Brian Damage – „Die Battle-Szene wird auf jeden Fall noch wachsen.“

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Brian Damage bezeichnen viele als Schwergewicht in der hiesigen Battlerap-Szene. In unserer Liste der neun Battle-MCs aus Deutschland, die man gesehen haben muss, taucht er aber nicht auf. Er choket einfach zu selten, hat zu wenig „kontroverse“ Hitler-Lines in petto und kommt ohne lächerliche Kostüme aus. Ihm geht es um die Essenz von Battlerap.

Seit wann verfolgst du die Written-Battle-Szene und seit wann bist du selbst aktiv?

Seit ca. 2009. Ich habe zu der Zeit noch an vielen Freestyle-Battles teilgenommen und mir deshalb auch viele im Internet angeschaut. Da bin ich irgendwann über die World Rap Championships (WRC) gestoßen. Das war ein Acapella-Freestyle-Contest, in dem immer zwei MCs gegen zwei andere angetreten sind. Die Gewinner dieses Contests waren Illmaculate und The Saurus. Und als ich mehr von denen gesucht habe, habe ich deren Written-Battles bei der damals größten Liga namens Grind Time gesehen. Und ab diesem Zeitpunkt habe ich mir so ziemlich alles relevante in Sachen Acapella-Written-Battles angeguckt. Ich wollte dann auch mal zu Rap am Mittwoch, aber das hat zeitlich nie hingehauen. Deshalb hat es dann bis zu meinem Battle gegen Mighty P bei DLTLLY 2013 gedauert, bis ich das erste Mal selbst aktiv wurde.

Warum bist du so aktiv in der Battle-Szene, hältst dich aber stark zurück, wenn es um das Releasen von Tonträgern in Form von EPs oder Alben geht?

Naja, ein Battle zu schreiben ist insgesamt weniger Arbeit, als ein Album oder ’ne EP aufzunehmen. Schließlich schreibt man beim Tracks machen nicht nur den Text, sondern nimmt ihn auf und mischt ihn, mastert ihn, dann kommt Albumcover, Videoproduktion etc. Da steckt insgesamt wesentlich mehr Zeitaufwand drin. Ich habe dieses Jahr ein Album mit dem Berliner Produzenten B-Side gemacht, das wir auch bei ihm aufnehmen und produzieren. Das heißt, ich muss immer wieder nach Berlin rauffahren, um was daran zu machen. Und da muss man immer erst ’nen Termin finden, da wir beide studieren und nebenher arbeiten. Aber wir sind eigentlich fast fertig, es fehlen noch einige Einzelheiten. Allzu lange dürfte es nicht mehr dauern, bis das Album erscheint.

Worin siehst du deine persönlichen Stärken und was können andere besser als du?

In Sachen Battlerap bin ich auf jeden Fall besser im Scheiße reden. Andere sind besser im gut sein.

Wer ist im deutschen Battlerap grad das Maß aller Dinge und wen sollte man unbedingt im Auge behalten?

Hm. Also, ich denke, Mighty Mo vereint derzeit so viel Aspekte, wie kein anderer Battlerapper in Deutschland. Humor, Wortspiele, Punchlines, Personals – der packt alles mit rein. Und das eben noch mit einer einzigartigen Bühnenpersönlichkeit. Wen man auf jeden Fall im Auge behalten sollte, ist Lyrico. Der ist auch ein Allround-Talent und so verdammt sympathisch. Wenn der noch ein paar Zweckreime gegen Punchlines tauscht, könnte der auf jeden Fall einigen Battle-MCs noch zeigen, wo der Hase lang läuft. Genauso Tobi Nice – wobei den ja eigentlich auch schon die meisten kennen.

„Eine Grenze wäre für mich auch überschritten, wenn durch ein Battle das Privatleben einer Person eingeschränkt wird.“

Was ist der Unterschied zwischen normalen Bars und Bad Bars?

Also für mich sind Bars eigentlich hauptsächlich gute Wortspiele, bzw. Lines, die so treffend formuliert sind, dass sie eine Situation genau passend zum Gegner beschreiben. Bad Bars sind eben genau das Gegenteil: Schlechte Wortspiele, bzw. Lines, die einfach viel zu weit hergeholt sind. Also genau das was ich immer mache, höhö.

Du battlest sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Worin siehst du die Unterschiede? Was ist anspruchsvoller? Was macht mehr Spaß? Inwiefern unterscheidet sich die Vorbereitung?

Aufgrund der sprachlichen Unterschiede ändert sich einfach die Herangehensweise. Man muss im Englischen eben darauf achten, dass die Formulierungen an den Stil der Sprache angepasst sind. Da kann man nicht einfach ’ne gute Zeile aus dem Deutschen übersetzen. Die wird nicht so geil kommen. Es bedarf schon eines anderen Schreibstils. Ferner gilt es, auch den Battle-Charakter oder die Bühnenpersönlichkeit zu übersetzen. Man muss seine Zeilen anders rüberbringen und bei Humor und Aggression eine etwas andere Attitüde benutzen – und das ist meiner Meinung nach das Schwierigste. Auf Deutsch zu schreiben macht mir mehr Spaß, ist doch klar. Da weiß ich genau wie ich mit Worten und Delivery spielen kann und dominiere die Sprache. Für englische Battles brauche ich eigentlich mehr Vorbereitung, da ich die Delivery länger üben muss. Wobei ich mein letztes englisches Battle gegen Shazaam schneller geschrieben und gelernt habe, als jedes andere Battle bisher. Die 2. Runde habe ich noch am selben Morgen fertig geschrieben und auswendig gelernt, womit ich mich ehrlich gesagt auch selbst ein wenig beeindruckt habe. Von wegen „BrAIn Damage“, hehe.

Warum hast du angefangen, auf Englisch zu battlen? Ist es eher, um die deutsche Szene mehr ins Licht zu rücken oder möchtest du dich selbst irgendwann mit den Legenden aus Übersee messen?

Weder noch. Einfach zum Spaß. Ich hab durch das ganze Battle-Geglotze ab und zu auch mal ein paar Lines auf Englisch geschrieben und wollte einfach mal sehen, ob ich auch ein ganzes Battle machen kann. Quasi ein Selbsttest. Toller Nebeneffekt war natürlich auch, als erster „nur-Deutscher“ auf Englisch zu battlen und so auch als Botschafter für deutschen Battlerap zu dienen.

Es gibt Battles zwischen Mann und Mann, die wohl gängigste Variante, außerdem gibt’s Mann vs. Frau und Teambattles. Es sollen auch schon mal eine Fanta-Flasche und ein Stock gebattlet worden sein. Welche Formate gibt es noch und welche sollte es noch geben?

Ich mache ja beim 2. DLTLLY-B-Day ein Bad Bars Battle gegen Bong Wacki. Gab’s ja in England auch schon. Ansonsten gab es auch noch Character-Battles wie z.B. „Batman vs. Joker und „Santa Claus vs. Grinch“. Darüber hinaus noch so Sachen wie ein „Mirror Match“, also ein Battle-MC, der sich selbst battlet. Es gab auch schon ein Computerspiel-Battle, in dem nur Computerspiel-Referenzen verwendet wurden. Formate, die ich mir noch wünsche oder gleich selbst machen würde, wären: Ein Zweckreim-Battle, oder ein Battle nur auf einen vorgegebenen Reim – obwohl ich Zweckreime hasse – und ein Imitations-Battle, was es auch schon gab. Aber in Deutschland wäre das auch mal interessant. Und ein Politiker-Battle wäre auch geil. Mehrere Politiker reinpacken. Obwohl das schon wieder zu nerdy is für die meisten. Ich muss übrigens sagen, dass du gut informiert bist …

Im „Compliments-Battle“ mit deinem Partner Harry Crotch habt ihr euch geküsst. Dieser Moment ging viral. Was war die Motivation und wie war das Feedback darauf?

Motivation gab es da keine. Ich wusste ja auch nicht, dass Harry mich küsst. Ich hatte mir kurz selbst überlegt, den gleichen Move zu bringen, aber dann dachte ich, dass es zu evident ist. Das Feedback war eher negativ. Obwohl viele Leute es für gut befunden haben, gab es doch sehr viele Hater bzw. homophobe Kommentare, besonders unter dem Teaser-Video. Da sieht man eben wieder, wie verklemmt HipHop an manchen Stellen ist. Ich finde es lächerlich, sich über so was aufzuregen. Aber dieser Hate hat andererseits auch zu Diskussionen angeregt, und es war schön zu sehen, dass es auch viele Leute gab, die überhaupt kein Problem damit hatten, sondern es sogar gefeiert haben.

Wo wäre für dich in einem Battle eine Grenze überschritten?

Wenn mein Gegner Personen sinnlos beleidigt, die nichts mit dem Battle zu tun haben. Das wird mir zwar bis heute vorgeworfen, wegen der Zeilen über Mighty Ps Vater, jedoch habe ich ihn nicht sinnlos beleidigt, sondern sein Schicksal als Stilmittel verwendet, um Mighty P einen Spiegel vorzuhalten und sein Handeln zu reflektieren. Die 3. Runde war komplett reflektiert und ohne seinen Vater anzugreifen. Eine Grenze wäre für mich auch überschritten, wenn durch ein Battle das Privatleben einer Person eingeschränkt wird. Zum Beispiel, als Drob Dynamic den Lebenslauf meiner Mutter mit ihrer Handynummer und der Festnetznummer in die Crowd geworfen hat. Das fand ich echt scheiße. Denn er hätte die Telefonnummern auf den Kopien wenigstens zensieren können. Klar steht der Lebenslauf im Internet, aber der ist ja auch nur interessant für Personen, die sich mit lokaler Politik beschäftigen oder für Arbeitsbeziehungen. Jedoch ist es verantwortungslos, so was einer Battlerap-Crowd hinzuschmeißen. Denn wer weiß, ob nicht irgendein Vollidiot in der Crowd steht, der sich ’nen Spaß draus macht, meine Mutter per Telefon zu terrorisieren, nur weil er mich hasst. Das ist meiner Meinung nach ein aktiver Eingriff in die Privatsphäre eines Menschen, der nichts damit zu tun hat. Allerdings hat Drob sich im Nachhinein bei mir dafür entschuldigt.

„Ein Battle zu schreiben ist insgesamt weniger Arbeit, als ein Album oder ’ne EP aufzunehmen.“

Wie wird sich Battle-Rap deiner Meinung nach in Deutschland in den nächsten Jahren entwickeln?

Die Szene wird auf jeden Fall noch wachsen. Ich weiß von einigen der „großen“ Rapper, dass sie sich ab und zu auch Battles anschauen und davon begeistert und auch inspiriert waren. Mit einigen habe ich auch selbst schon über die Battlerap-Szene diskutiert. Das ist, denke ich, ein Indiz dafür, dass Battlerap als besondere Unterhaltungsform abseits der Rapmusik gesehen werden kann. Deshalb glaube ich auch daran, dass die Szene auch von Nicht-HipHop-Fans entdeckt und geschätzt wird. Und wenn die Qualität und Varietät – z.B. auch durch Konzept-Battles – sich die nächsten Jahre steigert, wird auch die öffentliche Aufmerksamkeit größer. Und somit könnte Battlerap vielleicht in einigen Jahren, ähnlich wie in Amerika, eine eigene Kulturform mit Kultstatus sein. Alter, wie philosophisch-prophetisch klang das denn jetzt bitte? (lacht)

Bars over Jokes?

Bokes. Also beides. Ein guter Battlerapper muss sich nicht entscheiden, sondern kann beides zu seinem Vorteil nutzen und Stimmungen im Battle kontrollieren.

Dein Lieblings-Konter in einem Battle war?

Puhhh, schwierig. Hmmm, mal überlegen… Lyrico vs. Der Fischer: „Ich lass die Konter dann aus.“ Lyris Konter auf Fischers erste „Runde“. Bester Konter ever. Ich bin sooo abgebrochen!

Dein Traumbattle – in dem du auch selbst vorkommen darfst – wäre?

Onkel Oktomusch & Die Zwetschke vs. Bong Teggy & Papi Schlauch.