Degenhardt & Kamikazes – Krahter

„Das ist kein Job, es ist Intimsphäre/wenn ich den Kopf auf den Beat lege“. Degenhardts und Kamikazes „Krahter“ zählt zu den sperrigsten, aber auch spannendsten Underground-Releases des laufenden Deutschrap-Jahres. Unsere Autorin Alina Klöpper hat sich die Kollabo-EP des ungleichen Trios mal genauer angehört.

„Untergrundhelden unter sich“, verspricht der Pressetext zum ersten gemeinsamen Release der Herren Kamikazes und Degenhardt namens „Krahter“. Und wahrlich sind die düsteren Figuren aus dem Whiskeyrap-Umfeld trotz genialer, bisheriger Veröffentlichungen auch in Szenegefilden eher unbekannt. Eine kurze Vorstellung: Da wäre Degenhardt, ein von Perversion, Liebe und Fragmentierung rappender Herzmensch aus Düsseldorf, der nach einem bewegten Lebenslauf mit „vielen bunten Löchern“ Anfang des Jahres sein erstes kaufbares Release „Terror 22“ über Melting Pot Music veröffentlichte. Dazu gesellen sich die zwei Brüder Kamikazes (Mythos und Antagonist), ständig im Rausch, fast im Delirium, am Abgrund taumelnd. Auf „Kleiner Vogel“, ihrem letzten Album, geht es auf sturen, knochigen Beats vor allem um das Sezieren des eigenen Wahnsinns. Dass bei dieser Kollabo aus den geschmeidigsten Ecken der ewigen Jagdgründe nur etwas extrem Bewegendes – gleichzeitig schmerzhaft und tröstend – entstehen kann, dürfte somit klar sein.

So legen die Kamikazes, die sich für alle Instrumentale der EP verantwortlich zeichnen, schon als Opener einen Beat vor, der Ton gewordener Struggle ist. Ein faszinierender Sog zieht den Hörer unmittelbar in eine abstrakte Welt, in der nur noch in Assoziationen gedacht wird, Erzählstrukturen der Moderne für das Gesagte nicht mehr ausreichen und das eigene Ich den Bach runter geht. Sucht man nach popkulturellen Referenzen, landet man nicht bei derzeit hippen Cloud- oder Boombap-Anleihen, sondern bei eher elektronischen Acts, wie Burial oder Lorn. Industriell, bedrohlich und getrieben kommen die Beats auf „Krahter“ daher. Dabei ist auffällig, dass Pop-Schwein Degenhardt wohl seinen Einfluss auf die Produktionen hatte, da sie trotz Düsternis anno 2016 vergleichsweise zugänglich sind und sogar Smash- Hits der 80er samplen. Wie Antagonist es selbst auf „Oben herab“ formuliert: „Ich bin zärtlich und vulgär/Ein letzter Lover vor dem Herrn“. Dieses Liebhabertum drückt sich zudem in der praktisch maßgeschneiderten Symbiose der Protagonisten aus, die sich in ihren Nicht-Themen gegenseitig vervollständigen. Heißt es auf „Namen“ aus dem Munde Mythos: „und Teelichter weisen mir den Weg in die Küche“, ergänzt Degenhardt die Line zu: „und Farbflecken weisen mir den Weg nach draußen“.

„Krahter“ braucht nicht mal ein Thema oder einer Aussage, um tief zu berühren.

„Krahter“ beweist zum Einen, dass die Zusammenarbeit Degenhardt & Kamikazes, wie schon mit „Letzte Lover“ auf „Harmonie Hurensohn 3“ von Degenhardt angeteasert, wunderbar funktioniert. Zum Anderen stellt die EP klar, dass es nichts Vergleichbares in der hiesigen Musiklandschaft zu hören gibt. Die Musik auf „Krahter“ lebt von einem liebevollen Gefühl für Worte, von hypnotischen Instrumentalen, die mit Hingabe und Samples aus allen erdenklichen Ecken der Popkultur zusammengeschustert wurden. Ob Hits der Neuen Deutschen Welle oder KRS One, Degenhardt und die Brüder hauchen ihnen allen ihre ganz eigene Romantik und intensive Finsternis ein. Vor allem ist jedoch das wahnsinnige Maß an Abstraktion einzigartig – es braucht nicht mal ein Thema, geschweige denn leidige Fragen nach einer Aussage, um tief zu berühren. Krahter dockt diffus und schwer ans Unterbewusstsein an. Lines, die irgendein urtümliches, kleines, schwarzes Tier in der Brust streicheln und Abgründe, die zu verworren sind, um sie zu mit Gedanken zu erfassen. Man kann nur nachhorchen, fühlen.