Vergiss Rap! Die besten Beat-Tapes im Dezember

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Der Januar, traditionell Schneemonat und durchschnittlich Kältester im Jahr, bietet dem geneigten Rap-Head nur zwei Optionen: den Silvester-Turn-Up für die nächsten 31 Tage verlängern oder die Wärme in den Bässen der Lieblingsbeats suchen. Da aber auch die gemütlichste Klangkulisse einmal abgenutzt sein wird, haben wir den Dezember noch einmal genauer durchstöbert und präsentieren nun die besten instrumentalen Releases des vergangenen Monats.

01

Nymano – Romance

Romantik: Für die einen ein klebriges Kerzenlicht-Klischee, für die anderen gefühlsbetonte Weltumarmung. Kollege Nymano, selbsternannter „Bedroom Beatmaker“, zählt hörbar zur zweiten Zielgruppe und hat mit seinem Release „Romance“ entsprechend programmatisch haufenweise Pornofilm-Saxophone, Chipmunk-Soul-Versätze und Bar-Jazz-Motive aus seinem Schalfzimmer heraus produziert. Das ist zwar nichts weiter, als beinahe unverschämte Vergangenheitsverklärung voller Liebestaumel-Laudi, doch eben auch in seiner charmanten 90er-Ästhetik beinahe hypnotisch. Mit der hier obligatorischen Spät-Dilla-Handhabe flippt der Pariser Producer auf seiner SP-404 dazu knochige Drumpatterns aus staubigen Snares und knisternden Kicks, die sich subtil wie einschmeichelnd um jene seidenen Balsam-Beats spinnen, als hätte man sich die Wollsocken vor dem Echtholz-Kamin aufgestriffen. Wir fstellen fest: der Mondschein auf der MPC ist das Rotlicht des Beat-Nerds.

02

Tsnd Mrk – Van Veen Loops

Herman Van Veen, niederländische Pop-Ikone und hierzulande wohl vordergründig für seine Zeichentrickfigur Alferd Joducus Kwak bekannt, ist eine generationsübergreifender nun, ja Allrounder. Neben seinen Tätigkeiten als Kabarettist hat der gebürtige Utrechter allerdings auch zahlreiche Alben produziert. Nun hat sich Tsnd Mark, als Teil der Bremer Dramadigs bekennendes Nord(west)licht und somit quasi naturgemäß niederländisch sozialisiert, diese Crates vorgenommen und aus den erstaunlich melancholischen Synthie-, jazzigen Piano-Pathos- und organischen Orgel-Ornamenten ein instrumentales Zwischenspiel gezimmert, das sich das Kunststück vollbringt, klischeefreie Eingängigkeit mit der schnodderigen Beatmaker-Attitude zu kombinieren. Kein Loop-Larifari, nur eine Hand voll tiefenenspannte Beats zum Faulenzen, Fanatsieren,Fliegen. Ganz im Sinne von Van Veen: „Ich stehe mit beiden Beinen fest in den Wolken.“ Fly, auch ohne Cloud Rap.

03

SWBG – The Summit

Die Sektorwestbüdchengang, ihres Zeichens Dachverband für Brudis wie Sparky oder Veedel Kaztro, hofierte Anfang Januar mit einem reinen Producer-Tape, das all jene Namen des Kölner Kollektivs featurete, die sonst eher durch musikalische Hintergrund-Leistungen (un-)erwähnt bleiben. In anderen Worten: Mels, Yourz, Spexo, Dufsen und DJ Densen haben auf „The Summit“ 14 instrumentale Kleinkunststücke abgeliefert, die so vielseitig sind, wie ihre rheinische Metropole Klösch-Sorten zählt. Ob oppulentes 808-Gewummer wie „How Lucky“ , lethagrisches Proberaum-Gelümmel wie „The Cypress Hill Interlude“ oder ranzige Prog-Rock-Flips wie „Indien“ – die Musikmaschinen der Gang scheren sich weder um Genre-, noch um Geschwindigkeitsbegrenzungen. Hier heißt es: Abgehen oder abtreten.

04

Suicideyear x Outthepound – Brothers

Ohne Selbstmord, dafür aber mit umso mehr dunkebunten Bassläufen, ist Suicideyear zumindest für Musikwolken-Nerds kein Niemand mehr. Sein Sound lebt im und vom Internet, für eine Generation die ihre Usernamen mit Kreuzen und traurigen Emojis schmückt. Eine Generation, die stolz auf Emotionen, Verletzlichkeit und Tränen ist. Dass Suicideyear mit verschwommener Melancholie die WWW-Wonneproppen in seinen Bann zieht, erkannten hier beispielsweise auch schon Yung Lean, der sich schnurstraks für die Sad-Boy-Hymne „Hurt“ eine musikalische Trauermarschroute von dem Produzent aus Baton Rogue pflastern lies. Auch Rome Fortune bedient sich immer wieder an dem Soundspektrum von James Prudhomme, so der bürgerliche Name vom Selbstmordjahr. 2014 releaste Suicideyear mit „Rembrance“ sein erstes ofizielles Release und schaffte es damit sogar die Pitchfork-Redaktion zu überzeugen. Danach wurde es eher ruhig um ihn herum, bis er nun gemeinsam mit OutThePound ein sechs-Track-starkes Comeback hinlegte. OutThePound scheint dabei leider einer der Wohnzimmer-Produzenten zu sein, dem der Schritt über die (Zimmertür-)Schwelle hinaus, in die Mit-Beats-Brötchen-verdienen-Welt noch nicht gelungen ist. Keine 600 Soundcloud-Follower, ein Feature mit Rome Fortune und ein paar Releases verteilt über die vergangenen drei Jahre – aber wer weiß, vielleicht kommt da ja noch was. Die gemeinsame Sache „Brothers“ ist allemal mehr als nur das Endergebnis irgendwelcher Home-Studio-Spielereien. Die Unebenheit der Beats wirkt hier fast schon meditativ und verwandelt Schmerz in Zufriedenheit – natürlich alles nur symbolisch. Wie Emojis. Oder so.

05

Drip-133 – Theme Completion

Ein weiterer geheimnisvoller Beat-Bastler aus TeamSesh-Gefilden, also Mitsreiter von Bones und hnrk, und ein Parade-Beispiel für das immer noch mystische Konstrukt „Soundcloud-Producer“. Mehr, als dass er aus Michigan stammt, weiß man nicht. Muss man auch nicht! Es reicht, dass drip es irgendwie schafft seine Sound gleichermaßen rau und herzerwärmend klingen zu lassen. Die acht Tracks von „Theme Completion“ lassen ein weiteres Mal unseren inneren Internetz-Goth in Melancholie ertrinken. Inklusive TeamSesh-Gastauftritten von Drew The Arcitect, Fifty Grand und Vegard. Wäre das Leben ein LoFi-Film, dies wäre der Soundtrack dazu – gefüllt mit einer masochistisch angehauchten VHS-Ästhetik und jeder Menge Bildstörungen. Das geisterhafte Soundkonstrukt spielt mit bizarren Synths und lieblichen Klavier-Geklimper, bleibt aber trotzdem angenehm düster.