Die 50 besten Releases 2016

von am

Kurz vor Ladenschluss gibt’s auch bei uns eine Jahresbestenliste. Und zwar die komplette, unbestrittene und richtige Auswahl des guten Geschmacks. Jonathan Nixdorff, Fionn Birr und Esra Turan haben die 50 Releases – egal ob Alben, Mixtapes oder EPs – aus dem vergangenen Jahr besprochen, die man 2016 (oder gern auch noch 2017 ‚til infinity) gehört haben muss.

50

Brown-Eyes White Boy – Vibes

„Die „Vibes“-EP des minderjährigen Rap-WWWunderkindes Brown-Eyes White Boy legt offen, was das Wesen dieses Trends namens Trap bzw. Cloud ist: Eingängigkeit.“, schrieb der Kollege Birr zur „Vibes“-EP von Brown-Eyes White Boy. Und genau diese Eingängigkeit beherrscht der beschämend minderjährige Österreicher im Schlaf. Vor allem mit „Messer raus“ und „Rare undso“ lieferte der Salzburger zwei absolute Sommerhits, die uns bis in die kalten Wintertage im Ohr hängengeblieben sind. – Jonathan Nixdorff

49

Gzuz & Bonez – High & Hungrig 2

2016 war das perfekte Jahr für die 187 Straßenbande. Den ersten Paukenschlag gaben die Hamburger mit dem Nummer-1-Album „High & Hungrig 2“ ab. Gzuz und Bonez harmonieren perfekt miteinander, wie es schon immer der Fall war. Eine Ansammlung von Hits und überragender Straßenrap in altgewohnter Manier. – Esra Turan

48

Banks – The Altar

„The Altar“ erschien im September diesen Jahres, pünktlich zum Herbst, um der depressiven Grundstimmung mit sanftem Pop-R&B die Tür zu öffnen. Jilian Banks ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Die Entwicklung, die Banks zwischen ihrem Debüt-Album „Goddess“ und „The Altar“ gemacht hat, ist deutlich zu erkennen: Sie ist textlich bestimmter, der Sound stellenweise härter und ihre Selbstreflektionen um einiges gnadenloser als auf der Vorgänger-Platte. – Esra Turan

47

Rin – Genesis

Mit seiner Yung-Hurn-Kollabo „Bianco“ lieferte Rin einen der unbestrittenen Hits des Deutschrap-Jahres ab. Aber auch solo wusste das Fashion-Victim aus Bietigheim-Bissingen zu überzeugen. Seine EP „Genesis“ punktete mit präzise-poppigen Melodien, die sofort im Ohr hängen blieben. Beeinflusst von zeitgenössischem R&B a la Tory Lanez croont Rin in erster Linie über die kleinen (großen) Dinge des Alltags: Modemarken, hochklassige Rauschmittelchen und die Liebe. Produktionstechnisch überzeugt das Release zwar nicht über die volle Spielzeit, umso einnehmender sind aber gerade die Songs, bei denen dann auch die Musik stimmt: „Don’t Like“ und „Error“, jeweils auf einem Lex-Lugner-Beat, sowie der von Minhtendo produzierte Closing-Track „Curtis“ sind unbestrittene Hits. – Jonathan Nixorff

46

Bones – Useless

Auch 2016 erreichte uns wieder ein ganze Flut an Bones-Mixtapes, mit denen der Head-Honcho des globalen Internet-Kollektivs TeamSESH auch eine Vielzahl zusätzlicher Fans neuer konnte. Fans, die auch und vor allem dank seines A$AP-Rocky-Features aus dem Vorjahr auf ihn aufmerksam geworden sind. Mit „Useless“ lud der Misanthrop aus Kalifornien bereits im Februar sein konsistentestes und stärkstes Projekt des Jahres auf Soundcloud hoch. Viel winterlicher und atmosphärischer kann Musik kaum klingen – und viel düsterer kann man auch nicht texten. Eine introvertierte und pessimistische Auseinandersetzung mit seinem Offline-Erfolg und den nach wie vor bedrückend düsteren Bildern in seinem Kopf, mal gesungen, mal gerappt und immer stimmig. – Jonathan Nixdorff

45

Lil Yachty – Lil Boat

Yachty und sein Sailing Team entzweiten die HipHop-Welt 2016 wie kaum ein anderes Kollektiv. Denn als Post-Internet-Rapper mumblete sich der bunthaarige Paradiesvogel mit simplifzierten, teils bewusst schlampigen Synthie-Kinder-Charme voller Absurdi-, Obszöni- und Banalitäten durch die Timelines und erinnerte Realkeeper an ihr zunehmendes Alter, Young Guns an den nächsten Turn Up – und uns vor allem daran, was Rap uns einmal gemacht hat: Spaß. – Fionn Birr

44

Wiki – Lil Me

Das Ratking-Drittel holte sich auf seinem Solo-Debüt mit Kaytranada, Madlib oder Black Milk eine zertifiziert nerdige Auskennerriege vor die Musikkonsolen, um ein organisches Leftfield-Orakel aus Tour-Tagebuch, Eigensinnigkeit und New Yorker Alltagswahnsinn zu skizzieren. „Lil Me“ war in dieser Ära der lilfarbenem Harlem-Hoodlums mit Dollarzeichen-Fetisch ein musikalisch durchweg überzeugendes Statement dafür, dass Rapper aus New York auch ohne Hustensaft im Pappbecher relevant sein können. – Fionn Birr

43

Maeckes – Tilt

Maeckes veröffentlichte in diesem Jahr sein zweites Album – was ein bisschen verrückt klingt, zumal der Orson seit Jahren fester Bestandteil der Deutschrap-Szene ist. Nach unzähligen Projekte war es erst „Tilt“, das der Stuttgarter sechs Jahre nach „Kids“ mal wieder als vollwertiges Album adelte. Auf der Platte wechseln sich poppige Klänge und experimentelle Arrangements durchweg ab. Textlich oft hochkomplex und unverständlich, musikalisch oft mehr als eindeutig. Maeckes bleibt sich selbst treu, auch wenn er selbst nicht genau weiß, wer oder was er (Maeckes) denn eigentlich ist. Seine musikalische Reise führt den Hörer auf tiefe, nachdenkliche Pfade, um dann kommentarlos auf die nächstgelegene Autobahn abzubiegen. Ein Album, das man immer und immer wieder hören kann, ohne es jemals ganz zu durchschauen. – Esra Turan

42

LGoony & Crack Ignaz – Aurora

Die Veröffentlichung von „Aurora“ katapultierte den Hype, den LGoony und Crack Ignaz im Jahr 2015 aufgebaut hatten, ins Unermessliche. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion entstanden und unangekündigt ins Netz geschossen, lieferte das Album den perfekte Startschuss für die gemeinsame Tour – die Liveshow gewordene Manifestation, dass Forum-Fame auch offline zieht. „Aurora“ ist als Album sicherlich kein in sich geschlossenes Meisterwerk, dafür aber eine faszinierende Momentaufnahme dafür, wie zwei Hochtalentierte ihren gemeinsamen Nenner finden. Der liegt irgendwo zwischen Auto-Tune-Kitsch, Alman-Ösi-Drill und blumig besungene Luxusbrands. – Jonathan Nixdorff

41

Kamaiyah – A Good Night In The Ghetto

Auf ihrem Debüt „A Night In The Ghetto“ kombinierte Kamaiyah die handwerklichen Fähigkeiten eines Lyricist der Golden-Era-Schule mit unerhört poppiger Eingängigkeit – ihr selbsternannter Tomboy-Rap atmete den Geist der 90s so sehr, dass man sich gleich mal vornehmen wollte, sein Stüssy-Shirt rauszukremplen und einen „Fresh Prince Of Bel-Air“-Marathon einzulegen. – Fionn Birr

40

21 Savage & Metro Boomin – Savage Mode

„Ismashed the stripper in the hotel with my chains on/I’m playin‘ with her kitty with my VVS rings on“ – 21 Savage ist mit sechs Narben von Schusswunden eine Blaupause für die Bad Boys seiner Generation. Auf „Savage Mode“ waren dem 24-Jährigen entsprechend Szene-Parameter genauso gleich, wie die Wahl der Handfeuerwaffe für den nächsten Shoot Out. Weder ist er eine vielschichtige Kunstfigur wie seine Kollegen Uzi Vert und Yachty, noch ein realkeepender Kulturverfechter. „Savage Mode“ war ignorant, beklemmend, selbstironisch, notorisch-nasal und so Straße, wie eine Betonmischmaschine. Mit Co-Signs von Young Thug, Drake, Travis Scott, Meek Mill, Gucci Mane oder eben Metro Boomin steht Young Savage wie kein zweiter für die Zukunft von Straßenrap in 2016. – Fionn Birr

39

Princess Nokia – 1992

Feminismus aus dem Ghetto. Princess Nokia, aka Wavy Spice, aka Destiny kam dieses Jahr endlich zu mehr Aufmerksamkeit, vor allem durch ihren durch die Decke gegangenen Hit „Tomboy“, in dem sie selbstbewusst über ihre kleinen Brüste beziehungsweise ihren dicken Bauch rappt, und sich selbst trotzdem als anziehende junge Frau wahrnimmt. Auch der Rest des Albums ist auf keinen Fall außer Acht zu lassen. Princess Nokia rappt voller Druck auf noch druckvolleren Beats und muss sich hinter keinem ihrer männlichen Kollegen verstecken. – Esra Turan

38

T9 – R.I.F.F.A.

Was kann man als unbeugsamer Miesepeter dieser Szene aus A&Rs, Agenturensöhnen und Aftershow-Groupies entgegensetzen? Ablehnung. „R.I.F.F.A.“ war pure Aversion, der den Lieblingsrapper deines Lieblings­rappers, Doz9, durch den sumpfigen Instrumental-Morast aus Wühltisch-Vinyl und Dachboden-Schlagzeug des Lieblingsproducers deiner Lieblingsproducer, Torky Tork, metaphorisierte Mittelfinger an Industrie, inkompetente Rapper und andere Idioten verteilen ließ. Rap braucht keine Message, sondern nur Attitüde. Tiff. – Fionn Birr

37

Chima Ede x Ghanaian Stallion – Principium

Chima Ede veröffentlichte im Oktober seine gemeinsame EP mit dem Produzenten Ghanaian Stallion, in der klassischer HipHop-Sound mit tiefgreifenden Inhalten vermischt werden. Wer auf die gnadenlose Ehrlichkeit steht, mit der sich Chima Ede selbst konfrontiert, dem wird „Principium“ genau das liefern, was er sich wünscht. – Esra Turan

36

Yussef Kamaal – Black Focus

Ganz ohne Barwz und von kurzfristigen Trends diktierten Beats kommen Yussef Kamaal aus. Das Londoner Duo liefert stattdessen handgemachten Jazz mit souly respektive housey induzierten Grooves. Mit ihrem Album „Black Focus“ haben Drummer Yussef Dayes und Keyboarder/Drummer Kamaal Williams unbeachtet von den großen Jahresbestenlisten ein Album abgeliefert, an dem alles stimmt. Sowas wie der Missing Link zwischen Robert Glasper, Madlib und Kaytranada. Absoluter Geheimtipp. – Jonathan Nixdorff

35

Yung Hurn – Krocha Tape

Nicht wenige der Songs von Yung Hurns „Krocha Tape“ hatten schon das Vorjahr geprägt und dominiert, als das Mixtape im Januar erschien. Und so muss man auch das Mixtape des Wieners einordnen: als Ansammlung von Singles. Als Absender von konsistenten Langspielern funktioniert der Falco der 10er Jahre bisher nicht (als K.Ronaldo schon eher), und doch haben uns Songs wie „Opernsänger“, „FDP“ und „Pillen“ verdammt nochmal durch’s Jahr begleitet und das im Deutschrap-Sumpf verloren geglaubte Lächeln zurückgegeben. Spannend wird’s 2017 aber vor allem, wie Yung Hurn weitermacht. Ein Song wie „Rot“, produziert von Goldjunge Stickle, klang da schon eher nach Album-Material. – Jonathan Nixdorff

34

Travi$ Scott – Birds In The Trap Sing McKinght

Auf jedes „WKM$N$HG“ wird für ewig ein „Antidote“ in der Playlist folgen. Isso. Doch besann sich Travi$ Scott mit „Birds In The Trap Sing McKnight“ vor allem wieder auf jenen eingängig-hypnotischen Post-Trap-Entwurf, der auch schon „Days Before Rodeo“ zu eben jener epischen rar.-File voller Henker-Hymnen vaporisierte. Ein echtes Armageddon-Album, das demonstriert, wie maßgeblich Scott die Formel Auto-Tune+Vapor-Trap+Adlib-Absurdität perfektioniert und damit ein ganzes Genre erfunden hat. Straight Up! – Fionn Birr

33

Danny Brown – Atrocity Exhibition

Drei Jahre hat Detroits Danny Brown an seinem „Old“-Nachfolger gewerkelt, und so klingt „Atrocity Exhibition“ auch. Wie immer und noch mehr hat sich der Weirdo-Rap-King in gleichermaßen psychedelischen Substanzen und Beats verloren und daraus ein eskapistisches Manifest modelliert. Und anders als auf den Vorgänger-Alben scheint er einen Weg gefunden zu haben, all seine übersprudelnde Kreativität und Schaffer-Wut zumindest musikalisch zu zähmen. „Atrocity Exhibition“ zerfleddert als Album nicht mehr so sehr wie „XXX“ und „Old“. Trotz aller unorthodoxen Ideen folgt die Platte einem roten Faden und ermöglicht es uns, Danny Brown endlich voll und ganz zu verstehen. – Jonathan Nixdorff

32

Lil Uzi Vert – Li Uzi Vert Vs. The World

Ja, der überzeichnete, teils arg trashige und vor allem internet-infiltrierende Pokemon-Pop dieses Philadelphia-Natives entspricht vermutlich nicht dem, was sich Rakim bei „Check Out My Melody“ gedacht hat – aber das ist gut so. Denn „Lil Uzi Vert Vs. The World“ bestach durch nasale Kaugummi-Delivery und kindliche Allmachtsfantasien aus dem cloudigen Wolkenkuckucksheim auf glockenverspielten Sirenen-Sounds wie „Hi Roller“ oder quietscheentigen Leadsynths wie „Money Longer“, weit weg von Konventionen, immer in Balance zwischen Kreativität und Katastrophe. Uzi wusste auf seinem dritten Release wie man die Großraumdisko mit dem McDonald’s-Parkplatz verknüpft – der Turn Up war realer denn je. Auch wenn ich Uzi Verts rap-gewordene Teenage Dreams zunächst als austauschbar bezeichnete, blieben die neun Tracklist-Punkte von Symere Wood einer der hartnäckigsten Heavy-Rotation-Haufen, die 2016 vom Stapel gelassen wurden und Lil Uzi Vert stieg final zur Symbolfigur seiner Generation auf. Ya! – Fionn Birr

31

Denzel Curry – Imperial

Es waren am Ende nicht das Cognac-Geschwenke mit Florida-Vorstand Rozay, das Blunt-Passing mit Eastcoast-Buddy Joey Bada$$ oder die Streithammelei mit Mentor Spaceghost Purrp, die Denzel Curry durch „Imperial“ vom Lokalmatador zu einem der Rap-Newcomer 2016 machte. Es war die atmosphärisch-voluminöse Beton-Dichte aus klirrenden Killer-Klavieren und Attentäter-Arrangements, die ULT eine komplette Generation zum Bösen bekehren lies. It’s the Poltergeist! – Fionn Birr

30

Ahzumjot – 16QT02: Tag Drei

Seit seiner sträflich unterschätzen „Minus EP“ im letztjährigen Oktober, durfte man Ahzumjot ja endlich wieder ungescholten lieb haben. Doch die Free-Download-Offensive um seine „16QT02“-Reihe war nicht bloß der finale Befreiungsschlag raus aus den gescheiterten Pop-Star-Fantasien, sondern ein selbstbewusster, trappig-cloudiger Marsch über düstere Depri-Downer, weitläufigen Atmo-Ambient und schnodderige Homie-Hymnen zurück zur Lässigkeit. Es gibt nur noch ihn und die Bruhs. – Fionn Birr

29

Drake – Views

„Views“ war kein Gamechanger wie „Nothing Was The Same“, bisweilen fiel es sogar recht unspektakulär bis gewöhnlich für ein Drizzy-Release aus. Und doch lösten Hits wie „One Dance“, „Pop Style“ oder „Controlla“ Drake endgültig aus dem zeitgenössischen Rap-Kontext, sie machten ihn autark und eigenständig, ja alleinstehend zum Pop-Star. Drake, die (zu bemitleidende) einsame Spitze. – Fionn Birr

28

Haiyti – City Tarif

Es war der poppig-rotzige Startschuss einer Blitzkarriere, die eine Hamburger Untergrund-Hustlerin an der Seite eines Berliner Producer-Schlitzohrs zum Feuilleton-Liebling 2016 machen sollte. In den Folgemonaten revolutionierte Haiyti dann auch noch vorbildlich, wie man mit hochfrequentiertem Social-Media-Wahnsinn und Hit nach Hit altbackene Veröffentlichungspolitik, Promokampagnen sowie eine ganze Szene staunend, mit offenen Browser-Fenster links liegen lässt. Dabei war es doch nur ein Mixtape. Aber was für eins! – Fionn Birr

27

Joey Purrp – iiiDrops

Soulige Fanfaren-Instrumentals, wortverspielte Realtalk-Storys und tatsächlich nur eine Video-Auskopplung: das Release des Chance-The-Rapper-Brudis Joey Purp war das unwahrscheinlichste Mixtape des Jahres – trotz überragendem Vic-Mensa-Co-Sign . Vielleicht war „iiiDrops“ gerade deswegen so bodenständig, nahbar und intim, weil es sich auf etwas konzentrierte, das man im WSHH-Wahnsinn manchmal übersieht: die schlichte Schönheit von Rap. – Fionn Birr

26

Abra – Princess

Man kann auch in kurzen 23 Minuten eine der besten Veröffentlichungen des Jahres abliefern. Man kann sogar in gerade mal einer Minute einen der Songs des Jahres interpretieren. Ja, wirklich, das geht. Bewiesen hat es Abra mit ihrer „Princess“-EP und dem dazugehörigen Hypno-Opener „Come 4 Me“. Aber auch die folgenden fünf (etwas längeren) Songs verzaubern mit ihrem unverbesserlichen DIY-Synth-Pop-R&B und den leidenden Vocals der Darkwaveduchess. Wie eigentlich immer, wenn auffindbar im Roster von Fathers Awful Records: ein absolutes Unikat. – Jonathan Nixdorff

25

Crack Ignaz & Wandl – Geld Leben

Nachdem Crack Ignaz mit seinem physischen Debütalbum „Kirsch“ den geneigten MPM-Hörer mit seinem 808-Kitsch vor den Kopf stieß, entkräftete der Salzburger nur wenige Monate später, Anfang 2016, die dadurch ausgelösten Hasstiraden gegen die New School, indem er mit Wandl ein Manifest schrieb, das gleichermaßen eine Hommage von Wandl an Madlib ist, auf der Ignaz K den österreichischen Freddie Gibbs gibt. Nur mit viel mehr Swah. Und mit noch viel mehr Atmosphäre. „Geld Leben“ ist ein ganz weit hochgestreckter Mittelfinger an all jene, die Leuten wie Crack Ignaz fehlende Ernsthaftigkeit und fehlenden Geschmack vorwerfen. Das dem nicht so ist, hatte der zwar schon mit „Kirsch“ deutlich gemacht, aber erst auf „Geld Leben“ übersetzte er seine freudvolle Message mithilfe von Wandl auf eine musikalische Sprache, die dann wirklich jeder verstehen musste. – Jonathan Nixdorff

24

Fler – Vibe

Das Überraschungs-Album des Jahres. Fler war 2016 präsent wie nie. Keine Interview-Plattform wurde ausgelassen, über keinen deutschen Rapper wurde so oft und regelmäßig berichtet. Fler und die Rap-Medien hatten in der Vergangenheit sicherlich ihre Probleme, und doch gab es für „Vibe“ ausnahmslos positive Kritiken. Dabei konnte der mutmaßlich stabile Alman seine Kritiker bisher nie so richtig mit seiner Musik überzeugen – das konnte er erst mit „Vibe“, auf dem Fler endlich seine Verbissenheit an der Garderobe abgegeben hat. – Esra Turan

23

J. Cole – 4 Your Eyez Only

„How the fuck do I look when I brag to you ’bout some diamonds?/ Said all that I could say, now I play with thoughts of retirement.“, lies Cole noch im März auf Khaleds Album „Major Key“ verlautbaren und auch sein vierter Longplayer widmete sich ausgiebig den Irrungen und Wirrungen des Lebens (als Berühmtheit) – eine Quasi-Antithese zum bürgerlichen American-Dream-Album „2014 Forest Hills Drive“. „Put 2 Fingers in the sky if you want“,““ – selten gab sich Cole so desillusioniert wie auf „4 Your Eyez Only“. Die politischen („Neighbors“), biografischen („Change“, „She’s Mine Pt.1“) und musikalischen Umstände haben sich innerhalb von nur zwei Jahren derart drastisch geändert, dass Coles musikalisches Fundament aus Beimischungen von Vinylz, Boi-1da oder ihm selbst nur eine Ode an die Ohnmacht werden konnte – eine Art Rachtefeldzug, der im Vorfeld auch vor medienwirksamen Seitenhieben an die Kollegen Drizzy und Yeezy nicht Halt machte. J.Cole verdichtete die Enttäuschung so stilsicher wie ein Abschiedswhiskey in der viel zu teuren Lieblingsbar, um eine sample-basierte wie organische Live-Session/Life-Lesson, die im stringenten Zusammenhalt seiner Tracklist zeigte, dass bedingungslose Liebe der Leuchtturm in der Dunkelheit sein kann – und Schönheit immer in den Eyez des Betrachtes liegt. Amerikanisch, klassisch, gut. – Fionn Birr

22

Mndsgn – Body Wash

Die Story des Albums: „Es geht um diesen obdachlosen Typen von einem anderen Planeten – ein Niemand gewissermaßen – und er trifft auf diese sehr mysteriöse Frau, die via Telepathie kommuniziert.“, so erzählte es uns Mndsgn im Interview. Was allemal bizarr klingt, ist das Fundament für eine der rundesten und spannendsten Platten des Jahres. Auf „Body Wash“ hat Mndsgn endgültig seine Stimme gefunden, und dazu eine neue Ästhetik, die abseits von rumpelnder Beat-Frickelei ihre Inspiration vor allem im programmierten Disco-Funk großer Helden, wie George Clinton, The Egyptian Lover oder Dam-Funk. Das Meisterstück eines oft unterschätzten Ausnahmekünstlers. – Jonathan Nixdorff

b

21

Blood Orange – Freetown Sound

Nerds- und Nicht-Nerds haben die musikalischen Ideen des Devonté Hynes sicherlich schon oft auf den Ohren gehabt – die einen bewusster, die anderen ohne es zu wissen. Der Gute hat nämlich bereits für Größen wie Florence & The Machine, Solange Knowles, FKA Twigs und sogar Kylie Minogue geschrieben. Um sein Solo-Alter-Ego Blood Orange war es dagegen in den vergangenen Jahren ruhiger geworden. So ruhig, dass sein 2016er-Album „Freetown Sound“ umso aufgeregtere Reaktionen hervorrief. Die Journaille überschlug sich mit Lob und Euphorie, und überschlägt sich hiermit ein weiteres Mal. Dem britischen Wahl-New-Yorker ist ein rundum perfektes Album gelungen, das die großen Themen, wie Rassismus, selbst in den kleinsten Details verarbeitet. Was nach Stückwerk klingt, vereint sich auf Albumlänge zu einer Pop-/Soul-/Jazz-/Rock-/Funk-Offenbarung, die man hören muss (Befehl!). – Jonathan Nixdorff

20

Allan Kingdom – Northern Lights

Es gibt ja dieses dumme Sprichwort: Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei Allan Kingdom hat es sich bewahrheitet, und leider zu seinen Ungunsten. Als Kingdom 2015 auf Kanyes Zwischendurch-Hymne „All Day“ als Feature gelistet wurde, erwartete so ziemlich jeder, dass dieses Co-Sign zur perfekten Basis für den großen Wurf wird – wie es schon bei so vielen Artists funktioniert hat. Stattdessen wurde Allan Kingdoms „Norther Lights“-Mixtape sträflich missachtet. Dabei hat der Kanadier darauf alles richtig gemacht. Ausgezeichneter Crooner-Rap, gut getextete Singsang-Verses und das richtige Händchen für unangepasste, atmosphärische, aber nicht minder zeitgeistige Produktionen scheinen manchmal nicht zu reichen. Aber auch nur, weil die Leute keine Ahnung haben. – Jonathan Nixdorff

19

Beyonce – Lemonade

Wie schon die Vorgänger wurde auch „Lemonade“ ohne große Vorankündigung losgelassen – diesmal als visuelles Album auf Tidal. „Lemonade“ thematisiert das Leben einer schwarzen Frau im weißen Amerika, ihren Umgang mit Ehebruch, Selbstverwirklichung und die eigene Reinkarnation. Einer der stärksten Tracks, „Don’t Hurt Yourself“, zeigt eine kompromisslose Beyonce, wütend und überraschend emotional. Und diese neu gewonnene Stärke nutzt sie letztendlich um Gnade walten zu lassen – im Interesse ihrer eigenen Seele und dem Betrüger gegenüber, der sie leiden ließ. Die verletzte Frau, die sich auf sich selbst besinnt und wie der Phönix aus der Asche aufsteigt, während sich der Mann an ihrer Seite in seiner Zweitrangigkeit selbst entlarvt. – Esra Turan

https://www.youtube.com/watch?v=WDZJPJVbQ

18

Goldroger – Avrakadavra

„Ich bin ein Blumenkind, nicht so wie du jetzt denkst, fleur du mal de Baudelaire.“ – An der Seite von Dienst&Schulter verband Goldroger auf seinem Debütalbum den hypnotischen Sound und die Philosophie der Hippie-Bewegung mit der Transzendenz und Sprache des HipHop. „Avarakadavara“ war ein Manifest, das den kreativen Exzess von Psychedelic Rock in einen Deutschrap-Kontext verpflanzte und damit Goldroger zum erste Missionar des Kraut-Raps werden ließ. Peace! – Fionn Birr

17

Young Thug – My Name Is Jefferey

Young Thug bleibt Maestro des Verwirrspiels. Namensänderungen hier, aufgewärmte Stangenware auf okayen, aber beliebige Mixtapes wie „I’m Up“ und „Slime Season 3″ dort – die wirklich starken Thugger-Parts waren bis „Jefferey“ auf Releases anderer Rapper zu finden („Mixtape“, „Minnesota“, keine Diskussion). So gesehen war das Album-im-Mixtape-Pelz ein kreativer Orgasmus, der die kreative Kompassnadel von Young Thug noch manischer ausschlagen ließ – ein Künstler-Manifest auf seinem alleinigen, zeitgeistigem Zenit. Doch bei aller Aufregung um Namedropping-Songtitel, käsig-choralen TM88- oder Vinylz-Samtschnitten und der expressiv-krächzigen Nonsense-Delivery, könnte man leicht übersehen, was „Jefferey“ in erster Linie war: eine Liebeserklärung. An Frauen, an Drogen, an Musik, an seine Vorbilder und an sich selbst. Ja, sein Name ist Jefferey. – Fionn Birr

16

Mac Miller – The Divine Feminine

„The Divine Feminine“ ist eine Überraschung, die sich angebahnt hat. Vor einem halben Jahrzehnt hätte man dagegen noch denjenigen für debil erklärt, der vorausgesagt hätte, dass Mac Miller 2016 Jazz- und House-Referenzen in seine in jeder Hinsicht progressive Rap-Musik einbaut. Zu infantil und kurzlebig waren seine Gute-Laune-Hits. Aber ein, zwei Drogenentzüge sowie ein, zwei experimentelle Alben später hat Mac Miller auf „The Divine Femine“ seine Formel gefunden. Er macht nahbaren, melodiösen HipHop, der an keiner Stelle in Belanglosigkeit abdriftet. HipHop eines Weißen, der respektvoll mit schwarzer Musik umgeht und gleichermaßen respektvoll Country-Rock-Anleihen integriert. Und außerdem: Mac Miller gibt tatsächlich einen sehr knuffigen Nerd-Boyfriend von Pop-Sternchen Ariana Grande ab, die ebenfalls mit einem Gastbeitrag (auf „My Favorite Part“) glänzt. – Jonathan Nixdorff

15

Megaloh – Regenmacher

Das bisher erfolgreichste Album von Megaloh ist „Regenmacher“. Drei Jahre nach „Endlich Unendlich“ zeigt sich Megaloh authentisch und selbstkritisch wie nie. Gemeinsam mit seinem Produzenten Ghanaian Stallion (hiermit zum zweiten Mal in dieser Liste vertreten!) gelang dem Moabiter die Gratwanderung ohne in den pathetischen Abgrund abzurutschen. Stattdessen lieferten die beiden ein stimmiges Konzept-Album, das die Roots des Protagonisten nachvollziehbar offenlegt – und mit „Oyoyoy“ gleich noch einen astreinen Hit beilegt. – Esra Turan

14

Kendrick Lamar – untitled unmastered.

Wenn „To Pimp A Butterfly“ das Opus Magnus eines genialen Komponisten ist – von vorne bis hinten darauf getrimmt, das es den Klassiker-Status, den es verdient, auch tatsächlich zugesprochen bekommt, ist „untitled unmastered.“ das selten öffentliche Ausprobieren von neuen Ideen. Kendrick Lamar hat aber genau das getan und seine Proben als Album veröffentlicht. Zu hören sind Songs und Skizzen, die während der Aufnahmen zu „TPAB“ entstanden sind. Auch auf „untitled unmastered.“ reflektiert Lamar sein zwiespältiges Verhältnis zu Rasse, Hustle und sich selbst. Es sind Stücke, die Kendrick unbearbeitet und unproduziert in seiner vollen Genialität bloßstellen. Denn was bei ihm nur Skizzen für einzelne Songs sind, würde jedem anderen als Themen für ein ganzes Album gut tun. – Jonathan Nixdorff

13

Skepta – Konnichiwa

Nein, es war nicht die umfassende Grime-Hochglanz-Großtat mit Drake- und Kanye-Co-Signs, die die alte Subkultur-Lady endgültig aus den Pirate-Radio-Stations in die internationalen Mainstream-Charts (zurück-)katapultierte. Vielmehr berief sich Skepta auf seiner vierten LP lieber auf jene rustikalen Atari-Arrangements mit Fußspuren in der Jungle- und Garage-Ära, seine schwindelerregende Realtalk-Delivery und der unterkühlten Kaltschnäuzigkeit, wie man sie eben nur in Londoner Underground-Cyphers lernt. Das nennt man wohl „real keeping“ – what a Grime to be alive! – Fionn Birr

12

Solange – A Seat At The Table

Auch wenn es in der Öffentlichkeit oft anders rezipiert wurde: Das beste Knowles-Album des Jahres lieferte nicht Beyoncé, sondern Solange. Wo die in jeder Hinsicht große Schwester auch mal angefault riechende Pop-Kompromisse gemacht hat, liefert Solange ein geschmacklich delikates Neo-Soul-Album ab. Das geht so weit, dass selbst der angeknackste Lil Wayne sich auf eine Soul-Slow-Jam wie „Mad“ einlässt – und dabei zu vergessener Hochform aufläuft. „A Seat At The Table“ ist kein Hit-Album, sondern eine Platte mit Klassiker-Potenzial. Erykah und D’Angelo sind stolz auf dich, Solange. – Jonathan Nixdorff

11

Trettmann – KitschKrieg (1-3)

Die Geschichte, wie ein klamaukiger Dancehall-Underdog unter der musikalischen Leitung des Producer-Teams KitschKrieg und ihren rudimentären Synthie-Skeletten zum spätgezündeten (T)Rap-Shooting-Star aufstieg, zählt 2016 zu den packendsten Kapitel-Absätzen der Deutschrap-Geschichte. Trettmanns „KitschKrieg“-EPs fusionierten stilbewusst wie zeitgeistig Patois-Zitate, Auto-Tune-Attitüde und Turn-Up-Tales zu genau jenem Wolken-Wave, den deutsche Nachwuchs-Rapper immer von Travis Scott vergeblich imitiert haben – doch denen sagt Tretti nur: „Mir aus den Augen, ihr seid keine Raver!“ – Fionn Birr

10

Childish Gambino – Awaken, My Love!

Donald Glover war schon immer ein großartiger Performer. Egal ob als Troy Barnes oder Childish Gambino. Mit „Awaken, My Love!“ schafft es aber endlich letzterer, seiner Alter Ego als Rapper und Sänger zu verdienten Ehren. Auf den letzten Metern des Jahres veröffentlichte er damit ein Gesangs-Album, das nur so vor Power und Inspiration strotzt. Seinerseits inspiriert vom späten Soul respektive frühen R&B der ausklingenden 70er Jahre, hinterließen vor allem Songs wie „Me and Your Mama“ oder „Redbone“ schon Wochen vor offiziellem Release bleibenden Eindruck bei der Internet-Gemeinde. – Esra Turan

09

Rihanna – Anti

Zugegeben, bis auf ein paar Gastauftritte war RiRis Œuvre bis „Anti“ für das Auskenner-Abteil im Hype-Train called HipHip eine Pop-Pandorda-Büchse zwischen Großraumdisko-Unfällen und der schmierigen Ästhetik einer Duschgel-Werbung. Und klar, irgendwie wurde hier nur der Zeitgeist zusammengefasst – das reggae-eske „Work“ als Arbeitsklassen-Ohrwurm, der reduzierte Stop-Motion-Trap „Needed Me“ als Soundtrack zum verzweifelten Dating-App-Drama next to you oder die Al-Green-Schäferstündchen-Hommage „ Love On The Brain“ für die Soul-Fraktion. Doch was die barbadische Boss-Femme im Februar 2016 zunächst als Free Download (!) droppte war dermaßen geschmackssicher, konsequent und auf der Höhe der Zeit, dass auch der bornierteste Musik-Snob zugeben musste: Rihanna ist die neue Queen of… ja, eigentlich allem, was sich 2016 Musik schimpfen ließ. – Fionn Birr

08

Schoolboy Q – Blank Face

Es brauchte keinen katastrophalen Wahlausgang bei der US-Präsidentschaftswahl, keine rassistisch-motivierte Polizeigewalt und auch kein #blacklivesmatter, um zu erkennen, dass die Perspektivlosigkeit der afroamerikanischen Bevölkerung auch im Jahr 2016 mehr als Realität ist. Wenn das Vorzeige-Westcoast-Album „Still Brazy“ eine Art 2016er Pedant zum Hochglanz-Hood-Porträt „Boyz in the Hood“ stellt, war „Blank Face LP“ der upgedatete Soundtrack von „Menace II Society“ – beklemmend, eiskalt und hyperrealistisch. Yawk! Der zweite Langspieler von Schoooboy Q bot keine Hit-Dichte und war vielleicht genau deswegen das bislang stringenteste Format in Grooovy Diskografie. – Fionn Birr


07

Noname – Telefone

Chicago hat es zweifellos mit einer goldenen Generation zu tun. Inspiriert von den Cool Kids, Kanye und Common (und weniger von ihren Altersgenossen Chief Keef und Lil Durk) rappen sich Chance, Vic, Saba, Mick und Co. die betuchte Seele aus dem Leib. Eine Dame, die sich ganz perfekt in diese Reihe junger Chi-City-Repräsentanten einreiht ist Noname. Auf „Clouring Book“ lieferte sie den wohl besten Feature-Vers der Platte ab, und auch sie hat – wie die Anderen – einen verdammt guten Musikgeschmack und behält ihr Ohr stets auf der Schiene der Musikgeschichte. Auch sie erzählt nahbare Geschichten aus ihrem Leben. Aber sie tut es ganz anders als die anderen Genannten – so wie sich die wiederum auch alle untereinander unterscheiden. Nonames „Telefone“ ist ein Sammelsurium feiner Beobachtungen ihrer Umwelt und ihres Innenlebens. Sie skizziert verspielte und eskapistische Fantasien vor einer verlorenen Stadt, aus der die Flucht scheinbar bestens mithilfe von Musik gelingen kann. – Jonathan Nixdorff

06

Kaytranada – 99,99

In einer denkwürdigen RBMA Lecture erzählte Kaytranada vor kurzem, wie er sein Erfolgsrezept eher zufällig fand: Im Herbst 2012, in allererster Linie als Die-Hard-Madlib- und Dilla-Head kehrte er hochinspiriert von einer Flying-Lotus-Show nach Hause, um gleich weiter an seiner Musik zu frickeln. Doch anstatt am klassischen 90-BPM-Bumm-Tschack festzuhalten, drehte er diesmal an der Geschwindigkeit und landete so bei seinem Signature-Hip-House-Sound. Der Song, an dem er damals bastelte, wurde später zu einem Remix von Janet Jacksons „If“ – und gleichzeitig ein weltweiter Hit, der den Kanadier zum Produzenten der Stunde machte. Long story short: Auf seinem Debütalbum „99,9%“ verbindet der Nerd aus Montreal nun alle Welten, die er so leidenschaftlich liebt. Ja, auf der Platte ist Craig David, aber ja, auf der Platte ist auch Kariem Riggins gefeaturet. Auf den Disco-Opener „Track Uno“ folgt mit „Bus Ride“ ein Song, dessen inbrünstige Liebe für Stones Throw schon nach wenigen Sekunden nicht mehr zu überhören ist. Zusammengehalten wird die Platte trotz aller Experimente durch Kaytranadas durchgehend organische und HipHop atmende Beatmaker-Mentalität, die allen Songs die nötige Prise Jazzyness verpasst. – Jonathan Nixdorff

05

Haiyti x KitschKrieg – Toxic

Mit „Toxic“ hat Haiyti eine Momentaufnahme davon geschaffen, wie die Kehrseite der deutschen Trap aussieht. Dass am Morgen nach dem Turn-up vor allem ein mieser Geschmack im Mund und der leicht angespannte Kiefer an die Party vom Vorabend erinnert. Im Kopf hat sich in der Zwischenzeit dagegen längst die wohlige Einsamkeit breit gemacht, die abwechselnd zum vorsichtigen Genießen einlädt, aber auch zum Fürchten ist. Mit ihren messerscharfen (Pun intended) Bildern zeigt sich der Girlbossgangster aus Hamburg erstmals von einer verletzlichen Seite – und kann damit alle für sich gewinnen. Minimalistisch und eingängig instrumentiert von der Berliner KitschKrieg-Kombo, hat Haiyti auf „Toxic“ ein neues Genre geschaffen. Und egal, ob wir das nun Emo Trap oder sonst wie nennen, für uns ist „Toxic“ das mit Abstand spannendste und interessanteste Release des abgelaufenen Deutschrap-Jahres. Und „Ein Messer“ der wahrscheinlich prägnanteste Song aus dem selben Zeitraum. – Jonathan Nixdorff

04

Kanye West – The Life Of Pablo

Als das siebte Kanye-West-Album nach diversen Namensänderungen im Februar 2016 erschien, war es noch nicht mal fertig. Bei einer denkwürdigen Veranstaltung im ausverkauften Madison Square Garden via Cinch-Kabel vorgestellt, arbeite Kanye über die darauffolgenden Tage, Wochen und Monate hinweg immer weiter an den Songs und könnte es jederzeit wieder tun. Hier wurde ein Sia-Part auf „Wolves“ hinzugefügt, da wurde mit „Saint Pablo“ ein ganz neuer Song angehängt – Kanye West hat mit „The Life Of Pablo“ ein lebendiges Kunstwerk geschaffen, bei dem man sich nie sicher sein darf, ob es denn nun wirklich mal abgeschlossen ist. Auch musikalisch ist die Platte (oder sollte man heutzutage Stream sagen) verdammt lebendig. Auf jedem Song, zu jeder Sekunde passiert gefühlt alles gleichzeitig. Und es scheint so, als musste Kanye all seine bisherigen musikalischen Phasen noch einmal durchlaufen – nur ein Beispiel: „Famous“ klingt wie ein „Graduation“-Song auf Steroiden. Textlich ist Ye zwar auf auf „The Life Of Pablo“ kein filigraner Dichter, aber dafür einer, der verdammt viel von sich preisgibt und in all seinem Größenwahn nahbar bleibt. Musikalisch und ästhetisch zementiert Kanye seinen Status als größter Popmusiker unserer Zeit. Auch wenn „TLOP“ seine Zeit gebraucht hat, um sich selbst begreifbar zu machen, ist das Album über das Jahr hinweg gewachsen und ganz beiläufig zum Klassiker gereift. Ebenso beiläufig ist „TLOP“ übrigens auch für „Panda“ und Desiigner verantwortlich – zwei der wichtigsten Rap-Phänomene des Jahres. – Jonathan Nixdorff

03

Anderson .Paak – Malibu

2016 war auch das Jahr, in dem alter Sound neu aufgelegt und endlich wieder zu der Coolness verholfen wurde, die seit jeher und ohne Pause in ihm lag. Staubiger, handgemachter Soul steckte viel zu lange unbeachtet in verstaubten Plattenkisten. Aber dank Anderson .Paak und Konsorten besinnt man sich wieder auf die Tradition der großen Songschreiber und legt Soul im großen Stil und neu auf. Dass der Kalifornier das schon lange tut – geschenkt. Es brauchte ein Dr.-Dre-Co-Sign und ein unterdurchschnittliches Album vom selbigen, um den früher als Breezy Lovejoy veröffentlichenden Mal-Sänger-mal-Rapper zum Shooting Star zu machen. Der hat die Vorlage genutzt und mit seinem Album „Malibu“ alles ausprobiert, was ihm so in den Sinn kam. Klassisches Singer-/Songwriter-Handwerk trifft auf Jazz trifft auf Disco trifft auf HipHop – und am Ende macht alles Sinn. Wie schon auf Kollegin Solange Knowles sind Erykah und D’Angelo auch auf dich stolz, Anderson. – Jonathan Nixdorff

02

Frank Ocean – Blonde

„Blonde“ war sicherlich das am heißesten herbeigesehnte Release der Pop-Welt 2016. Viel zu lange Jahre waren seit seinem Debütalbum „Channel: Orange“ vergangen, das den Kalifornier mit seiner Sperrigkeit und seinen Hits zu einem der wichtigsten Popkünstler der Welt gemacht hatte. Als „Blonde“ dann erschien, blieb erstmal die bekannte Sperrigkeit – tausendfach potenziert – und sonst nicht viel. Zunächst hatte Frank Ocean das Album „Endless“ veröffentlicht, das trotz einzelner starker Songs vor allem nach Stückwerk klang. War es auch. Das eigentliche Album-Album „Blonde“ erschien nämlich erst am darauffolgenden Tag, verwirrte musikalisch aber nicht viel weniger. Unkomplizierte Popsongs sucht man darauf vergebens, stattdessen – und das ist viel besser – sucht man auch heute noch, Monate später, nach versteckten Nachrichten zwischen den Zeilen und C-Parts. Dabei sind es eigentlich ganz simple Liebesgeschichten, die Frank Ocean nur verdammt kompliziert arrangiert hat. Und eigentlich sind die auch Hits – nur um das zu erkennen, hat es ein paar Monate gebraucht. – Jonathan Nixdorff

01

Chance The Rapper – Coloring Book

Dass 2016 ein großes Jahr für Chance The Rapper werden dürfte, hatte sich schon im Februar angedeutet. Die Dominanz, mit der er damals Kanye Wests „TLOP“-Opener „Ultralight Beam“ dominierte, überraschte selbst diejenigen, die dem Chicagoer schon seit „Acid Rap“ eine Zukunft als Rap-Messias voraussagen (me included). Wenige Monate später machte er die Ankündigungen aus dem Part wahr und veröffentlichte sein (gefühltes) Debütalbum „Coloring Book“ – der Protagonist selbst nennt das Opus beharrlich Mixtape. Und aus kommerzieller Perspektive ist es das auch. Das Mixtape-Album des Jahres hat nämlich genau null (0) Einheiten verkauft – weil man es nie kaufen konnte. Nichtsdestotrotz hat der Independent-Artist Chance knapp drei Jahre daran gearbeitet. In der Zeit freundete er sich nicht nur mit Mentor Kanye an, eher mit der versammelten HipHop-Bundesliga. Vertreten sind die Mumble-Mutanten Young Thug und Lil Yachty, die Trap-Legenden Lil Wayne, Future und 2 Chainz, Auto-Tune-Pionier T-Pain, Raps gutes Gewissen Jay Electronica, Indie-Held Justin Vernon, Teenie-Schwarm Justin Bieber, Beatmaker-Held Kaytranada – und die Liste ließe sich ewig weiterführen. Und das Verrückte: Sie liefern alle ab. Es scheint fast so, als hätten sich die Stars ihre besten Parts extra für das Free-Album dieses Rookies aufgehoben, nur damit der sie dann doch in den Schatten stellt. Musikalisch ist „Coloring Book“ irgendwo zwischen Gospel und Footwork angelegt, was in seiner Kombination den Sound perfektioniert, den Chance bereits auf seinen ersten drei Releases mit seinem Hang zu komplexen Drum-Patterns erarbeitet hatte.

„If one more label try to stop me, it’s gon‘ be some dreadhead niggas in ya lobby.“, wütet Chance auf „No Problems“. Herausgebracht hat er das Album ganz ohne Label und auf eigene Faust – und damit alles, wirklich alles richtig gemacht. – Jonathan Nixdorff