„Ich dachte, Rap sollte real sein.“ – Die Shitlers bewerten Ufo361, Yung Hurn und Sookee

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Bevor am 1. April die Promophase für ihr neues Album ansteht, kommen wir endlich mal wieder in den Genuss ihrer vorzüglichen Kolumne. Die legendäre Punk-Band Die Shitlers bewerten wieder Deutschrap-Videos. Unzensiert, unobjektiv und ungeniert werden die neusten Machwerke von Ufo361, Yung Hurn und Sookee konstruktiv kritisiert.

01

Ufo361 – James Dean

Frank: Geil, endlich höre ich mal ein Lied von Ufo, das habe ich mir schon öfter mal vorgenommen, aber immer wieder vergessen. Ich habe schon das ein oder andere Mal gehört, wie andere Rapper (z.B. Fler) ihn in Interviews in den höchsten Tönen loben. Wenn ich mich richtig erinnere, machte er jetzt Trap, hatte früher einen anderen Stil. Er ist im Gesicht tätowiert und kommt vermutlich aus Kreuzberg (wg. 361). Soweit das Vorwissen, los geht’s!

Erste Erkenntnis: Er ist gar nicht im Gesicht tätowiert, mit wem verwechsle ich ihn gerade? Was mir weiterhin auffällt ist, dass seine Betonung und die Art und Weise, wie er Auto-Tune einsetzt, so wirkt, als würde er total leiden und unglücklich sein. Das steht in sehr krassem Kontrast zum Inhalt, wo es darum geht, dass er sich gut gehen lässt. Das Video spart nicht an Highlights. Bei 1:33 umarmt er im Restaurant einen Mann mit Akkordeon, bei 1:36 wirft er eine Rose in die Kamera, bei 1:49 holt er einen Hummer aus einem Aquarium, bei 2:02 hält er ein Feuerzeug hoch. Insgesamt kann man das nicht haten, aber ein Rapper, der mit Auto-Tune-Sing-Sang über Trap-Beats davon erzählt, wie viel Erstrebenswertes er sein eigen nennt, gab es auch schonmal in wiedererkennbar.

Martin: Ufo361 hat mir immer sehr gut gefallen. Er macht das alles für sein Team und die Bitches, die ihn lieben (sagt er am Anfang von dem Video). Ok, das ist schon wieder so eine Cloud-Rap-Scheiße. Bah. Ich mache mal nochmal Young Hurn gleichzeitig an (Mash-Up). Oh, die Lieder haben die selbe Tonart und weil Young Hurn keinen besonders stark betonten Rhythmus hat, passt das ganz gut zusammen. Das macht das ganze jetzt zumindest ein bisschen interessant. Ich hatte ja persönlich gehofft, dass wir was vom neuen Maxwell-Album kriegen. Das würde mir vermutlich wesentlich besser gefallen. Oder was von Haiyti. Wobei: Die hat ja was mit diesem Schlager-Gangsta-Typen gemacht, den finde ich zwar als Typen und von den Stories her interessant, musikalisch aber leider eher anstrengend. Vorgestern habe ich einen Rapper kennengelernt, den ich flüchtig schon von früher kannte. Gerade sitze ich am Fischmarkt in Hamburg in einer veganen Eisdiele. Morgen fahre ich nach Leipzig. Oh, geil, das mit dem Hummer ist geil (Erklärung: Ufo361 hat einen Hummer oder ein ähnliches Tier im Video). Okay, ich gebe mir mal wieder mehr Mühe. Halt, ne. Tut der ja auch nicht. Gut, das reicht jetzt.

Tristan: Hallo Freunde, ich habe gerade das neue Kraftklub-Lied gehört und mich von oben bis unten vollgekotzt. Ich habe es bis 1:44 geschafft und finde das schon eine starke Leistung. Schreibt mir doch in die Kommentare, wie weit ihr es geschafft habt und seht mir nach, wenn meine Laune beim Kommentieren hier jetzt nicht ganz so gelöst ist wie sonst.

Im Falle von Ufo361 möchte ich über drei Dinge sprechen: Den Protagonisten selbst, das Video und die Hook. Die Abstufung ist hier antiklimatisch in Sachen Qualität: Ufo scheint ein korrekter Typ zu sein, das Video finde ich so mittel und gegen die Hook werde ich ordentlich abkanistern. Von vorn: Vor kurzem traf ich den Beatproducermusikermann ozoyo aus Istanbul in Berlin. Er erzählte, dass er kurz zuvor dort Ufo getroffen hätte. Er sei ein netter Typ und habe nur etwas müde gewirkt. Das kann ich respektieren. Das Video finde ich style-technisch unfickbar: Ufo bewegt sich korrekt, macht korrekte Moves, das funktioniert alles gut und ist stilistisch kohärent. Leider ist die Optik aber total langweilig 4k-mäßig clean. Ist ja korrekt, dass ihr mit ner guten Kamera dreht, trotzdem hört das Erstellen eines Videos ja nicht mit dem rhythmischen Aneinanderreihen von Szenen zur Musik auf, sondern man will auch optisch etwas Interessantes schaffen. Das gelingt hier nicht. Richtig schlimm finde ich die Hook. Wenn ich den Inhalt ignoriere, ist der Track sehr feierbar, wenn auch nicht sehr innovativ (aber das muss ja auch nicht immer sein). Die schmierige Misogynie zu kritisieren wäre sehr einfach, das tue ich hiermit auch ausdrücklich, kann mich aber einfach dafür entscheiden, das Thema nicht zu vertiefen, da ich ein Mann bin (und mache mich durch diese reflektierte Aussage auch noch ekelhaft unangreifbar). Ich stelle mir hier eine psychologisierte Frage: Wenn er betont, was für ein Frauenheld er ist, was will er damit kaschieren? Ist er traurig, empty on the inside? Ist ja egal, ob das stimmt oder nicht. Ich mache mir ein wenig Sorgen. Er scheint seine innere Mitte noch nicht gefunden zu haben. Bruder Ufo, ich wünsche dir nur das Beste für die Zukunft.

02

Yung Hurn – Gefühle an dich in einer Altbauwohnung (Part 2)

Frank: Von Yung Hurn hab ich noch nicht so viel gehört, weil ich das immer für so Kunst-Scheiße gehalten habe, wollen wir also mal sehen: Okay, in meinen Augen ist das richtige Scheiße. Das ist so eine durchschaubare und kalkulierte „Wir machen jetzt mal etwas Ungewöhnliches, womit niemand gerechnet hat“-Provokation, dass man das nicht weiter kommentieren sollte.

Martin: Yung Hurn mochte ich noch nie und die ersten Sekunden dieses Video bestätigen mich in diesem Eindruck. Ich verwende zum Schreiben die bewährte Methode, einfach während des Videos in das Google-Suche-Feld oben rechts zu schreiben. Wenn ich mich da sehr drauf konzentriere, kann ich ein bisschen ausblenden, was ich mir da anhören muss. Wir sind jetzt bei 1:14. Das geht wohl nicht mehr anders weiter, oder? Die Frau in dem Video liegt da rum. Was macht die da eigentlich? Ich habe noch nie gesehen, wie sich jemand in echt so verhalten hat. Ich dachte, Rap sollte real sein. Krass, ich habe mir das jetzt fast ganz angeschaut. Yung Hurn ist richtiger Dreck. Es reicht jetzt, ich schreibe lieber über was Interessantes. Da wäre zum Beispiel die österreichische Band Missstand. Die kommen auch aus Österreich, genau wie Young Hurn, sind aber viel besser (und das, obwohl sie ständig Lieder gegen Deutschland singen; muss man auch erstmal schaffen). Den Sänger von der österreichischen Band Missstand habe ich bei Tinder kennengelernt. Der Bassist kann keine Schleifen binden, daher trägt er immer Schuhe mit Klettverschluss. Und der Schlagzeuger ist Japaner oder Chinese.

Tristan: Ich weiß natürlich, was die anderen geschrieben haben und so, und das ist wirklich etwas schade. Wenn man den Song isoliert betrachtet und sich mit den restlichen Auskopplungen nicht beschäftigt hat, ist das als Einzel-Move natürlich erstmal kein Hit. Finde aber eigentlich den Move, das Video-ungeeignetste Lied für ein Video zu nehmen, ganz gut. Zu sprechen ist hier natürlich immer noch mehr über „Diamant“ (Love Hotel Band), das mich so richtig angefixt hat und dann im Kontext der EP (?) mehr Sinn gemacht hat, als ich es mir vorstellen konnte. Wie auch immer er es geschafft hat, seinen Sound unauffällig so zu gestalten, dass nun der teilweise Übergang zu 80s-Schmonzetten-Pop folgerichtig scheint und sich kein Bruch erkennen lässt – er hat das geschafft. Ich will aber auch nicht zu sehr über die Kunstebene labern. Ich hab das gehört, das ist ein Schnulz-Hit, und es passt halt trotzdem zu Yung Hurn. Und er schafft es, tatsächlich unironisch extrem gefühlvolle Songs zu machen, ohne sich dabei total zum Hanswurst zu stempeln, wie das bei deutschsprachigem Rap üblicherweise der Fall ist. Klar, das ist alles irgendwie auch ein bisschen ein Witz, aber hier gilt für mich das selbe wie bei dem K.I.Z.-Schlagersong: Eine derart detaillierte, gut gemachte Persiflage ist immer auch eine Liebeserklärung an das eigene Opfer. Alleine, weil man sich dafür derartig intensiv damit auseinandergesetzt haben muss. Ich feier bei Love Hotel sowohl die Musik (80s-Labber-Pop ist geil), als auch den Move, als auch die künstlerische Anbahnung, oder so (Disclaimer: Keine Ahnung ob das echt 80s ist, mit Jahrzehnten und Kultur kenne ich mich nicht so aus. Notfalls denkt euch das weg und ein anderes Jahrzehnt hin).

03

Sookee – Queere Tiere

Frank: Wer von euch kennt die Kinderrap-Crew Deine Freunde? Sie besteht aus dem ehemaligen Schlagzeuger von Echt, dem früheren DJ von Fettes Brot und einem Moderator des Tigerenten-Clubs und verfügt daher über veritable Expertise in den Bereichen Pop, Rap und Kinder-Entertainment. Musikalisch ist das also durchaus ahnbar und es ist eine begrüßenswerte Entwicklung, dass Kinder nicht mehr von peinlichen Opas wie Rolf Zuckowski belästigt werden. In den Texten von Deine Freunde geht es unter anderem darum, dass man bei Oma immer mehr Schokolade als zu Hause bekommt, dass Hausaufgaben manchmal nerven und dass Schlagzeug spielen Spaß macht. Das finde ich inhaltlich alles richtig, meiner Meinung nach feiern Kinder das zu Recht, mich selbst holt es aber überhaupt nicht ab. Bei Sookee ist das genauso. Der Beat ist nice, sie rappt sehr gut, den Inhalt (Homosexualität ist etwas ganz normales und kommt auch im Tierreich vor) supporte ich und ich kann mir gut vorstellen, dass junge Leute, die am Anfang ihrer politischen Sozialisation stehen, ein gutes Identifikationsangebot an die Hand bekommen.

Martin: Das muss jetzt ein Lichtblick sein, sonst waren das auf jeden Fall vertane zehn Minuten. Sookee finde ich gut. Ich kann ihren Swagger nicht so gut haben, aber inhaltlich stimme ich ihr fast immer zu. Das Video erinnert mich an „König der Löwen“ (singende Tiere). Beat finde ich ganz gut, aber die Voice-Samples nerven mich. Die Hook finde ich gut. Ich frage mich, wessen Position Sookee da einnimmt. Gibt es eine Person, die gesagt hat, wenn sie Bundeskanzlerin wäre, würde Homosexualität verboten? Ich erinnere mich an eine Kolumne von Eva Herrmann, wo sie geschrieben hat, dass die Unfälle bei der Duisburger Love Parade abzusehen waren, weil man das ja im alten Testament schon lesen könne, dass sowas nicht klargeht (Sodom und Gomorrha). Puh, das mit den Schnecken („Enden/verwenden“) finde ich wack. Klar verwendet man Organe, sonst hätte man sie ja nicht. Ich finde die Idee zum Lied gut, aber die Umsetzung erscheint mir ein bisschen bemüht. Vielleicht ist es mir ein bisschen zu lang. Ich finde, mit einer Strophe wäre mir eigentlich genug zu dem Thema gesagt gewesen. Generell finde ich das bei dem Polit-Rap aus der Tick-Tick-Boom-Ecke ein bisschen eindimensional. Diese Gleichstellungs- und Selbstverwirklichungs-Themen finde ich recht schnell langweilig. Wo sind die DJs und MCs der Sowjetunion?

Tristan: Ich habe den ekelhaften Sexisten Yung Hurn gerade sehr gelobt, das bringt mich bezüglich des Sookee-Songs natürlich nun in Bedrängnis. Entweder gehe ich den Rap-Weg und sage, Sookee sei eine Nestbeschmutzerin, oder lobe sie sehr und sage, sie habe Recht. Beides ist mir zu doof und ich versuche daher, unvoreingenommen zu schreiben. Guter Twist: Ich habe in Wirklichkeit zuerst über Sookee geschrieben und daher ohne bereits Hurn gelobt zu haben. Ha! Also das Video ist ganz cool. Ich mag den Style, nur die Farbwahl gefällt mir gar nicht. Es könnte bunter sein und mit weniger Matsch- und Kotze-Farben. Die Thematik ist korrekt und auch ganz gut aufbereitet, nur die Pointe hätte man besser platzieren können. Die Bombe droppt in den ersten vier Zeilen: Tiere sind manchmal auch homo, das wirft die Natürlichkeit der binären Geschlechterordnung um. Inhaltlich ist das gut, die Thematik wird noch erweitert auf Trans- und Intersexualität und dabei immer mit Argumenten aus dem Tierreich unterfüttert. Ich denke nur, ein paar Entertainment-Zeilen zu Beginn hätten dem Ganzen gut getan: Vielleicht vier Zeilen lang eine Gegenposition humoristisch aufarbeiten oder sowas. Dann hätte man mehr (oder überhaupt ein) Build-Up gehabt. Angesichts davon, wo Sookee textlich herkommt, ist das natürlich eine erfreuliche Entwicklung – ihre Musik scheint inhaltlich stabil zu bleiben und gleichzeitig konsumierbarer zu werden. Genau das hatte Lisa Ludwig in ihrem Text für Buback über das neue Album auch gesagt, ich wollte es aber nicht so recht glauben. Ich bin teilweise eines Besseren belehrt: Sookee ist korrekt, das kann man sagen. Noch einen Schritt Entwicklung in die Richtung, in der sie unterwegs ist, und sie wird sicherlich noch wesentlich mehr Gehör finden, was wünschenswert ist. Ich glaube, ich pumpe jetzt ein bisschen das Album und prüfe meine Aussagen. Noch eine letzte Aussage zur Song-Struktur, da mir der Song irgendwann etwas zu lang wurde: „rapper die 3 strophen schreiben kranker dachschaden“ (Juicy Gay (@JuicyGaySus), 6. März).