„Der ATL-Sound hat viel mit Jamaika zu tun.“ – #blueprint mit Kabuki

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„Dubstep, Drum’n’Bass oder auch Autonomic, das ist alles eine Variation der gleichen Idee.“ erklärte uns der Beat-Allrounder Kabuki vor rund anderthalb Jahren im Interview. War seine 2014er LP „Meditations“ noch eine lupenreine Instrumental-Hommage an die 90er-HipHop-Ikonen Pete Rock oder J Dilla, widmete sich die Frankfurter Drum-and-Bass-Legende zuletzt wieder den höheren BPM-Zahlen und weitete das Feld zwischen industriellem Footwork, organischem Future Dub oder energetischem Dancehall um seine eigenen Sound-Nuancen aus. Anlässlich der Veröffentlichung der „Rodinia EP“ am 8. Mai 2017, hat er uns nun jene fünf Tunes verraten, die der eklektischen Range aus Atlanta-Referenzen, Neo-Jungle-Zitaten und Bass-Music-Anleihen mit Features von unter anderem TT the Artist, Fox, NGHT DRPS oder HomeSick Pate standen.

Commodo – Space Cash

Manche sprechen gerade von einer „Dubstep Renaissance“ . Aber das ist ein schwieriges Wort für mich, weil da viele Menschen immer noch diesen schlimmen Sägezahn-Sound drunter verstehen, der komplett ohne Soul ist. Es gibt aber genug andere Beispiele. Commodo zum Beispiel, der auf Deep Medi Musik von Mala (einflussreicher Dubstep-Producer und Mitglied von Digital Mystikz [DMZ]; Anmerk. d. Verf.) releast, die sehr tief in dieser jamaikanischen Soundsystem-Ästhetik verwurzelt sind – deren Ansatz kann ich hundertprozentig unterschreiben. Bei Commodo finde ich auch spannend, dass er verschrobene Vibes benutzt und zum Beispiel einen Prodigy-Monolog von der erste Moob-Deep-LP sampelt. Das ist cool, weil er weiterhin so eine B-Boy-Ästhetik und HipHop-Bezüge pflegt. Gerade „Space Cash“ ist ein Tune mit so einer New-School-Reggae-Bassline, aber trotzdem völlig skurrile Samples. Das Tempo von 140 BPM finde ich hier auch unheimlich attraktiv, da es auch eine Parallele zum aktuellen Atlanta-Sound zieht. Dieser Strip-Club-Sound, wo diese Trunk-Rapper über eine legato gespielte 808 rappen, hat auch sehr viel von klassischer Soundsystem-Kultur. Das nimmt den Club auseinander. Das ist für mich Dubstep im positivsten Sinne.

MR•CAR/\ACK – Fire (No Payroll)

Carmack ist ein unfassbar talentierter Mensch. Alleine wie er seine Melodien und Arrangements setzt, merkst du, dass er einen sehr starken musikalischen Backround hat – der ist ja ausgebildeter Cellist. Ich wundere mich auch, dass den noch kein großer Rapper entdeckt und mit ihm ein Album produziert hat – wann rutscht der in diesen Zirkel um Metro Boomin oder MikeWillMadeIt? Aber es gibt ja bisher auch keinen richtigen Release, der droppt ja fast nur EPs oder irgendwelche .zip-Files mit 50 Kanye- oder Beyoncè-Edits. Das entzieht sich diesem kommerziellen Vermarktungssystem komplett, der hat einfach Lust, Musik zu machen. Das beobachte ich bei mir auch: Musik zu machen, ist das Schönste auf der Welt, aber Musik zu verkaufen, macht mir überhaupt keinen Spaß. Dann muss man vielleicht umdenken und andere Wege finden, das zu monetarisieren. Gerade, wenn man kreativ ist und viele Inhalte produziert, ergeben sich auch andere Möglichkeiten, davon zu leben – diese Erfahrung habe ich in den letzten 20 Jahren immer wieder gemacht.

Carmack lässt sich musikalisch auch schwer einordnen – wie denkst du über der Vorstellung, dass es irgendwann keine Genres mehr geben könnte?

Ich finde, das ist eine schöne Vorstellung. Als DJ denke ich auch immer weniger in Kategorien und viel mehr in Stimmungen oder Tempi. Von 110 bis 170 BPM kann ich sehr viel abdecken. Bass Music ist da der gemeinsame Hauptnenner, der alles zusammenhält. De facto sind in meinen Sets zwar ganz viele unterschiedliche Genres drin, aber durch die Stimmungen kann ich mich problemlos durchspielen. Die Grenzen sind im allgemeinen mittlerweile auch wieder fließend, man ordnet nicht mehr nach „Eastcoast HipHop“, „Westcoast HipHop“ oder „Southern Rap“ ein. Das ist alles ein Vibe: ich kann von einem Soulection-Beat wie von Carmack auf einen britischen New-School-Beat switchen und keiner merkt, dass es eigentlich völlig unterschiedliche Musikstile sind, wenn du es geschickt anstellst.

Als DJ denke ich weniger in Kategorien, viel mehr in Stimmungen oder Tempi.

Kabuki

Cadenza & Nasher – Gyal Town

Es ist ein bisschen weitab, das als Trap zu bezeichnen, wie es die englische Vice getan hat. Aber das Tempo, auf dem Jungle in den 1990ern angefangen hat – also so um 160 BPM – feiert ja gerade auch ein bisschen ein Comeback. Da ist für mich dieser Song hier ein gutes Beispiel. Das hat für mich auch einen starken Jamaika-Bezug, nicht nur durch die Vocals, auch diese authentischen Jungle-Breaks in dem Stück. Das ist aber trotzdem klar als eine amerikanische Interpretation dieses Sounds auszuweisen. Das finde ich spannend. Als Hybrid funktioniert „Gyal Town“ auch jedes mal sehr gut in einem DJ-Set, wenn du switchenund zum Beispiel auf etwas Karibisches gehen willst. Der Song wird von vielen DJs aus ganz unterschiedlichen Bereichen gefeiert, wie ich mittlerweile herausgefunden habe. Wobei ich immer gedacht habe, das sei meine alleinige Geheimwaffe. Das ist für mich aber auch immer ein Indiz für ein gutes Stück, wenn sich ein Song unabhängig von Trends und Genres seinen Weg bahnt.

Der Song sampelt ja den Amen Break, einer der meist-gesampelten Drumbreaks überhaupt. Gibt es bestimmte Samples, die du selbst nicht (mehr) verwenden würdest?

Sowas hat ja oft eine bestimmte Farbe, die bestimmte Assoziationen hervorruft. Eine 808-Snare wurde zum Beispiel in abertausenden Produktionen verwendet, aber wenn du es im richtigen Kontext hörst, macht das immer noch Spaß. Das nimmt ja auch immer als Referenzen wahr. Man muss nicht immer das Rad neu zu erfinden. Gerade eine gute Produktion besteht aus verschiedenen Elementen, an denen man sich festhalten kann, sei es der „Think“-Break oder, wie hier, der „Amen-“Break. Wenn man das mit neuen Sache kombiniert, kann man das auch immer wieder neu entdecken. Ich finde es auch schwierig, heute jemandem vorzuwerfen, dass er manche Referenzen eventuell nicht kennt – es gibt einfach so viele Informationen mittlerweile. Als ich in der Prä-Internet-Zeit angefangen habe, Musik zu machen, habe ich bestimmt auch viele Sachen gemacht, von denen ich nicht wusste, warum sie in dieser Form benutzt wurden. Es ist aber wichtig zu verstehen, dass Musik in Zyklen funktioniert. Jetzt sind wir gerade an einem Punkt, wo viele Sounds aus den 1990ern zurückkommen und viel Musik entdeckt wird, die ganz lange aus der Mode war. Ich freue mich aber eher, wenn alte Musik neuentdeckt. Wenn ein Kid aus 2017 heute eine alte Jungle-Nummer aus den 90ern entdeckt und beschließt, das zu samplen, steht das schon in ähnlicher Tradition, wie ich, der damals im Plattenladen stand und sich durch die Vinyls gehört hat.

Fracture – Makin‘ Hype Tracks

Fracutre ist ein ganz alter Hase, der auch ein sehr interessante Geschichte vorzuweisen hat, weil er ursprünglich aus dem Jungle kommt. Der hat sich damals oft nur einen Break vorgenommen und den in seine Einzelteile zerlegt, sodass seine Songs häufig nur aus diesem Drumbreak und einer 808 bestanden – sehr minimalistisch. Das wurde eine zeitlang so einem richtigen Subgernes, um ihn oder Leute wie Paradox. Auf Exit Records hat er irgendwann eine EP veröffentlicht, auf der er ATL-Sounds mit Jungle gemischt hat. Das war für mich auch interessant – den aktuellen HipHop-Entwurf mit klassischen Jungle-Sounds, aber eben auch den futuristischen Elementen, die im Jungle immer sehr klar vertreten waren, zu kombinieren. „Makin‘ Hype Tracks“ stammt von seiner letzten Exit-EP, wo er auch DJ Spinn und Taso von Teklife zusammengearbeitet hat. Da wird klar, dass dieser Jungle- beziehungsweise Footwork-Sound in den USA angekommen ist. Aber eben ohne diesen Battle-Aspekt aus dem Juke oder gar Ghetto-Tech. Das war wirklich der simple Versuch, Footwork mit Jungle zu verbinden. „Makin‘ Hype Tracks“ ist auch deswegen programmatisch, weil gleichzeitig durch dieses Vocal-Sample einen HipHop-Aspekt mit-einbezogen wird, wie es auf den Früh-90er Jungle-Releases auch verwendet worden wäre. Sobald der Track dann aber startet, kommen Footwork-Referenzen hinzu: das kombiniert einfach sehr viel und macht es zu etwas Neuem.

Deine musikalischen Wurzeln liegen ja auch in den frühen 1990ern. Wenn all diese Sounds nun zurückkommen, hast du das Gefühl, dich zu wiederholen?

Es ist schon schwierig. Man darf nie etwas zum Selbstzweck machen, wenn man so eine Formel entwickelt hat. Ich merke das immer sehr schnell, wenn ich ein Thema beginne zu variieren und nach einigen Malen feststelle, dass ich dann schon alles damit gesagt habe. An so einem Zeitpunkt, muss du dich dann halt wieder nach einem neuen Ausdrucksmittel umschauen. Es gab zum Beispiel eine Zeit, wo es modern war, Wu-Tang-Samples mit Jungle zusammenzubringen – sowas würde ich heute nicht mehr machen. Aber das verläuft ja auch wieder in Zyklen. Denk doch an Kanye, als der mit den hochgepitchten Soul-Songs ankam, jeder den Kopf geschüttelt hat und am Ende haben es wirklich alle gemacht.

They Call Me Raptor ft. Alix Perez – Gambler

Raptor ist zwar kein Grime-MC, aber für mich ein klassischer UK-Rapper, weil er eben aus dieser britischen HipHop-Tradition stammt. Die Produktion kommt ihm hier auch sehr entgegen, dieser sparsame Beat mit so einer Distortion-Bassline. Das ist irgendwo auch programmatisch für den Sound der Insel – es herrscht dort einfach ein ganz anderes Gefühl für Bass. Wobei Alix ursprünglich aus Belgien stammt, sich aber nun in der D&B-, als auch in dieser L.A.-Beat-Szene gemacht hat. Er legt ja mittlerweile oft bei „Low End Theory“ (Elektro/HipHop-Partyreihe in Los Angeles, die als Szene-Treffpunkt berühmt geworden ist; Anmerk. d. Verf.) auf oder hat auch schon mit DJ Rashad oder den Teklife-Jungs zusammengearbeitet – der hat sich seinen ganz eigenen Weg gebahnt. In der Nummer hier hat er Raptor auch unheimlich viel Platz gelassen für Flow und Delivery. Raptors Stimme ist hier ja nicht sonderlich druckvoll, aber das bekommt eine ganz eigenen Präsenz. Das ist für mich auch immer die Kunst, wenn man mit Vokalisten arbeitet: Raum zu geben.

Alix Perez hat letztens in Berlin spielt. Worauf legst du eigentlich wert, wenn du auflegst?

Ich decke musikalisch ja, wie bereits erwähnt, immer ein sehr breites Spektrum ab. Anfangs ist es für mich daher oft schwierig,vorzufühlen, wohin die Reise an dem jeweiligen Abend gehen wird. Es wird immer Leute geben, die lieber Jungle hören wollten oder doch zu Drake-Songs tanzen – das ist aber immer die Herausforderung. Es gibt immer zwei Philosophien: entweder du machst einen krassen Cut und legst ganz andere Sachen auf, als der DJ vor dir, womit du sicher ein paar Leute erstmal verscheuchst oder du übernimmst das Vorgegangene nahtlos und baust dein Set langsam in die Richtung, wo du eigentlich hinwolltest. Ich mache das aber immer abhängig von dem, was an diesem Abend bereits lief – wenn die ganze Zeit nur 140-BPM-Tracks liefen, ist es manchmal gesund, die Party einfach neu zu starten und durch ein anderes Tempo neue Energie reinzubringen. Mit diesen beiden Ansätzen fahre ich meistens ganz gut.