Chakuza
Raus

Mit seinem letzten Album „Magnolia” tauschte er ein unzeitgemäßes Image gegen die Freiheit, etwas ganz Neues zu machen. Und nun geht Chakuza noch einen Schritt weiter: raus aus den alten Strukturen, einfach machen. „Exit” eben. Deswegen haben wir ihn neulich zum Gespräch getroffen.

„Trinkst du auch ein Bier?” Chakuza hat einen wichtigen Tag vor sich. Er wird den ganzen Nachmittag Interviews geben, danach wird er sein neues Album „Exit” einem geladenen Publikum vorspielen. Es wird Burger und Drinks geben in dieser zum Festsaal umfunktionierten Industrieetage in Berlin, und er wird gut gelaunt und beschwingten Schrittes vor die Tafelrunde treten, um verschmitzt grinsend, aber letztendlich doch sehr wortkarg seine Songs anzukündigen. Aber bis dahin dauert es jetzt noch eine ganze Weile. Es ist mittags, und Chakuza will sich lockermachen. Okay, lass was trinken.

Chakuza weiß auch, was es bedeutet, sich freizuschwimmen, sich musikalisch und wirtschaftlich komplett neu zu orientieren und mithin seinen Fans abzuverlangen, eine radikale Veränderung mitzutragen.

Chakuza weiß auch, was es bedeutet, sich freizuschwimmen, sich musikalisch und wirtschaftlich komplett neu zu orientieren und mithin seinen Fans abzuverlangen, eine radikale Veränderung mitzutragen.

Man merkt schnell, dass er sich Gedanken macht. Ob der Sound in dem weitläufigen Raum in Ordnung ist, wie die Gäste auf die neuen Songs heute reagieren werden – und ganz bestimmt auch darüber, wie sein Publikum, das Rap-Game, die Musiköffentlichkeit seine neue Platte aufnehmen werden. Und gleichzeitig, so scheint es, ist es ihm in gewisser Weise auch herzlich wurscht. Wie sich Rampenlicht und gesteigerte Aufmerksamkeit anfühlen, das weiß Peter Pangerl ja nun ganz genau. Gemessen an den damaligen Verhältnissen im deutschen Rap-Zirkus, kam er anno dazumal quasi vom Arsch der Deutschrap-Welt an dessen Nabel, vom putzigen Linz in den mythischen Rüpelrapper-Moloch Berlin, vom oberösterreichischen Credibility-Nichts aufs Deck des übermächtigen Gangstarap-Panzerkreuzers namens Ersguterjunge. Und er machte neben dem Alphatier am Steuer doch eine ganz passable Figur: Er hatte zwar auch die Picaldi in den Socken, fand aber einen Weg, neben dem patentiert skrupellosen Ansage-Rap Bushidos eine Nische zu besetzen und eigene Erfolge einzufahren, seine Chartplatzierungen, seine Magazincover. Aber eben alles im Fahrwasser von Ersguterjunge. Und überschattet und beeinflusst vom Impact des EGJ-Capos mit dem Tattoo am Hals.

Chakuza weiß auch, was es bedeutet, sich freizuschwimmen, sich musikalisch und wirtschaftlich komplett neu zu orientieren und mithin seinen Fans abzuverlangen, eine radikale Veränderung mitzutragen. Rund zwei Jahre nach seinem letzten EGJ-Release kam Chakuza mit einem Album um die Ecke, das zwar perfekt in den Post-„XOXO”-Zeitgeist passte, aber stilistisch einen dermaßen herben Bruch mit seiner bisherigen Diskografie darstellte, dass der ein oder andere schon munkelte, dieser ehemalige Bomberjackenträger mit Relevanzproblem wolle ganz bestimmt auf den Hype-Zug mit den engen Hosen, den Gitarren und der bedeutsamen Lyrik aufspringen. Vielleicht sah das von außen betrachtet ja auch wirklich so aus. Von innen betrachtet jedoch, war der „Magnolia”-Move das genaue Gegenteil einer eklig kalkulierten Neuausrichtung der Außenwirkung. Vielmehr waren der neue Sound, die neue Stimmung, die neuen Texte eine Besinnung darauf, was Chakuza eigentlich will, kann und muss – wollte er nicht weiterhin die hauptstädtische Straßenrap-Maskerade mitspielen und schlussendlich als Künstler und Mensch vor die Hunde gehen.

Wer bin ich?

Und dieser Move war offensichtlich genau der richtige: Abgesehen von den obligatorischen Internetheulsusen hat dem guten Peter Pangerl niemand den neuen Chakuza krumm genommen, im Gegenteil. Früher war Chakuza ein „Kann man machen”-Thema, das oft genug ausschließlich anhand der EGJ-Assoziation erklärt wurde. Jetzt hat er ein klar umrissenes künstlerisches Profil, die Künstlerpersona Chakuza ist für alle deutlich erkennbar – mit all ihren Ecken und Kanten, ihrer schlechten Laune, ihrer Nachdenklichkeit, ihrer prinzipiellen Grantlerei und ihrer subtilen, verkaterten Wut. Wer heute eine Chakuza-CD bestellt, der tätigt keinen komplettistischen EGJ-Supportkauf, sondern will genau diesen Typen rappen hören.

Groß Kopf machen müsste sich Chakuza also nicht, die bedenklichen Stromschnellen seiner Karriere hat er ja schon passiert. Oder etwa nicht? Ein Bier gegen die gerade aufkommende Aufregung bezüglich der unmittelbaren Zukunft, das kann zumindest nicht schaden. Denn auch wenn „Exit” in gewisser Weise den „Magnolia”-Faden aufnimmt und weiterspinnt, ist es doch ein völlig neues Abenteuer für den Künstler Chakuza.

Nach „Magnolia” hat er sich leer gefühlt, dennoch standen neue Herausforderungen an: Es galt, eine Band zusammenzustellen, die anstehende Festivalsaison zu spielen, alles lief bestens, aber dann? „Dann tritt jemand an einen heran: 'Ich weiß, wie lang du brauchst für ein Album. Ich würde mich dann mal hinsetzen'”, erläutert Chakuza. Nun könnte man meinen, es sollte ihm nach dem „Magnolia”-Befreiungsschlag leichter fallen, ein Album aufzunehmen. Der neue Weg war eingeschlagen, Chakuza hätte eigentlich machen können, was er will.

„Ich hatte null Bock. Ich wusste gar nicht, was ich machen soll. 'Magnolia war für mich zu dem Zeitpunkt die überkrasse Platte und dann saß ich halt so da.”
- Chakuza

Das Problem: Einen großen Teil der kreativen Arbeit an „Magnolia” hatten seine beiden Produzenten Steddy und Stickle beigetragen, und Chakuza hatte keinen Plan, wie er die nächste Platte machen soll, die Inspiration fehlte. „Ich wusste nicht, was ich schreiben soll, ich war mir nicht sicher, wie ich das überhaupt angehen soll. Du brauchst eben zunächst mal einen ersten guten Song, wenn der klappt, dann läuft der Rest auch.” Und wie geht man so etwas an, so ganz grundsätzlich? Die eingeschlagene Richtung weiterverfolgen, an den Sound von „Magnolia” anknüpfen? „Das kam für mich nicht infrage”, betont er. „Aber dann stand ich da.” Dazu kam: Auch das Leben in Berlin schlug dem Linzer nach bald zehn Jahren langsam aufs Gemüt.

Seine Nische als Künstler in der Großstadt, in der Chakuza einfach sein Ding machen kann, die hat er nicht gefunden, und den Grund sieht er im Charakter der Millionenmetropole. „Dadurch, dass hier so viel Scheiße passiert, wird dir auch so wenig Vertrauen geschenkt. Egal, was du machst, zu welchem Amt du musst: Alles ist extrem anstrengend. Und darauf hatte ich keinen Bock mehr.” Logisch, dass die nächste sich öffnende Tür raus führte aus der Stadt. Geöffnet hat sie Max Wählen, Chaks Tourmanager. „Der Max ist ein cooler Typ,” freut sich Chakuza und muss lachen. „Er ist mir zwar sehr ähnlich, ich kann ihn jedoch oft nicht richtig einschätzen. Wir kriegen uns oft in die Haare, aber im Positiven.” Dazu muss man wissen: Besagter Tourmanager Max ist kein Rap-Mensch, sondern ein Indie-Mensch, der selber Musik macht und eine Band hat. „Er wollte mir seine Sachen erst gar nicht zeigen, weil er dachte, dass mich so etwas überhaupt nicht interessiert. Man kennt ja die Vorurteile.” Während einer längeren Fahrt im Tourbus bekam Chakuza dann doch noch was zu hören – und war begeistert. Diesen Sound mit seinem Rap zu fusionieren, das wäre es doch. Gesagt, getan: Kurz drauf lernte Chakuza einen Haufen Künstler kennen, die im holländischen Outback als Kollektiv zusammen arbeiten und teilweise auch wohnen. „Tiefster Indie natürlich, Holländer, die entspanntesten Typen, die ich je getroffen habe. So richtige Mucker. Und dann komm ich da rein”, lacht er und macht Rap-Hände.

„Berlin ist schon eine coole Stadt, aber mittlerweile war ich auf jeder Party, hab alles gesehen”
- Chakuza

Dass aus dieser Zusammenarbeit sein komplettes Album inklusive Cover-Artwork entstehen sollte, das mag vielleicht insgeheim der Plan gewesen sein, aber abgesehen von einer offenbar grandiosen zwischenmenschlichen Erfahrung, kam zunächst nichts zielführend Verwertbares raus. „Die Musik war einfach nur Scheiße. Unanhörbar”, gesteht Chakuza. „Und es war einfach komplettes Chaos. Und daheim warten dann natürlich die Leute und fragen, was du denn da in Holland gemacht hast. Ich hab das Material Stickle im Studio gezeigt – und er war derselben Meinung wie ich. Aber beim zweiten Mal war es dann geil. Nach unserer ersten gemeinsamen Session hab ich mich darüber informiert, wie Indie-Leute arbeiten, die wiederum haben sich informiert, wie die HipHop-Leute produzieren – und schon sind wir auf einen grünen Zweig gekommen.”

Granteln mit Chakuza

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Für Chakuza war es schon vorher klar, dass das der Weg sein wird. Kein Wunder, scheint die Atmosphäre in der holländischen Künstler-Einöde doch genau das zu sein, was er in Berlin vermisste. Wenn er von den Jungs dort erzählt, davon, wie sie miteinander umgehen, wie entspannt alles abläuft und wie leicht er sich dort in den künstlerischen Prozess einbringen konnte, gerät er schier ins Schwärmen. „Das war zwar nicht der Plan, aber ich wollte das so durchziehen. Ich wusste, wenn ich nicht mehr so viel abgebe und mich selber mehr in die Musik packe, dann wird das funktionieren. Ich weiß nicht, ob jemand anderes da noch mal hingefahren wäre, nachdem die erste Session nicht so cool war. Aber ich wollte das unbedingt machen.“ Vorbereitung, was Texte und Songideen angeht? Fehlanzeige.

 
„Ich hatte gar nichts. Ich wollte einfach mal probieren. Und dann kam halt dieser Tag: Es war ziemlich schönes Wetter, ich hatte bisschen einen im Tee und lag halt vor der Garage im Garten. Alles nervt, bäh...”
- Chakuza

Das Finanzamt nervt wie immer, geschäftlich läuft es nicht so recht, Chakuza sitzt am entspanntesten Fleck der Erde, könnte sich eigentlich lockermachen – und trotzdem rattert der Kopf. „Also hab ich einen Schlussstrich gezogen, das alles einfach mal ausgeblendet. Und dann hab ich angefangen zu schreiben.” Chakuza findet einen Exit aus dem gefühlten Hamsterrad und arbeitet so wie noch nie vorher: Sich keine Gedanken machen, wem das gefallen könnte oder wie das wohl ankommen mag, sich nur noch vor sich selbst rechtfertigen. Und niemandem etwas zeigen, bis man fertig ist. Ideen haben, sie weiterverfolgen, Skizzen erarbeiten, Songs aufnehmen – und die fertigen Takes nicht mehr bearbeiten. „Ich wollte das auch so, dass man merkt: Da hat jemand Mucke gemacht und es ist nicht alles rund. Aber ich hab mich dabei sehr, sehr gut gefühlt, deswegen hat es auch so gut funktioniert.”

Wenn Chakuza von den Aufnahmen an „Exit” erzählt, könnte man meinen, das Album sei fröhlicher geraten als der Vorgänger. Irgendwie muss sich die entspannte Aura ihrer Entstehungsgeschichte doch auf die Platte auswirken. Ein erstes Hören aber legt nahe, dass die ganze Chose eher noch ein Stück ernster geworden ist, manches schlägt gar arg auf die Laune. Chakuza muss lachen. „Mir geht es gar nicht so! Ich kann mir 'Magnolia' kaum anhören, weil ich da deutlich spüre, wie ich damals drauf war. 'Exit' ist zwar auch immer traurig – aber das ist die Musik, die ich mache. Ich mag auch nur das, ich höre nur das. Der Rest interessiert mich nicht. Ich höre keine Partymusik.”

„Unsinn, ich wäre sowieso weggezogen. Meine Freundin kommt aus Bayern, ich komme aus Österreich. Mir fehlt das Familienleben. Ich wohne seit zehn Jahren in Berlin und sehe meine Familie viel zu selten. So bin ich in der Mitte.”
- Chakuza

Dafür wagte Chak Experimente, die so nur in Zusammenarbeit mit einer Band möglich waren: Ganz neue Arrangements, ein Fünftakter, ein Song im Dreivierteltakt. „Ich hab mich richtig aus meiner Komfortzone rausbewegt. Das war eine Aufgabe, mich hinzusetzen und mit mir zu kämpfen, die Sätze so zu platzieren, dass es am Ende cool wird. Das war anstrengend und geil zugleich. Ich hab mich gefühlt wie beim ersten Album, wenn man sich hinsetzt und zum ersten Mal versucht, einen Song zu machen.” Aber Chakuza wäre nicht Chakuza, wenn es inhaltlich nicht so emotional so zur Sache gehen würde, dass es schmerzt. Als die Listeningsession vorbei ist, geistert ein kollektiver Ohrwurm durch den Raum: „Ach, fick dich doch! Du bist nur die Stimme aus dem Off.” Im Song geht’s um eine Exfreundin.

„Auskotzen ist mein Ding! Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich immer irgendwie abgefuckt bin.”
- Chakuza

Warum die Platte auf den bedeutsamen Namen „Exit” hört, erschließt sich im Gespräch immer mehr: Der Titel bezieht sich zu einem guten Teil auf die Entstehungsgeschichte des Albums, die auch eine bedeutende Geschichte im Leben des Peter Pangerl darstellt. „Das war eben ein 'Exit'. Raus den Kreisen, in denen ich mich vorher bewegt habt. Ich nehm das jetzt selber in die Hand. Und zum anderen, weil ich mich damit aus meinem Kopf befreit habe. Für mich klingt das Album einfach nicht traurig. Klar hab ich wirklich manchmal das Gefühl, dass es in meinem Leben einfach nicht rund laufen kann, und das sammelt sich in den Texten an. Aber man übertreibt ja auch, weil es eben Musik ist.”

Den anderen Exit hat Chakuza in privater und geografischer Hinsicht gefunden. Als gehörte es zum Vermarktungskonzept der Platte, wird er nun Berlin verlassen und nach Bayern ziehen, auf einen Gutshof mit Pferden, Brunnen und Wald außenrum. „Unsinn”, lacht er. „Ich wäre sowieso weggezogen. Meine Freundin kommt aus Bayern, ich komme aus Österreich. Mir fehlt das Familienleben. Ich wohne seit zehn Jahren in Berlin und sehe meine Familie viel zu selten. Und so bin ich in der Mitte. In Berlin werde ich aber immer ein Zimmer haben, weil ich geschäftlich viel hier zu tun habe. Ich finde es cool, den Ort wechseln zu können, wenn er mich nervt.”

Da ist er wieder, der latent grantige Chakuza, der diese angefressenen, emotionalen Songs schreibt. Der mit der Exit-Strategie, die in künstlerischer Hinsicht voll aufgegangen ist. Der jetzt aber immer noch ein paar zehrende Stunden warten muss, bis er dem ganzen Saal endlich die Musik vorspielen kann, die entstand, als er sich aus seinem Kopf befreit hat. Der sich gerade aber schon wieder ein bisschen Kopf macht. Und der deswegen auch die perfekte Exit-Strategie für so eine Situation hat: „Gin Tonic sieht aus wie Wasser, das kann man schon mal nachmittags trinken”, schlägt er vor und grinst. Okay, lass was trinken.

Text & Interview: Marc Leopoldseder
1. September 2014

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