Das Phänomen Money Boy – oder – Eine Propagandaschrift des Dadaismus

Money-Boy-Swag

Irgendjemand musste es ja machen. In der bislang (hoffentlich) ausführlichsten Money-Boy-Studie versucht „Botschaften aus dem Jahre 1919“-Kolumnist Laurens Dillmann das Phänomen „Money Boy“ einzufangen. Dabei geht er unter anderem der Frage nach, ob Kunst auch schwachsinnig sein darf und wie viel das Internet dazu beiträgt. Zudem schreibt er aus unerfindlichen Gründen wie ein Spiegel-Redakteur. Scurrr!

Meint der das eigentlich ernst? So lautet die Frage, die dem Österreicher Money Boy nicht mehr von der Seite weicht. Wie ein Reh im Fernlicht erstarrt die deutsche Rapszene vor dem großen Mann aus südlichen Gefilden. Der ist nämlich irgendwie anders, anders als alles, was bisher geschah. Money Boy ist ein Phänomen. Und wie mit denen umzugehen ist, bleibt für viele ein Rätsel. Die heutige Kolumne ist ein Ergründungsversuch, ob wir es nicht mit irgendeinem verschrobenen Autisten zu tun haben, sondern vielmehr mit dem cleversten Internet-Entrepreneur, den die Generation Nackenstarre je miterleben durfte. Vielleicht will Money Boy ja, dass wir uns fragen, ob er „das“ ernst meint?

Alles begann mit einem viralen Knall. Es ist der 06.10.2010, „German-American Day“. Ein Feiertag in den Vereinigten Staaten, der die Verdienste Deutschstämmiger für das eigene Land würdigen soll. Barack Obama hatte den deutschen Michel jüngst gelobt, er hätte „stark zur Entwicklung des Landes und zu dessen Führungsrolle in Sachen Unternehmergeist beigetragen“. Am selben Tag erscheint „Dreh den Swag auf“. Plötzlich hat Europa nicht mehr lediglich Militärstützpunkte zu bieten, sondern einen Hauch von „echtem“ Amerika. Dabei ist das dreieinhalbminütige Machwerk simpel aufgebaut: Sebastian Meisinger fährt auf einem Segway durch Wien, turnt seinen Swagger on a zillion und putzt mit einem Gucci-Bandana (das wahrscheinlich ihm gehört) einen Ferrari, der definitiv nicht in seinem Besitz ist.

Wir 19½ Millionen Aufrufer bekamen also einen schönen Anreiz zum Lachen geboten.  Im Gegensatz zu vielen seiner Youtube-Kollegen, die ihre 15 Minuten Ruhm erlangten (Wir haben ihnen alle mal beim Existieren zugesehen, der sagenumwobenen Grup Tekkan, den fünf Jungs aus Waiblingen, oder der Macholegende Assi Toni), steht Money Boy immer noch im Licht der Öffentlichkeit. Rund fünf Jahre nach seinem Auftauchen ist er immer noch da, hat sich nicht in das Loch zurückverkrochen, in das diejenigen gehören, die der Norm den Krieg erklärt haben. Wenn man dem Volksmund denn glauben darf.

Dass Money Boy kein One-Hit-Wonder bleiben würde, mussten sich auch die größten Kritiker bald eingestehen. Es blieb eben nicht bei einem einzigen el-oh-el. Lediglich eineinhalb Monate dauerte es, dann hatte der Boy es auf einen Track mit Eko-Fresh geschafft. Zur gleichen Zeit entwickelten sich die Lieder „Ching, Chang, Chung“ und „Boy, der am Block chillt“ ebenfalls zu Klick-Selbstläufern. Obwohl das Interesse an der Person nach dem großen Hype selbstverständlich dennoch erst einmal abflaute, verging von nun an kaum ein Tag, an dem man nicht am Leben des Österreichers teilhaben konnte, wenn man denn wollte.  Youtube, Twitter, Instagram – Money Boy spielt die Klaviatur des Internets so virtuos, dass musikalisches Talent und Rapskillz wie beiläufig in den Hintergrund rücken und an Bedeutung verlieren. Sein Publizistik- und Kommunikationswissenschaftenstudium half ihm sicherlich, die Bedienung des Merkel-Neulands zu verstehen. Die inhaltlichen Mittel, derer er sich allerdings bedient, werden ihm seine Dozenten sicherlich nicht eingebläut haben.

Ob es die Hoodreports sind, in denen Knowledge für das Überleben auf Wiens Straßen gedroppt wird,  ein Absurditätenkabinett aus Tweets („Wir stehen unter dem Joch des Geldes wie ein Esel im alten Mesopotamien, der unter ein Holzjoch gespannt wurde & einen Acker pflügen musste“ oder „Der sibirische Tiger wurde systematisch ausgerottet, da sein Blut ein Gegengift beinhaltet gegen die Drogen unserer Regierungen“), Vermischung von Deutsch und Englisch, bewusst falsche Rechtschreibung (In Fachkreisen „Money-Boy-Volapük“ genannt), „Money Boy News“, die von „versexten“ Lehrern, Miley Cirus‘ Heiligkeit und menschenfleischversessenen Bestien handeln, oder die dringend benötigte Wiederauferstehung der Dolittle-Tiersprache: Alles wird solange durchgezogen, bis es nicht mehr witzig ist. Und dann geht es erst richtig los!

Der Boy findet jedoch nicht nur im Internet statt. Er schafft es, sein Spektrum zu erweitern, ist in unregelmäßigen Abständen „zu Gast“ auf den Fernsehkanälen Pro7 (Circus HalliGalli) und ZDF-Neo (Neo Magazin), deren Redaktionen ihn mittlerweile als eine Art Geheimwaffe aus dem Ärmel schütteln, sollten die Ideen ausgehen. Auch das österreichische Fernsehen hat sich seiner mittlerweile angenommen und hilft ihm so zu weiterer Bekanntheit. Oder sollen wir es weiterem Bekanntbleiben nennen? Man kann es nicht leugnen. Money Boy arbeitet mit großer Sorgfalt daran, dass seine eigene kleine Welt, die Diktatur des Swags, möglichst weite Teile des Volks erreicht. Denjenigen, die sich zu seiner Vermarktungsstrategie weiterbilden möchten, sei dieser Link empfohlen: creative.arte.tv/de/agentur-amateur-Money-Boy

Im Gespräch bleiben ist wichtig. Unter was für einer Klientel dieses Gespräch stattfindet, ist völlig egal, solange es eben stattfindet. Money Boy hat mittlerweile den Status eines Rap-Dumbledores erarbeitet. Er schart gebrainwashte Anhänger um sich, die ihm bedingungslos folgen und seine Erkennungsmerkmale übernehmen. Das bemerken auch die Hip-Hop-Medien und beginnen, sich erneut für den Österreicher zu interessieren. Er wird zu Hiphop.de bestellt, wo er wie im Therapeutensessel seine Eigenheiten erklären soll, berichtet bei Falk Schacht, weshalb er an Weihnachten nicht gerne zu Hause ist (Auflösung: Weil er innerhalb seiner Familie nicht mit Birdcalls kommunizieren kann) und erhält auf Meinrap die Serie „Die absurdesten Money Boy Tweets“. Der Aprilscherz der Juice, ein fingiertes Money-Boy-Cover, wurde in den facebook-Kommentaren beleidigt zurückgewiesen. Das „echte“ Cover soll her!

früher haben mir die leute auf https://www.facebook.com/therealmoneyboy gewritet „Huansohn“ „Du Hund“ und so oriiginele sprüche. heute „du bist der beste“ :)

— Money Boy (@therealmoneyboy) 29. April 2014

Nun mögen die Bandana-Puristen empört aufschreien. Money Boy verrät Rap, unser aller geliebte Kunstform! Und wir Gaffer unterstützen ihn dabei auch noch! Aber Rap ist genau das: Kunst. Und deswegen  muss er auch Platz für ihre Spielarten haben, die von einem Großteil der Gesellschaft gar nicht als Kunst begriffen werden. Humor. Sinn für Schwachsinn. Dadaismus. Gezielte, gerecht verteilte Provokation. Die Kunst, zu unterhalten. Dass sich die Frage überhaupt stellt, wie viel Prozentanteile des Moneyboy-Schaffens nun Kalkül und wie viel purer Autismus (ob da überhaupt ein Unterschied herrscht? Genie und Wahnsinn stehen auf Löffelchen!) sind, ist vielleicht auf deutsches Pedanten-Syndrom zurückzuführen. Da ist eben jemand mit Sorgfalt am Werk, eigentlich haben wir davor Respekt, aber komisch ist er trotzdem. Die Erkenntnis jedoch, dass da jemand Herzblut in die Sache steckt, so absurd die Sache erscheinen mag, sollte ausreichen, dass man ihm nicht den Tod wünschen muss.

„Was ist ein Kunstwerk ohne Betrachter?“, wollte einmal jemand von uns wissen. Wahrscheinlich dasselbe wie davor. Einfach etwas, für das jemand mal den Namen „Kunst“ erfunden hat und das mit Bedeutung gefüllt werden muss, damit es Kunst wird. Deswegen wird gut gemachter Schwachsinn sich verbreiten, weil er Anhänger hat. Als Beweisführung eine kleines Namedropping von Menschen, die sich (im Sinne des Wortes) komplett asozial verhalten und uns dennoch ein Begriff sind, weil sie von absurder Kreativität strotzen und diese in Kunst zu bändigen wissen: Lil B, der Erfinder des „Cooking Dance“, Riff Raff, der eine Line zieht, sich eine Schlange auf den Arm setzt und zu „freestylen“ beginnt, Andy Kaufman, der in den 70er und 80ern die komplette USA zum Narren hielt, Jonathan Meese, der uns den „Krieg der Kunst“ erklärt, MC Smook, der weiß, weshalb im „Kongo Sommer an Weihnachten“ ist, Martin der Bayer, VennuMallesh, Marilyn Manson, oder der großartige Helge Schneider, zu dem man ja wohl nichts mehr sagen muss: Die Welt hat genügend positiv Bekloppte zu bieten. Und manchmal trauen sich die Weirdos eben ans Tageslicht und dann muss man mit ihnen leben. Heutzutage gilt: Wer virale Spielregeln beherrscht und die Selbstvermarktung zum eigentlichen Kunstwerk macht, der setzt sich durch.

Und so wird der Tag kommen, an dem wir des Morgens unseren Holoschirm aktivieren und das neuste, am Wiener Basketballcourt gedrehte Skreet-Video des Sebastian Meisinger unseren Tag einleiten wird. Alsdann wir unsere Gucci-Mane-Gangsta-Bäuche mit genügend Streicheleinheiten versorgt haben, knien wir uns neben die Betten und blättern in den kleinen Bibeln, die mit dem Original-Gucci-Bandana-Stoff überzogen sind. Mechanisch murmeln wir unseren Sermon:
Money Boy ist unser geistiger Führer. Er brauchte kein musikalisches Talent, um bekannt zu werden. Er beherrschte die Fähigkeit, Menschen zum Lachen zu bringen. Er bot uns die Möglichkeit abzuschalten, blöd zu grinsen und die neuesten musikalischen Importe aus Amiland zu genießen, nachdem wir während der Tagesschau Maschinengewehrsalven ertragen mussten. Geheiligt sei sein Name. No homo. Scurrr!

 

Mehr vom Autor auf: www.laurensdillmann.de

Der Autor liest übrigens am 10.05 in Weimar: https://www.facebook.com/events/632073920209787/?notif_t=plan_user_invited

Anbei ein kurzes Infovideo, das alle Informationen bereithält: