Tua & Ahzumjot - Über Kunst & Raum - splash! Mag Coverstory

Tua /
Ah
zum
jotÜber
Kunst
&Raum

Am Ende des Tages steht die nüchterne Feststellung: „So viel Zeit haben wir noch nie miteinander verbracht – obwohl wir uns schon ewig kennen.“ Ahzumjot und Tua sind in einer Szene unterwegs, in der sich die Wege fast zwangsläufig kreuzen.

Man spielt im Sommer auf den gleichen Festivals, ganzjährig wohnt man immerhin in der gleichen Stadt. Und die Rap-Journaille hatte Ahzumjot schon seit seinen ersten öffentlichen Schritten in einer ihrer vagen Schubladen verortet, die unter anderem Tuas Band Die Orsons erst ein paar Jahre davor aufgemacht hatte. Beide sind Texter. Beide sind Produzenten. Musiknerds, die sich so einiges erzählen können.

So langsam scheint der Frühling auch Berlin zu erreichen. Am Bahnhof Zoo in Charlottenburg sammeln wir bei den Kollegen von Converse noch zwei frische Paar Reflective Camo ein, um von dort aus Orte zu erkunden, an denen Kreativität entsteht.

Für mich war es eine wichtige Entscheidung, meine Musik wieder zu Hause zu machen.

Ahzumjot

Alan Julian Asare-Tawiah lebt und arbeitet in Schöneberg. Nach einem aufreibenden Ausflug ins Major-Universum war er auf der Suche nach einem vertrauten Raum. 2011 hatte der Hamburger mit seinem Debütalbum „Monty“ eine ganze Heerschar von Kritikern ins Schwärmen gebracht – und die Aufmerksamkeit der Industrie geweckt. „Nix mehr egal“ erschien bei Universal. Tschüss DIY, hallo große Welt. Ab sofort produzierte Ahzumjot nicht mehr alleine, sondern mit der Szenegröße Nikolai Potthoff und hatte einen schweren Rucksack voller Erwartungen (seine eigenen inklusive) geschultert. Auf einmal redeten nicht mehr nur die alten Homies Levon Supreme und Crusoe mit. „Ich hatte irgendwann nur noch auf das Bock, was mir gesagt wurde. Diesen Reflex musste ich wieder abschalten, aber das war nicht einfach. Auch deswegen hat es so extrem lange gedauert, dieses Album zu produzieren.“

Inzwischen hat er den vertrauten Raum gefunden. Auf dem Opener der aktuellen „Minus“-EP reflektiert Ahzumjot: „Ist doch gut, einen Satz zurück zu machen, wenn es nicht geklappt hat. Heut ist Tag 2.“ Raus aus den großen Studios, jetzt macht er wieder alles selbst – mit der gewonnenen Erkenntnis, dass er genau das brauchte. Er arbeitet dort, wo er lebt. Und umgekehrt. Mit Tua diskutiert er seinen Rückschritt, der eigentlich ein Schritt nach vorn war. Die beiden spazieren am Kleistpark entlang in Richtung der historischen Hochbunker an der Pallasstraße. „Diese komplette Naivität bekommt man ab einem gewissen Grad der Professionalität nicht mehr zurück, aber für mich war es eine wichtige Entscheidung, meine Musik wieder zu Hause zu machen und zu merken, dass es dort am besten funktioniert.“

In Homestudios hat zwar die Bierflasche ein Eigenleben, dafür kann man den absurdesten Ideen eine Woche nachjagen, nur um hinterher zu sagen, dass es Bullshit war.

Tua

Große Studios bieten offenkundig viele Vorteile: gut ausgebildete Engineers, exklusive Hardware zum Mischen und perfekte Voraussetzungen, um Live-Musiker aufzunehmen – die Liste lässt sich sicherlich verlängern. Der Nachteil liegt dagegen im Detail: Der Leistungsdruck, der nur dort entsteht, weil eben Engineers und Produzenten und die Studiokosten im Hinterkopf um einen herumschwirren. „Dort hat man gar keine Lust, den Schnapsideen zu folgen, die am Ende womöglich die Genialität eines Songs ausmachen“, sagt Tua. „Solche Studios atmen nicht den Geist des Ausprobierens.“

Fehltritte müssen aber erlaubt sein. Kreativität entfaltet sich dort, wo der Künstler ehrlich und ungeschützt ist. Im Studio muss das möglich sein, abgeschottet von allen Einflüssen, die am Selbstvertrauen zehren. „Ich arbeite gerade an meiner Produzenten-EP, die 'Room' heißen wird und genau von dieser Komfortzone handelt“, erzählt Ahzumjot. „Oberflächlich beschreibt der Titel den kleinen Raum in meiner Wohnung. In diesem Raum kann alles passieren. Obwohl er so begrenzt ist, fühle ich mich dort freier als irgendwo da draußen.“ Tua weiß, wovon der Kollege spricht – auch wenn er dazu rät, den Titel der EP zu erweitern: „Room/Space“ („Der Begriff ‚Space‘ drückt doch noch viel mehr das aus, was du meinst.“).

Ich bin kein Dichter. Meine Songs müssen im Affekt entstehen. Wenn ich länger als eine Stunde brauche, lasse ich den Text lieber gleich liegen.

Ahzumjot

„In Homestudios hat zwar die Bierflasche ein Eigenleben, dafür kann man den absurdesten Ideen eine Woche nachjagen, nur um hinterher zu sagen, dass es Bullshit war.“ In diesem Bullshit versteckt sich jedoch oft die Magie und Innovation, die die beiden Produzenten erreichen wollen. Tua paraphrasiert Albert Einsteins Plädoyer fürs Querdenken: „Wenn ich an kreative Grenzen stoße, denke ich daran, dass man ein Problem nie so lösen kann, wie es entstanden ist. Wenn ich bei einem Song nicht mehr weiterkomme, mache ich den absurdesten Scheiß und lache mich darüber kaputt, aber im Prozess des Freimachens findet man fast immer auch ein Element, mit dem man wirklich weiterarbeiten kann.“

Um zu Johannes Bruhns’ Studio zu gelangen, muss man von Schöneberg aus die ganze Stadt durchqueren. Vorbei an der Siegessäule und dem Brandenburger Tor durch Mitte, wo auf einmal Sänger und Orsons-Gitarrist Tristan Brusch an der Ampel grüßt – eine Zwischenstation auf dem Weg nach Lichtenberg. In einer alten Platte, neben einem frisch eingerichteten Wohnheim für Geflüchtete, hat Tua ein Kabuff, in dem er seine Ideen ausprobiert und vorproduziert. Nebenan haben Chefket und Kid Simius, Marteria-Produzent Nobodys Face sowie Lexy & K-Paul ihre Räume. Zugezogen Maskulin und Audio88 & Yassin haben in der Studiogemeinschaft, die eher an eine chaotische Studenten-WG erinnert, ihre Alben aufgenommen. Tuas Mini-Zimmer sticht hervor, weil es im Gegensatz zu den anderen Räumen sauber und ordentlich gehalten ist. Halt gebende Ordnung und Struktur sind für Tua essenziell. Sinngemäß zitiert er Frank Zappa (Tua hat so einige Weisheiten weiser Denker auf Lager): „Lebe so ordentlich wie du kannst, um so frei und chaotisch in deiner Kunst sein zu können.“

Wenn ich an kreative Grenzen stoße, mache ich einfach den absurdesten Scheiß. Dabei findet man oft die Lösung.

Tua

Spätestens seit er Vater wurde, hat sich sein Lebenswandel drastisch verändert. Morgens aufstehen ist keine freie Entscheidung mehr, sondern Pflicht. „Das zwingt mich dazu, mich an äußere Strukturen zu halten, aber genau dieser Zwang tut mir unglaublich gut.“

Ahzumjot hat dieselbe Erfahrung gemacht, dass eine feste Orientierung das Fundament für seine Kreativität ist. Zwischen 2012 und 2015 hatte er Dank Label-Vorschuss keinen Druck mehr zu arbeiten. „Ich bin aufgestanden und konnte Musik machen – oder auch nicht. Ich bin irgendwann in dieser Freiheit ertrunken. Letztes Jahr bin ich an den Punkt gekommen, ab dem ich aus verschiedenen Gründen einen Job brauchte. Seitdem arbeite ich drei- bis viermal die Woche – und arbeite an mehr Projekten als je zuvor. Den Input liefert nicht mal der Job, sondern die Struktur an sich.“

Auch Tuas Arbeitsweise ist analytisch und strukturiert. Er liebt Listen und Theorien. Song-Ideen, aber auch visuelle Eindrücke sammelt er in einem Dropbox-Ordner, den er wöchentlich aufräumt und kategorisiert. Egal wann und von wo, dort kann er neue Zeilen und Konzepte speichern, um sie später in neuen Songs zu verarbeiten. Ahzumjot arbeitet anders: Er hat diese Eigenart, so wie Tua über einen längeren Zeitraum an Texten zu schreiben und an den einzelnen Zeilen zu feilen, „Punchline-Rap“ getauft. Mit Battle-Rap hat das zwar wenig zu tun, aber dafür mit Prägnanz: „Ich meine so etwas wie: ‚Tragen schwarz, jeden Tag, bis es was Dunkleres gibt‘. Für ‚Nix mehr egal‘ habe ich so getextet. Inzwischen mache ich das nicht mehr, weil meine besten Texte als Momentaufnahme entstehen. Ich möchte die rohe Emotion runterschreiben. Ich hätte gedacht, dass du auch eher in dieser Kategorie anzusiedeln bist.“

„Dann kommen meine Punchlines wohl einfach nicht an“, lacht Tua. „Vor allem bei ‚Stevia‘ gingen die Inhalte der Songs vielleicht über die Köpfe der Hörer hinweg. Das war mir egal, das habe ich für mich gemacht. Ich wollte mich selber abholen. Aber in diesem Kosmos habe ich nur Punchlines geschrieben. Jede einzelne Zeile sollte genau das treffen, was ich sagen wollte. Ich habe versucht, Wort, Klang und Sinn immer weiter zu verdichten. Und daran doktere ich ewig rum.“

Ahzumjot: „Vielleicht mag ich deine Texte, weil es für mich gar nicht so wirkt. Ich bin aber kein Dichter. Bei mir ist es so, dass die Songs im Affekt entstehen müssen. Wenn ich länger als eine Stunde brauche, lasse ich den Text lieber gleich liegen. Ich verliere mich sonst ganz schnell im Phrasendreschen.“

Tua: „Ich bin nicht davor gefeit, Phrasen zu dreschen. Oft starte ich mit einer starken Zeile – so was wie dein ‚Merkt es wer, wenn ich irgendjemanden erschieß?’ – und merke, dass da etwas greift. Aber danach schweife ich ganz schnell in Floskeln ab. Irgendwann kommt mir aber die nächste Zeile, die eine ähnliche Intensität hat und passt. Das ist eine sperrige Art zu arbeiten, aber für mich die einzig richtige.“

Dagegen drückt Ahzumjot seine Emotionen rougher und unzensierter aus. Dieses Bild des Künstlers, der wie im Wahn den Moment und seine Emotionen festhält, übt einen besonderen Reiz aus, was auch Tua bestätigt: „Das ist die Königsdisziplin. Meine Lieblingssongs von mir sind oft genau solche, die in einem Rush entstanden sind. Ich wünsche mir, dass es immer so läuft. So ist es aber nicht, deshalb gehe ich da so analytisch vor.“

Ahzumjot setzt sich dem entgegen: „Ich bin, was Musik angeht, unglaublich intuitiv. Wenn mir der Drang zum Schreiben fehlt, lasse ich es. Dann baue ich lieber Beats“, so Ahzumjot. Oder er veröffentlicht mal eben die großartige „16QT01 Remix EP“, die in einer Woche entstanden ist.

Der Drang, Kunst zu erschaffen und kreativ zu sein, scheint am Ende des Tages bei beiden ziemlich unerschütterlich. Ebenfalls am Ende des Tages frickeln sie nämlich in Tuas Mini-Studio und basteln gemeinsam an einem Beat. Es ist nur zweifelhaft, ob die dabei entstandene Skizze dem Perfektionismus, der sie eint, genügen wird.

Tua und Ahzumjot tragen den
Chuck Taylor All Star II Reflective Camo von Converse