OK KID - Mehr als nur OK - splash! Mag Coverstory

Mehr als nur OK

Eine Coverstory mit OK KID

Letzte Woche haben OK KID das zweite Album ihrer fast vierjährigen Bandgeschichte veröffentlicht. Wir haben auf den letzten Metern, noch vor Release, einen Tag mit dem Trio verbracht.

Es ist ein stressiger Tag für die drei Jungs von OK KID. Das Album inklusive Bonustracks ist erst Anfang des Jahres fertig geworden. Und da passend zur Bandgeschichte gleich zum Release der Platte selbige auch gleich auf die Bühne gebracht werden soll (dort, wo sie sich die allermeiste Zeit in den vergangen drei Jahren aufgehalten haben), standen neben der standesgemäßen #Promophase auch unzählige Proben an. Zum einen für die große Tour, die dieser Tage beginnt. Zum anderen für die Release-Gigs in Berlin, Hamburg und Köln, die mit einem komplett neuen Setup gespielt werden. OK KID stellt vor: das Kid OK Soundsystem.

Der Anlass der drei Shows ist aber nicht das Soundsystem, in dessen Namen zwar auch eine EP zum Album produziert wurde, sondern das eigentliche Album: „Zwei“. Sowohl soundästhetisch als auch textlich das geradlinigste und schlüssigste Projekt, das die Band bisher veröffentlicht hat. Kurz: OK KIDs bester Tonträger bisher.

Wollte nicht so sein wie sie, wusste, was ich werden muss. Andere Leute werden groß, ich mach mit dem Werden Schluss.

Ich kann alles

Die erste Feuerprobe muss das neu formierte Kid OK Soundsystem im kleinen Raum des Berliner Clubs Musik & Frieden bestehen. Statt einer vollzähligen Bandbesetzung werden Remixe der eigenen Stücke abgefeuert, in erster Linie von Raffi geschustert. Moritz begleitet die Songs am Synthesizer und Jonas rappt. Während OK KID auf ihren Konzerten und auf Platte stets Eklektizismus praktizieren, werden die Clubshows zum Release elektroid und sehr, sehr basslastig. Auf insgesamt eine Stunde Spielzeit komprimiert, soll zwar auch der eine oder andere Remix schon bekannter Songs performt werden, der Großteil ist aber unveröffentlicht und ungehört. Es ist ein mutiges Experiment, den Fans zunächst Alternativversionen zu präsentieren, bevor sie die Originale überhaupt zu hören bekommen können.

Jonas über „Kaffee Warm 3“

„Für mich ist „Kaffee Warm 3“ mit der wichtigste Song, weil er die Veränderung vom ersten Album über die EP hin zum zweiten Album ziemlich gut erklärt. Man hat sich beim ersten Album textlich noch ab und zu im Selbstmitleid gesuhlt, wusste nicht, wo man steht und war ziemlich unsicher, wie es weitergeht. Das ist auf „Kaffee Warm 3“ vorbei. Das wird schön aufgelöst und die Trilogie wird damit beendet. Es ist ein selbstbestimmender Track, was mich freut. „Februar (Kaffee Warm 2)“ war ein Song auf der EP „Grundlos“, auf dem es um dieses Dilemma geht, ob man sich trennen soll oder nicht. Dieses ohnmächtige Scheißgefühl, was man da hatte, ist auf den Februar bezogen. Februar stand für uns oft für einen hoffnungslosen Monat. Auf dem neuen Album ist der Februar zwar immer noch nicht geil, aber man kann damit umgehen und freut sich darauf, dass es weitergeht.“

Dieser Junge war nicht Tocotronic. „Digital“ ist niemals besser als die „Chronic“

Blüte dieser Zeit

Die Band OK KID ist einen ausgesprochen eigensinnigen Weg gegangen – ohne große Euphorie in den einschlägigen Musikmedien hervorzurufen, ohne Feuilleton-Push. Ihre Historie reicht weit über die Bandgründung 2012 hinaus. Bereits seit 2006 haben Sänger Jonas, Drummer Raffi und Keyboarder Moritz mit der damals fünfköpfigen Formation Jona:S Musik gemacht, die – wie der damalige Zeitgeist – ein wenig zwischen den Stühlen stand. Die Kombination aus Indie- und Elektropop mit Rap ging nie so richtig auf – trotz einiger Achtungserfolge, wie dem Gewinn des Kritikerpreises New Music Award. Erst OK KID machte das passend, was bei Jona:S noch unpassend klang. Und doch: Nach der Umbenennung und dem Vertrag bei Four Music bekamen die Jungs zwar mehr Aufmerksamkeit, erlebten aber keinen großen Hype. Die ganz normalen Hörer, nicht die Blogger, Twitterer und Redakteure, entdeckten die Band dagegen schnell für sich (und das splash! Mag natürlich). Dank dieser Fanbase, die nicht unglaublich schnell, aber stetig wächst, verkaufen sie seit nunmehr drei Jahren den Großteil ihrer Shows restlos aus und spielen inzwischen in Hallen vor mehr als 1.000 Leuten.

Ich will nur, dass du weißt, dass ich weiß, was ich will.

Kaffee Warm 3

Im Musik & Frieden werden es um die 300 Gäste sein. Tickets wurden diesmal gar keine verkauft. Es sind überwiegend Fans, die die Tickets gewonnen haben oder die sie in ausgewählten Plattenläden abholen konnten – solange der Vorrat reichte, und das war nicht lang. Nach einem Radio- und einem Fernsehinterview bei einem ziemlich großen Privatsender lassen sich Jonas, Raffi und Moritz im Backstage des Clubs nieder. Von echter Entspannung bleibt weiterhin keine Spur. Raffi fehlt das passende Equipment zum Auflegen, das schnellstens hergezaubert werden muss. Die Gästeliste quillt über und muss kontrolliert werden, denn natürlich wollen unzählige Freunde der Band die erste neue Show miterleben. Zeitgleich muss mit dem Management die Planung für die anstehende Tour abgeschlossen werden, die nur ein paar Tage später startet. Die Band ist in jeden Schritt – egal ob künstlerischer oder organisatorischer Natur – eingebunden und bringt sich auch ein. OK KID, ihr gemeinsames Baby, darf kein verwahrlostes Kind werden. Also kümmern sie sich selbst, akribisch und umso besser – also wächst und gedeiht es vorzüglichst vor sich hin.

Raffi über „5. Rad am Wagen“

„5. Rad am Wagen“ ist der raplastigste Track auf dem Album, zudem ist Megaloh mit einem Feature-Part drauf. Er ist ein einfach unglaublicher Rapper, der einen genauso unglaublich brutalen Part abgeliefert hat. Das ist der straighteste Kopfnicker, der auch im Bassbereich einiges zu bieten hat. Ich glaube, wer da nicht mitnickt, hat ein ziemlich krasses Problem. Die Zusammenarbeit mit Megaloh war ziemlich easy. Wir haben ihn schon oft auf Festivals getroffen und dann lernt man sich kennen, trinkt einen zusammen und dann haben wir ihn gefragt, ob er Bock hat. Wir haben in Berlin im Red Bull Studio zusammen aufgenommen. Heute Abend kommt er zum Gig und das wird die Weltpremiere des Feature-Parts.“

Schon der Startschuss zum neuen Album im vergangenen Oktober war ein Statement, das zeigte, dass die Band sich immens weiterentwickelt hat. Songs wie gute „Gute Menschen“ – eine bitterböse Abrechnung mit all den Wutbürgern aus der Mitte der Gesellschaft – hätte es auf „OK KID“ nicht gegeben. Oder vielmehr: nicht geben können. Das Debütalbum war originell, stand dabei aber ganz im Zeichen der persönlichen Selbstsuche. „Viele grundsätzliche Fragen, die wir uns damals gestellt haben, sind jetzt kein Thema mehr für uns. Damals haben wir sie uns aber zurecht gestellt und wir waren auch völlig zurecht so unkonkret – weil unser Leben auch nicht konkret war“, erzählt Jonas. Klar, man muss gewissermaßen eine Haltung zu sich selbst finden, um eine stabile Haltung zum Weltgeschehen außerhalb der eigenen, kleinen Lebenswelt zu finden. Die Devise war es, einen Neuanfang zu wagen. Dann zu spüren, dass er gelingt, gibt eine Sicherheit, die man bereits auf der 2014er EP „Grundlos“ hören konnte. „Zwei“ ist das in Reinform: ein Manifest des Selbstbewusstseins. Dabei vereint das Album ähnlich wie der Vorgänger klanglich ganz viele verschiedene Facetten. Dass Jonas noch vor einigen Jahren (und auch heute hin und wieder mal, wenn es der Pegel erlaubt) regelmäßig in Cypher-Kreisen rappte, schließt nicht aus, dass OK KID gute Popmusik zelebrieren und deutschsprachiges Songtexter-Handwerk in Ehren halten. Logischerweise ist ein Song wie „5. Rad am Wagen“ mit Megaloh ein astreines Rap-Brett. Deshalb sind „Es ist wieder Februar“ oder „Wisch & Weg“ handgemachte Deutschpop-Stücke. Und deshalb singt Jonas auf „U-Bahn Station“ mit Frank Spilker, dem Sänger der Hamburger Musterschüler Die Sterne. Was „Zwei“ trotz dieses Facettenreichtums zu einer schlüssigen Platte macht, ist vielmehr die clevere Anordnung der Songs auf dem Album, die alles vereinende Aufbruchsstimmung und die ausgeklügelten Arrangements von Produzent Sven Ludwig, der es immer wieder schafft, die verschiedenen Welten auf einen Nenner zu bringen. Sei es das großartige „Bank“, „Bombay Calling“ oder auch „Kaffee Warm 3“: Diese Songs verbinden Versatzstücke aus ganz unterschiedlichen Genres – und heraus kommt fürwahr kein fauler Crossover-Kompromiss. Sie klingen nicht wie eine Pop-Band, die einen Rap-Song machen will. Aber auch nicht wie ein Rapper, der mal eben einen Pop-Hit schreiben will. Sie sind weder das eine noch das andere. Sie sind beides und wissen das inzwischen auch.

Der Soundcheck ist absolviert und lief glatt. Vor der Tür versammeln sich schon die Fans, die auch an einem frühen Donnerstagabend in Feierstimmung sind. Das Publikum ist jung und – hier sieht man den krassen Unterschied zu klassischen Rap-Shows – angenehm weiblich. Dass das Rap natürlich nicht schadet (warum auch?) zeigt spätestens der Gastauftritt von Megaloh, der frenetisch gefeiert wird. Der Moabiter und die Wahlkölner kennen sich bereits seit einigen Festivalsommern und die Entscheidung, gerade ihn als Feature aufs Album zu nehmen, hat sich aus dem Song ergeben. Die Wahl passt, was sich auch auf der Bühne zeigt. „Es rollt“, so wie die Stimme von Mega es eben immer tut.

Auch die Bandkarriere von OK KID wird weiter rollen. Nur wie weit, das vermag keiner zu sagen. Künstlerisch sind Jonas, Raffi und Moritz an ihrem bisherigen Höhepunkt angelangt. Wie es kommerziell laufen wird, kann keiner prognostizieren. Alle drei haben für OK KID vor über drei Jahren Job respektive Studium aufgegeben, um alles auf die Karte Musik zu setzen. OK KID ist eine Band. Das heißt, dass man nicht nur mit DJ, sondern mit Bühnenmusikern plus Produktion unterwegs ist. Und das heißt auch, dass nicht nur eine, sondern gleich drei Monatsmieten von den Einnahmen überwiesen werden müssen. Das macht die Voraussetzungen ungleich schwerer. Nichtsdestotrotz bleibt das fest erklärte und auch gar nicht unrealistische Ziel, den Status als Vollzeitkünstler aufrechtzuerhalten. Die Kombination aus künstlerischem Anspruch und Weiterentwicklung sowie unablässiger Arbeit am großen, ganzen Projekt, sollte und wird sich auf Dauer bezahlt machen.

Moritz über „Bank“

„Mein aktueller und absoluter Lieblingstrack – das habe ich selten – ist tatsächlich ein Song vom neuen Album: „Bank“. Ich bin eigentlich kein Fan von Liebesliedern, aber der Song schafft es jetzt schon über mehrere Wochen, mich zu fesseln. Ich mag, dass er auf relativ einfache Art und Weise die Zuwendung zu etwas beschreibt. Vor fünf Jahren hätte man das so nicht unbedingt geschrieben und es ist ein Lovesong, der akzeptabel für mich daherkommen kann, was sonst nicht oft der Fall ist. Er hat eine coole Stimmung, ist sehr düster am Anfang und geht am Ende so schön auf. Das finde ich musikalisch sehr stimmig zum Text. Den Text hat Jonas geschrieben, der in einer bestimmten Phase des Songwritings sehr romantisch unterwegs war. Ich finde geil, ist, dass er relativ klar ist. Es ist ja gar nicht viel Text, sondern ziemlich viel Mucke und eine krasse Aussage.“

Nach der Show und in einer entspannten Autogrammstunde, können sich die Jungs wirklich fallen lassen. Im Backstage versammeln sich Wegbegleiter und Freunde und feiern den Zapfenstreich zum neuen Album. Der Auftritt war einwandfrei, die Resonanz gut und es sind (noch) genug Getränke kaltgestellt. Und als die Band plus Anhang ein paar Stunden später dann doch mal den Backstage-Raum freimachen muss, geht es immer noch weiter ins nahegelegene Hotel, wo sich das Personal über ein paar unerwartete Gäste zu einer unerwarteten Zeit freuen darf. Denn es gilt das, was Raffi sagt: „Zu wissen, was man will, schließt ja nicht aus, dass man eben auch mal den Exzess will.“