Coup – Der Holland Job

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Während sich die gängige Berichterstattung heute wieder einmal auf die bösen Gangster-Rapper und ihre Verbindungen zum sogenannten Milieu, um die spektakuläre Stellung von Xatar stürzen, kümmern wir uns weiterhin um das eigentliche Kernthema: Rap-Musik. Jens Peters hat sich Coups Album einmal genauer angehört – und ist nur mäßig überzeugt.

Xatar und Haftbefehl kündigen ein gemeinsames Album an und alle flippen aus – das war abzusehen. Der Coup schien gelungen und Rap-Deutschland hat sich verhalten, wie es sollte. Aber bringen Bira und Babo wirklich das Beste aus zwei Welten – aka Bonn und Frankfurt – zusammen?

Die Rollen sind zunächst klar verteilt: Baba Haft rappt sich wie gewohnt in Rage, Xatar bildet dagegen mit seinem charismatischen Signature-Flow einen Gegen- und Bezugspunkt. Songs wie „Tret die Tür ein“ und „500“ machen klar: Der Bonner lässt Kopfnicken, der Offenbacher die Affen aus dem Zoo. Kleine Seitenhiebe und Insider inklusive: „Bretter nach Stuttgart, Auftragskibiller auf Tupac/Heaven for a G – träum du mal, ich streu dual/Munition und Bücher in Kriegsgebiete/Während Rapper sich absichern mit Immobilien“ („500“)

Xatar macht die Mischung aus fantasierten Kunstrauben und Insights über seine Zeit im Knast perfekt. Realität und Fiktion sind auf „Der Holland Job“ nicht zu trennen. Einerseits, weil beide tatsächlich öfters die Polizei im Nacken hatten, als die Rasierklinge vom Berber (Anm. d. Red.: siehe Bild oder Spiegel). Andererseits, weil man ihre Stories glauben will. „Kanack“ unterstreicht diesen Kniff. Aus ihrem real Erlebtem und dem, was man als Durchschnitts-Bürger in den Medien wahrnimmt, formt sich eine neue Realität. Da kann man die Retrogott-Line „Ein Gangsterrapper ist kein Gangster, oder ist ein Müllmann Müll?“ für eine Albumlänge gepflegt vergessen. Neben Killern, Karren und Koks hat Reue oder tiefergehende Reflektion auf der Platte selten Raum. „Ich hab gesehen, Kanack/Ich hab gelernt, Kanack“ – was sie gesehen haben, wissen wir. Was sie gelernt haben, bleibt jedoch verborgen. Schade eigentlich, dass zwei der größten deutschen Rapper auf einem gemeinsamen Release so wenig vermitteln wollen. Außer der Zementierung ihres Rufs natürlich: „Eh, ich würd das Thema ja wechseln/Doch Yayo und Stressen von Hero-Patienten mit der P66 füllen mein´ Motion-Picture“ („500“).

Schade eigentlich, dass zwei der größten deutschen Rapper auf einem gemeinsamen Release so wenig vermitteln wollen.

Textlich wird einem keine Abwechslung geboten. Erst das Ende des Langspielers wartet dann doch mit Überraschungen auf: „Sie killt für mich“ klingt, dank lockerem Golden-Era-Beat und persönlichen Zeilen, intim und „AFD“ bricht die als Konzeptalbum getarnte thematische Langeweile.„Anschläge in Paris – der Flüchtling ist dran schuld/Schusswechsel auf dem Kiez –der Flüchtling ist dran schuld/Kriminalität – der Flüchtling ist dran schuld/Passt das Täterprofil, wird ein Flüchtling gesucht“ („AFD“)

Erst auf „Lauf der Dinge“, quasi „Azzlacks sterben Jung 3“, klingen die beiden dann tatsächlich mal nachdenklich, unterstützt von Joy Denalane auf einem ruhigen Beat. Und doch klingt der Song neben dem restlichen Rumgeprotze eher wie ein Skit. Die beiden versprachen einen Gangsterfilm auf CD. Das haben sie gehalten – so gesehen Staßenrap at it´s finest. Geile Explosionen, Click-Clack und Ratatat sind aber schnell verdaut. Was bleibt hängen, wenn der Film vorbei ist?

Xatar und Haftbefehl liefern das, was man von ihnen gewohnt ist – dank Farhot und Bazzazian (aka Die Achse) sowie Brenk Sinatra (auf einem Song) auch produktionstechnisch auf allerhöchstem Niveau. Trotzdem ringen sie einem, abgesehen von Brettern wie „500“ und „Kanack“, kein „Oida, wow!“ von den Lippen. Wenn zwei Gangster-Rapper aufeinander treffen, machen sie waschechten Gangster-Rap. Wäre auch verwunderlich introvertiertes Singer/Songwriter-Geweine zu liefern. Aber ob das Offensichtliche eine Zusammenarbeit so zwangsläufig macht, darf man nach „Der Holland Job“ bezweifeln.