Darf DCVDNS das N-Wort sagen? // Kommentar

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DCVDNS hat in seinem neusten Track „Der erste tighte Wei$$e“die N-Wort-Bombe platzen lassen. Die Diskussion darüber ist exemplarisch, denn DCVDNS ist nicht der erste und bestimmt auch nicht der letzte, der das tun wird – vielleicht ist es auch unfair, dass die Debatte ausgerechnet in seinem Kontext so hochkocht. Irgendwo zwischen Kunstfreiheit und Political Correctness (und zahlreichen Facebook-Statements) tummeln sich Meinungen, wie sie diverser nicht sein könnten. Um die Komplexität der ganzen Diskussion, die beinahe so alt ist wie HipHop selbst – aber immer noch aktuell, abzubilden, haben unsere Autoren Nico van Veen und Christopher Kammenhuber Partei ergriffen.

Deutschrap ist heuchlerisch.

Nico van Veen

OMG, hat DCVDNS das wirklich gesagt?! Über kein Thema wird in Rap-Deutschland diese Woche mehr diskutiert als über den vermeintlichen Tabubruch des Saarländers. Von allen Seiten prasseln Drohungen auf den MC ein, jedes auch noch so irrelevante Szenenportal berichtet, ein Shitstorm par excellence. Was wird noch alles kommen? NRW-Verbot?

Seit Jahren hat kein deutschsprachiger MC mit Relevanz mehr das N-Wort verwendet. Massiv benannte sogar die erste Single seines Albums „Blut gegen Blut 3“ um. Und nun kommt da DCVDNS, ein durchweg privilegierter Mensch, und benutzt ein Wort, das wie kein anderes für die jahrhundertelange Unterdrückung und Diskriminierung von People of Color steht. Definitiv ein Tabubruch. Ob es allerdings richtig ist, Drohungen auszusprechen und sich in alle erdenklichen Beleidigungen zu ergehen, ist eine andere Frage. Vielmehr erscheint es sinnvoll, differenziert an die Sache heranzugehen. Wichtig ist vor allem, in welchem Kontext der Künstler das Wort verwendet. „Der erste tighte Wei$$e, seit dem letzten tighten N****“, klingt wohl für viele Konsumenten der Musik im ersten Moment wie plumpe rassistische Angeberei und Größenwahn, betrachtet man aber die Aussage nicht nur isoliert für sich, sondern im Kontext des Schaffens des Künstlers und Deutschrap im Allgemeinen, ergibt sich ein anderes Bild. „Der letzte tighte N****“ ist der Name, den sich Taktlo$$, vielleicht der beste deutsche Battlerapper, selbst gegeben hat. Eine klare Referenz, versteht sich DCVDNS doch auch selbst als Rapper desselben Metiers. Will hier vielleicht ein Fan seinem Idol in gewisser Art und Weise Respekt zollen? Klar ist, dass die Aussage von DCVDNS Taktlo$$ zitieren soll. Hierfür sprechen nicht nur die Aussagen des Künstlers auf Twitter, sondern auch der Titel des Albums sowie die erste Auskopplung – ein Titel, der zu großen Teilen aus Kool-Savas-Lines besteht. Taktlo$$ und Savas? War da nicht etwas? Bildeten die beiden nicht „Westberlin Maskulin“ und brachten das legendäre Battlerap-Album „Battlekings“ auf den Markt? Man kann und muss also eigentlich davon ausgehen, dass die Line ein Zitat darstellt, eine Hommage an einen großen Künstler. Folglich stellt sich die Frage, ob entweder allen Kritikern Taktlo$$ kein Begriff ist (großer Fehler) oder ob es ihnen schlichtweg egal ist und sie einfach nicht differenziert über das Thema nachdenken wollen (noch größerer Fehler). Natürlich muss man sich fragen, ob bei der vorliegenden Line Kalkül im Spiel war oder ob sie wirklich nur eine Referenz darstellt – beantworten kann diese Frage allerdings nur der Künstler.

Das Thema DCVDNS zeigt wieder einmal, wie heuchlerisch Deutschlands Rapper und deren Publikum sind. Während Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Antisemitismus etc. an der Tagesordnung sind und hier gerne mal weggeschaut oder mitgemacht wird, braucht es nur eine einzelne Zeile, in der die N-Bombe fällt und die Szene ergeht sich in Drohungen. Wo vorher noch lyrisch Frauen der Slip zerrissen oder der Holocaust mitten in Gaza ausgerufen wurde, zeigt man mit dem Finger auf andere Künstler. Nein, Diskriminierung ist niemals gut oder zu befürworten, aber war Battlerap nicht schon immer eine Kunst, die mit genau diesen Tabubrüchen gespielt hat? Man muss die Kunst als das sehen was sie ist, nämlich Kunst. Vor allem, wenn es sich um ein Zitat handelt. Und Kunst darf viel, solange trotzdem noch kritisch reflektiert wird. Wenn Kritik geäußert wird, muss dies allumfassend sein, sonst wirkt die Kritik nicht kritisch, sondern, wie bereits angesprochen, heuchlerisch. Ob einer der laut schreienden Kritiker aber deutschen Rap hören will, der gänzlich ohne problematische Aussagen auskommt, sei dahingestellt und auch eher unwahrscheinlich. Außer Conscious Rap würde nämlich nicht viel übrig bleiben. Viel Spaß mit Umse & Co.

Alter, check your privilege!

Christopher Kammenhuber

Dass Provokation dem Absatz hilft, sollte inzwischen bei wirklich jedem angekommen sein. In seinem neuen Track „Der erste tighte Wei$$e“ setzt DCVDNS deswegen auf den klassischen Tabubruch: „Der erste tighte Weiße seit dem letzten tighten N****“ – rappt der weiße Saarländer schon in der ersten Line. Die Benutzung des Wortes scheint dabei so vorhersehbar, geplant und berechnet provokant zu sein, wie der Tweet nach den ersten Social-Media-Anfeindungen. „Nicker“ habe DCVDNS gemeint. Ja, genau. Das passt erstens nicht zum restlichen Sprachduktus des Songs und zweitens ist es schier unvorstellbar, dass DCVDNS diese Taktlo$$-Hommage liegen lässt.

Der Verweis zum Berliner Urgestein ist natürlich etwas hoch gegriffen, Zitate im Rap jedoch gang und gäbe und so gesehen diskriminiert DCVDNS niemanden. Trotzdem erzeugt Sprache Realität. Mit steigenden Absatzzahlen könnte man sich dessen durchaus bewusst sein, insbesondere wenn die Vermarktung eines Albums durch rassifizierende Vorbehalte unterstützt werden soll und die Fanbase gefühlt ausschließlich jung und weiß ist. Die „offizielle“ Änderung des Wortes ist dabei nur ein weiteres Beispiel eines weit verbreiteten Phänomens: durch Streichen solcher Rhetorik aus dem Wortschatz lässt sich der Umgang mit täglichen rassistischen Gedanken gesellschaftlich adäquat erlernen. Dass dies nach Außen ein wichtiger erster Schritt ist, lässt sich nicht abstreiten (Stichwort: Performanz) – an persönlicher Ablehnung oder innerlichen Überlegenheitsgefühlen gegenüber People of Color ändert dies jedoch nichts.

Das eigentliche Problem des Songs liegt allerdings nicht im stumpfen, eingänglichen und verzichtbaren Zitat, sondern in diesen Überlegenheitsgefühlen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich erzählt der Studentenrapper nicht, wie erhaben er sich gegenüber anderen fühlt, vielmehr heult er sich darüber aus, wie schwer es für einen Weißen sei, im HipHop-Business zu wachsen: „Die allerbesten Lyrics und die allerbesten Rapskills, Instrumentals, aber weißen Akzent“. Doch irgendwann war Schluss damit: Endlich konnte er, der weiße Junge aus dem Saarland, sich auch einmal zu den Ausgeschlossenen der Gesellschaft zählen, endlich konnte auch er die ersten schweren Schritte und den Aufstieg zum Rapstar romantisieren – er, der es herausgeschafft hat. So bedient er sich dann auch problemlos aller gewünschten Klischees: Ein weißer Lamborghini Countach, auf dem selbstverständlich gestanden wird, halbautomatische Handfeuerwaffen, Gucci-Cap inklusive Louis Vuitton-Bandana sowie eine permanent in die Kamera gehaltene Amerika-Fahne – vom Tellerwäscher zum Millionär.

Statussymbole gelangten als Antwort auf die Besitzverhältnisse zur Zeit der Sklaverei in den HipHop. Wenn sich nun ein Weißer als Opfer von Diskriminierung wegen seiner Hautfarbe simplifiziert, sich dazu passender Stilmittel bedient und Rhetorik benutzt, die zur Unterdrückung durch eine privilegierte weiße Klasse benutzt wurde, ist das ausgesprochen paradox und äußerst fragwürdig. Natürlich ist das Image Teil der Vermarktungsstrategie, nur zu welchem Preis? Man möchte DCVDNS zurufen: Alter, check your privilege!