„Warum trägst du Nike-Schuhe?“ Disarstar über Konsum, Trap und Ronny, den LKW-Fahrer

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„Ich sehe, was, das kannst du nicht sehen/Inhalte, Aussage, Reimschema, kein Thema – ich sehe mich mit keinem dieser Penner auf einer Stufe stehen“, allein dieses Zitat aus seiner jüngsten Single-Auskopplung „Death Metal“ bekräftigt: Disarstar macht sich Gedanken. Über sich, über Rap, über die Gellschaft. Nach reichlich Bühnenerfahrung als Supportact auf der letzten Kontra-K-Tour und dem Überraschungserfolg seines Mixtapes „Sturm und Drang“ hat sich der Hamburger mit der kratzigen Street-Delivery auf seinem zweiten Album „Minus x Minus = Plus“ abermals neu überdacht: Statt ausschließlich durch-konzipierten Message-Raps, setzt der der 22-Jährige nun auch vermehrt auf Spontanität, Nah- und vor allem Nachvollziehbarkeit. Mit Christopher Kammenhuber hat er über Ronny, den LKW-Fahrer, Zeckenrap und Abitur gesprochen.

Foto: David Königsmann

Foto: David Königsmann

Moin, Disarstar. Am 31.03.2017 kommt dein zweites Album „Minus x Minus = Plus“. Wie vergleichst du die Entstehung mit deinem ersten Album „Kontraste“?

Also, das kann ich jetzt auch so sagen: „Kontraste“ ist ein Album, das ich überhaupt nicht mag. Ich finde, das Album ist ein bisschen zu konstruiert: Ich hab zu sehr versucht, etwas Politisches zu sagen, was mir eigentlich nicht so am Herzen lag. Mir hat damals zwar niemand etwas vorgeschrieben, beeinflusst wurde ich aber schon. Hinter den früheren Projekten wie „Tausend in Einem“ oder „Manege Frei“ steh ich vollkommen – das ist bei „Kontraste“ schwierig. Mit meinem letzten Projekt „Sturm und Drang“ habe ich mir dann mein Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen wieder erarbeitet. Vor dem Hintergrund ist mir „Minus x Minus = Plus“ auch so leicht gefallen. Die Messlatte lag für mich eigentlich relativ niedrig – um „Kontraste“ zu überbieten mussten für mich nur ein paar Regler gedreht werden. Deswegen hat sich das Album nach ganz lockerem abarbeiten angefühlt. Komischerweise fiel mir ein Projekt noch nie leichter.

Das hört man „Sturm und Drang“ auch an. Letztendlich war die Free-EP sehr erfolgreich. Woran lag das?

„Sturm und Drang“ kam unglaublich viel besser an als das Album, obwohl es keine Promophase, eine Single und ein Interview gab. Im Prinzip sind es gesammelte Onetakes. Bei denen hab ich immer größere Bedürfnisse und schreib mit mehr Motivation. Wenn mich etwas aufregt, inspiriert mich das zum Schreiben. Ich mach das, wenn ich Bock habe und so ist „Sturm und Drang“ dann auch entstanden. Ich muss mir das eigentlich mal zu Herzen nehmen: Die Sachen, die ich am meisten aus dem Bauch heraus mache und mit einem sehr niedrigen Anspruch schreibe, sind meistens die erfolgreichsten Dinger. Und das flächendeckend, „Tor zur Welt“ zum Beispiel. „Kein Glück“ ist auch so random entstanden, dass ich gar nicht glauben kann, dass die Leute den so abfeiern. Das sind Sachen, bei denen ich in einer Stunde einen ganzen Song durchziehe, nichts nochmal umdrehe oder mich verkrampfe. Das ist es, was an den Onetakes so viel Spaß macht – hinsetzen, machen, fertig. Die Leute merken das, deswegen kommt das auch so gut an. Das ist mir auf „Minus x Minus = Plus“ im Vergleich zu „Kontraste“ auch voll gelungen: manche Songs sind so losgelöst. Das sind die besten Songs am Ende, auch wenn ein Album so ja eigentlich nicht funktioniert.

Und jetzt kommt wieder ein Album, das ja eher konzeptioneller erarbeitet wird. Kommen trotzdem weiter Mixtapes?

Das wird auf gar keinen Fall je vorbei sein. Nach dem Album ist vor dem Album, nach dem Mixtape ist vor dem Mixtape. Es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich in Zukunft zusehen werde, immer mal wieder ein Free-Mixtape zu machen. Es ist auch geil den Leuten was zu schenken. Außerdem kann ich da politisch auch noch toller auf die Kacke hauen, ohne das es kritikfähig ist. Das Schöne ist an einem Onetake: Wenn Leute 15 Euro für meine CD ausgeben, dann kaufen sie sich auch das Recht, sich darüber zu beschweren und zu kritisieren. Bei „Sturm und Drang“ war halt so: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Genau so hab ich das Ding gemacht und rausgehauen. Danach dachte ich, dass keiner das Recht hat sich zu beschweren, weil ich das Tape verschenke.

Deine Musik ist durchzogen von Kapitalismus- und Konsumkritik, so auch auf „Minus x Minus = Plus“. Hast du das Gefühl dich manchmal dafür rechtfertigen zu müssen, gerade im Hip-Hop, wo Konsum teilweise sehr gefeiert wird?

Wir leben in einer Gesellschaft oder einer Welt, in der man sich ein Stück weit über Konsum profiliert und identifiziert – zumindest im Mainstream. Wenn du Fernsehen guckst und siehst wie irgendwelche Hollywood-Filme vermitteln, wie ein Mensch zu sein hat, um als Mensch etwas wert zu sein, sind das Assoziationen, die wir von Tag eins an eingeimpft bekommen. Da ist man bei Kant, der von Mündigkeit und Unmündigkeit spricht. Auch Unmündigkeit ist selbstverschuldet. Man kann nicht nur sagen: „Die manipulieren mich!“ Natürlich lässt man sich auch manipulieren. Das bekommen wir von klein an mit. Dann fragen mich Leute: „Warum kritisierst du Kapitalismus und Konsum aber trägst Nike-Schuhe?“ Ich trag halt Nike-Schuhe, weil meine Jungs auch welche anhaben und ich dazugehören will. Ich will auch keine Sandalen tragen. Das sind so Sachen, die ich selbst reflektiert nicht auf die Reihe krieg. Und dann gibt es viele Rapper, die das nicht reflektieren – die natürlich noch umso weniger. Im Endeffekt geht es um Selbstwertgefühl. Man will etwas wert sein und dazugehören, man will Status haben, man will wahrgenommen werden. Ich glaube, dass wir uns im Prinzip nach Liebe sehnen. Und es ist egal, wie man sich die erschleicht und ergattert und ob sie echt ist oder nicht. In einigen Kreisen ist der dicke Benz oder die Rolex dann das Mittel zum Zweck.

Also ist die Kritik am Konsumenten zu kurz gegriffen?

Das ist diese lächerliche Symptombekämpfung, denn wo ist des Pudels Kern? Wenn du zum Beispiel bei Kik ein T-Shirt für einen Euro kaufst oder bei Gucci einen Pullover für 100 Euro, ist das eine, kapitalistisch gesehen, nicht moralisch korrekter als das andere. Kik profitiert über den Absatz, Gucci über den Preis. Es sind aber gleich große Unternehmen, die wahrscheinlich die gleichen Jahresumsätze haben. Ob ich jetzt Nikes oder Deichmann-Schuhe für 30 Euro trage, ist der Person, die die Schuhe näht, scheißegal und an den bestehenden Verhältnissen wird das auch nichts ändern. Das ist oft Haarspalterei.

Der Typ aus Bayern nennt den Schwarzen jetzt nicht mehr N***, findet ihn aber trotzdem scheiße. Toll, dass er ihn jetzt nicht mehr so nennt, das hilft aber nicht.

Disastar

Ein weiteres Thema, mit dem du dich kritisch auseinandersetzt ist Sexismus. Wie stehst du in dem Kontext zu political correctness? Sinnvoll oder ebenfalls Symptombekämpfung?

Sexismus besteht aus gesellschaftlichen Dynamiken. Ich merke ja auch bei mir, dass ich das zwar verstehe, reflektiere und scheiße finde, aber auch in vielen Bereichen immer noch viel sexistischer und Macho bin, als ich das gerne wäre. Das liegt daran, dass ich das so sozialisiert bin und patriarchalisch erzogen wurde. Obwohl wir ja angeblich in einem ganz aufgeklärten und emanzipierten Land leben, sind Frauen in unserer Gesellschaft noch lange nicht da, wo sie eigentlich sein sollten: Frauen verdienen immer noch weniger, Frauen kümmern sich immer noch oft alleine um Haushalt und Kinder. Diese Rollenbilder sind ja nur theoretisch aufgelöst. Deswegen ist es auch lächerlich sich über Begrifflichkeiten zu streiten, wie z.B. bei der LINKEN. Natürlich gibt es sexistische Begriffe, aber wenn ich das Haus abreißen möchte und sowieso mit dem Abrissbagger beigehe, dann muss ich nicht vorher die Scheiben einschlagen. Mich an Begriffen übermäßig aufzuhängen ist Symptombekämpfung, an der Krankheit ändert das allerdings nichts. Das ist das Bigotte: Der Typ aus Bayern nennt den Schwarzen jetzt nicht mehr N***, findet ihn aber trotzdem scheiße. Toll, dass er ihn jetzt nicht mehr so nennt, das hilft aber nicht. Das ist bei Sexismus das Gleiche. Oft kommt es gar nicht mehr in Frage, dass Menschen sexistisch wären, weil sie solche Worte nicht mehr nutzen. Gendern und politisch korrekte Ausdrücke machen zum Teil Sinn, sind aber auch nicht des Pudels Kern. Zweifelsohne ist es ein Schritt in die richtige Richtung, aber sich daran übermäßig aufzuhängen und so zu tun, als wäre die Arbeit damit getan, ist Quatsch.

Gehen wir mal davon aus, dass der Abrissbagger kommt: Wie würdest du das Haus wieder aufbauen? Wie lautet die Antwort auf deine Fragen?

Die kommt noch. Aber das ist auch so eine Sache – ich bin ja Sozialist und Kommunist – aber ich will auch nicht mit der Tür ins Haus fallen: Die Leute haben negative Assoziationen und Vorstellungen von dem, was Sozialismus bedeutet. Das liegt an historischen Beispielen, bei denen Sozialismus auch total scheiße lief. Wenn man aber beachtet, wie viele Anläufe der Kapitalismus als Ablösung vom Feudalismus brauchte, um das zu sein, was er heute ist, ist es aber auch völlig logisch, dass eine revolutionär und evolutionär nächste Etappe in der Entwicklung der Menschheit und der Konstituierung und Konditionierung des Zusammenlebens der Menschen nicht von jetzt auf gleich geht. Nur weil die Idee nicht gleich gut funktioniert, heißt das nicht, dass sie schlecht ist. Wenn ich dann aber mit solchen Begrifflichkeiten und konkreten Lösungsansätzen komme, würden viele Leute abspringen. Dann wäre ich beim Zeckenrap, wo ich Leute agitiere, die gar nicht mehr agitiert werden müssen. Die feiern ja eigentlich nur, dass ich das sage, was sie schon denken. Ich möchte Leute erreichen, die darüber noch nicht nachgedacht haben oder über die sie noch nicht so viel wissen. Nicht, dass ich alles besser weiß, aber zur Reflexion möchte ich auf jeden Fall anregen. Auch wenn es utopisch anmutet und ein ellenlanger Weg wäre, glaube ich, dass sich etwas massiv ändern würde.

Wie gehst du dann beispielsweise mit der ewigen Argumentation, der Mensch sei von Natur aus gierig und geizig, um?

Erstens glaube ich das nicht: Den Menschen gibt es seit etwa 200.000 Jahren. Er kann alles sein und ist auch alles schon gewesen. Es gibt diverse Beispiele von vor ein paar hundert Jahren, an denen am sieht, dass Völker und Gesellschaften auch ohne gegenseitige Ausbeutung super funktionieren. Bei den Indianern hat Zusammenleben im Vergleich zu heute viel besser funktioniert. Natürlich gab es da auch Probleme, aber was die Sozialität angeht, waren die uns voraus. Und selbst wenn man davon ausgeht, dass der Mensch nur danach giert an der Spitze zu stehen, dann ist das immer noch von der Sozialisation abhängig. Wir bekommen von Anfang an suggeriert, dass der Coolste den fettesten Wagen fährt und Gewinner und Verlierer nach einem Notensystem eingeteilt werden. Wenn man aber von Tag eins an den Wert implizieren würde, dass der herzlichste Typ der Coolste ist, oder der, der die meisten Bücher gelesen hat, dann würden sich Egoismus und Machtstreben ganz anders veräußern. Ich glaube allerdings auch nicht an Altruismus – niemand tut etwas, ohne dabei auch an sich selbst zu denken, zumindest um sich besser zu fühlen. Den Egoismus kann man aber konditionieren.

Eben hast du vom linkspolitisch-geprägten Zeckenrap gesprochen. Wieso die Abgrenzung, obwohl es doch thematisch so viele Überschneidungen gibt?

Ich will mich nicht nur in linken Kreisen aufhalten und nur von Linken umgeben sein. Gerade in meinem Freundeskreis spreche ich immer wieder Sachen an, aber bei den Jungs kann ich meine politische Agitation nicht mit der Sexismusdebatte beginnen. Da würde ich am falschen Punkt ansetzen, das würde nicht funktionieren. Oft sind Leute auch ein bisschen blauäugig und realitätsfremd, indem sie versuchen Leute mit einer Lebensrealität zu therapieren, die überhaupt nicht ihrer eigenen entspricht. Aber ich will auch nicht den ganzen Tag über Politik sprechen – trotzdem habe meinen Idealismus. Ich möchte aus der Mitte der Gesellschaft agieren: Nicht versuchen von der Seite etwas rein zu schreien sondern mit auf dem Spielfeld stehen.

Im Track „Glücksrad“ sprichst du davon, wie privilegiert du seist. Wenn man deine älteren Mixtapes hört, hat man eher die Vorstellung von einer schweren Jugend. Wie passt das zusammen?

Ich bin in relativ bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen, so ist es nicht. Ich meine damit eher, dass ich jetzt die Chance habe, Mucke zu machen. Die Kausalkette, die dahin geführt hat, hat natürlich ganz viel damit zu tun, dass ich zehn Jahre alles dafür gegeben habe und fleißig war. Erfolg hat in der Regel was mit Fleiß zu tun. Wenn du erbst, ist es in diesem Sinne kein Erfolg. Erfolg geht nicht ohne Fleiß – aber selbst mit dem größten Fleiß hast du manchmal keinen Erfolg. Ich meine Ronny, der LKW-Fahrer, der macht das 50 Jahre lang, gibt Vollgas in der Hoffnung, in der Firma irgendwie voranzukommen, ackert sich den Rücken krumm, fehlt nicht einmal, ist nie krank und am Ende trotzdem nicht erfolgreich. Und deswegen sehe ich mich als privilegiert, weil ich das Glück habe, dass mein Fleiß Früchte trägt.

Was versprichst du dir eigentlich vom Abitur, das du gerade machst?

Die Überkompensation von Komplexen: Ich hatte irgendwie schon immer das Gefühl, ich müsste Abi haben. Ich finde schon, dass ich da ein bisschen was lernen kann. Ein wesentlicher Aspekt ist auch, dass ich Lust habe, zu studieren. Aber es hat auch viel damit zu tun, dass ich mir selber beweisen möchte, dass ich das kann.

Viele Rapper springen gerade auf den Trap- und Cloud-Rap-Zug mit auf. Du grenzt dich inhaltlich und musikalisch sehr davon ab. Wie stehst du zu dem Hype?

Wenn ich die ganzen Trap- und Cloud-Rapper kritisiere, wie ich das manchmal gerne kritisieren wollen würde, dann hört sich das schnell danach an, dass ich das Gefühl hätte, zu kurz zu kommen. Aber brenn mir eine CD mit zehn unterschiedlichen Songs von zehn verschiedenen Künstlern: ich höre das durch und ich könnte nicht unterscheiden, welcher von welchem ist – das kann vom Sound noch so gut sein. Das ist alles inhaltlich, technisch und stimmlich eins zu eins das gleiche. Da geht es nicht mehr um den Künstler dahinter, der zum größten Teil gar keinen Wiedererkennungswert hat. In letzter Zeit habe ich immer mehr das Gefühl, dass die Leute nicht mehr Fans eines Künstlers sind, sondern einer Musikrichtung, die personifiziert wird. Dann bringt eben diese Person jeden Tag einen neuen Song raus.

Letzte Frage: Wo bist du Anfang Juni beim, wenn der G20-Gipfel in deiner Nachbarschaft stattfindet?

(lacht) Beim G20-Gipfel in Hamburg. Auf jeden Fall. Da freue ich mich schon drauf.