„Ich sehe den Typen und mir wird schlecht.“ – Die Shitlers bewerten Deutschrap-Videos

von am

„Wisst Ihr was? Fickt Euch! Was soll ich denn sonst hierzu schreiben? Seid Ihr dumm?“ – Die legendäre Punk-Band Die Shitlers setzen sich in ihrer Kolumne mal wieder mit Deutschrap auseinander – unfair und subjektiv (wir distanzieren uns). Diesmal befassen sie sich mit der YouTuber-Gang Dat Adam, die gerade gestern an dieser Stelle selbst zu Wort kam, mit Goldroger und mit der Terrorgruppe, die mit Tarek von K.I.Z. gemeinsame Sache machten.

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Dat Adam – Lennon 2 [ ♥ love is all we need ♥ ]

Tristan: Dat Adam kriegen viel Hate ab, weil sie YouTuber sind. Dieser Hate ist natürlich berechtigt, interessiert mich aber nicht so. YouTuber sind ja im Gesamten ein Problem, die Einzelbeispiele eher uninteressant. Musikalisch kann es auch durchaus sein, dass die korrekten Cloud Rap verzapfen können. Schwere Bedenken beschert mir jedoch ihre Themenauswahl. Wer in diesem YouTube-Umfeld sozialisiert wurde bzw. es mit sozialisiert hat, in dieser Unterhaltungssparte gemanagt wird und vor sich hin contenproduct, wird ja höchstwahrscheinlich nur unerträglichen Scheißdreck labern (rappen). „Love is all we need“, das ist ja grauenhaft. Stilistisch finde ich Video und Musik okay, wenn auch nicht feierbar. Ob das jetzt schlimm ist, dass das konkret auf ein Publikum hingestylt wurde und nicht organisch im Kinderzimmer gewachsen ist, juckt mich nicht so sehr. Finde ich auch kacke, aber wenn die Musik fett wär, gäbe ich dennoch keinen Fick.

Das Schlimme an dem Text ist eigentlich, dass man sich relativ sicher sein kann, dass die das ernst meinen. „Scheiß mal auf Besitz und auf Status – alles Illusion und weiter nichts.“ ist das Dümmste. Privatbesitz ist kein bisschen illusorisch, sondern extrem real. Deshalb haben manche eine ganze Straße voller Luxushäuser und andere nichts zu fressen und verhungern beim Nähen deiner scheiß roten Jordans, du Internet-Larry. Ist ja geil, dass ihr den Leuten ein weniger materialistisches Grundgefühl vermitteln wollt, aber dazu muss man nicht so offensichtlichen Bullshit babbeln. Jetzt werde ich doch noch sauer und fühle den Hate. Dat Adam sind bescheuerte verblendete YouTuber, die besser mal weiter Minecraft gezockt hätten anstatt das Maul auf zu machen.

Martin: Dat Adam. Nicht noch so ein Scheiß wie letztes Mal bitte. Der Beat könnte ein geiles Techno-Lied sein. In den frühen 00er Jahren haben wir uns immer Ecstacy von so einem Typen aus Gelsenkirchen gekauft. Der hing immer in so einem Gabber-Laden rum. Vikingship hieß der. Der hatte irgendwann einen Nazi-Vorwurf, dann machten die Antifa-Leute aus unserem Umfeld Demos dagegen („Vikingship versenken“) und wir hatten keinen mehr zum Ecstacy kaufen. Das war ein Problem. Das Gute daran war aber, dass wir diese scheiß Musik nicht mehr hören mussten, wenn wir da hinfuhren. Und an diese Musik erinnert mich der Beat.

Zum Glück ist das Lied schon halb vorbei, nachdem ich bis hierhin alles in das Textfeld meiner Google-Such-Zeile getippt habe (mache ich immer, um beim Schreiben das Video gucken zu können, dann dauert das hier nicht zu lange). Es wäre auch wirklich schwer zu rechtfertigen. Für so einen Dreck mehr Zeit aufzuwenden als UNBEDINGT NÖTIG. Können wir bitte mal was Gutes zu besprechen kriegen? Wieso haben wir nicht das Video mit Fler und dem Leopard-Panzer gekriegt? Diese ganzen hängengebliebenen Rap-Fans werden jetzt wieder haten unter dieser Kolumne, weil wir nur Negatives schreiben. Wisst Ihr was? Fickt Euch! Was soll ich denn sonst hierzu schreiben? Seid Ihr dumm?

Frank: So, es ist jetzt 7:15. Ich habe nur noch bis 8 Uhr Zeit, dann muss ich Tristan die Kolumne zuschicken. Also wird heute nicht lange meinungsbildend sinniert, es werden knallhart Urteile gefällt. Dat Adam fängt an. Ich habe gehört, dass es YouTuber sind. Das sind Leute, die Videos von sich bei YouTube hochladen, so wie beispielsweise die Shitlers. Von Dat Adam habe ich allerdings noch nie etwas gesehen. Ich habe das Video angeklickt, anschließend die Word-Datei geöffnet, sodass ich den Titel nicht sofort gesehen habe. Achtet mal bitte darauf, dass sich der Text in der Hook gar nicht nach „Love is all we need“ anhört, sondern eher so nach deutschem Kinderlied – Lalelu, dies, das.

„Ich liebe meine Crew, und ich liebe was ich tu“. Der Text ist leider ganz schlimme Scheiße. Das ist schade, weil das musikalisch eigentlich ganz nice ist. Ich würde Dat Adam vorschlagen, sich thematisch und die Videoästhetik betreffend mehr an LGoony zu orientieren. Gegen ein geringes Honorar biete ich an, den Text umzuschreiben und den Fokus mehr auf die schönen Dinge des Lebens zu Legen, z.B. Gucci, Ferrari und exklusive Townhouses. Für das Video hätte ich ähnliche Vorschläge. So, Video ist zur Hälfte durch, das reicht.

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Terrorgruppe feat. Tarek Kannibale – Schmetterling

Tristan: Terrorgruppe sind geil, K.I.Z. auch. Tarek hat schon mehrere Ausflüge in die Rockmusik gemacht, die meistens zumindest nicht als völlig gescheitert anzusehen sind. Der richtig große Hit war jedoch bisher nicht dabei. Ob er es nun schafft? Ich finde das meiste cool. Die Strophen sind am besten, weil da Tempo und Drive genau passen Die anderen Parts hätte ich mir schneller gewünscht. Vielleicht hätte man hier einen Tempowechsel durchführen sollen, damit es noch mehr abgeht? Insgesamt aber eine schöne Entwicklung: Punk und Rap können eigentlich gut miteinander, solange man sich immer wieder klar macht, dass es auf keinen Fall nach Crossover klingen darf und das auch umsetzt. In so einem Skinhead-Outfit sieht Tarek ein bisschen aus wie Moritz Müller, Sänger der Bochumer Band 84 Breakdown. Das mag aber daran liegen, dass der Skinhead-Style auch sehr uniform ist und dadurch alle sich ein bisschen ähnlich sehen. Hier sind es aber, wie ich mir mindestens einbilde, auch diverse Gesichtszüge und/oder gestische Eigenarten. Monchi von Feine Sahne Fischfilet ist auch im Video – in letzter Zeit sehe ich ihn oft in Internetvideos. Es wäre geil, wenn er YouTuber würde und Anti-Nazi- und Sauf-Tutorials machen würde. Vielleicht auch einen Ekel-Schnaps-Haul. Dadurch würde man die Plattform endlich nutzen, um eine geile Generation Punker heranzuziehen. Er ist da als Testimonial gut geeignet, da integer, trinkfest und moralisch unfickbar.

Martin: Das Terrorgruppe-Video ist auch schon wieder so ein beknackter Vorschlag. Wir sind mit denen getourt und haben das Video ungefähr drei Minuten nachdem es online ging, selbst geteilt. „Hm, wie die Shitlers wohl darüber denken?“ Da war wieder jemand bei rap.de total auf zack (ich weiß, das ist nicht rap.de, aber der Name der Seite fällt mir gerade nicht ein). Ist ja auch egal. Terrorgruppe sind gut. FSF teilweise auch (solange er nicht über Peter Weiß und die geilen Leude aus dem spanischen Bürgerkrieg spricht). K.I.Z. auch. Bassdrum und Bass sind aufeinander getimet. Das finde ich in dem Fall gut. Ansonsten würde ich mir mehr Bass wünschen. Gitarrensound geil. Beste Akkordfolge in der Strophe (gibt’s meistens nur in Refrains sonst). Alles super.

Frank: Das hat mit HipHop nichts zu tun. In den guten, alten Zeiten, als Artur Kasper noch die Videos für unsere Kolumne ausgewählt hat, wäre so etwas nicht passiert. Das Gute ist, dass ich sowohl Lied und Video schon längst kenne und mir jetzt nicht extra hierfür eine Meinung bilden muss. Das Lied ist das beste des aktuellen Terrorgruppe-Albums „Tiergarten“ (Hier Bestelllink einfügen). An anderer Stelle habe ich bereits erwähnt, dass ich mir ein Kollabo-Album von Tarek und MC Motherfucker, dem Sänger der Terrorgruppe, wünsche. Dass das Video gut ist, und dieser Oldschool-Skinhead Style in Kombination mit dem fliegenden Hans Entertainment ein visuelles Highlight ist, schreibt Tristan bestimmt schon. Daher mache ich jetzt mal mit dem nächsten Video weiter.

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Goldroger – Unter Nelken

Tristan: Gold Roger bereitete mir jüngst große Freude durch seinen Twitter-Beef mit Ali A$. Es ging um Midlife-Crisis, Hurensöhne und Sich-Gerade-Machen – alles wichtige Themen. Auch durch persönliche Verbindungen über verschiedene Ecken (hab vergessen welche – Spaß, weiß schon, aber sag nicht) ist er einer der Rapper, die ich immer eher wohlwollend betrachten werde – egal, ob mir seine Musik gefällt. Gold Roger ist anders als Kolja von den Antilopen, denn er will kein Reihenhäuschen. Ich verstehe nicht ganz, warum. Selbst wenn er es nicht behalten will, könnte er es gewinnbringend vermieten/verkaufen oder im Notfall an Bedürftige verleihen – die Rechnung wäre also immer eine positive (finanziell/moralisch). Die Musik ist so ein bisschen wie Dub Reggae, oder? Ich kenne mich da nicht so aus. Weniger Trap-Einfluss zumindest als bei „Wyclef Jean“ von Thuggas neuem Tape, auch wenn der Rap-Einsatz am Anfang eine ähnliche Ausrichtung vermuten ließe. Jetzt höre ich stattdessen Young Thug.

Im Video erkenne ich den Rapper Fatoni und – überrascht – Lucas, den Sänger der Band Roxopolis, mit der wir uns lange Jahre einen Proberaum teilten. Auch wir schissen gemeinsam auf Leute, wo Frei.Wild läuft (metaphorisch). Vielleicht vertu ich mich auch und er sieht ihm nur ähnlich, ich bin mir nicht mehr so sicher. Jedenfalls schön, dass Gold Roger diesen Punker-Mindeststandard nun auch in den Rap zu bringen versucht. Artur Kasper erkenne ich aber definitiv. Wer findet ihr ist der größere Suppenkaspar, Casper oder Artur Kasper? Schreibt’s uns in die Kommentare (Danke an einen anderen Arthur für diese gute Frage)! Und als ich denke, das wird nicht mehr korrekter, hat Kurt Prödel einen sehr mystischen Auftritt. Das ist total geil. Grüße an alle Beteiligten, die ich kenne und die das hier lesen, und an meine Mutter. Das Video an sich und den Rap finde ich ganz gut, ist aber nicht so das, was ich feier (Geschmack). Die kleinen Details dagegen feiere ich sehr. Und jetzt gucke ich ob Goldi wieder was geiles auf Twitter macht, haut rein.

Martin: Ich sehe den Typen und mir wird schlecht. Der Typ sitzt auf dem Balkon und gleicht die Kondensstreifen am Himmel mit dem Arrivals/Departures vom nächstgelegenen Flughafen ab. Typ, der zwinkert im Video bei ungefähr 1:30. Bah. Ihr wollt eine vernünftige Besprechung? Macht vernünftige Musik, ihr Spastis. Ganz ehrlich, das ist total hängengeblieben. Er ist gegen Frei.Wild. Wie niedlich. Spasti. Trap und Reggae mischen. Tolle Idee. Interessiert niemanden. Hat auch kaum Klicks. Warum wohl? „Begrabt mich zu ‚Rebell‘ von den Ärzten“? Was? Alter, das ist total hängengeblieben. Alter.

Frank: Dieser Typ wurde mir bei YouTube schon oft in den Vorschlägen angezeigt. Ich finde den Namen allerdings so blöd, dass ich nie draufgeklickt habe. In diesem Stück erzählt uns der Interpret, wogegen er alles Antipathien hegt, z.B. Reihenhäuser und Frei.Wild. Kann man stellenweise ahnen, obwohl Reihenhäuser ok sind. Ich selbst bin übrigens in einem Reiheneckhaus aufgewachsen, also nicht ganz so schlimm. Musikalisch finde ich das auch nicht schlimm. Bei 1:02 wird der Inhalt seiner Teetasse gezeigt. Was ist da drin? Es sieht krass ekelhaft aus. Ansonsten gibt das Video Aufschluss über folgendes: Goldroger hat einen schlimmen Hippie-Style, chillt mit Fatoni, Artur Kasper und Kurt Prödel, ist viel auf Autobahnen und war schonmal in Berlin.