Die legendäre Punkband „Die Shitlers“ bewertet Deutschrap-Videos #1

Tristan, Martin und Frank von den Shitlers sind die beste deutsche Punkband zurzeit und die lustigsten Dudes im Internet . "Öh, aber was hat das mit Rap zu tun?" fragt ihr euch jetzt. Die Shitlers sind große Deutschrap-Fans und treten am 7.11 als Vorgruppe bei der Antilopen Gang-Releaseparty auf. Wir lassen die Jungs nun regelmäßig Deutschrap-Videos bewerten. Am Ende jedes Monats suchen wir uns fünf davon raus und lassen sie auf die Punks los. Deutscher Rap mal aus dem Blickwinkel einer anderen Szene.

1. Haftbefehl – Ihr Hurensöhne / Saudi Arabi Money Rich

Tristan: Ich mochte Haftbefehls Debüt, und Blockplatin gefiel mir sogar noch besser. Besonders der perkussive Rapstil nah am gutturalen Krächzen war ein helles Licht am finsteren Himmel des Ichmussalleskillsdieichhabauchaufjedemtrackzueinhundertprozentpräsentieren-Raps. Jetzt rappt er streckenweise sehr hoch und versucht ein bisschen, Technik zu machen. Misslingt ihm, weil er’s kann, aber sein skilltechnisches Understatement dafür aufgeben muss.
Zum Video will ich gar nicht viel sagen. Hintern, Titten, Waffen, Autos, Geld fliegt rum, so weit, so Deutschrap (negativ gemeint). Burkas mit Louis-Vuitton-Muster, Krokodile, Juden die Champagner aus dem Fenster schütten und mit Diamanten handeln. Kann das schnell einer skandalös finden? Dann könnten wir danach alle wieder was Schöneres machen. Das wirkt sehr bemüht, als hätte da jemand nichts mehr zu sagen. Gut, dass Bushido CCN 3 nicht mit ihm machen will, weil Hafti jetzt bei Universal ist. Spricht für Sonnys Urteilsvermögen. Profitipp: Wer die Beats auch extrem anstrengend fand, sollte sie sich möglichst noch einmal über Laptopboxen (auf Anschlag) anhören, dann entfalten sie erst ihr volles Potential.

Martin: Hafti ist cool. Es ist sehr anstrengend und ich vermute, ich könnte ihn ruhig schlecht rezensieren, er liest eh keine Rezensionen (möglicherweise reicht dafür die Aufmerksamkeitsspanne auch gar nicht aus, er scheint unheimlich impulsiv zu sein). Das mit den Juden finde ich krass, die Provokation klappt. Ist das gleichzeitig auch ein Bruch? Eine Ironisierung? Vermutlich ja. Er macht immer diesen Kunstscheiß. Und geile Lines „Tipp-Ex auf Rammstein-Vertrag und gib mir einfach die Kopie“. Sehr anstrengend alles. Aber auch gut. Vielleicht ein bisschen wie Kraftsport.

Frank: Grundsätzlich: Ich finde Haftbefehl sehr sympathisch. Wenn das nächste Mal jemand sagt, dass Haftbefehl dumm und lächerlich sei, dann drehe ich durch. Andererseits: Dieser ironisch gebrochene Haftbefehl-Hype ist natürlich noch schlimmer. Jetzt kommt ein Major-Label und schlachtet das so richtig aus. Das ist alles viel zu vollgestopft mit übertriebenem Kram. Dieser anstrengenden Flows sind zwar cool, aber doch bitte nicht auf der Länge eines ganzen Tracks. Diese saufenden Rabbis sind so eine billige und kalkulierte Provokation. Und reicht es nicht, wenn man das Video voll mit irgendwelchen abgefahrenen Sachen packt, braucht man obendrauf wirklich noch ein angeleintes Krokodil? Guter Rapper mit viel Potential, sehr schlecht inszeniert. Das ist wirklich schade.

2. Edgar Wasser – Bad Boy

Tristan: Wow. Deutscher Rap ist in großen Teilen sexistisch. Edgar Wasser beweist einmal mehr seinen Geniestatus mit dieser Erkenntnis. 1999 sagte Eko Fresh „Ihr verlangt ohne Grund nach weiblicher MC-Präsenz / und pusht sinnlos jede Schlampe ohne Flow oder Talent“, was heißt, dass es spätestens 2000 zu spät für diesen Track war. Außerdem ist es sehr beschränkt, sich mit dem Thema nur auf den deutschen Rap eingegrenzt zu beschäftigen. Dass deutscher Rap ein ernstes Männerproblem hat, ist bekannt. Braucht einem keiner mehr zu erzählen. Beinahe jede andere Perspektive wäre spannender gewesen. Zum Video: Ironisch-witzige Sexismuskritik und dann nur verhältnismäßig heiße Perlen im Video. Die Kritik geht nicht tief genug, um den Verdacht abzuschütteln, er fände es auch einfach ein bisschen geil, die Klischees zu reproduzieren und auch mal ein paar Sexismus-Lines zu kicken. Wenn er das geil findet, soll er das doch bitte einfach zugeben, anstatt sich hinter der Ironie zu verstecken. Schwacher Beat mit nervigem Voicesample.

Martin: Im Prinzip finde ich das sehr gut, aber der Typ ist mir sehr unsympathisch. Aber ist das auch bewusste Provokation? Er hat dieses eine andere Video, wo am Ende einer kommt und ihn Sachen fragt und er ist da sehr arrogant. Bestimmt ist der in Wirklichkeit auch so. Ansonsten ist mir das inhaltlich etwas zu platt, aber bestimmt auch eine wirksame Polemik, die zum Nachdenken anregen kann.

Frank: Ich kann dazu echt nichts schreiben. Ich finde das weder gut noch schlecht, sondern einfach unglaublich uninteressant. Das ist doch nicht lustig. Das ist aber auch nicht provokant oder schlimm. Langweilig, ey! Dieser Fatoni ist richtig nice, Edgar Wasser nicht so.

3. Samy Deluxe – Rapper sagen YO!

Tristan: Samy hat also inzwischen auch verstanden, dass back to the roots jetzt wieder in ist und Rap immer auf 1 geht. Bekanntermaßen war ja alles, was er gemacht hat, nachdem er aufgehört hat zu kiffen, scheiße, und das ganze exponentiell: Mit jedem Album schoss er nicht nur weiter, sondern auch noch immer schneller in die totale Bedeutungslosigkeit. Und nun versucht er an alte Zeiten anzuschließen, mit langen Haaren (wg. Bongraucherromantik), Sprayern und Breakern (wg. Hiphop-Roots) und trotzdem ohne Kiffen und zu viel böse Wörter (wg. Massenpublikum aus früheren unfassbar beschissenen Projekten). Dazu etwas Freiheit-Sommerabendaufmland-Grill-Athmosphäre, und die ganze Zeit hängt einem beim Hören die latente Peinlichkeit im Nacken. Dann kommt das Ende, und sein Mixtape heißt einfach „Gute Alte Zeit“, und die Peinlichkeit rennt dir nackt ins Gesicht. Laut diverser Kommentarspalten muss Samy schon lange niemandem mehr was beweisen; aber das verlangt ja auch keiner, also warum sagt ihr das. Der Typ bei 1:22 sieht aus wie Karate Andi, und vielleicht ist er es auch.

Martin: Finde ich nicht gut. Seit der Zusammenarbeit mit Afrob war das eigentlich alles nicht so meins. Mehr kann ich dazu gerade nicht sagen, außer, dass es sehr bemüht wirkt. Sich zu bemühen ist gut, das mag ich. Schade (manchmal auch tragisch) ist nur, wenn es auch dann nicht klappt.

Frank: Samy Deluxe gehört zu den wenigen Rappern, die ich so richtig hasse. Alles, was er bisher gemacht hat, ist scheisse. Massiv hat mal in einer Promophase angekündigt, dass Rapper bespuckt und erniedrigt werden. Ich hoffe, es trifft als erstes Samy Deluxe.
Seine Karriere fängt damit an, dass er den kiffenden Battle-MC gibt. Dieser behinderte Style gipfelt dann in dieser lächerlichen ASD-Unverschämtheit. Nachdem Samy merkt, dass niemand mehr hören möchte, wenn er darüber rappt, wie geil er rappt, macht der Vogel auf politisch, diskutiert mit Guido Westerwelle und macht Werbung für die GEZ. Eine interessante Randnotiz hierzu: Es gibt ein recht aktuelles Interview mit ihm, wo er sich für diese GEZ-Sache rechtfertigt. Darin wird deutlich, dass er nicht mitbekommen hat, dass die frühere gerätebezogene GEZ-Gebühr mittlerweile von einer Haushaltspauschale abgelöst wurde. Ich finde das Interview jetzt leider nicht mehr, sonst würde ich es verlinken. Das Problem wird also recht gut illustriert: Wenn jemand über gesellschaftliche/politische Themen rappt, obwohl er davon nichts versteht, macht er sich richtig peinlich. „Dis‘ wo ich herkomm“ und „Weck mich auf“ sind die allerschlimmsten Fremdscham-Orgien. Zwischendurch scheint ihm das auch wohl klargeworden zu sein, dass er damit dauerhaft nicht weit kommt, und rappt stattdessen über Mützen („Cap Song“). Das ist zumindest konsequent, endlich hat er ein Thema gefunden, zu dem er inhaltlich was beitragen kann. Auf Dauer ist das natürlich aber auch eine Sackgasse, also macht er auf einmal „Kunst“. Nach dem Motto: „Yeah, alles ist Kunst! Man muss es nur fließen lassen, sich inspirieren lassen. Schwarz, weiß, Ying, Yang, Gegensätze, Hell, Dunkel. Wir sind richtig krasse Scheisshippies, wir machen eine Kunstwerkstatt. Alle dürfen kommen, malen, schreiben, breaken, DJen, rappen, singen, jeder ist Künstler. Rapper sind Dichter! Wir kacken an die Wand, das ist Kunst, geil!“ Auch konsequent, denn so braucht man noch weniger Inhalt als wenn man über Mützen rappt. Ich würde jetzt auch gerne was über diese ganze „Männlich“-Kacke schreiben, aber das kann ich mir einfach nicht angucken/anhören, ohne zu kotzen. Wenn man alle diese Inhalte aus seinem bisherigen Schaffen in einen Mixer packt, das allerpeinlichste drinlässt, kommt „Rapper sagen Yo!“ raus. Zum Video: Wie sieht der Typ eigentlich aus? Er soll mal zum Friseur gehen. Boah, ich hab jetzt richtig schlechte Laune.

4. Shindy ft. Bushido – Sterne

Tristan: Superkrass langweiliges Video, eine Deutschrap-Überflüssigkeit jagt die andere; ansonsten eigentlich korrekt anzusehen. Reden wir über coole Dinge: Sonnys Pullis sind fresher als sonst, der Beat gefällt mir von allen fünf Songs am besten, das liegt aber ausschließlich an a) der korrekten Bläserspur und b) der Qualität der anderen Beats. Außerdem schafft Shindy es, dass Bushido neben ihm tatsächlich wie ein Featuregast wirkt, und nicht wie der Baba, der seinen Protégé per Feature in die Charts hieft. Hat so noch keiner geschafft, obwohl ich Shindy immer noch nichts abgewinnen kann. Die dauerhaften Olliwood-Lines sind auf geile Weise stark asozial. Was gesagt werden muss: Sollten sie CCN 3 zusammen machen, wird das ein trauriger Tag für Rapdeutschland.

Martin: Guter Beat, erinnert an ein altes Computerspiel. Oder einen Film über die Antike, wie er früher manchmal am Sonntag Nachmittag auf Sat 1 lief. Shindy ist scheiße. Sage ich schon lange, der Sympathiehype ist ungerechtfertigt. Fler und Money Boy haben Trap-Flows in Deutschland etabliert und dafür viel Häme aushalten müssen. Jetzt so spitten ist parasitär. Angelina Jolie-Line ist gebitet von KIZ, viele Rapper tun das (biten bei KIZ) mittlerweile. Jetzt gucke ich ein bisschen das Video. Shindy hat Wurstfinger, man sieht es, wenn er die fünf Finger zeigt, um das mit den fünf Sternen zu unterstreichen. Fünf Sterne-Rap. Das ist eine beschissene Line. Schöne Hose und Pullover bei Sonny Black (ironisch gemeint). Hoffentlich kein CCN 3 mit den beiden, wäre voll Absturz. Vielleicht habe ich neulich Shindy in Köln mit zwei Begleiterinnen auf der Venloerstraße gesehen. Olliwood-Line zu erzwungen, prinzipiell aber schön, dass sie ihn gezielt und anhaltend mobben. Insgesamt wären Lied und Video besser nicht entstanden. Nur der Beat ist gut.

Frank: Ich mag Shindy nicht. In Interviews wirkt er unsympathisch, wie ein Pokemon, das vor kurzem die Fähigkeit „Arroganz“ dazugelernt hat. Das funktioniert aber nicht so richtig, weil er auf nichts verweisen kann, was diese angebliche Arroganz rechtfertigen kann. Er macht auf schlau und eloquent, ist er aber nicht. Wenn er mich fragen würde, ob ich mit ihm einen Cappucino trinken gehe, würde ich sagen: „nein“. Manche behaupten ja, er hätte die Texte für Bushidos „Sonny Black“-Album geschrieben. Wenn das stimmt, wäre das ein Pluspunkt für ihn. Kann aber niemand beweisen. Also minus. Mir ist aufgefallen, dass viele junge Männer heutzutage aussehen wie Shindy. Das ist keine gute Entwicklung. An dem Lied ist cool: Bushidos Part. An dem Video ist cool: a.) Wenn Bushido die Scheibe kaputt gehen lässt. B.) Bushidos Style.

5. Flex ft. Money Boy – Kush und Waffeln

Tristan: Bass wummert die ganze Zeit und zerstört alles (negativ gemeint), obwohl da eh schon vorher nicht viel ist. Flex ist kein guter Rapper, es wirkt, als denke er, wenn es sich am Ende reimt und die richtige Zahl Silben in der Zeile ist, wäre das ein cooler Text. Er irrt. Alles an ihm ist uninteressant. Die Push-the-Button-Referenz in der Hook nervt. Auch Pineapple the Fruit Dude kann nicht wirklich entertainen, hoffentlich wird sein Album besser, und hoffentlich ist dieser Flex da nicht drauf. Aber ist er bestimmt. Kann man sicher irgendwo auch schon nachlesen. Aber dann lösch ich den Song halt. Moneyboy ist ein Künstler der Generation iTunes (vgl. 2006).

Martin: Die Hook gefällt mir gut, schöne, poppige Melodie. Allerdings mag ich die Sex-Sachen bei Money Boy nicht so (außer „wegcocken“, „wegcocken“ ist okay). Der Feature-Partner wirft einige der grundsätzlichen Fragen wieder auf, die man sich über Money Boy im Laufe der letzten Jahre im Wege der Abduktion beantworten konnte („Meint er das ernst?“). Vermutlich ist es schon ernst, siehe: www.facebook.com/bigstemmer. Es ist außerdem wunderbar, dass dieser MBeezy nun Antilopen feiert und pusht. Die beiden gehören zusammen, ähnlich so wie zwei Sachen, die gut zueinanderpassen und nur schwer getrennt voneinander vorstellbar sind. Vielleicht ergibt sich so auch die Möglichkeit eines Shitlers Features. Hier die offizielle Anfrage in Form eines offenen Briefes: Die Shitlers Money Boy und Rapper aus dem Antilopen-Umfeld producen einen gemeinsamen Track unter dem Titel „Jeder hat 1 Swag auf den er flasht“ mit der Hook „Manche (irgendwas einfügen), andere Hustlen nach dem Cash, aber jeder hat 1 Swag, auf den er flasht“. Das wäre nice!

Frank: Moneyboy hat in letzter Zeit einen Run und veröffentlicht gutes Zeug. Mein persönliches Highlight aus den letzten Monaten ist „Awesome-o“. Dazu hätte ich gerne eine Review geschrieben. MBeezys Part auf „Kush & Waffeln“ ist nicht besonders gut, aber immer noch besser als das, was alle anderen Rapper machen. Dieser Flex ist nicht cool. Ich hoffe, dass Money Boy nie wieder was mit ihm macht und er bald von der Bildfläche verschwindet. Ich mag MC Smook, mit dem soll der Boy öfter was machen. Der hat ihn auch bei seinem Konzert in Köln supportet, die Show hat mir sehr gut gefallen.

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Fotos @ Michael Schnell