Deutschraps schwarzes Selbstbewusstsein – Camufingo und Leila Akinyi sind Camukinyi

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Camukinyi sind sicherlich keine Neuauflage der Brothers Keepers. Aber wie einst Xavier Naidoo, Torch und Konsorten wollen auch Camufingo, nach Angola emigrierter Potsdamer, und Leila Akinyi, nach Köln immigrierte Kenianerin, auf schwarze Probleme in einer weiß dominierten Gesellschaft aufmerksam machen. Ihre „Morgenkämpfer“-EP ist eine sechs Songs starke Auseinandersetzung mit Rassismus, Identität und Heimat. Fionn Birr hat Camukinyi in Berlin zum Gespräch getroffen.

Ihr habt beide unabhängig voneinander an unterschiedlichen Orten begonnen, Rap-Musik mit ähnlicher Thematik zu produzieren. Woran liegt das?

Leila Akinyi: Wir sind beide schwarz und werden mit ähnlichen Dingen konfrontiert – das ist einfach die gleiche Erfahrung.

Camufingo: Andererseits herrscht zurzeit ja auch ein Grundgefühl, dass vermehrt in diese Richtung geht. Man spricht im Rap wieder vermehrt sozialkritische Themen an, die uns als Afro-Deutsche betreffen. Das sieht man nicht nur in Amerika, sondern auch hierzuLande. Das ist die derzeitige Stimmung.

Leila: Ich glaube aber, dass es bei uns ein Gefühl war, dass nicht von außen verursacht wurde. Wir hatten das Gefühl schon in uns. Wir haben uns letztes Jahr auf einem Festival in Leipzig das erste Mal getroffen und gleich stundenlang miteinander gesprochen. Ich kannte Camufingos Musik vorher auch gar nicht. Wir haben dann festgestellt, dass wir viele Dinge ähnlich sehen und ähnliche Ziele haben – menschlich wie musikalisch.

Camufingo: Ich hatte Leila schon auf dem Schirm. Nach dem Treffen haben wir auch direkt zwei Features abgemacht, die bisher nicht veröffentlich sind. Ein paar Monate später haben wir uns in Potsdam beim Streettopia Festival wiedergetroffen und haben diese Songs aufgenommen. Danach war klar, dass wir noch mehr gemeinsam machen wollen.

Camufingo, du hast im letzten Jahr „Diaspora“ veröffentlich, das du zum Großteil selbst produziert hast.

Camufingo: Alles basiert auf Samples, jeder Song enthält auf jeden Fall mindestens ein Sample, überwiegend aus afrikanischen Songs. Ich habe Vieles aus den 1970ern verwendet, auch quer über den ganzen Kontinent.

Deine Samples kommen also von Awesome Tapes From Africa?

Camufingo: Nein, den Blog kenne ich gar nicht. Ich bin durch den Blog Analog Africa auf die afrikanischen Samples gekommen. Dadurch wusste ich auch bald, wo ich suchen muss. Aber viele Sachen entstammen auch aus meiner Kindheit. Ich habe Zuhause mit meinem Vater viel kongolesische Musik gehört, weil die Angolaner in den 60ern und 70ern mit den Kongolesen zumindest musikalisch sehr verbunden waren. Ein paar Sachen kannte ich also schon, der Rest kam durch das Internet.

Ich habe letztes Jahr MHD interviewt, der sich laut eigener Aussage auf „afrikanische Musik“ bezieht. Er erklärte mir, das klassische Merkmal westafrikanischer Musik sei Tanzbarkeit, ostafrikanische Musik sei hingegen eher textbasierter.

Camufingo: Ich würde das nicht so sagen. Was sich unterscheidet, sind bestimmte rhythmische Strukturen oder bestimmte Tänze. Aber im Osten macht man jetzt nicht weniger Party, als im Westen. Das ist schon ein weit von der Realität entfernt.

Leila: Das ist dieser Franzose, der diesen Fußball-Song gemacht hat, oder? Also, ich war auch noch nie im Westen. Aber das klingt eher so, als ob der noch nie in Afrika gewesen ist. (lacht)

Das Konzept von „Morgenkämpfer“ ist also musikalisch wie inhaltlich sehr durchdacht. Wie habt ihr die Produktion eigentlich durchlebt?

Leila: Camufingo war bei mir in Köln und wir haben in einer Woche alle Songs geschrieben. Das war wie ein Marathon (lacht), aber unabhängig voneinander. Das ging alles relativ schnell. Wir sind beide selbstständige Künstler, jeder hat seinen Text geschrieben, bei der Hook hat man sich dann getroffen. Wir haben uns die Ideen auch meistens hin- und hergespielt, das ging wie von selbst.

Camufingo: Wir haben uns auch viel mit unseren Verses auseinandergesetzt. Da wurde kein Blatt vor den Mund genommen und gleich gesagt, wenn eine Zeile nicht so cool war.

Leila: Es war aber auch umgekehrt so, dass wenn man mal von einer Line oder einer Idee nicht so überzeugt war, dass der andere einen motiviert hat: „Ja, komm, bring‘ das!“ Ich bin bei Kritik auch manchmal sehr sensibel. Okay, das wird Camu auch sein, aber auf eine andere Art. Er schweigt eher, ich fühle aber, dass was nicht stimmt. (Gelächter)

Camufingo: Unsere Styles sind ja auch sehr unterschiedlich. Es kostet natürlich Zeit, sich in den anderen reinzudenken. Sie hat zum Beispiel bestimmte Herangehensweise an Reimtechniken, die für mich völlig outta space sind – über so einen Ansatz denke ich gar nicht nach. Im ersten Moment habe ich mich oft gewundert, wie sie ihre Strophe am Ende auflösen will. Aber beim mehrmaligen Anhören war es dann oft so: „Alter, jetzt holt sie das von gerade wieder zurück. Krass.“ Als Rapper bist du manchmal in deinem eigenen Style-Korsett gefangen und denkst, dass das der einzige Weg ist. Ich habe oft ein Thema und auch ein paar Zeilen, meinen Start- und Endpunkt und arbeite mich so von A nach B. Das folgt oft einer sehr klaren Linie. Das ist schon ein sehr krasser HipHop-Film. Leila hat mich manchmal aus dieser verkopften Herangehensweise herausgeholt.

Leila: Das hat sich aber auch wieder gegenseitig befruchtet. Bei meinen eigenen Songs schreibe ich oft einfach drauflos, was ich generell auch nicht schlecht finde. Camu hat mir aber gezeigt, dass man auch mal mit einem Schema an einen Track herangehen kann. Mein Stil ist eher chaotisch – aber den Unterschied sieht man ja schon in unseren Bewegungen in den Videos. (lacht) Außerdem achte ich seit Neustem darauf, dass ich immer 16 Zeilen habe und schweife dadurch weniger ab. Das war bei „Morgenkämpfer“ aber auch nicht anders, weil wir ja oft konkrete Themen hatten. Das ergab sich oft aus Gesprächen und aus dem Nichts. Wir haben oft direkt über Themen auf Songs richtig lange diskutiert. Aber die Linie war uns beiden immer klar.

Ich empfinde es auch als meine Aufgabe, irgendwann nach Kenia zurückzugehen und das weiterzugeben, was ich hier gelernt habe.

Leila Akinyi

Aus einer deutschen HipHop-Sicht kann man schnell den thematischen Vergleich zu den Brothers Keepers ziehen, die sich auf ihrem Hit „Adriano (Letzte Warnung)“ und den beiden Alben vor rund 15 Jahren mit Rassismus und der Situation von Afro-Deutschen in Deutschland auseinandergesetzt haben. Wie seht ihr die Band aus heutiger Sicht?

Camufingo: (denkt lange nach) Ich habe mir damals auf jeden Fall die Single geholt und gedacht: „Geil, da spricht jetzt endlich mal jemand im Deutschrap über und für mich!“ Brothers Keepers war ja auch im Ansatz Empowerment – also durchaus etwas, das „Morgenkämpfer“ auch verkörpern will. Heute finde ich den Ansatz aber nicht mehr ganz so gut. Wenn jemand für mich eine „letzte Warnung“ ausspricht, ist das halt ultimativ. (lacht) Das ist einfach nicht mein Credo, auch nicht musikalisch. Natürlich soll man protestieren und demonstrieren, aber ich werde keine letzte Warnung aussprechen. Damals, auch für die Umstände unter denen das Projekt entstanden ist, war das aber wichtig und gut – nur an manchen Stellen vielleicht nicht weit genug gedacht. Ich will nicht sagen „zu platt“, aber vermutlich meine ich das.

Dieser Themenkomplex ist aber auch sehr umfangreich. Man kann da ja schnell Adorno bemühen und sagen, dass es gar nicht oder nur sehr schwer ist, so einen politischen Inhalt konsumierbar zu machen.

Camufingo: Das stimmt in gewisser Weise, aber dann würde ich die Musik von uns beiden selbst weg argumentieren. (lacht) Ein politischer Rap-Song kann und muss dir nicht die gesamte Welt erklären. Es ist ein Gefühl, das vermittelt wird – deswegen ist so ein Song wie „Adriano“ wichtig. Es sensibilisiert dich für das Thema. Du kannst keine Dissertation auf 16 Bars ausformulieren, solche politischen Raps will ich auch selbst nicht hören. Ich vermittele lieber ein Grundgefühl, was ich nicht in Ordnung finde und muss nicht zwangsläufig eine Lösung anbieten. Um einen Sachverhalt klarzumachen, reicht diese Standard-HipHop-Formel vollkommen aus. Du betreibst eigentlich eine Art „Gefühlspolitik“.

Wie steht ihr zum Begriff „Afropolitan“, eine Wortschöpfung aus einem Essay der ghanesisch-nigerianischen Autorin Taiye Selasi, der einen Afrikaner beschreibt, der eine Ausbildung in Europa oder den USA macht, um das erlernte Wissen in seinem Heimatland anzuwenden?

Camufingo: Wenn man diese Definition eines „Afropolitians“ so nimmt, wie du es jetzt sagst, dann bin ich das ja eigentlich. Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber bin nach Angola gegangen, um meine Ausbildung dort anzuwenden. Klar, das hatte auch etwas mit einer Selbstfindungsphase zu tun, aber ich habe vermutlich auch das Gefühl einer Verpflichtung gegenüber meiner Herkunft und der Gesellschaft. Als Bürger in einem Staat wie Deutschland, der unter dem Strich ja ein sehr gutes Bildungssystem hat, wäre es natürlich total einfach meiner Familie regelmäßig Geld zu schicken. Das wäre auch richtig. Aber ich konzentriere mich dort auf etwas Größeres, wo ich nicht nur materiell etwas zurückgeben kann.

Leila: Ich komme aus der dritten Welt, ich habe nichts als Kind gehabt. Man weiß ja auch, wie es Kenia geht und kennt die Geschichte. Ich denke, dass wenn nicht wir als diejenigen, die von dort kommen, diese Welt retten, wer soll es sonst tun? Dann nenne uns „Afropolitians“. Ich empfinde es auch als meine Aufgabe, irgendwann nach Kenia zurückzugehen und das weiterzugeben, was ich hier gelernt habe. Meine Tante ist Pädagogin und geht jetzt nach Tansania, um eine Schule aufzubauen. Die bastelt, macht Musik mit den Kindern und bringt ihnen Lesen bei. Das ist eigentlich das Ziel.

Nur weil ein weißer Mensch schwarze Freunde hat, heißt das nicht automatisch, dass er nicht rassistisch ist.

Camufingo

Welches Unverständnis ist euch denn bei dem Schritt entgegengetreten, als ihr eure Heimat verlassen habt?

Camufingo: Als ich von Deutschland nach Angola gegangen bin, haben Freunde von hier gefragt: „Warum gehst du dahin? Was ist dein Antrieb?“ Aber es gab auch Leute, die ganz andere Äußerungen getätigt haben. Ich habe eine Ausbildung als Tontechniker und arbeite dort auch in diesem Job. Bei meinem Umzug kam dann tatsächlich die Frage: „Brauchen die denn da sowas?“, so als ob es in Angola keine Musik, Konzerte und Tonstudios gäbe. In Angola wiederum haben Leute nicht verstanden, warum ich das vermeintliche Schlaraffenland Deutschland gegen ein „Leben im Dreck“ eingetauscht habe. Du musst dich einfach auf beiden Seiten immer erklären. (lacht)

Leila: Ich habe mich damit nicht so sehr beschäftigt, es ist mir egal. Es ist mir auch egal, wenn hier oder dort jemand fragt: „Wo kommst du her?“ Dann sage ich, dass ich aus Kenia komme und fühle mich auch nicht direkt angegriffen. Auch die Frage, ob ich irgendwann zurückgehen will, beantworte ich mit „Ja, klar.“ Ich bin ja auch „nur“ eine schwarze Kenianerin – ich bin nicht weiß oder schwarz oder halb-deutsch. Wenn man so einen Song wie „Schwarzes Selbstbewusstsein“ schreibt, setze ich ja eigentlich ein klares Statement in diese Richtung. Unsere EP will ja auch etwas Positives vermitteln: für Schwarz, aber nicht automatisch gegen Weiß.

Es gibt ja auch Rassismus unter Schwarzen, wo sich dann über die unterschiedlichen Ausprägungen der Hautfarbe gestritten wird.

Leila: Ja, das erlebe ich als „komplett“ schwarze Frau auch. Ich werde auch oft von anderen Schwarzen angeguckt, weil ich so dunkel bin. Durch den Westen wollen ja alle, unbedingt heller sein. Wenn ich in einen Afro-Shop gehe, wird mir regelmässig auch Hautcreme angeboten, um mich zu bleachen.

Camu: Daher ja auch der Titel „Schwarzes Selbstbewusstsein“. Das richtet sich genauso gegen internalisierten Rassismus. Dieser Selbsthass ist mir oft begegnet mit Äußerungen wie „Ich wäre gerne so hell wie du!“, wo ich mich immer frage: „Warum denn? Du bist doch schön, so wie du bist.“ Es macht dich nicht hässlicher, du bist du. Manchen Leuten musst du es einfach sagen, dass sie cool sind, so wie sie sind, damit es rauskommen kann. Deswegen machen wir diese Musik. Der Weiße soll sich aber nicht ausgeschlossen fühlen. Er soll lieber hinterfragen, wo oder in welcher Denkweise er rassistisch ist. Es ist eine Aufforderung, sich damit auseinanderzusetzen – wenn auch nicht immer ganz höflich. (lacht) Nur weil ein weißer Mensch schwarze Freunde hat, heißt das nicht automatisch, dass er nicht rassistisch ist.

Leila: Mir ist aufgefallen, dass für die meisten Leute auch alles in Ordnung ist, wenn ich mich, sagen wir mal, „ruhig“ verhalte und funktioniere. Aber wenn etwas schiefgeht und ich meinen Mund aufmache, zeigen viele Leute ihr wahres Gesicht. In einer Auseinandersetzung machen diese Menschen sich dann größer und wollen mir das Gefühl geben, nichts wert zu sein. Ich darf aber wütend sein und sagen „Hey, es reicht jetzt!“, ohne deswegen gleich in eine Ecke gedrängt werden, die mir deutlich macht: „Du hast hier als Schwarze gar nichts zu melden!“

Eine EP wie „Morgenkämpfer“ ist aber auch provokant, weil man euch als Moralapostel wahrnehmen könnte, die sich ebenfalls über andere stellen, weil sie die Idee des Rassismus für sich überwunden haben.

Camufingo: Das tun wir doch gar nicht. Wir setzen uns nur intensiv mit diesem Thema auseinander. Wir machen gleichzeitig klar, dass eine weiße Mehrheitsgesellschaft uns nicht vorgeben kann, wie wir zu sein und zu denken haben. Wenn jemand gerade einen Witz gemacht hat, den ich als rassistisch empfinde, kommt oft der Satz: „Ach, jetzt hab‘ dich mal nicht so. Wir sind doch Kumpels.“ Wenn man unsere EP hört, sollte man sich auch ertappt fühlen, sozusagen. Dann beginnt ein weißer Hörer bestenfalls zu reflektieren. Oder er scheißt drauf.

Leila: …oder er feiert es und denkt: „Boah, geile Sache, weiter so!“