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Das wichtigste Album des Jahres

Zum ersten Mal auf Platz 1 der Charts, Feuilleton-Lobhudelei galore, die Menschen rennen sich schier über den Haufen, um sie zu sehen, egal ob auf dem splash! oder der Flüchtlingsdemo auf dem Oranienplatz: K.I.Z. sind derzeit das relevanteste Rap-Phänomen in Deutschland. Warum? Weil sie das wichtigste Album des Jahres gemacht haben.

Es ist der Sommer 2015, es ist heiß in Deutschland. Und das nicht nur in einem meteorologischen Sinn: Während die Sonne brennt, brennen auch Asylunterkünfte. Was deutscher Rap zu den derzeitigen gesellschaftlichen Zuständen zu sagen hat? Nun ja: Mal mehr, oft weniger. Während der Deutschrap-Wettbewerb um den dicksten Oberarm, den sinnlosesten Beef und den dümmsten Tweet unvermindert öffentlichkeitswirksam weiterläuft, zimmert Tarek K.I.Z. in »Boom Boom Boom« eine rhetorische Frage in die Sommerhitze, die die Lächerlichkeit der deutschen Angst vor Fremden auf den Punkt bringt: »Denkt ihr, die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen, mit dem großen Traum, im Park mit Drogen zu dealen?« Und stellt damit klar, dass man den hohen Wortanteil in Rapmusik auch 2015 noch dazu nutzen kann und sollte, etwas Relevantes zu sagen – und damit auch eine Menge Leute zu erreichen. Das ist nur ein Grund, warum »Hurra, die Welt geht unter« das womöglich wichtigste deutsche Rap-Album des Jahres ist.

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Das ist natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass K.I.Z. seit geraumer Zeit zu den Protagonisten des HipHop-Spiels zählen und »Hurra ...« von jeder Menge Menschen tatsächlich lang erwartet wurde. Aber vor allem liegt das am Zustand der Szenerie außenrum und der Entwicklung, die Maxim, Tarek, Nico und Craft in letzter Zeit genommen haben. Das K.I.Z.-Rezept, bitteren, ironischen Humor in eingängige Abriss-Ohrwürmer zu verpacken, die zum seligen Grölen und Rumschubsen gleichermaßen taugen, ist zehn Jahre nach »Hurensohn« nun wirklich kein Alleinstellungsmerkmal mehr: Die deutsche Rapszene ist bevölkert von Crews, die sich mehr oder weniger offensichtlich an den Stilmitteln bedienen, die K.I.Z. seit »RapDeutschlandKettensägenMassaker« etabliert haben – und das wird im Album-Opener »Wir« auch direkt samt Aufzählung der Orsons, Trailerpark und 257ers angesprochen.

Nur: Das, was studentische Fans, links Politisierte, Journalisten und sonstige notorische Zwischen-den-Zeilen-Leser immer ganz besonders an den Texten des Berliner Quartetts schätzten, das leisteten die angesprochenen Bands eben immer nur bedingt. Beißende Häme, grenzüberschreitender Humor, hemmungsloser Hedonismus, völlig überdrehte Selbstbeweihräucherung und Klamauk um des Klamauks willen – all das spielte bei K.I.Z. selbstverständlich eine große Rolle; und das tut es auch in unterschiedlicher Gewichtung bei deren Epigonen. Bei K.I.Z. jedoch steckte hinter all dem Punchgeline immer eine Haltung, die sie im Zuge von »Hurra ...« nun weitaus deutlicher in den Fokus rückten: K.I.Z. sind nicht primär Witzbolde, sondern Kritiker; keine Zyniker, denen die Ungerechtigkeiten der globalisierten Welt nur einen schwarzen Jokus wert sind, sondern eigentlich Idealisten. Wenn hier provoziert wird, dann nicht nur um der Provokation willen. Sondern eben auch, weil du gefälligst mal reflektieren sollst, worüber du da gerade gelacht hast.

Wieder
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»Hurra, die Welt geht unter!« ist deswegen aber beileibe kein ernstes Album, auch wenn das im Vorfeld aus den Reihen der Band selbst und im Nachgang auch von so einigen Reviewschreibern behauptet wurde. »Das bereue ich auch, dass ich das in den ersten Interviews so gesagt habe«, erklärt Maxim. »Aber es war wirklich nicht in dem Sinne gemeint, dass wir nun todernst geworden wären oder bestimmte Sachen nie wieder sagen wollen. Es geht vielmehr um eine künstlerische Entscheidung: Auf dem Album wollten wir uns mit Themen beschäftigen, anstatt Battle-Songs zu machen.« Eine neue Ernsthaftigkeit sieht auch Tarek nicht, vielmehr seien durch die Konzentration auf ein bestimmtes Thema die Songs schlicht direkter: »Zuvor haben wir, wenn wir unsere Ansichten zu politischen oder gesellschaftlichen Themen geäußert haben, das mit einem Augenzwinkern oder in Battle-Tracks verpackt. Bei 'Boom Boom Boom' ist eigentlich nur die Hook ein Witz.«

Dass besagter Witz darin besteht, dass entlang einer trashigen Eurodance-Adaption damit gedroht wird, euch alle umzubringen, macht es zwar relativ einfach, das über zehn Jahre erprobte K.I.Z.-Zaunpfahlzwinkern zu erkennen. Dennoch stolpert man seit Anbeginn ihres Schaffens auf geradezu absurde Missinterpretationen dessen, was da gesagt wird und vor allem, wie das gemeint ist – ein Problem, das in den Augen von K.I.Z. offenbar nur bedingt eines darstellt: »Was heißt denn da 'missverstanden'? Die haben eben nur den Witz verstanden. Was ja auch okay ist, wenn sie sich nur in die sexy Melodie oder die fetten Flows verlieben«, amüsiert sich Maxim. »Aber natürlich ist es schon schöner, wenn die Leute verstehen, was da eigentlich gesagt wurde – und sie einen dann hassen. Denn das ist das deutlichste Feedback, dass man verstanden wurde.«

Bundestagswahlen 2030

Wahlkreis Neuland II

Tarek

Chillt nicht mit Hatern

Maxim

Der starke Kaffee am Morgen der Revolution

DJ Craft

Bietet der Wackness die Stirn

Nico

Shaked eure Booties zum Bass

Für Kandidaten anderer Parteien bitte Stimmzettel wenden.

Zwischenergebnis

gesamt
400 Sitze

K.I.Z

366

Sonstige

34

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Und das sollte mit der auf auf »Hurra ...« letztendlich sehr stringent durchexerzierten Konzentration auf eng umrissene Themengebiete nun wirklich deutlich einfacher fallen. Nehmen wir beispielsweise »Geld«, den Song über das Thema – genau – Geld: Sollten nach dieser wunderschön bunten Schwarzweißmalerei übers Geld haben oder nicht haben noch Fragen darüber offen sein, wie die Protagonisten zu Ungleichheit und Kapitalismus stehen, dann hilft wohl alles Erklären auch nicht mehr weiter. Ganz nebenbei räumen K.I.Z. das berüchtigte Minenfeld aus verblödeter Scheiße namens »Themensong«, in dem deutsche Rapper reihenweise umkommen, ein für alle Mal – und heben das Themengame mit Hilfe einer Reihe von Berliner Rap-Kollegen locker easy auf ein neues Level.

»Was würde Manny Marc tun?«, entstanden mit den Freunden Audio88 & Yassin und dem namensstiftenden Manny Marc von den Atzen, ist nämlich schlicht der beste Konzepttrack, der im deutschen Rap je fabriziert wurde. Der pädophile Erziehungsberechtigte, das behinderte Kind und die Reue der Mutter über die Entscheidung gegen eine Abtreibung; der alkoholdemente Vater, der Flüchtling, der so oder so umkommen wird: All die in den Verses geschilderten Situationen sind dermaßen fatal, dermaßen ausweglos, dass sich die Flucht ins Absurde geradezu aufdrängt. Und für die ist Atze Manny Marc zuständig, dessen patentiert reim- und sinnbefreiter Tralala-Rap im beißenden Kontrast der Hook zum ersten Mal eine Funktion abseits von Party-Animation erfüllt und den Kloß, der einem während des ganzen Songs im Halse steckt, trotz offensiver guter Laune kaum ein Stück bewegt.

Der Schlüsseltrack des Albums und gleichzeitig der wichtigste Denkanstoß des Albums ist jedoch der Titeltrack: »Hurra, die Welt geht unter« ist relativ leicht als doppeldeutig zu enttarnen und feiert eben mitnichten ein vermeintlich nahes Ende der Welt. Vielmehr geht es hier um einen Neuanfang, um das, was sein könnte, wäre es nicht so, wie es ist. In dem Sinne ist der Weltuntergang, den man gefühlt gerade miterlebt, zwar immer noch eine Katastrophe. Aber eben auch eine Chance, Dinge neu zu denken, Alternativen zu entwickeln, die Welt umzukrempeln. Und diese Botschaft passt in diesem Sommer wie die Faust ins Maul: Es geht auch anders. Wir müssen nicht so scheiße sein.

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