfang der 1970er geboren ist, hat Stevie und die ganze R&B-Schiene in den 90ern erst neu-entdeckt. In den 1980er gab es nur Depeche Mode, vielleicht ab und zu Sade, aber R&B war allgemein eher out. Die ganzen Soul-Sachen wie Marvin Gaye und Curtis Mayfield kannte niemand mehr. Ich war Ende der 1980er auf einem Konzert von Curtis Mayfield, da waren vielleicht 100 Leute. Das kam erst in den 90ern wieder. Dieser Hype kam mir dann aber gelegen. Denn mein Herz schlägt musikalisch mit der ganzen afroamerikanischen Musik, das ist mein Ding. Alles was nicht swingt, ist nichts für mich. Ich habe bei meinem Arbeitsprozess schon immer sehr viel andere Musik gehört. ich bin ein musikliebender Musiker. Also ein Musiker, der nicht nur spielt, sondern auch hört. Und zwar alle möglichen Arten von Musik. Ab dem Ende der 80er auch ziemlich viel Jazz, weshalb es wohl auch immer noch die größte Inspirationsquelle für mich ist – HipHop ist für mich auch die Weiterentwicklung von Jazz. Musikhören ist ein ganz wichtiger Bestandteil vom Beats-Machen: Du brauchst Samples, und die musst du erstmal finden. Diese Samples fand ich größtenteils im Jazz. Obwohl viele auch Soul samplten, war ich immer auf Jazz und experimentelle Musik fokussiert.

Gab es da eine bestimme Epoche? Manche Jazz-Hardliner lehnen ja Fusion-Spielarten wie Roy Ayers kategorisch ab, weil es ihnen zu soulig ist…

Das war bei mir eigentlich nie so, ich bin nicht dogmatisch. Für mich ist es ein fließender Übergang. Das ist eben die Frage: Wo fängt Jazz an und wo hört er auf? Mein Vater hörte gern New Orleans Jazz, ich bin aber eine andere Generation. Als Louis Armstrong starb, haben meine Eltern zum Beispiel auch Kerzen aufgestellt und den ganzen Tag seine Platten gehört. Wenn ich diesen Stil höre, dann eher Bix Beiderbecke, Duke Ellington oder Django Reinhardt – meine Mutter hat die ja alle auch live gesehen, weil die in Paris gespielt haben. Ich stehe aber eher auf 60er-Jazz. Aber nicht weil ich da noch jung war (lacht), sondern weil es mich musikalisch am Meisten anspricht. Ich mag aber auch frühere Sachen aus den 50ern. Die Aufnahmen sind technisch aber nicht so so gut – es klingt mir zu alt. In den 1970ern ist ja dann alles zusammengeflossen. Leider hörte das aber in den 198oern auch wieder auf.

Die ganzen Synthesizer und 80s-Elemente waren im HipHop lange verpönt – das ist ja erst in den letzten 10 Jahren wirklich „akzeptiert“ worden. Hast du in deiner musikalischen Sozialisation denn mal Grenzen gesetzt bekommen? Zum Beispiel, dass du bestimmte Sachen nicht samplen durftest?

Nein, aber es gab schon ein paar ungeschrieben Gesetze. Ich fand immer auch schon Singer/Songwriter-Sachen geil. Sowas wie James Taylor oder Free, die englische Blues-Rock-Band. Aber solche Sachen hätte ich mich niemals getraut vorzuspielen oder zu samplen. Ab den 2000er kam dann aber Gottseidank eine Welle, in der man diese Singer/Songwriter-Sachen gut-finden durfte. Das war natürlich schon ein bisschen dogmatisch rückblickend, aber das ist es immer mit solchen Sachen. Ich habe vor kurzem einem Dokumentation über HipHop gesehen, wo es um „Walk This Way“ von Run DMC ging. Ein Teil von Run DMC fanden den Track schrecklich, brachten ihn dann aber trotzdem raus. Die störte auch das Rockige an dem Sound – sowas ging damals eigentlich nicht klar. Das war da also auch schon sehr dogmatisch – was darfst du machen, was nicht? Ich hätte auch keinen Rock-Riff gesampelt, einen Beat daraus gemacht und Max vorgespielt. Ich wusste, dass das nicht gut ankommen würde.

Du hast in den 90ern angefangen Beats zu produzieren – also mehr oder weniger den Wandel von Hardware-basierter zu digitaler Produktion mitverfolgt. Wie arbeitest du heute?

Ich mache alles mit der MPC3000, mein Laptop ist quasi wie eine Bandmaschine. Das ist aber reine Stilistik. Ich mag Selbst-Beschränkungs-Konzepte. Ich hätte natürlich alle Möglichkeiten, aber entscheide mich bewusst für eine Limitierung. Klar, ich könnte mich noch mehr einschränken, indem ich eine SP1200 verwende, die nur fünf Sekunden Samplezeit hat. Aber die MPC3000 ist die optimale Limitierung. Was besonders schön ist daran: Man hat noch keinen visuellen Eingriff – es ist alles nur akustisch. Das ist zum Beispiel auch so eine Sache, die mich an der Digitalisierung immer gestört hat. Man sieht den Song, man sieht das Arrangement in der Amplitude. Da kann es passieren, dass man anfängt, visuell zu arrangieren, anstatt zuzuhören. Die MPC hingegen läuft durch wie eine Bandmaschine, man braucht die Augen nur um die Werte zu lesen.

Wie hast du denn das alles eigentlich gelernt, es gab ja kein Internet mit Tutorials?

Naja, es gab immer Leute die etwas wussten und von denen man was lernen konnte. Aber in der Zeit zu „Quadratur des Kreises“ zum Beispiel hatten wir alle überhaupt keine Ahnung. Also, ich hatte im Gegensatz zu DJ Friction, nicht viel Ahnung von Aufnehmen und Mischen. Als wir „Quadratur des Kreises“ aufgenommen haben, meinte jemand irgendwann zu mir: „Du brauchst einen Kompressor. Das ist wichtig!“ Also habe ich mir so ein Ding gekauft, habe erst aber gar nicht gehört, was der macht. Die Kompressoren waren immer sehr amateurhaft eingesetzt. Aber dafür, dass technisch eigentlich echt viel falsch gemacht wurde, klingt die Platte ziemlich geil. Sie ist, ganz streng genommen, die interessantere Platte von beiden. Sie war völlig frei und du hörst noch viel weniger Einflüsse als später. Ich habe mir sie erst kürzlich wieder angehört, obwohl ich mir eigene Platten eigentlich nicht mehr anhöre. „Quadratur des Kreises“ hatte ich mindestens 10 Jahren nicht mehr gehört. Die hat mich nochmal erstaunt im Nachhinein. Was ist das eigentlich? Ist das HipHop? Viele Leute halten diese Platte ja für extrem wichtig – ich glaube, ich habe erst jetzt verstanden, was diese Leute meinen. Wir hatten natürlich Vorbilder, die wir imitieren wollten – aber irgendwie ist uns das nicht wirklich gelungen. (lacht) Auf „Esperanto“ gelang das schon besser. Die ist viel fetter und technisch ausgereifter. Da hörst du auch viel stärker die Einflüsse, zum Beispiel IAM – die ist auf ihre eigene Art geil. Aber „Quadratur des Kreises“ ist die interessantere Platte, in meinen Augen.

Ich habe zwischen 2002 und 2007 ein paar Beats auf MySpace gestellt. Bloß hat sich damals niemand dafür interessiert – es gab diese Genre für instrumentalen HipHop in Deutschland nicht.

Don Philippe

Das sagen ja auch viele über die ersten ATCQ-Alben. Die minimalistische Arrangements und der repetitive, trockene Aufbau deiner neuen Alben erinnern zuweilen an J.Dilla.

Klar, ATCQ zählen zu meinen größten Vorbildern. Ich bin, wie gesagt, kein reiner Hiphopper, aber die Platten habe ich mir natürlich angehört und auch studiert. Ich bin zwangsläufig durch meine Arbeit mit Freundeskreis in diesen HipHop-Kreis geraten, aber ich gehöre nicht zu der Generation, die das in ihrer Selbstfindungsphase als Ausdrucksmittel für sich entdeckt hat. Ich war ja schon über 30 als es losging. Ich fand die musikalischen Aspekte dieser Entwicklung spannend, nicht unbedingt die Kultur dahinter. Die Idee hinter der HipHop-Bewegung hat mich natürlich schon fasziniert; diese Freiheit etwas mit geringen Mitteln und ohne Musikausbildung zu machen. Punk hatte das ja in ähnlicher Weise, aber das hat mich nie richtig berührt – vielleicht, weil mir da der Soul gefehlt hat.

Naja, The Clash haben ja durchaus karibische Einflüsse,…

Ja, bei The Clash stimmt das wohl. Aber das habe ich erst viel später kennen und schätzen gelernt. Vielleicht war ich auch zu sehr Instrumentalist. Wenn jemand dann nicht besonders gespielt hat, berührte mich das einfach nicht so (lacht). Man ist ja auch ein bisschen gefangen in seiner Welt.

Warum hast du dich eigentlich entschlossen, nach 15 Jahren HipHop-Pause gleich zwei Instrumental-LPs zu releasen? Es hätte ja auch erstmal ein Release getan…

Wenn man in so einen Arbeitsfluss kommt, entsteht automatisch einfach viel – deshalb sind es am Ende zwei Alben geworden. Das hat sich alles ergeben. Vinyl Digital haben mich aber auch einfach so angeschrieben. Ursprünglich wollten die einen Remix für Masta Ace haben – ohne zu wissen, dass ich eh gerade wieder dabei war, mich mehr mit HipHop zu beschäftigen. Den Remix hat er zwar nicht genommen, aber ich fand es cool, dass diese Leute mich überhaupt noch auf dem Schirm hatten. Ich habe aber erstmal ins Blaue hinein produziert – auch gar nicht instrumental, sondern als potenzielle Beats für Rap-Songs. Vieles war nach zweieinhalb Jahren aber auch wieder zu alt und wurde von mir wieder weggeschmissen. Ich wusste zum Beispiel auch bis vor Kurzem gar nicht, dass es in Deutschland eine richtige Szene dafür gibt. Das habe ich mir alles erst in letzter Zeit angehört.

… und was ist dir aufgefallen?

Der Wun Two ist mir aufgefallen. Den habe ich auch kennengelernt und ihm gesagt, dass ich ihn in Deutschland am Besten finde. (lacht) Da gebe ich auch gerne zu, dass der ein Einfluss bei meiner eigenen Produktion war. Der ist aber auch ein echter Künstler, in meinen Augen. Der künstlerische Approach ist mir sehr wichtig. Es geht mir nicht so sehr um diese Haltung: „Ich bin HipHop“. Ich bin nicht mein Leben lange dem HipHop verpflichtet. Mir geht es um die Musikalität – Jay Z rappt vielleicht gut, das interessiert mich aber nicht, wenn mir der Beat nicht gefällt. Bei Wun Two habe ich das Gefühl, dass er HipHop eher als Kunstform versteht. Eine Spielart wie Jazz, wenn du es so sagen willst. Eigentlich ist Jazz die wichtigste Kunstform des letzten Jahrhunderts und für mich persönlich zählt HipHop zum Jazz.

Du hast in den letzten Jahren vermehrt Folk-Alben produziert, deren Produktionen ja eher denen klassischer Pop-Songs gleichen. Gab es eine Option, diese Herangehensweise mit deinem wieder-entdecken Beat-Produktionen zu kombinieren?

Die Produktionen der Beats und der Folk-Songs unterscheiden sich nur bedingt – manchmal hatte ich einen Strophen-Vorschlag, den ich dann im Wechselspiel mit der Laura zusammen ausproduziert habe. Oft waren aber die Arrangements auch schon fertig, sodass nur noch der Gesang fehlte – das ist ja quasi wie ein Beat bei Rap-Musik. Aber ich spiele zum Beispiel jetzt keine Instrumente auf meinen Beats. Bei Freundeskreis haben wir das nur ein paar Mal gemacht und oft auch nur, weil die Tonart des Samples nicht stimmte.

Max Herre hat mir in einem Interview gesagt, dass die Idee hinter Freundeskreis im Kern war, Live-Instrumentierung mit Sample-Beats zu kombinieren…

(denkt nach) Ich glaube, das hat Max ein bisschen romantisiert. Das einzige Stück, wo wir das so gemacht haben, war „A-N-N-A“. Es gab ja eine „Beat“-Version auf Intercord („Immer Wenn Es Regnet (A.N.N.A)“ als Maximillian und sein Freundeskreis; Anmerk. d. Verf.), die gefloppt ist. Die Version auf „Quadratur des Kreises“ war dann sozusagen „nur“ eine Remix-Version – da haben wir die Gitarre und das Klavier auf einem Beat eingespielt. Das waren aber alles Einflüsse, die eher von Max kamen. Vielleicht meinte er auch unsere Live-Umsetzungen. Wir waren die erste HipHop-Crew, die mit einer Band aufgetreten sind und auch gleich den Ansatz vertraten, die Beats nicht nur nachzuspielen, sondern eine eigenen Live-Interpretationen zu machen. Es gab ja damals sehr genaue Vorstellungen davon, wie HipHop auf der Bühne funktionieren soll – zwei Plattenspieler und ein Mic. Wir waren anders. Selbst die Amis waren damals noch nicht so unterwegs – jetzt abgesehen von The Roots oder so.

Wie kommt es, dass du als gelernter Musiker das Sampling und die Live-Instrumentierung so klar trennst?

Ich habe das einfach anders wahrgenommen. Für mich ist eine HipHop-Produktion: Platten hören, Samples bearbeiten, einen Loop kreieren. Der Zufall ist ein wichtiger Aspekt bei HipHop. Du hörst irgendwas, drehst an einem Knopf herum, schneidest etwas heraus – das ist eher intuitiv und weniger geplant. Bei einer klassischen Song-Komposition sitzt du ja an einem Instrument und musst dir vorher überlegen, was du spielst. Der Zufall ist viel geringer. Wenn du etwas selbst-komponierst, klingt es auch viel schneller nach etwas, das du schon mal gehört hast. Das mag sich komisch anhören, für jemanden, der kein Instrument spielt – du kannst die Dinge aber im Grund nicht komplett neu-erfinden. Du lernst ein Instrument durch Hören und Nachspielen. Dein Repertoir ist daher immer eine Summe aus Dingen, die jemand schon mal gespielt hat. Das stört mich an vielen heutigen Songs auch. Viele Akkordverbindungen sind schon mal da gewesen, das ist stinklangweilig. Wenn du samplest, passiert das nicht so leicht. Da wiederholst du dich eigentlich nur selbst. Wenn Leute sagen, „Don Philippe klingt immer gleich“, ist das für mich eher ein Kompliment, weil ich dann offenbar eine Handschrift habe. Das ist viel mehr wert, als wenn Leute jetzt sagen: „Don Philippe klingt wie Produzent X“.

Freundeskreis wird im heutigen Deutschrap-Kontext gern als Symbolfigur für „Studentenrap“ oder „Müsli-HipHop“ genommen. Was denkst du eigentlich darüber, wenn zum Beispiel Audio88 und Yassin einen Song namens „Quadratur des Dreiecks“ veröffentlichen.

(lacht) Geil, das kannte ich gar nicht! Ich glaube, wenn du etwas machst, das irgendwie außergewöhnlich ist, kommen doch immer auch die Hater. Das war bei uns von Anfang an so. Damals haben sie uns als „Waldorfschul-Rapper“ bezeichnet. Dem messe ich aber nicht so viel Wert bei. Wir hatten eine Message und wollten über ernsthafte Themen sprechen, in einer Zeit, als viele anderen Fun-Rap gemacht haben – die Fantas, die Brote, Tobi & Bo. Wir waren aber die Einzigen in dieser Zeit, die auch über Mumia Abu-Jamal oder die Baader-Meinhoff-Bande gesprochen haben. Mag sein, dass das auf manche ein bisschen Gymnasiasten-mässig gewirkt hat. Aber hör dir doch mal „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ an – wer hat denn in Deutschland je so einen Text geschrieben? Da können sich doch mal alle in ihr Kämmerchen zurückziehen.