„Respekt, Ehrenmann, er hat nichts zu verstecken.“ – Die Shitlers bewerten Deutschrap-Videos

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Die Shitlers sind mal wieder sehr wütend. Und sie lassen ihre Wut an ihren virtuellen Boxsäcken KC Rebell, Summer Cem, Bushido und Kay One raus. Der (zur Zeit) gefallene Soldier Frank wurde übrigens in der heutigen Kolumne durch Manu ersetzt. Irgendein Mensch, der ab und an Musik hört halt. Ding ding ding, FIGHT!!!

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KC Rebell & Summer Cem – Tabasco

Tristan: Ich will zu dem Video wirklich gar nichts sagen müssen. Auch nicht zur Straßenrapszene im Gesamten, auch nicht zur Rapszene oder sonst irgendwelchen größeren Gruppen. Das ist alles so peinlich. Die etablierten Künstler sperren sich wie immer gegen neue Styles und reden sie klein, weil sie sich bedroht fühlen. Sobald das nicht mehr hilft und der neue Trend unzweifelhaft verpasst wurde, rennen sie ihm hinterher wie die letzten Viecher. Machen sich dabei noch lächerlicher als es vorher war. Banger Musik, vor allem Farid Bangs Äußerungen sind hier seit Jahren eine Messlatte für Unsäglichkeiten. Anstatt irgendwann mal zu sagen: Ok, da bin ich vielleicht über’s Ziel hinausgeschossen, ich disse aus Prinzip, da passiert das halt desöfteren, geht er auf alles pseudosachlich ein. Er unterwirft sich der Rapupdate-Unsitte, Lines wörtlich auszulegen und daraus „Schlussfolgerungen“ zu ziehen und haarspaltet dabei ein bisschen mit und dreht sich die Welt, wie er will. Seine Fans glauben ihm, sind der Meinung, durch Farids Approval sind die neuen Styles jetzt dope und er hats wieder mal allen gezeigt. Und sorry Farid/Banger, ich meine gar nicht nur euch. Ihr seid nur eine gute Blaupause für alles was in Deutschrap schiefläuft. Wann kommt Feature mit Fler????

Manu: Die beiden Typen kenne ich nicht. Sie sind auf jeden Fall kriminell und sehr stolz darauf. Haben Knarren und Marihuana und so. Ob die mit Bushido gemeinsame Sache machen? Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis ihre Kinder alt genug sind und in ihren Videos rumheulen können, dass die Polizei ihre Papas in Ruhe lassen sollen. Das erinnert mich an neulich Abend, als ich mit Martin saufen war und wir gerade die Böhsen Onkelz über sein iPhone hörten und eine Frau aus der Spielothek trat und bat uns leiser zu sein, weil ihr Kind in der Wohnung oben drüber schläft. Sie hatte keinen Tabasco dabei, wir waren trotzdem nett und sind zwei Hauseingänge weiter gegangen. Ist Tabasco eigentlich irgendein Geheimcode für Waffen oder andere verbotene Sachen?

Martin: KC und Summer haben mir noch nie gefallen. Vermutlich machen die jetzt sowas wie RAF und Bonez. Die grillen Fleisch. Ich bin Veganer. Das passt nicht. Ich fand noch nie irgendwas von einem der beiden gut. Die Leute im Video nerven mich. Ich wohne nicht mehr in NRW. Das Telecafé ist auf der Herner Straße in Bochum. Da gegenüber war ich sehr oft in einer Pizzeria, die „La Bufala“ hieß. Leider ist da irgendwann einer der Betreiber gestorben. Ich hoffe, dass das nicht die beiden waren. Ok, so wie RAF und Bonez klang das bisher nicht. Tabasco ist wahrscheinlich ein Code für irgendwas. Vielleicht hat es auch was damit zu tun, dass der maskierte PA Sports bei 3.02 eine Shotgun über der Schulter trägt. Irgendwann laufen die unter dem Bermuda-Dreieck druck. Das ist eigentlich Shitlers-Territorium. Ach, das ist wirklich kacke. Aber nochmal zurück: Wollte PA nicht mit der Gangsta-Sache aufhören? Ach, das ist alles Quatsch.

02

Bushido – Papa

Tristan: Bushidos neues Album ist total geil. Dieser Song ist ein bisschen anstrengend, weil die Kinderstimmen so gezwungen pathetisch wirken. Der Rest dagegen ist eigentlich sehr geil und auf Anschuldigungen mit extremen Provokationen zu reagieren, ist ja schon immer Bushidos Style gewesen. Alle sagen, er sei ein Verbrecher. Dann macht er eben ein Album, auf dem er das auch sagt und einen Track, auf dem er trotzdem erklärt, dass die anderen die Bösen sind. Das Video kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht so genau weiß, ob das im Video immer seine echten Kinder sind, auch die Close-Ups. Wenn ja: Respekt, Ehrenmann, er hat nichts zu verstecken. Wenn nein: Respekt, Ehrenmann, er schützt seine Kinder. Hat eigentlich jemand die Bonus-EP des neuen Albums als MP3? Ich habe die Premiumbox gekauft aber leider kein CD-Deck und auf Apple Music gibt’s das nicht. Würde mich sehr freuen wenn mir das jemand schicken könnte, gern einfach einen Dropbox-Link auf Facebook, ich heiße da Tristan Hartmut. Danke! (Anm. der Redaktion: Tristan, Abmahnung ist raus.)

Manu: Von Rap habe ich ja keine Ahnung, aber Bushido kenne ich. Der hat mal ein sehr langes Video gemacht, zu einem sehr langen Song. Huch, der klingt aber jung. Ach, das ist er gar nicht. Das ist wohl sein Kind. Jetzt kommt er. Leider wird er manchmal von der Polizei geweckt. Klar, sogar ich weiß, dass der Dreck am Stecken hat. Trotzdem hat er mal den Integrationsbambi bekommen, oder war das Sido? Während ich versuche mich richtig zu erinnern, rappt er davon, dass er mit den Onkels in den Flieger steigt. Bushido feat. Böhse Onkelz wäre doch auch mal was, dieser beschissene Jammerton liegt beiden gut. Am Ende dürfen die Kinder nochmal sagen, dass sie ohne ihren Papa nicht schlafen können. Das muss im Studio wirklich sehr rührende Szenen gegeben haben. Übrigens sind die anderen die Bösen und die Familie Bushido die Guten. Ein bisschen anrührend finde ich es schon, dass der Kerl ein Lied schreibt, damit alle mal so richtig Mitleid mit ihm haben. Kay One findet das bestimmt schwul.

Martin: Die Familie heilig. Daher muss man jetzt aufpassen, was man sagt. Da ich die Interviews zur Black Friday-Promo schon gesehen habe, gehe mal davon aus, dass das jetzt unangenehm wird. So, tatsächlich muss ich diese Einschätzung, nachdem ich das Video nun wie gebannt verfolgt habe, revidieren. Die Kinder sind total niedlich und Bushido erzählt eine (zumindest für mich) fesselnde Geschichte. Wenn sich der politische Rapper Swiss im Song „Wir gegen die“ eigentlich eine schwarz-weiß-malerischen Geschichte über Frontstellungen aufdrängt, soll das vermutlich den Effekt haben, den Bushido hier wesentlich subtiler erzielt (merke: ich sage nicht „subtil“, sondern „subtiler“). Denn wenn man sich die Kinder mit Schneewittchen (so heißt das Pony) anschaut und gleichzeitig hört, wie die Ferchichis von außen diskriminiert werden und trotzdem zusammenhalten, entfaltet sich die ganze Kraft der Familienmetapher. Diese kitschigen Darstellungen hat Bushido einfach drauf. Ich nehme ihm das inhaltlich auch vollkommen ab: Eine kalkulierte Instrumentalisierung der Kinder für’s Showbusiness ist das nicht. Er denkt wirklich so. Und gut gerappt ist es außerdem. Sechs von sechs Kronen. (Anm. der Redaktion: Martin, falsches Magazin!!!)

03

Kay One – Louis Louis

Tristan: Man kann teilweise sagen, dass Kay One back ist wie ein englischer Rücken. Die Modern Talking-Melodie mit der Luxusmarke zu kombinieren ist natürlich ein Kniff, auf den man schon vorher mal hätte kommen können. Aber niemand anderem hätte Dieter wohl die Bearbeitungserlaubnis für das Songmaterial erteilt. Daher denke ich, sollte Kay sich darauf in Zukunft spezialisieren: Er kann schon immer gute Texte schreiben, ist dabei aber wenig innovativ (was er übrigens mit einem anderen Bushido-Ghostwriter, Eko, gemeinsam hat). Er sollte daher entweder für andere, bereits vorgegebene Rapcharaktere schreiben um die Schwäche loszuwerden. Oder er übertüncht das, wie hier, einfach mit catchy Melodien, die schon jeder kennt und einem witzigen Wortspiel in der Hook. Dadurch wird der alte Hit für ein junges Publikum zur Identifikationsfläche (Louis Vuitton gilt ja als erstrebenswert), der leicht magere Inhalt gibt sich selbst vor und reicht trotzdem völlig aus. Dazu Sunshine-Videos im Sommer und alles ist perfekt. Kay und Dieter könnten sich gegenseitig und zusammen wieder in den Musikolymp befördern. Joint Venture: 8/10, sollten sogar fusionieren.

Manu: Kay One kenne ich auch. Er hat auch mal ein sehr langes Video gemacht, zu einem sehr langen Song. Hauptsächlich kenne ich ihn aus der Sendung, in der er eine Frau gesucht und viele Frauen gekonnt erniedrigt hat. Seine Art scheint anzukommen, scheinbar hat er gleich einige Frauen gefunden, denn: „alle meine Frauen sind im Schlaf sogar willig / der Stall war nicht billig.“ Ich glaube im Rap gehört so etwas zum guten Ton, will aber nichts falsches behaupten, außer „Gangsta’s“ Paradise kenne ich diese Musik kaum. Das Lied widmet Kai Eins, der schon in der Kita ein Star war (warum erzählt er das? Wie scheiße kann man sein?), übrigens Dieter Bohlen. Auch der Refrain ist vom Poptitan ausgeliehen, aus der Zeit als dieser noch Punk Rock machte und mit Modern Talking so richtig abräumte, bis er dann im Establishment sesshaft wurde. In einem seiner schlauen Momente hat Bohlen übrigens mal gesagt: „Erklär‘ mal einem Bekloppten, dass er bekloppt ist.“ Immerhin sind nicht alle Lieder von Kay One zwanzig Minuten lang.

Martin: Kay One (Prince of Belvedaire) und Dieter Bohlen (Pop-Titan) sind Geschäftspartner. Weil Kay mit Dieter aber auch befreundet ist, hat er einen Song von ihm gecovert. Und zwar „Louis Louis“. Der war im Original über einen der Produzenten von Modern Talking (glaube ich zumindest; ich glaube, das hat Dieter in einer seiner Biografien geschrieben). Kay ist ultrasympathisch. Er hat zwei Geldkoffer als Handgepäck. Gern würde ich mal mit ihm in St. Tropez oder München einen Mokka trinken. Ein Benz ist ein Benz und darf überall stehen. Das ist okay, weil Kay früher mit dem Rucksack auf jede Jam gefahren ist. Dass er hinterrücks eine GmbH gegründet haben soll, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Hoffentlich erwischen Arafat und King Sonny Black ihn nicht, dann haben wir sicher noch viel von ihm zu erwarten.