Die Fantastischen Vier

Die Fantastischen Vier feiern Jubiläum. Ein Vierteljahrhundert ist das rappende Quartett aus Stuttgart mittlerweile auf den Bühnen dieses Landes unterwegs. Und hat dabei so ziemlich alles abgeräumt, was die Popwelt an Superlativen zu bieten hat.

Namensfindung: The Terminal Team, 1989
Throwback: Thomas D und Michi Beck

Die Fantastischen Vier feiern Jubiläum. Ein Vierteljahrhundert ist das rappende Quartett aus Stuttgart mittlerweile auf den Bühnen dieses Landes unterwegs. Und hat dabei so ziemlich alles abgeräumt, was die Popwelt an Superlativen zu bieten hat – die Betonung liegt jedoch eindeutig auf „Pop“. Die sich als solche verstehende HipHop-Szene nämlich, die hält sich mit Respektsbekundungen gegenüber den Fantas traditionell zurück. Merkwürdig eigentlich, denn deren Pionierleistungen in Sachen Deutschrap sind nicht nur offensichtlich, sondern in vielerlei Hinsicht immer noch definierend. Kurz gesagt: Die Fantastischen Vier haben mehr für deutschen HipHop getan, als der sich eingestehen will. Eine Analyse.

Deutschrap

Rap auf Deutsch ist anno 2014 nicht nur der Standard hierzulande, sondern quasi ein Muss, will man mit Rapmusik etwas erreichen. Keiner will hören, wie sprachverkleidete deutsche Rapper-Darsteller vergeblich versuchen, wie ihre Vorbilder aus den Staaten zu klingen; es ist nicht mal mehr besonders üblich, überhaupt rappende Vorbilder aus den Staaten zu haben. Rap auf Deutsch ist mittlerweile nicht nur eine komplett akzeptierte künstlerische Ausdrucksform, die zur hiesigen Kulturlandschaft genauso gehört wie Rock oder Schlager, sondern hat obendrein auch seine ganz eigenen Regeln, Legenden und Narrative entwickelt. Deutschrap ist für den zeitgenössischen Fan schlicht und ergreifend selbstverständlich.

Gemessen am Status quo erscheint 1989, als Thomas D und Michi Beck zu den unter dem Namen Terminal Team bzw. Die Zwielichtigen Zwei agierenden And.Y und Smudo stießen und Die Fantastischen Vier gründeten, als regelrechte Ursuppe: Heutige Deutschrap-Protagonisten wie Cro waren damals noch nicht mal geboren, die Mauer stand noch, anstatt Fruity Loops runterzuladen, lötete And.Y seine Drummachines noch selbst zusammen – und Rap auf Deutsch war eine zwar charmante, aber doch ziemlich absurde Idee. „Zunächst wollten wir natürlich auch sein wie unsere amerikanischen Vorbilder LL Cool J und Konsorten, und haben deswegen auf Englisch gerappt“, erinnert sich ein hörbar amüsierter Thomas D an die eigenen Anfänge. „Smudo und ich sind damals ein halbes Jahr mit dem Auto an der amerikanischen Westküste rumgefahren und haben versucht, via Autoradio den dortigen HipHop-Spirit einzufangen. Und da haben wir sehr schnell bemerkt, dass das, was wir machen, mit Authentizität überhaupt nichts zu tun hat. Wenn wir Amis getroffen haben und denen was auf Englisch vorgerappt haben, dann konnte man sehen, wie die sich fremdschämen.“

Zurück in Deutschland, war den beiden klar: Man muss einfach auf Deutsch rappen, alles andere macht keinen Sinn. „Das war dann eine Entscheidung von fünf Minuten. Wir kamen zurück, haben sofort die anderen angerufen und gesagt: Wir rappen jetzt auf Deutsch. Und wir brauchen einen neuen Namen.“ Seitdem gibt es die Fantastischen Vier. Und Deutschrap.

Talentwettbewerb 1987
„Wir wollten immer rocken, Weiber und Geld.”
- Smudo
Hamburg
Mars (Eifel)
Berlin
Stuttgart

Stimmt doch gar nicht, mag der empörte HipHop-Historiker einwenden, Advanced Chemistry haben doch als erste auf Deutsch gerappt. Das mag sein. Aber während Torch und seine Kollegen die Sache mit dem deutschen Sprechgesang vor allem einer kleinen, eingeschworenen Szene nahebrachten und auch hauptsächlich dort rezipiert wurden, etablierten die Fantas deutschen Rap in einem viel größeren Kontext: „Die da!?!“ platzte 1992 mitten in den popkulturellen Mainstream, Radio, Musikfernsehen, Feuilleton, „Bravo“, alles rasiert. Dass das mit der prinzipiellen „No Sellout“-Realkeeperei der deutschen HipHop-Szene völlig unkompatibel war und diese auch ziemlich verschnupft auf den erfolgreichen „Spaß-Rap“ der Fantas reagierte: geschenkt. Mit der Szene, wie sie sich damals darstellte, konnten die Fantastischen Vier ohnehin nicht viel anfangen. „Es gab damals diese Kampfdisziplinen Breakdance, Rap, Graffiti etc.“, erklärt Thomas D. „Und wer sich diesem Kategorismus nicht unterordnen wollte, der wurde auch nicht akzeptiert. Die Art und Weise, wie wir HipHop-Musik wahrgenommen haben – also dass man einen Plattenspieler als Instrument benutzt und auch Leute, die nicht singen konnten, sich trotzdem ein Mikrofon schnappten – das empfanden wir als wohltuend anarchisch. Diesem Kastendenken nach Disziplinen wollten wir uns gerade nicht unterordnen. Und von diesen Leuten wurden wir anfangs sogar noch dafür gedisst, dass wir auf Deutsch rappen.“ Die massive Resonanz gab den Fantas jedoch recht: Ab diesem Zeitpunkt wusste jeder und seine Mutter, dass man auch auf Deutsch rappen kann. Und zwar wegen „Die da!?!“ - und nicht wegen „Fremd im eigenen Land“. „Nach unserem Erfolg hat sich das Bewusstsein im deutschen HipHop komplett gewandelt“, bestätigt Thomas D. „Keiner rappt heute mehr auf Englisch. Aber wir als Speerspitze haben dafür natürlich noch aufs Maul bekommen.“

Diskografie

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Rekord
- 2014 -
Michi, Thomas und Smudo
Freche Früchtchen, 1993
Michi Beck und Smudo machen Drehpause
Fanta 4 feat. Alfred E. Neumann
And.Y schraubt im Kinderzimmer

Dein eigenes "4 gewinnt" Cover

Vor Tumblr: Fanzines
Die bunt gekleideten und gut gelaunten Erfolgsrapper aus Schwaben waren den böse dreinblickenden Frankfurtern natürlich schon rein ästhetisch ein Dorn im Auge – und „fantastisch“ reimt sich praktischerweise ganz toll auf „spastisch“.
Swagger on a zillion

Beef

Apropos aufs Maul bekommen: Wer sich heute mit deutschem Rap beschäftigt, dem wird schnell auffallen, wie oft, gern und heftig dessen Protagonisten miteinander streiten. Heutzutage bauen ganze Promokampagnen auf diesen mal mehr, mal weniger kindischen Auseinandersetzungen auf, der deutsche Beef-Zirkus als solcher ist längst etabliert und gilt vielen als essenzieller Bestandteil der Deutschrap-Entertainmentbranche. Und während manch heutiger Deutschrap-Fan sich angewidert von den endlosen Selfie-Statements im YouTube-Fensterchen abwendet und sich wehmütig an die guten, alten Zeiten erinnert, in denen Großbeefs wie Savas vs. Eko oder Samy vs. Azad noch auf musikalischer Ebene ausgetragen wurden, ist ihm vielleicht gar nicht bewusst, dass die Fantastischen Vier auch dieses Game bereits in grauer Vorzeit längst durchgespielt haben. Denn auch in Sachen Rap-Beef sind die Fantas Pioniere gewesen.

Der Feind, das waren damals die Jungs vom Rödelheim Hartreim Projekt um Moses Pelham, die damals zwar vor allem jede Menge zweckgereimten Haus-Maus-Rap veranstaltet haben, aber zumindest in Sachen Delivery, Bomberjacken und Schwarzweiß-Videos so etwas wie Proto-Straßenrapper darstellten. Die bunt gekleideten und gut gelaunten Erfolgsrapper aus Schwaben waren den böse dreinblickenden Frankfurtern natürlich schon rein ästhetisch ein Dorn im Auge – und „fantastisch“ reimt sich praktischerweise ganz toll auf „spastisch“. Die mittlerweile perfekt eingeübten Beef-Mechanismen konnte man damals jedenfalls zum ersten Mal in Deutschland beobachten. „Indem man auf so etwas eingeht, gibt man den anderen natürlich auch eine Plattform“, weiß Thomas D. „Die haben einige von uns halt gedisst, und dadurch hatten sie eben die Aufmerksamkeit. Einmal haben sie Michis Mama gedisst, und das haben wir schon persönlich genommen. Klar, die verbale Auseinandersetzung gehört zum HipHop dazu und die meisten meinen das wohl auch nicht so böse, wie sie es sagen, aber in dem Fall waren wir schon ziemlich angepisst. Wir haben dann versucht, das auf humoristische Weise zu kontern.“

In „Was geht?“ nahmen die Fantas schließlich nicht nur die berühmte „Reime“-Hook von RHP aufs Korn, sondern wollten auch gleich noch „Schwester S poppen“ - für damalige Verhältnisse eine ziemlich derbe Ansage. Ein paar spaßige Seitenhiebe und die Erkenntnis später, dass auch seitens RHP das Ganze eher sportlich genommen wird, war die Geschichte aber auch wieder gegessen. „Moses P und ich kennen uns mittlerweile sehr gut und schätzen uns auch, und es ist gut, dass das letztendlich eher spaßig war“, so Thomas. „Ich bin überhaupt kein Freund dieser negativen Energie. Und ich hab auch das Gefühl, dass es im HipHop mittlerweile auch für die meisten okay ist, wenn jemand etwas anders macht als man selbst. Heutzutage muss nicht jeder ein Straßenrapper sein.“ Der große Fanta 4/Rödelheim-Beef löste sich also schlussendlich in Wohlgefallen auf, dennoch muss man auch hier festhalten: Dass sich deutsche Rapper entertainment- und öffentlichswirksam gegenseitig ans Bein pissen, das gab's vorher nicht.

Business

Zählt man die aktuell wichtigen Labels für deutschen Rap auf, dann kommt man an einem Namen nicht vorbei: Four. Sei es nun das Label Four Music oder die Bookingagentur Four Artists – beide sind nach wie vor treibende Kräfte im deutschen Rap-Business. 1996 gründeten die Fantas das Label, noch lang bevor es unter deutschen zum guten Ton gehörte, nicht nur Künstler, sondern auch Labelboss zu sein. Und damit gaben sie der Szene, an der sie lange nicht teilhaben wollten und in den Augen vieler auch nicht durften, eine ganz entscheidende Hilfestellung: Afrob, Freundeskreis, Blumentopf und viele andere veröffentlichten hier ihre teils bahnbrechenden Alben und trugen damit erheblich zu dem Phänomen bei, was heute als erster deutscher HipHop-Boom oder gar als „goldene Ära“ nostalgisch verklärt wird und den Grundstein dafür legte, dass heute noch so eine starke HipHop-Infrastruktur besteht.

„Unser Ziel war, gute Musik zu veröffentlichen. Wir wollten so ein Label haben wie es Tommy Boy oder Island für uns war. Du siehst das Label und weißt: Hier handelt es sich um gute Musik. So haben wir das Label geführt..”
- Thomas D

„Unser Ziel war, gute Musik zu veröffentlichen. Wir wollten so ein Label haben wie es Tommy Boy oder Island für uns war. Du siehst das Label und weißt: Hier handelt es sich um gute Musik. So haben wir das Label geführt, und der anfängliche Erfolg mit Freundeskreis kam uns da natürlich sehr zugute. Das ist auch eine Weile so ganz gut gelaufen, allerdings haben wir so eine Artist­freundliche Politik verfolgt, die nicht so ganz geschäftsförderlich war“, lacht Thomas D. „Wenn du einem Künstler wie Max Herre einfach mal drei Jahre Zeit gibst, die nächste Platte zu machen, verdient das Label mit dem Künstler in der Zeit natürlich kein Geld.“ Eine Herangehensweise, die in Zeiten stagnierender Tonträgerverkäufe natürlich nicht besonders zukunftsträchtig war. Um Mitarbeiter und das Label an sich nicht zu gefährden, verkauften die Fantas das Ding schließlich an Sony. „Für uns war das natürlich traurig. Aber nichtsdestotrotz haben wir die Weichen dort gestellt – und sind auch ganz froh, dass wir mittlerweile auch wieder hauptsächlich Künstler sein können.“ Vergleicht man dies nun mit den späteren Artist­Labels wie Optik, Hamburgs Finest oder Bozz Music, muss man auch hier festhalten: Die Fantas waren mit dieser Idee sehr früh dran. Und wo die anderen schließlich an der Doppelbelastung Kunst und Business scheiterten und ihre jeweiligen Labels schließen mussten, konnten die Fantastischen Vier zumindest dafür sorgen, dass ihr ehemaliges Label nach wie vor am Start und relevant ist. Und die ehemals angeschlossene Bookingagentur Four Artists, die von Marteria und Haftbefehl bis Dilated Peoples und Action Bronson alles verbucht, was die Szene geil findet und live sehen will, gehört nach wie vor ihnen selbst.

Sampling ≠ Klauen
Auf Tournee, 2011
„Für die Fanta Vier steht die Kunst im Mittelpunkt. Wir haben mit der Musik angefangen, weil wir Spaß daran hatten und erst dann festgestellt, dass sich damit auch Geld verdienen lässt.”
- Michi Beck

Oldschool-Raop?

Letztendlich gebührt den Fantastischen Vier jedoch auch Respekt für ihr Kernanliegen: die Musik. Egal, ob der HipHop-Head heute oder vor 25 Jahren den Sound der Fantas gefeiert hat oder nicht: Ihr unverkrampfter Ansatz, Rap und Pop zu vermischen, war richtungsweisend für die Szene, wie sie sich heute versteht. Einem Casper, Chakuza oder Cro wirft keiner mehr ernsthaft vor, dass Live-Instrumentierung und eingängige Melodien nicht „real“ seien; die stetig gewachsene Vielfalt an Stilen im HipHop sorgt dafür, dass die Ressentiments, denen die Fantas zu Beginn ihrer Karriere ausgesetzt waren, ganz einfach hinfällig sind. Der Unterschied: Während z.B. Casper vor seinem Durchbruch mit einem neuen Soundentwurf jahrelang durch den Untergrund krebste, fanden die Fantas in ihner Außen- als auch Selbstwahrnehmung quasi von Anfang an abseits des Subkultur-Alltags statt. Die paar Jams in schwäbischen Jugendhäusern fallen auf dem unsichtbaren Realnesskonto kaum ins Gewicht. Dazu ging der Aufstieg in die Stadien, Radios und Feuilletons einfach zu schnell. „Die da!?!“ wurde kaum ein Jahr nach dem Debüt veröffentlicht, war erst die zweite Chartplatzierung des Quartetts und manifestierte Rap auf Deutsch schlagartig im Mainstream. Natürlich resultierten daraus große Ambitionen: Die Fantas wollten größer denken, größer jedenfalls als die Szene in den frühen Neunzigern es tat. Dieser Ansatz machte sie zur erfolgreichsten deutschen Rapgruppe aller Zeiten – in der Szene waren sie jedoch allerhöchstens als Feindbild ein Faktor. Was dazu führte, dass Fans, die mit Deutschrap aufgewachsen sind, die Stuttgarter zwar stets wahrgenommen haben. Aber eben nicht als Rap-Act, sondern als die rappenden Superstars aus dem Radio. Wenn nun die Szene ihren erst jüngst entdeckten Eklektizismus feiert und mit eingängigen Soundentwürfen fröhlich durch die Charts raoppt, dann wurde in dem Punkt eigentlich nur eine Steilvorlage der Fantastischen Vier verwandelt – wenn auch mit jahrzehntelanger Verspätung.

Als HipHop-Mensch kann man nun natürlich einfach nett sein und den Fantastischen Vier zum 25-jährigen Bestehen gratulieren – auch wenn man ihre Musik nicht im Regal stehen hat. Aber eigentlich müsste man ihnen ganz laut und deutlich danke sagen. Denn vieles von dem, was wir heute als selbstverständlich nehmen, haben diese vier Typen aus Stuttgart uns überhaupt erst hingestellt. „Respect the architect“, hat man früher in Szenekreisen gern gesagt, wollte man Wertschätzung für die HipHop-Pioniere einfordern. Dies gilt auch für die Fantastischen Vier. Denn sie waren für Deutschrap tatsächlich Pioniere.

Text & Interview
Marc Leopoldseder

24.10.2014
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